Karl Friedrich – ein unbekannter Maler

Gedenkausstellung zum 130. Geburtstag in der Hoflößnitz

Als Frank Andert Ende Februar 2026 bei mir anfragte, ob ich zur Gedenkausstellung von Karl Friedrich einen kleinen Katalogtext beisteuern würde, zögerte ich zunächst, wusste ich doch nur sehr wenig über diesen Radebeuler Künstler und der zeitliche Vorlauf war mehr als knapp bemessen.

Porträtfoto Karl Friedrich, 1911

Doch die digitale Übersicht der für die Ausstellung vorgesehenen Werke überraschte mich sehr und ich sagte spontan zu. Im Nachhinein bin ich Frank Andert dankbar, denn so hätte ich mich wohl niemals so intensiv mit dem Schaffen von Karl Friedrich auseinandergesetzt. Und ohne diese Anfrage hätte ich wohl auch niemals Karl Friedrichs Tochter – Gabriele Gottschalk – kennengelernt.

Selbstbildnis, Bleistift 1915

Der bevorstehende 130. Geburtstag von Karl Friedrich bot den Anlass zu dessen Würdigung mit einer umfassenden Personalausstellung und einem ausstellungsbegleitenden Katalog. Im Sächsischen Weinbaumuseum Hoflößnitz fand sich hierfür der passende Ort. Bereits 1924 war der junge Karl Friedrich zur großen Lößnitzausstellung im Haus Hoflößnitz mit einem Werk vertreten und, 58 (!) Jahre später, folgte 1982 wiederum am selben Ort seine erste und (zu Lebzeiten) einzige Personalausstellung.

Karl Friedrich, der am 17. September 1896 in Hannover geboren wurde, zog bereits ein halbes Jahr später mit seinen Eltern nach Radebeul. Er war das älteste von acht Kindern. Bis sich für die beständig wachsende Familie eine passende Wohnung fand, erfolgten noch mehrere Umzüge. Schließlich schien sich 1906 das repräsentative viergeschossige Eckhaus auf der Bahnhofstraße 14, heute Hauptstraße 8, am besten zu eignen, um in Radebeul sesshaft zu werden. Im Untergeschoss eröffnete der Vater Carl Friedrich ein Geschäft für Tapeten, Linoleum und Wachstuch.

Über die Elbe zur Gohliser Windmühle, Kohle 1913

Hoflößnitz im Winter, Filzstift 1970

Zunächst begann für Karl Friedrich alles sehr vielversprechend. Schon früh zeigte sich seine zeichnerische Begabung. So war es auch naheliegend, dass er sich in Dresden an der Königlichen Kunstgewerbeschule bewarb, die man für die künstlerischen Belange des Handwerks und Gewerbes eingerichtet hatte. Nach zweitägiger Aufnahmeprüfung wurde er 1911 immatrikuliert und erwarb in drei Jahren eine solide künstlerisch-handwerkliche Grundausbildung. Sein Zeugnis weist folgende Fächer aus: fachliches Zeichnen und Malen, Naturzeichnen, Figurenzeichnen, Perspektive, Projektionslehre, Schattenlehre, Schriftschreiben und Kunstgeschichte.

Danach schloss sich eine verkürzte Lehrausbildung in der Tapetenfabrik Coswig an. Mit Kriegsausbruch wurde der Betrieb geschlossen und so begann er im Dezember 1914 in der „Werkstatt für Malerei“ von Carl Hausmann in Dresden zu arbeiten. Schließlich wurde er 1916 in die Armee eingezogen und bis Kriegsende 1918 an der Westfront eingesetzt. Danach fasste er wieder bei seiner alten Firma als Dekorationsmaler Fuß und war in ganz Deutschland unterwegs. Zu den Einsatzsorten zählten Kirchen, Villen und Schlösser. Da er fachlich sehr geschätzt wurde, übertrug man ihm immer anspruchsvollere Aufgaben, so dass er viele Entwürfe für die malerische Gestaltung in großer Selbständigkeit angefertigt hat.

Radebeul-Ost, Blick (aus der Wohnung) zur Ernst-Thälmann-Straße, Tusche auf farbigem Papier 1976

Das väterliche Geschäft übernahm Karl Friedrich1937. Jedoch forderte auch der zweite Weltkrieg seinen Tribut. Noch 1943 wurde er zum Kriegsdienst eingesetzt, dem 1945 ein Jahr Gefangenschaft folgte.

