Korrespondenz aus einer Nachbargemeinde

Wir steigen aus der S1 bei Canaletto aus und meinen natürlich den „Falschen“, also Bernardo Bellotto, (*1721/22 Venedig, +1780 Warschau). Die Stadtansichten von Pirna hängen im Original in Dresden, Alte Meister, 2. Stock. In der Pirnaer Bahnhofshalle kann man sie reproduziert an den Wänden betrachten und die Motive gleich in der Stadt – kleiner Fußmarsch von 15 Minuten, oder Buslinien G und L – in natura bewundern. Es sieht aus wie vor 300 Jahren, als der Maler hier seinen Pinsel schwang. Genial. Stadtführungen kann man buchen, ich mag einige Punkte benennen. Es lohnt sich, am Marktschiffbrunnen von Jan Witte-Kropius, aufgestellt 2016, zu verweilen und das Figurenensemble zu studieren. Mich amüsiert immer der in Pirna geborene Ablasshändler Johann Tetzel (1460 – 1519). „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.“ Eben sind mal 500 Jahre Fegefeuer erlassen und der Petersdom in Rom wieder um ein paar Steine gewachsen. Heute nennt man das wohl Crowdfunding.

Für das Tom-Pauls-Theater muss ich keine Reklame machen, es ist schwierig, überhaupt Karten zu kriegen. Aber allein die Wiederherstellung des vermutlich ältesten Baumeisterhauses Deutschlands, sehr zeitiges 16. Jh., nötigt Respekt ab. Sollten Sie in Ilses Kaffeestube nach einigen Schelchen Heeßen mal müssen müssen – Achtung, es geht treppab. Und bevor sie die eigentlichen Örtlichkeiten erreicht haben, fallen Sie aus der Renaissance zurück ins Mittelalter. Der ausgegrabene Brunnen stammt offensichtlich von einem Vorgängerbau. Die Klos sind dann wieder Hightech. Tafeln wie „Hier weilte Goethe, Napoleon, Schiller…“ – wer kennt die nicht. An der Südseite des Marktplatzes wird aber eines Mannes gedacht, mit dem ich noch zusammengearbeitet habe: Karl-Heinz Hanicke, Kapellmeister (1921 – 2013), geehrt von seiner Stadt. Hunger und vor allem Durst melden sich. Oh Schreck, beim Blick ins Portemonnaie wird schnell klar, dass es nur noch für die urige Kneipe „Zur armen Sau“ reicht, Barbiergasse 9.

Tobias Märksch

P.S.: Planen Sie schon einmal einen Besuch auf dem Canaletto-Weihnachtsmarkt nach Einbruch der Dunkelheit ein. Die Häuser sind dann farbig illuminiert, die Atmosphäre bilderbuchhaft.

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