Von Radebeul nach Serkowitz
Haben Sie es auch gehört oder gelesen? Die 20. Bauherrenpreisverleihung im Herbst 2025 soll die letzte gewesen sein. Viele haben ausgedrückt, dass sie das sehr schade finden. Die Anzahl der eigenständigen stadtbildprägenden Bewerbungen um diesen Preis nahm leider stetig ab. Wenn man sich aber auf die aktive Suche macht, sind doch immer wieder eine ganze Reihe neuer oder baulich veränderter Gebäude in unserer Stadt zu finden, die eine intensivere Betrachtung und Würdigung verdient haben.
Natürlich fällt heute der Blick, außer vielleicht bei der Villa Kolbe, nicht mehr für die Mehrheit zwangsläufig auf bauliche Veränderungen, wie das in den Anfangsjahren war. Aber es wird weiter gebaut werden – Wasapark, Wohnpark an der Villa Engel, Anne – Frank Schule, Hort Oberlößnitz usw. Man kann nur hoffen, dass dies qualitativ so überzeugend wird, dass es sich aufdrängt, vielleicht doch noch einmal Bauherrenpreise zu vergeben.
Der Bauherrenpreis war erdacht worden, um die Diskussion über Bauen im Sinne des „besonderen“ Charakters von Radebeul mit breiter Öffentlichkeit zu führen. Der Traum war, dass diese Diskussion die Baukultur in Radebeul hebt und dies von der Allgemeinheit auch erlebt wird. Ein starkes Echo darauf sehe ich in der Stadtverwaltung Radebeul. Dort sind viele Organisationsformen und Hilfsmittel geschaffen worden, um Bauherren und Planern Leitlinien an die Hand zu geben, ihre Vorhaben im Sinne dieses Charakters zu denken.
Auch diese Jahr lädt der Verein für Denkmalpflege und neues Bauen wieder zur Bauherrenpreiswanderung ein:
Freitag den 3.Juli, 18 Uhr
Treffpunkt: ehemaliger Eingang des AWD Klubhauses am Turnerweg
2022 fand eine Bauherrenpreiswanderung mit dem Titel „Radebeul Ost – südlich der Meißner Straße“ statt, nachdem wir in den Jahren davor hauptsächlich in den Villengebieten unterwegs waren. Und welche Überraschung, ein nicht unwesentlicher Teil der Bewerbungen zum Bauherrenpreis 2025 kam von „weit südlich der Meißner Straße“. Wie auf einer Perlenkette reihen sich diese zumeist an der Serkowitzer Straße auf. In der Jury war es schwer die Bewerber zu vergleichen und ein Platzierung festzulegen. Je tiefer man in die Idee eines Bauvorhabens einstieg, desto schwieriger war es, zu werten. Gerade in gewachsener Umgebung oder bei bestehenden Gebäuden sind die Freiheiten der Bauherren und Architekten „gestalterisch Neues“ zu schaffen begrenzt. Die Qualität liegt im „Sich einordnen“, welches in der Gesamtwirkung eine höhere städtebauliche Qualität haben kann.
Der Reiz besteht darin, beim „sich einfühlen“ sich doch gestalterisch zu zeigen.
Und dem wollen wir in diesem Jahr nachgehen.
Am Ende der Tour, die ca. 2,5 km lang sein wird, sind die, die es möchten, wieder eingeladen, in Serkowitz in gemütlicher Runde bei einem Glas Wein noch etwas zum Gedankenaustausch zusammen zu bleiben.
Mehr aber wird noch nicht verraten.
Wie in den Vorjahren soll hier nun die Gelegenheit genutzt werden, einen kleinen Rückblick auf unsere letzte Bauherrenpreiswanderung am 28.06.2025 zu halten – zur Erinnerung für Dabeigewesene und vielleicht für Nichtdabeigewesene als Anregung für einen eigenen Spaziergang. Wir besuchten diesmal Kötzschenbroda und trafen uns an der Straßenbahnhaltestelle Flemmingstraße.
Ich begann mit ein paar Ausführungen zur Meißner Straße, die 1661 als Leipziger Landstraße erwähnt, unter Napoleon zur Chaussee ausgebaut wurde, auch schon Stalin- und Wilhelm-Pieck-Straße hieß, da öffnete der Himmel kurz seine Schleusen…
Glücklicherweise war der Besitzer der gegenüberliegenden Villa Meißner-Straße 296 anwesend und bot uns Schutz unter seinem Altan an. Zumindest ein Teil der Gruppe konnte sich ins Trockene retten (also niemals den Schirm zur Bauherrenpreiswanderung vergessen). Die Villa mit ihrer reich gegliederten Fassade hatte 2001 für die „vorbildliche, behutsame Sanierung“ den Bauherrenpreis bekommen Der Guss war kurz und wir bekamen so vom Eigentümer noch ein paar persönliche Erläuterungen zu Haus und Grundstück.
