Sicherlich werden sich viele von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, noch an Beiträge aus dem Jahr 2025 erinnern, in denen wir den Aufzeichnungen des Serkowitzer Ortschronisten Max Klotzsche über seine Eindrücke vom Kriegsende 1945 in Radebeul Raum gaben. Diese ungeschönten Darstellungen können wir Nachgeborenen nur dankbar und interessiert zur Kenntnis nehmen, um eigene Erfahrungen anreichern können wir sie jedoch nicht. Das können nur diejenigen, die an den Krieg und die Jahre danach eigene Erinnerungen haben, wie etwa unser Leser Ulrich Böhme. Er meldete sich bei uns mit nachstehenden Gedanken, die wir hiermit ungekürzt und mit Dank an ihn abdrucken.
Die Redaktion
Da die Aufzeichnungen von Herrn Klotzsche, zuletzt im Novemberheft 2025, unkommentiert wiedergegeben sind, erlaube ich mir nachstehende Rückäußerung. Zu den Schattenseiten und schlimmen Ereignissen der ersten Nachkriegswochen, die ich ganz ähnlich aus Kleinröhrsdorf kenne, wo ich 1939 geboren bin und acht Jahrzehnte gelebt habe, kam es ursächlich durch deutsche Schuld, die sich mir etwa wie folgt darstellt: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts irrlichterte heroische Kaisertreue. Diese gipfelte 1914 in volksfestähnlicher Kriegsbegeisterung. 1918 dann – kein „Sieg-Frieden“, sondern das fassungslose Scheitern alles bis dahin für „richtig“ Gehaltenen mit den für Sachsens Armee schmerzlichsten Verlusten aller deutschen Bündnisheere. Deshalb wurde die Weimarer Republik besonders in Sachsen von Anbeginn massiv bekämpft. Folgerichtig wird Sachsen in den Jahren danach braunes Vorzeigeland des zu unser aller Glück nicht tausendjährigen Reiches. Bereits bei den Reichstagswahlen 1932 hatte Dresden nach Breslau die meisten NSDAP-Stimmen in Deutschland. Nicht München oder Nürnberg. Dresden wurde eine Hochburg des Nationalsozialismus und ein Zentrum der Rüstungsindustrie. Hier und in Pirna brannten die ersten Bücher in Deutschland, der Führer kürte in Dresden die erste Reichs-Theater-Woche usw. Die Wähler folgten unterwürfig den sozialen Sofortmaßnahmen Hitlers und dessen unheilvollem Populismus. Sie entschieden sich wiederum für aggressiven Nationalismus, eine der Geißeln der Menschheit. Aus Dichtern und Denkern wurden Richter und Henker, willige Vollstrecker von Holocaust und totalem Krieg, bis, ja bis der Krieg neuerlich vernichtend auf seine Verursacher zurückschlug. Dem folgte Schweigen. Keiner wollte etwas gewusst haben. Der Hellerauer Durs Grünbein nennt das klinischen Mutismus. Und das hiesige Katastrophendatum 13. Februar 1945 wird noch ein Menschenalter später mit in hohem Maß unkritischem Selbstmitleid begangen.
Nach langem Überlegen mute ich Ihnen das alles zu, da die folgenreichen ideologischen Formeln „Für Kaiser und Reich, für Volk und Vaterland“ und „Deutschland, Deutschland über alles“ in der Fassung „Deutschland den Deutschen“ eine beängstigende Neuauflage gefunden haben. Dazu kommt, dass bedenkenlos die Giftbrühe der a-sozialen Medien geschlürft wird. Fazit: Die freie, demokratische Gesellschaft bedroht sich aufs Neue, indem sie mit häufig Fakten-entleerter Meinungsbildung Unheil verheißende Wahlentscheidungen trifft.
Ulrich Böhme

