Radebeuler Miniaturen

Bierglasnost

Zu groß, hat sie gesagt –

zu schwer, hat sie gesagt, zu häßlich – und dann hat sie den fast sechzig Jahre alten bayrischen Mass-Krug aus Steingut „zum Mitnehmen“ auf die Straße gestellt. –

Ich sitze am Faß, der Sommerhitze dankbaren Tribut zu zollen, halte frohgemut das kühle Glas mit dem Frischgezapften in den heißen Händen und weiß, das kann jetzt dauern. Also lausche ich ergeben und so geduldig wie möglich den Ausführungen meines Gegenüber, der aufgeregt weiter erzählt:

Aber wie das so ist: Kaum ist das Ding weg, finden wir die Bedienungsanleitung…

War ein Geschenk, das Ding, plaudert er atemlos, offenbar für meinen Schwiegervater, ein Exklusivgeschenk zum Fünfzigsten, 1970 direkt aus München gekommen…

Dankbar für die entstandene Pause versuche ich einen Schluck zu trinken, doch da ruft er schon begeistert, das mußt du selber lesen, und wedelt mit einem Schriftstück in der Luft herum ohne mir auch nur einen Blick darauf zu ermöglichen. Hier das zum Beispiel:

„Bier sei Männersache hieß es in jener Zeit, die noch in autoritären Strukturen verkrampft war und sich von antiautoritärem Gedankengut noch nichts träumen ließ…“ er schüttelt sich vor Lachen.

„Und wenn du“, liest er weiter, „den Krug einmal praktisch benutzen willst: Stilgerecht eingeschenkt wird er, wenn sein Volumen nur zu 70% mit Bier gefüllt ist, das Rest-Volumen bis zum Rande hat Schaum zu sein.“

Er hält inne, hebt die Hand und ruft, paß auf, jetzt kommts: „Beim Oktoberfest in München ist dieser Schaumanteil der Gewinn der Bräuwirte, und selbst das Finanzamt trägt dem Rechnung, indem es offiziell für die Umsatzberechnung unterstellt, daß aus einem Hektoliterfaß mindestens 110 Mass ausgeschenkt werden …“

Entnervt stelle ich mein inzwischen durchgewärmtes Bier aufs Faß. Wir können froh sein, werfe ich ein, daß es hierzulande Gläser gibt, da läßt sich der Füllstand individuell überprüfen – außerdem wirst du hier anständig bedient.

Das Beispiel, sagt er, zeigt immerhin, daß die Aussicht auf Steuereinnahmen jegliche Reglementierung verunmöglicht. Denk nur mal an die sogenannten sozialen Medien. Oder nimm das Rauchen: ist schädlich bis dahinaus, aber bringt anständig Steuern ein.

Apropos anständig: Sogar Prostitution ist erlaubt; das Unanständige wird anständig, wenn es was einbringt.

So ist das nun mal: Ehrlich oder anständig oder eben nicht – solange du Steuern bezahlst, kannst du machen, was du willst.

Ich greife nach meinem lauwarmen Bier. Kaltes ist bei der Hitze ohnehin nicht gesund, tröste ich mich. Im Steinguttopf wärs jedenfalls länger kühl geblieben, sag ich und trinke tapfer.

Dafür stimmt der Füllstand, sagt er und wendet sich zum Gehen.

Ich atme auf und lasse mir ein schönes, kaltes anständig gefülltes Glas Bier bringen …

Thomas Gerlach

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