Weiter ging es auf der Carl-Pfeiffer-Straße, die ich bergwärts noch nie bewusst zu Fuß gegangen war. Dies kann ich bei den schönen Blicken nur als Empfehlung weitergeben. Am oberen Ende bei Hausnummer 3 stehen Häuser mit der charakteristischen Handschrift von Frank Mehnert. Diese haben an zwei anderen Stellen in Radebeul Bauherrenpreise bekommen. Wir bogen nach rechts ab und strebten vorbei am ehemaligen Winzerhaus Neufriedstein und dem ehemaligen Weingut Liborius dem Bornberg zu. Den nächsten Bauherrenpreisträger erreichten wir bei Hausnummer 5. Mit der Sanierung dieses spätklassizistischen Landhauses erhielt unser leider viel zu früh verstorbenes Vereinsmitglied und „Mister Wikipedia“ Jens Bergner 2000 den begehrten Preis.
An der Moritzburger Straße bogen wir rechts ab und Harald Borgmann wusste dazu interessante Geschichten aus den letzten Kriegstagen zu berichten. An der Kreuzung zur Meißner Straße stießen wir auf die dort verlegten „Stolpersteine“, die im Andenken an vertriebene und ermordete jüdische Bürger verlegt wurden. Immer wieder ist es bestürzend, wie Feindbilder Menschen ihrer Menschlichkeit berauben. Wir waren uns einig, dass das mahnende Gedenken stets fortgesetzt werden muss, um mit Zivilcourage für ein friedliches Miteinander einzutreten. Dem, der sich mit der Geschichte der Juden in Radebeul näher beschäftigen möchte, kann ich das im NOTschriftenverlag unter dem Titel „Juden in Radebeul 1933 – 1945“ erschienene Heft von Ingrid Lewek und Wolfgang Tarnowski ans Herz legen.
Unter der Eisenbahnbrücke bewunderten wir das neu angebrachte Grafitto zu Udo Lindenberg und dem „Sonderzug nach Pankow“. Noch immer wartet das Bahnhofsgebäude auf seinen Prinzen, der ihm neues Leben einhaucht. Das so etwas auch nach langer Zeit noch gelingen kann, sieht man an der Villa Kolbe. Nun hatten wir zu tun, uns zeitlich nicht in den vielen geschichtlichen Details der uns umgebenden Gebäude der Bahnhofstraße zu verlieren (Eisenbahngeschichte, Alte Apotheke – Hermann Ilgen, Sparkassengebäude mit Ratskeller, ehem. Hotel Stadt Culmbach, Kinos – Leerstand,…)
Unser nächstes Ziel war das Hirten- und Armenhaus am Kuffenhaus.
Herzlich wurden wir von dessen Besitzern Kerstin und Andreas Dietze begrüßt. Das Haus hat sogar zwei Sonderpreise des Bauherrenpreises erhalten – 1999 für städtebaulichen Denkmalschutz und 2000 für Freiflächen- und Gartengestaltung. Gerade war es wieder eingerüstet, denn nach 25 Jahren ist dem Zahn der Zeit entgegenzuwirken.
Auch wenn im Areal des Kuffenhauses für die neu errichteten Häuser und Gärten kein Bauherrenpreis vergeben wurde, war es reizvoll, die kleinen Wege an liebevoll gepflegten Häuschen und Gärten entlang zu gehen. Hier zeigt sich mal wieder, dass eine gewisse Gleichmäßigkeit der Proportionen und Gestaltungen zu Identifikation und städtebaulicher Ausgewogenheit führt.
In der Mitte des Angers schauten wir uns noch die Häuser der Nr. 23 intensiver an und stellten uns die Frage: Was lässt diese Häuser gefallen?
Hier wurden die Proportionen der Häuser des sächsischen Straßendorfes in moderne Bauweise überführt – beeindrucken die Ballance aus „sich einfügen“ und sich zeigen. Erbaut wurden diese 1997/98 durch das Architekturbüro „aT2-architektur-TRAGWERK“, Mehnert u. Georgi. Warum gab es dafür keinen Bauherrenpreis?
Angefüllt mit vielen Eindrücken und Gedanken erreichten wir den Pfarrgarten der Friedenskirche. Wir warfen dort noch einen Blick auf Radebeuls älteste Sandsteinplastik „Chronos und die Trauernde“. Durch Wirken des Vereins für Denkmalpflege und neues Bauen und der Bürgerstiftung Radebeul wurde diese vor nun über 20 Jahren restauriert und fand nach langem Schattendasein in der Hoflößnitz, überdacht wieder eine Aufstellung in der Nähe ihres Ursprungsortes.
Für Interessierte gab es noch die Möglichkeit, den Kirchturm zu besteigen und den Blick in alle Himmelsrichtungen über die im Abendlicht liegende Lößnitz und weit darüber hinaus schweifen zu lassen.
Bei interessanten Gesprächen und gutem Wein klang der Abend auch mit dem Wunsch „weitere Bauherrenpreiswanderungen folgen zu lassen“ im Pfarrgarten aus. Dafür ist nun Gelegenheit.
Michael Mitzschke






