Radebeuler Miniaturen

Hoffnungs Los

Ich seh noch die Birke, sagt er auf dem Weg zur Straßenbahn. Ich war ja noch nicht in der Schule damals, aber ich erinnere mich an diesen einen Moment ganz genau. Ich seh die Birken vor mir und höre den Gesang der „Elektrischen“ – klingt ganz anders als heute, manchmal siehst du ja die alten Kisten noch.
Großvater, sagte er, da saßen wir schon in der Bahn nach Norden raus, Großvater behauptete immer, noch Pferdebahnen in Dresden gesehen zu haben. Deshalb fuhren wir mit der „Elektrischen“, wenn wir mit ihm fuhren. Ich denke ja, er kannte die Pferdebahn auch nur noch vom Erzählen, ist ja alles lange her inzwischen, aber dabei gewesen bin ich natürlich auch nicht.
Aber ich war dabei, wenn er vom Krieg erzählte, der Großvater, „anno 16“ ist er ausgezogen, „ins Feld“, wie er sagte. Ich hatte ja keine rechte Vorstellung, was das bedeutete, „ins Feld“. Für mich begann das Feld gleich hinterm Zaun. Der Bauer konnte keine einzige Kartoffel ohne meine Hilfe ernten und keine Kornpuppe aufstellen ohne mich. Das Feld war für mich ein Stück Leben.
Großvaters Feld lag irgendwo weit draußen, hinter geheimnisvollen, fremden Namen, die ich mir nicht merken konnte. Mitten in der Nacht seien sie angekommen, erzählte er immer, und gleich in die Gräben geschickt worden, in denen sie kaum laufen konnten, weil überall Leichen rumlagen. Immer zu den Geburtstagen hat er das erzählt, der Großvater, wenn er die Familie bei Kaffee und Kuchen vollständig um sich versammelt wußte.
Eine Weile ist Schweigen in der Bahn. Seit Kindertagen, sagt er dann, und um die geht es ja heute, sind wir – wenn wir nicht mitm Großvater in der „Elektrischen“ saßen – mit der „8“ gefahren. Das war damals schon die Linie, die zu uns rauf fuhr. Das war gar nicht so einfach, für mich als ein Kind, das grade zählen lernt, das auseinanderzuhalten: 8haben, 8geben, in 8nehmen und dann mit der 8 fahren … Ich wußte nie, wem ich die 8 hätte geben sollen, wenn ich eine gehabt hätte, aber ich sollte ja dauernd 8haben! Mein Vater, fährt er nach einer Weile fort, ist als Kind auch schon mit der „8“ gefahren. Aber vom Krieg hat er wenig erzählt, vermutlich wußte er, warum. Schmerzen hat er gehabt, sein Leben lang Schmerzen, und auf die Ärzte hat er geschimpft, sein Leben lang, die nichts gefunden haben, weil nichts zu finden war – das war der Krieg. Naja.
Inzwischen ist die „8“ schon fast „aus der Stadt“ rausgefahren. Sie hat den ersten Anstieg bewältigt, das (ehemalige, aber heute noch so genannte) Industriegelände passiert, die Eisenbahnbrücke überwunden, quert eben den Heller, um gleich in die Junge Heide einzutauchen. Da packt er mich am Arm und ruft, hier, hier wars …
Die Birken sehen noch fast so aus wie damals. Da sind wir genau so wie wir jetzt aus der Stadt raus gekommen, aber es war eine kaum zu atmende Luft in dem Kasten. Das Geraune, ich hab ja mit meinen grade mal fünf Jahren nicht viel verstanden, ging um die beschlossene oder bevorstehende Einführung der „allgemeinen Wehrpflicht“. Heute würde ich sagen, eine Scheißstimmung war das. Und hier, genau an der Stelle, die ich dir gezeigt habe, da dachte es plötzlich in mir, „BIS ICH SO ALT BIN, IST DAS WIEDER ABGESCHAFFT“.

Es war die größte aller Hoffnungen, die ich je hatte – und sie ist natürlich bitterst enttäuscht worden…
Aber jetzt, sagt er, wie wir aussteigen und die „8“ allein weiterfahren lassen, jetzt müssen wir sehn, daß wir irgendwo ein Bier bekommen, denn, was die Zukunft angeht …

Thomas Gerlach

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