Über den Tellerrand geschaut: Die Junge Heide

Foto: D. Lohse

Heute steht mir der Sinn nicht nach alten Häusern oder Details von diesen, was ja sonst meist meine Profession ist. Ich möchte mich mit etwas ganz anderem beschäftigen. In der Stadt Radebeul spielt Wald eine eher untergeordnete Rolle, es gibt den Waldpark in Kötzschenbroda/ Niederlößnitz, die bewaldeten Hänge der Seitentäler wie Fiedler-, Lößnitz- oder Rietzschkegrund und die bewaldeten ehem. Weinberge wie im Bilzgrundstück am Augustusweg oder am Hohenhaus zu finden. Diese Waldgebiete sind zum großen Teil identisch mit dem Landschaftsschutzgebiet Lößnitz.
Größere, echte Waldgebiete grenzen nordwestlich und östlich an Radebeul an: der Friedewald und die Junge Heide, letztere gehört aber zu Dresden. Beide Wälder sind auch für Radebeuler Bürger interessant als Wander- und Erholungsgebiete, wir sollten nur nicht im juristischen Sinne von „unseren Wäldern“ sprechen. In diesem Artikel wollen wir die Junge Heide zwischen der Ostgrenze von Radebeul,der Autobahn A4 und bis oberhalb der Moritzburger Landstraße und dem Augustusweg etwas näher betrachten. Das Waldgebiet ist vorwiegend flach strukturiert und mit Kiefern bestockt und hat anteilig Hangwald. Es wird von zwei Bächen durchflossen, die zeitweilig trocken fallen können: dem „Verlorenen Wässerchen“ vom alten Boxdorfer Steinbruch kommend, das nirgends einmündet, sondern beim „Katzenbuckel“ (Sandboden) versickert und dem „Fiedlergrundbach“, der zwei Äste von Boxdorf und Wahnsdorf her hat und nahe der Waldstraße versickert.

Foto: D. Lohse

Auf den ersten Blick sieht der Wald grün aus, noch(!), es ist ein fast langweiliger Wald, er wird forstwirtschaftlich genutzt und ist zugleich auch Landschaftsschutzgebiet. Das ist eine Art Spagat. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man schöne Wege und gelegentlich auch malerische Waldpartien. Wege zu lohnenden Zielen führen durch die junge Heide, zum Fiedlergrund, zum Waldmax (Einkehr) und zum Heidefriedhof. Überwiegend finden wir hier Kiefernbestände auf Sandböden, die ursprünglich als Schonungen, also Forstplantagen in Reihenpflanzung, angelegt und dann über die Jahre ausgelichtet wurden. Tannen, Fichten und Lärchen gibt es in diesem Revier nicht. Nach etwa 80 Jahren können die Kiefern dann als Nutzholz geschlagen und der Industrie zugeführt werden. Früher wurden die Bäume flächig als Kahlschlag gefällt, heute erfolgen Fällungen eher im Auswahlverfahren durch den Revierförster, damit so der Kahlschlag vermieden wird und noch ein gewisses Waldbild bleibt. Ich glaube erkannt zu haben, dass man im Kiefernwald jetzt mehr Unterholz (Eiche, Buche und Ahorn) stehen lässt als früher. Dem Mischwald gehört wohl die Zukunft. Den damaligen Revierförster, Herrn Kamenz, lernte ich in den frühen 60er Jahren kennen, als ich in den Schulferien beim Forst mein Taschengeld aufbessern konnte. Er hatte seinen Dienstsitz im alten Forsthaus (a.D.) gegenüber der „Baumwiese“ (auch a.D.). Interessant kann ein Waldspaziergang auch im Kiefernwald schon werden, wenn man dafür eine gute Tages- oder Jahreszeit erwischt oder gewählt hat – früh am Morgen mit tiefstehender Sonne und Tautropfen in den Spinnwebennetzen oder auch im Spätherbst, wenn der erste Schnee unter den Schuhsohlen knirscht. Heute ist das Revier Junge Heide forstwirtschaftlich anders eingebunden. In Teilbereichen des betrachteten Waldgebietes findet der Spaziergänger auch Laubbäume. So gibt es zwischen dem Radebeuler Musikerviertel und dem Sternweg einen älteren Stieleichen-Bestand, der durch den versickerten Fiedlergrundbach feucht gehalten wird. Eine andere Abteilung südwestlich der Moritzburger Landstraße hat einen Altbestand Eichen und Buchen, begünstigt durch das „verlorene Wässerchen“. Birken tauchen gelegentlich als Begleitpflanzung von Wegen auf, so am Sternweg und einem Weg oberhalb der Moritzburger Landstraße. Als ausgewilderte Exoten verbreiteten sich einzelne Esskastanien zwischen Augustusweg und Waldstraße.
Die Junge Heide teilt sich in verschiedene Gebiete mit jeweils anderen Eigentümern, in Staatsforst, Waldteile der Kirche und Privatwald. Jedes Teilgebiet wird anders bewirtschaftet. Der Laie, also ein Spaziergänger, kann aber diese Teilgebiete kaum unterscheiden, weil trotzdem ein einheitlicher Charakter angestrebt wird.
Ich weiß gar nicht, ob der o.g. „Katzenbuckel“ heute noch von Kindern, wenn mal Schnee liegt, noch mit Schlitten und Skiern genutzt wird? Für uns war das damals so was wie „unsere Alpen“! Heutzutage trifft man in der Jungen Heide öfter Laufsportler und manchmal auch Reiter an.
Das Waldgelände wird von Verkehrsstraßen (z.B. Moritzburger Landstraße u. verlängerte Waldstraße) durchzogen, forstwirtschaftliche Wege und Spazierwege gliedern den Wald in Jagen, die mir jedoch unregelmäßiger erscheinen als in der Dresdner Heide. Apropos Heide, obwohl das Waldgebiet von alters her als Junge Heide bezeichnet wird, hat sie keine Ähnlichkeit mit der weithin bekannten Lüneburger Heide – derartige mit Gras und Heidekraut bestandene Freiflächen fehlen in dem betrachteten Waldgebiet.

