Mit einer werbenden Postkarte zum Tag des offenen Denkmals Mitte September 2025 hat René Kuhnt ein Dreigestirn geschaffen, das sich wegen seiner Alliteration in das Radebeuler Gedächtnis einprägen sollte: Kolbe – Kohlmann – Kuhnt. Dass es andere „Zwischenwirte“ gab, von Milkau, Paul, Schramm sowie das Münchner Dreigestirn Jäger/Saniter/Walter, welches sich mit der Verwahrlosung der Villa ein ganz eigenes Denkmal gesetzt hat, sei‘s drum!, bei den drei „K“ kann es bleiben.
Ältere Radebeuler können mit dem Namen Kohlmann etwas anfangen. Der Familie gehörte das von dem Chemiker Carl Kolbe erbaute Villen-Prachtstück von den 1930ern bis in die 1970er Jahre. Doch auf dem Namen Kohlmann liegt ein Schatten. Wegen der „jüdischen Versipptheit“ hatte die Familie in der Nazi-Zeit ein schweres Schicksal. Daran wird am Dienstag, 22. September 2026 mit Verlegung von „Stolpersteinen“ vor der nunmehr Kuhnt-Villa auf der Zinzendorfer Straße 16 erinnert.
Hauptinitiatoren sind die beiden Radebeuler Thomas Berndt und der Historiker Dr. Daniel Ristau, unterstützt und begleitet vom Verein Stolpersteine Dresden e.V., der AG Geschichte Radebeul, der Musikschule des Landkreises, der Stadt Radebeul sowie Schülerinnen und Schülern und privaten Spendern wie das Radisson Blue Hotel und nicht zuletzt vom jetzigen Villen-Eigner René Kuhnt. Denn nach der Steinverlegung lädt Kuhnt zum Kaffeetrinken in den Villengarten ein. 18:30 Uhr folgt im Radisson Blue ein moderiertes Gespräch, an dem Nachfahren der Familie Kohlmann teilnehmen.
Der Arzt Anton Johannes Kohlmann begann in den 1920er Jahren, die Villa nach und nach für seine Klinik zu nutzen, zunächst als Mieter, 1939 als Eigentümer. Mit Machtergreifen der Nazis ging der Ärger los: Herr Doktor Kohlmann durfte die Klinik betreten, Frau Kohlmann nicht. Brunhilde (Bronislava) Kohlmann, geborene Weich, war zwar evangelisch getauft, doch nach der pseudowissenschaftlichen NS-Rassenterminologie wurde sie als „Volljüdin“ erachtet, mit allen Konsequenzen: Drangsalierung und Entrechtung. 1941 wurde die Ehefrau des angesehenen Chirurgen zu Zwangsarbeit verpflichtet. Öffentliche Verkehrsmittel für den Weg zur Arbeit in der Kartonagenfabrik von Adolf Bauer auf der Neuen Gasse im Dresdner Stadtzentrum (1945 zerstört) durfte sie nicht nutzen.
1944 erfuhren die beiden Kinder der „Mischehe“ als „jüdische Mischlinge 1. Grades“ das gleiche Schicksal. Ursula Kohlmann, Jahrgang 1922, erhielt zunächst Studienverbot, dann musste sie wie die Mutter bei Bauer in Dresden Zwangsarbeit leisten. Ihr jüngerer Bruder Alexander, Jahrgang 1925, erhielt zunächst Schulverbot und wurde 1944 zur Zwangsarbeit nach Frankreich verfrachtet. Weil der Ehemann und Vater ein hohes Ansehen bei den Machthabern genoss, entgingen Frau und Kinder dem Schicksal der Deportation und Ermordung. Sie haben überlebt, Brunhilde, Ursula und Alexander. Doch der Schatten will nicht weichen.
Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat das Kunst- und Denkmalprojekt „Stolpersteine“ 1996 ins Leben gerufen. Es hat viele Nachahmer gefunden, in Deutschland und darüber hinaus. Europaweit liegen heute weit mehr als 100.000 Steine, die an im Dritten Reich verfolgte und ermordete Juden erinnern. Noch heute kommt Demig selbst zu Steine-Verlegungen, zweimal war er in Radebeul, 2005 und 2025.
