24. Thematischer Filmclubabend


„In dem hier dargestellten Film geht es um die merkwürdige Geschichte des Eisenbahners Platow, der Anfang der siebziger Jahre unseres Jahrhunderts von der Technik um seinen Schrankenwärterplatz gebracht wurde und entgegen aller damaligen Erfahrungswerte auf ziemlich beispiellose Weise im Alter von 57 Jahren das Leben lernte.“

Bereits der Text im Vorspann lässt erahnen, dass es sich bei dem DEFA-Film „Das zweite Leben des Friedrich Wilhelm Georg Platow“ um eine recht eigenwillige Satire handelt.

Als der Regisseur Siegfried Kühn (geb. 1935) im Filmstudio Babelsberg auf den Stoff stieß, welcher von dem Schriftsteller Helmut Baierl (1926–2005) stammte, war er sofort begeistert. Gemeinsam mit Baierl schrieb er das Drehbuch. Die Besetzung des Eisenbahners durch den Darsteller Fritz Markquart (1928–2014), der bereits 1970 unter der Regie von Kühn in dem DEFA-Film „Zeit der Störche“ einen Schrankenwärter sehr überzeugend verkörpert hatte, lag nahe. Die Probeaufnahmen waren bereits „im Kasten“, doch es regte sich von einflussreicher Stelle Widerstand. Man wollte die Rolle mit keinem so „kauzig“ anmutenden Typen besetzen. Kühn jedoch setzte sich durch und er sollte Recht behalten. Fachleute aus der Filmbranche lobten das Spiel von Fritz Marquardt als „herausragend“. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Marquart leider nur in wenigen Filmen als Darsteller zu sehen ist, da er auch als Dramaturg, Regisseur, Dozent und Intendant tätig war.

Rückblicke auf verschiedene Lebensabschnitte und einschneidend tragische Ereignisse werden mit einem Anflug von Ironie kommentiert. Collageartige Einblendungen aus dem Zirkusmilieu eröffnen eine weitere psychologische Ebene. Im Lexikon der DDR-Stars heißt es: „Filmsatire zwischen brechtscher Dialektik und valentinesker Komik“. Schwarzweiß Aufnahmen wechseln mit Farbaufnahmen und die Filmmusik wiederum wechselt zwischen Klassik und Rock.

Der Film- und Theaterschauspieler, Hilmar Baumann (1939–2018) verkörpert den jungen Platow. Auch er beweist sein komödiantisches Talent. Allein der ungleiche Schaukampf mit einem Rummelringer, um der Angebeteten zu imponieren, ist sehenswert.

Sein Publikum fand der Film hauptsächlich durch Mundpropaganda. Bereits vor der Premiere wurde dieser von offizieller Seite kritisiert, da er die Arbeiterklasse angeblich verzerrt darstellen würde. So lief der Film ab 1. Juni 1973 ohne vorherige Premiere in wenigen Kopien ausschließlich in kleinen Studiokinos an. Kühn erinnerte sich an die Aufführungen in Leipzig und Berlin. Das Publikum war zahlreich und aufgeschlossen. Es gab viel Szenenbeifall. Erstmals wurde der Film 1977 im DDR-Fernsehen und 1996 im gesamtdeutschen Fernsehen gezeigt.

DEFA-Spielfilm „Das zweite Leben des Friedrich Wilhelm Georg Platow“
1973, DDR, 86 Minuten, Farbe, FSK 6

Regie: Siegfried Kühn; Drehbuch: Helmut Baierl, Siegfried Kühn; Kamera: Roland Dressel; Schnitt: Brigitte Krex; Musik: Hans Jürgen Wenzel; Gastauftritt: Puhdys; Besetzung: Fritz Marquardt (Platow), Hilmar Baumann (Platow jung), Gisela Hess (Malvine), Jürgen Holtz (Lehrer Schildt), Volkmar Kleinert (Ditfurt), Rolf Hoppe (Dr. Hoppe), Dieter Franke (Rennmark) u. a.

Handlung: Der Schrankenwärter Platow döst vor sich hin. Die Schranke ist geschlossen und davor steht eine endlos scheinende Autoschlange. Alle sind nervös, nur Platow lässt ich nicht aus der Ruhe bringen. Er ist jetzt 54 Jahre alt und seit 34 Jahren Schrankenwärter. Doch nun soll die Strecke elektrifiziert werden und Platow gilt als nicht fortbildungsfähig. Als Alternative bliebe ihm lediglich der Dienst an einem Nebengleis. Derart in die Enge getrieben fasst Platow einen unerhörten Entschluss. Obwohl er dafür eigentlich zu alt ist, will er nun doch an einem Qualifizierungslehrgang teilnehmen. Er schlüpft in die Rolle seines Sohnes. Utensilien wie Lederjacke, Jeans und Sonnenbrille sollen ihn verjüngen. Obwohl ihn nur wenige durchschauen, kann er sein wahres Alter nicht permanent kaschieren. Mit dem Lernstoff tut er sich schwer und eine Prüfung am Simulator vermasselt er total. Am Aufgeben hindern ihn seine Gefühle für die wesentlich jüngere Malvine. Schließlich fliegt das Ganze auf. Der Betrugsfall sorgt für Aufsehen. Die Schule ist blamiert und ein Reporter beabsichtigt, vom Skandal reißerisch zu berichten. Doch Platow ist mit seinen Gedanken bereits woanders.

Als er an einem alten Bahnhof eine defekte Draisine entdeckt, erwacht seine Eisenbahner-Leidenschaft für die traditionelle Mechanik und er will das Gefährt unbedingt in Gang setzen und an ein Museum übergeben. Also setzt er die restaurierte Draisine auf die Schienen und fährt mit ihr los. Durch die neu eingeführte elektronische Schaltung blockiert er automatisch die Strecke und erzeugt ein heilloses Durcheinander. Die Männer in der Schaltzentrale erkennen, dass auf den Gleisen eine Person unterwegs sein muss, die sich mit der neuen Technik bestens auskennt. Triumphierend fährt Platow an der Schaltzentrale vorbei.

Platow ist im zweiten Leben angekommen. Inmitten dahinhastender Menschen sieht man, wie er, zwar noch immer in der alten Eisenbahneruniform, im belebten Bahnhofsgebäude einer Großstadt umsichtig, aufgeschlossen und freundlich „seinen Dienst“ verrichtet.

Karin Baum und Michael Heuser
Sprecher der Cineastengruppe „Film Club Mobil“ im Radebeuler Kultur e. V.

Anmerkung: unter Verwendung von verschiedenen Filmbegleitmaterialien und Wikipedia-Eintragungen

Filmclubabend am 22. Oktober 2026, um 19 Uhr, im Alchemistenkeller der Alten Apotheke, Altkötzschenbroda 48, 01445 Radebeul, Reservierungen ab sofort unter 0160-1038663

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