Foto: D. Lohse

Ja, weil eben wieder die Dresdner Heide genannt wurde, die Junge Heide war ursprünglich ein fester Bestandteil der Dresdner Heide, was aber über die Jahrhunderte in Vergessenheit geraten ist. Der Zusammenhang wurde u.a. durch den früheren Truppenübungsplatz des Hellers und auch durch den Autobahnbau ab 1936 gestört. Heute müssen wir zwei separate Waldgebiete betrachten. Ebenfalls 1936 wurde von der Jungen Heide das Gebiet des Heidefriedhofs abgeteilt und auch mit Gebäuden für Trauerfeiern und die Verwaltung bebaut. Eine wesentliche Anlage innerhalb des Friedhofs ist die Gedenkstätte für die Toten des 13. u. 14. Februar 1945 in Dresden. Die Gestaltung des Friedhofsgeländes behält weithin durch Erhaltung alter Kiefern den Charakter dieses Waldes und verzichtet bisher auf Kahlschlag. Irgendwann wurden von der Jungen Heide am Ende der Clara-Zetkin-Straße ein Tennisplatz und eine Kleingartensparte abgezweigt. Als die Wettiner vom 16. bis zum 18. Jh. hier noch jagten, muss die Junge Heide noch ursprünglicher ausgesehen haben und entsprach mehr einem Mischwald. Auf die zweifellos auch heute noch vorhandene Tierwelt, u.a. Hirsche, Rehe, Wildschweine, Kaninchen, Vögel, Eidechsen und Schlangen in der Jungen Heide kann ich hier aus Platzgründen leider nicht näher eingehen. Vielleicht findet sich dafür später auch eine fachlich berufenere Person?
In der Dresdner Heide kennt man zumindest drei Arten der Wegekennzeichnung – schwarze Zeichen (Symbole u. Muster), rote Kennzeichen (an Zahlen u. Buchstaben orientiert), beide Arten um 1570 entstanden und in Resten erhalten bzw. ergänzt und neuzeitliche Wander- und Wegzeichen (bunte, geometrische Zeichen). Nun hat ein findiger Kopf vor etwa fünf Jahren ein paar der alten roten Zeichen der Dresdner Heide in der Jungen Heide längs der alten Wege neu angebracht, genauer gesagt, wohl mit einer Schablone auf markante Baumstämme oder auch Zaunpfosten aufgemalt. Sie sollen auf diese Weise daran erinnern, dass die Junge Heide mal ein Teil der Dresdner Heide war. Im Wesentlichen stimmen die alten Wege, die auch früher echte Handelswege waren, mit heutigen Forst- u. Wanderwegen überein.

Foto: D. Lohse

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In der Jungen Heide bilden die alten Wege, Rennsteig (ein Z mit Querstrich), Schwesternsteig (ein Z mit aufgesetztem Kreuz) und Diebsteig (ein Z mit Längsstrich) eine Art Wegefächer, der vom Sternweg (ein sechseckiger Stern) gekreuzt wird. Den Diebsteig erkennen wir auch als ausgeschriebene Wegbezeichnung in der Kleingartensparte hinter der Gleisschleife. Auf einer Länge des Sternweges hatten die Jugoslawen in den 70er Jahren eine Beton-Baustellenzufahrt für das AWD (Arzeimittelwerk Dresden) gebaut, die heute zu bröckeln anfängt.
Das Sprichwort „Wie du in den Wald hineinrufst, so schallt es heraus“ gilt hier wohl nicht mehr! Die nahe liegende, inzwischen verbreiterte Autobahn hat ja auf der Waldseite keine Schallschutzwand bekommen und brummt ständig vor allem bei Ostwind und wird besonders im Friedhof als störend empfunden. Und ferner stört im Walde der Schrott von 4 Brunnen am Sternweg, ehemals fürs AWD gebaut, aber längst überflüssig, weil der ehemalige Großbetrieb nach der Wende stillgelegt, bzw. verkleinert und umstrukturiert wurde. Heute ist offensichtlich niemand mehr dafür zu finden, der den Schrott wegräumt … .
Die Junge Heide hat nicht unbedingt den Charakter eines touristischen Anziehungsortes, wir finden keine Sensationen wie die älteste Eiche Deutschlands (da müsste man schon mal nach Ivenack fahren!), sie ist aber eine „grüne Lunge“ für Spaziergänger, Leute, die mit Hund „Gassi gehen“, oder für Krippen- oder Kindergartengruppen. Durch die Waldnähe haben Anwohner von Radebeul Ost ja auch meist ein angenehmeres Klima. Man sollte einfach wieder mal in den Wald gehen!

Dietrich Lohse

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