„Juden in Radebeul“ hieß das vor gut 20 Jahren herausgegebenes Buch von Ingrid Lewek und Wolfgang Tarnowski. Die Schrift gab die Initialzündung für die Verlegung erster Stolpersteine in Radebeul, am 26. Juli 2005 im Gehweg vor dem Wettin-Haus auf der Moritzburger Straße 1 in Kötzschenbroda. Die Steine erinnern an fünf Mitglieder der Familie Freund, die in Ausschwitz und Theresienstadt ermordet wurden. Organisator war der damalige Geschichtsverein um Ingrid Lewek und Christine Ruby. Bei dieser Verlegung war Gunter Demnig dabei. Danach, so erzählt es Christine Ruby, gab es anrührende Gespräche mit Anwohnern, die sich erinnerten, wie sie in ihrer Jugend mit den Kindern der Familie Freund gespielt haben.
2009 beklagte Thomas Berndt in einem offenen Brief die geringe öffentliche Aufmerksamkeit für die Radebeuler Opfer der NS-Vergangenheit. Aus den 25 Erstunterzeichnern bildete sich ein neuer Kreis Engagierter heraus. Ingrid Clausnitzer, Ingrid Lewek, Thomas Berndt und Roland Hering gingen bewusst auf die Radebeuler Schulen zu. Ganze Schulklassen haben an Projekten mitgewirkt und das Wissen um die deutsche Schuld aus der Nazi-Vergangenheit in eine weitere Generation getragen. Für sein Konzept für den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus wurde Berndt 2010 mit dem Radebeuler Courage-Peis bedacht. Das Autoren-Duo Lewek/Tarnowski erhielten diesen Preis 2017.
Einen weiteren Schub bekam die Initiative 2021, als sich Bürgerinnen und Bürger sowie Mitarbeitende der Verwaltung in der „Arbeitsgemeinschaft (AG) Geschichte Radebeul“ vereinten, um im Sinne einer lebendigen Erinnerungskultur Forschung und Wissensvermittlung zu lokalen Ereignissen des zurückliegenden Jahrhunderts zu unterstützen sowie Gedenkveranstaltungen zu organisieren. Ein Stadtratsbeschluss gab der Initiative 2022 den amtlichen Segen. Erinnert sei an die Ausstellung „Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Deutsches Reich – Sachsen – Radebeul“, maßgeblich organisiert von Frank Andert und Dr. Klaus-Dieter Müller.
Nach 2005 wurden erneut am 17. Juni 2024 an drei Orten in Radebeul Stolpersteine verlegt, am Augustusweg 1 und 62 sowie vor den Landesbühnen, erinnernd an die Familien Schaye und Wach. Die Übergabe an der „Villa Wach“ erfolgte zunächst symbolisch, die Steine können erst verlegt werden, wenn Hort und Grundschule der Kinderarche fertig sind. Projekt-Erfinder Gunter Demnig persönlich verlegte am 7. Mai 2025 vier Stolpersteine an der Clara Zetkin-Straße 5. Sie erinnern an Familie Aronade, wovon zwei in Ausschwitz ermordet wurden.
Genius Loci nahezu aller Veranstaltungen ist der Historiker Dr. Daniel Ristau. Er leistet den Großteil der inhaltlichen Arbeit, wozu vor allem die diffizile biografische Recherche gehört. Thomas Berndt hält einerseits die organisatorischen Fäden in der Hand und andererseits den Kontakt zu den Radebeuler Schulen und allen anderen Initiativen.
Mehr zu dieser Thematik in V&R im September-Heft 2022 von Dr. Klaus-Dieter Müller sowie von Frank Andert in der Ausgabe von Januar 2025.
Gesucht werden auch Paten für Stolpersteine, das sind aufmerksame Mitmenschen, die auf die Steine achten, öfter mal vorbei schauen, sie putzen und Schäden melden.
Burkhard Zscheischler
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Spendenkonto bei der Stadt Radebeul:
IBAN: DE97 8505 5000 3100 0031 00 (Sparkasse Meißen)
Betreff: 831000 – Stolpersteine
https://www.radebeul.de/stolpersteine