Pappeln und Kühe an der Elbe, Tusche 1966

Der Versuch, sich ab 1946 als selbständiger Kunst- und Dekorationsmaler durchzuschlagen, war in Ermangelung von Aufträgen in der Nachkriegszeit wenig erfolgreich. Und so verwundert es kaum, dass er pragmatisch nach existenzieller Sicherheit strebte. Ab 1951 arbeitete Friedrich als Sachbearbeiter in der Chemischen Fabrik von Heyden, später VEB Arzneimittelwerk Dresden (AWD), Standort Radebeul, wo er bis zum Erreichen des Rentenalters im Jahr 1964 beschäftigt war.

Blick von der Gutenbergstraße zur Lutherkirche, Tusche 1976

Dennoch, dem Malen und Zeichnen galt seine Leidenschaft, die er nicht aufgeben wollte. Im betrieblichen Mal- und Zeichenzirkel, dessen Leiter der Radebeuler Maler und Grafiker Johannes Thaut bis 1963 war, wurde Friedrich 1952 Mitglied. Nach Thaut übernahm Hidegard Stilijanow die künstlerische Leitung und ab 1973 Dieter Fuchs. Das AWD-Klubhaus auf dem Turnerweg/Ecke Gartenstraße bot Arbeits- und Ausstellungsräume, auch für den Mal- und Zeichenzirkel.

Karl Friedrich im Puschkin-Museum in Moskau, 1967

Entstanden sind Stillleben, Porträts und figürliche Darstellungen. Die Zirkelteilnehmer saßen einander Modell, lernten neue Techniken kennen, zeigten ihre Arbeiten und übten produktive Kritik. In der wärmeren Jahreszeit arbeiteten sie vor Ort in unmittelbarer Umgebung.

In jenem Mal- und Zeichenzirkel lernte Karl Friedrich die drei Jahrzehnte jüngere Eva Krause kennen, die im AWD als Laborantin tätig war. Beide heirateten 1958. Die gemeinsame Tochter wurde im gleichen Jahr geboren. Da hatte Karl Friedrich die Schwelle zum sechsten Lebensjahrzehnt bereits überschritten.

Karl Friedrich war kulturell interessiert und sportlich aktiv. Er sammelte Briefmarken, spielte Schach und kannte sich in Geschichte, Kunst und Literatur aus. Er mochte sowohl die Künstler des Impressionismus als auch des Expressionismus. Gegenstandslose Kunst lehnte er allerdings ab.

Nach dem Eintritt in den Ruhestand waren ihm noch reichlich anderthalb Jahrzehnte für das künstlerische Schaffen vergönnt. Die Mappen füllten sich rasant. Zu deren Lagerung hatte er auf dem häuslichen Dachboden spezielle Regale eingebaut.

Karl Friedrich verstarb am 1. Juli 1987 in der Radebeuler Wohnung, in die er mit seinen Eltern und Geschwistern 1906 eingezogen war.

Postum kam es 1996 aus Anlass des 100. Geburtstages von Karl Friedrich zu einer weiteren Personalausstellung in der Stadt Radebeul, welche von seiner Witwe angeregt und von den Mitarbeitern der Stadtgalerie realisiert worden war. Als Ausstellungsort hatte man das Technische Rathaus auf der Pestalozzistraße gewählt, denn die Galerie verfügte von Juli 1995 bis August 1997 über keine eigenen Ausstellungsräume.

Da die Stadt bereits 1992 damit begonnen hatte, für Radebeul eine städtische Kunstsammlung aufzubauen, wurden aus dieser Ausstellung durch das Kulturamt vier Werke von Karl Friedrich angekauft.

Inflation, Arbeitslosigkeit und zwei Weltkriege schärften Friedrichs Sinne für das Wesentliche. Die Kunst hatte ihm innere Stabilität verliehen und durch unruhige Zeiten getragen. Das eigene Erleben brachte für ihn die Erkenntnis, sich von keinem System mehr vereinnahmen zu lassen. Das künstlerische Werk reifte in aller Stille und im eigenen Selbstverständnis. Es zeugt von Kontinuität und Qualität. Die Versachlichung geht ins Dokumentarische über. Die Momentaufnahmen des Alltags geben Einblick in eine längst vergangene Zeit. Die schnörkellosen, nüchternen, mitunter distanziert wirkenden Arbeiten, alles Überflüssige vermeidend, haben in ihrer Exaktheit gleichwohl eine faszinierende als auch eine anziehende Wirkung.

