Nicht alle Kultur in Radebeul erwünscht?
Da kann man nicht schweigen, wenn laut gerichtlichem Urteil ein international anerkanntes Museum die Stadt Radebeul verlassen muss, welches sich Jahrzehnte hat nicht nehmen lassen, die einmalige Kulturlandschaft der Lößnitz durch vielfältige kulturelle Aktivitäten zu bereichern. „Als formgebundene Landschaft ist die Lößnitz auch formgebend“, schreibt der Altmeister Karl Kröner am Ende seines Beitrages „Die Lößnitz, Gestalt und Wirkung einer Landschaft“. Und er schlussfolgert: „Musische Menschen aus allen Geistesgebieten fühlen sich daher wohl immer von ihr angezogen.“. Aber, auch ein Kröner konnte die heutige Entwicklung nicht voraussehen.
Nun sollen hier nicht Zweifel an der Richtigkeit der richterlichen Entscheidung gestreut werden. Die
eine Dame und die beiden Herren haben nach Aktenlage korrekt den einzig möglichen Beschluss gefasst. Gleichwohl hat man das Bedauern beim Verlesen des Urteils aus der Stimme des Vorsitzenden Richters vernehmen können, keine bessere Lösung gefunden zu haben.
Was ist geschehen, in dem einstigen kulturvollen Hauptort der Lößnitz, der sich heute Große Kreisstadt Radebeul nennt, dass in den letzten 36 Jahren mehr kulturelle Einrichtungen verschwunden sind als in den hundert Jahren seit Erlangung des Stadtrechts? Die Liste der Grausamkeiten will nicht enden. Nachfolgend eine Aufzählung kultureller Einrichtungen und was aus ihnen geworden ist:
– Haus der Kunst – Wohnungen
– Kulturhaus Arzneimittelwerk Dresden – Wohnungen
– Klubhaus „Heiterer Blick“ Planeta – Abriss
– Kreiskulturhaus Völkerfreundschaft – Abriss
– Kulturzentrum „Haus der Werktätigen“ – Wohnungen
– Kreisjugendklubhaus „X. Weltfestspiele“ – privatisiert
– Jugendclub Sekte – Wohnungen
– Pionierhaus Radebeul – Wohnanlage
– Filmtheater Freundschaft – Abriss
– Filmtheater UNION – Abriss
– Filmtheater Palast – Abriss
– Staatliche Puppentheatersammlung – abgewandert nach Dresden
– Villa Hohenhaus, zeitweiliger Wohnsitz Hauptmanns – privatisiert
– DDR-Museum – Schließung
– Orchester der Landesbühnen Sachsen – Auflösung
– Schmalspurbahnmuseum – Schließung
– Heimatmuseum Schloß Hoflößnitz – Umwandlung in ein Sächsisches Weinbaumuseum
Nicht zu vergessen, der Wegfall unzähliger Zirkel kulturell-künstlerischer Selbstbetätigung durch die Schließung aller Radebeuler Kulturhäuser.
Unbeeindruckt davon, berichtet OB Bert Wendsche in der Juni-Ausgabe 2026 des Amtsblattes über den „erfolgreich abgeschlossenen“ Rechtstreit der Stadtverwaltung gegen den Betreiber des Lügenmuseums, den kulturellen Verlust für die Stadtgesellschaft nicht erwähnend. Am Ende seines Beitrages drückt der amtierende Oberbürgermeister seine Hoffnung aus, „dass der Mieter und Betreiber des ,Lügenmuseums‘ nun seinerseits das Objekt in der gewährten Frist räumt.“.
Wohl kaum wird man es der Stadt als Ruhmesblatt anrechnen können, wenn vermutlich der unsäglichen Liste des Kultursterbens in unserem Ort ein weiterer Fall hinzu gefügt werden müsste. Auch wenn es manchem nicht recht sein wird, ein kleiner Hoffnungsschimmer mag sich am Ende dieser langen Kontroverse doch noch abzeichnen: Es gibt einen Käufer für das umkämpfte Objekt des in städtischer Hand befindlichen Sekowitzer Gasthofes, dem ältesten erhaltenen und kulturhistorisch bedeutenden Gasthof der Stadt!
Dies würde aber voraussetzen, dass der Verkauf des Anwesens noch vor dem Auszug des Lügenmuseums erfolgt. Ob allerdings hier die Stadt bereit ist, über ihren Schatten zu springen, bleibt zumindest zweifelhaft. Rein rechtlich kann sie den Auszug des Museums erzwingen, hat doch „die Stadt vollumfänglich im Rechtsstreit obsiegt“, so der Oberbürgermeister in seinem Beitrag.
Was aber ist ein gewonnener Rechtsstreit gegen den Verlust einer international bedeutenden kulturellen Einrichtung? Diese Frage wird sich nicht nur die Stadtverwaltung beantworten müssen.
Karl Uwe Baum