Manche Arbeiten erinnern an die Zeichnungen von Architekten. Linien, Schraffuren und Flächen wusste Friedrich geschickt einzusetzen, um eine klare räumliche Ordnung herzustellen. Dazu bedurfte es lediglich Bleistift, Kohle, Filzstift, Tusche, Kugelschreiber und einen Skizzenblock. Seine Farbpalette wiederum wirkt vorwiegend gedämpft. Besondere Akzente hat er nur sparsam eingesetzt. Zahlreiche seiner Aquarelle sind unmittelbar vor Ort entstanden. Die „nass-in-nass“ Technik erforderte Schnelligkeit. Der lasierende Farbauftrag erzeugte ein hohes Maß an Transparenz. Die mit Öl- und Temperafarbe gemalten Bilder auf Pappe hingegen entstanden unter Verwendung von Skizzen im Atelier.

Friedrich mochte weder Übertreibungen noch kleinteilige „Pingelei“. Der beträchtliche Umfang seines Œuvres zeugt vom Bedürfnis, bildnerisch tätig zu sein, offensichtlich allein von der Freude am kreativen Prozess inspiriert. Weder drängte es ihn, öffentlich wahrgenommen zu werden, noch war er auf den Verkauf seiner Kunstwerke angewiesen.

Zur Jubiläumspräsentation werden ausschließlich Motive der Lößnitz gezeigt. Sowohl Ausstellung als auch Katalog sind in vier Themenbereiche gegliedert: „Am Fluss. Im Ort. Am Hang. Im Grund“. Eine zeitliche wie lokale Zuordnung der Motive wird durch die jeweiligen Bildunterschriften ermöglicht.

Mit Karl Friedrich begeben wir uns auf eine Reise in die Vergangenheit. Seine Bilder zeugen vom Alltag der Bewohner, Winzer und Gemüsebauern. Noch bis weit in die 1970er Jahre prägten zahlreiche Gärtnereien das Bild von Radebeul. Inzwischen sind viele dieser Flächen überbaut. Gewachsene Dorfkerne stehen bis heute im Kontrast zu schlossähnlichen Landsitzen inmitten weitläufiger Parkanlagen. Und immer wieder Mauern, Mauern, Mauern…und Stufen, Stufen, Stufen…, die bergauf und bergab in die Enge oder Weite führen…

Die ausgestellten Lößnitzbilder beschreiben Radebeul als Wein- und Gartenstadt, obwohl die Industrialisierung bereits weite Flächen für sich in Anspruch nahm und das Bild der Stadt verändert hatte.

Eine Arbeit erinnert an den Plattenbau der Polytechnischen Oberschule Hermann Matern (später Waldparkschule) auf der Kottenleite, welcher 1973 eingeweiht und 2005 wieder abgebrochen wurde. Doch diese Arbeit ist ohnehin eine der wenigen Ausnahmen in Friedrichs Schaffen. Ebenso existieren kaum figürliche Darstellungen. Selbstbildnisse oder Bilder von Frau und Tochter gibt es nur wenige. Auch Radierungen und Linolschnitte sind rar und wohl eher beiläufig entstanden.

Der künstlerische Nachlass umfasst ca. 1.500 Werke, darunter Zeichnungen, Aquarelle, Öl- und Temperabilder. Darüber hinaus geben viele Dokumente wie Zeugnisse, Schriftverkehr, Zeitungsauschnitte und detaillierte biografische Aufzeichnungen Aufschluss über diesen bisher unbekannten Künstler.

Gabriele Gottschalk hat die künstlerische Hinterlassenschaft ihres Vaters bewahrt, geordnet, digitalisiert und nunmehr erstmals in der Öffentlichkeit präsentiert. Die Resonanz zur Vernissage am 10. Mai war überwältigend.

Das Konvolut mit Karl Friedrichs Werken ist sowohl von kunst- als auch stadtgeschichtlicher Bedeutung und harrt seiner weiteren Erschließung. Mit der diesjährigen Gedenkausstellung im Sächsischen Weinbaumuseum Hoflößnitz wurde ein vielversprechender Anfang gemacht.

Karin (Gerhardt) Baum
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Die Ausstellung „Zwischen Elbe und Weinberg – Lößnitzbilder von Karl Friedrich“ wird bis zum 21. Juni 2026 gezeigt. Der reichbebilderte Katalog ist zum Preis von 6 Euro im Weinbaumuseum Hoflößnitz erhältlich.

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