Um die Weinbergstraße 46

Wenn ich mich heute einem Wohnhaus aus den 30er Jahren des 20. Jh. zuwende, hat das vor allem mit der guten Lage, mit dem landschaftlichen Einfügen des Hauses an einem Südhang der Lößnitz zu tun. Ein Makler würde sagen, den Wert eines Hauses macht die Lage aus, dann kommt die Lage und die Lage. Zweifellos gibt es auch vom Haus, einem großen Einfamilienhaus von 1934, ein paar Worte zu sagen, aber da kann ich mich hier kürzer fassen. Keinesfalls möchte ich mich in Naziarchitektur vertiefen, denn dieses Haus, obwohl 1934 gebaut, entspricht kaum diesem Begriff, es hätte in der Form auch in den späten 20er Jahren so gebaut worden sein können. Zu dem Thema müsste man Beispiele in Nürnberg oder Berlin suchen, nicht in Radebeul. Der Haustyp – rechteckiger Grundriss, zweigeschossig mit Walmdach – leitet sich eher von den Winzerhäusern (z.B. „Haus Lorenz“, Weinbergstr. 28) ab und könnte dem Heimatstil zugerechnet werden und passt, wie auch Retzschgasse 7, Weinbergstr. 16a, 46 u. 51 (alle aus den 30er Jahren) somit sehr gut in das Gesamtbild der Weinbergstraße. In die Hausgeschichte spielen viele Namen rein, man muss beim Lesen schon etwas aufpassen.

Bild mit Weinberg und Hang
Bild: D. Lohse


1934 wurde vom sehr großen Grundstück des „Haus in der Sonne“ (Weinbergstr. 44) der untere Teil abgetrennt und von den Lehrerinnen Herta und Helene von Loeben als späterer Altersruhesitz erworben. Sie waren Schwestern und die Schwägerinnen des Dresdner Fabrikanten Ottomar Heinsius von Mayenburg, dessen Firma, die Leowerke auf der Königsbrücker Straße, früher die Chlorodont-Zahnpasta hergestellt hatte. Die beiden Damen wohnten da noch bis in die 50er oder 60er Jahre. Der Verkauf des Grundstücks kam dem Besitzer des Hauses in der Sonne, Architekt Martin Hammitzsch, damals gerade recht, weil in der Zeit sein Büro nicht so gut lief, da die Nazis ihm immer noch übel nahmen, dass er 1912 das orientalisch anmutende Gebäude des Tabakkontors „Yenidze“ in Dresden entworfen hatte – diese warfen ihm, obwohl selbst in der NSDAP, damit undeutsche Architektur vor. Mit dem Entwerfer der Weinbergstr. 46 war ich mir lange Zeit fast sicher, es kann nur der bekannte Architekt Prof. Georg Heinsius von Mayenburg (er plante ua. den barocken Rückumbau von Schloss „Wackerbarths Ruhe“ in Radebeul), der Bruder des o.g. Dresdner Fabrikanten gewesen sein, weil das ja in der Familie nahe lag. Stilistisch aber gab es doch leise Zweifel, denn mit Neobarock hat das betrachtete Haus nichts zu tun. Inzwischen weiß ich, dass der Professor von 1870 bis 1930 gelebt hat und somit kaum als Entwerfer dieses Wohnhauses für seine Verwandtschaft in Frage kommt. Auch die Bauakte ist nicht hilfreich, mehrfach unterschreibt 1934 ein Bauleiter die Briefe mit Originalbriefkopf G. H. von Mayenburg. Die Zuschreibung bleibt also offen. Am Ende des Textes füge ich eine Theorie zur Frage des möglichen Architekten des Wohnhauses an.

Bauzeichnung
Bild: Stadtarchiv Radebeul


Wenden wir uns nun dem Wohnhaus, man könnte auch von Villa sprechen, der beiden ehemaligen Lehrerinnen zu. Das Haus ist von der Straße weit abgerückt – eine einheitliche Bebauungslinie existiert in dieser Straße nicht. Es ist solide mit bewährten Baumaterialien gebaut, die Zeit der zwanziger Jahre als man neue, billigere Materialien suchte, war überwunden. Über einem Natursteinsockel (Meißner Granit) wurde ein zweigeschossiger Rechteckkubus mit Ziegeln aufgemauert und verputzt, darüber ein hohes, mit roten Biberschwanzziegeln gedecktes Walmdach. Dazu kamen verschiedene Anbauten: auf der Südseite eine große Terrasse mit Veranda und noch einer Terrasse im OG über der Veranda, ein Balkon auf der Ostseite sowie einem Eingangsvorbau im Norden und dem nordwestlichen Anbau, der Gärtnerwohnung. Das Dach hatte kleinere Satteldachgaupen und auf den Giebelseiten Gaupen in der Art von Ochsenaugen. Ich bedaure, dass die hölzernen Fensterklappläden, durchaus ein Bestandteil des Entwurfs, nach mehreren Sanierungsphasen nun fehlen. Die Südansicht in der Bauakte zeigt im OG eine Sonnenuhr (aufgemalt oder als Sgrafitto geplant), schade, dass sie nicht zur Ausführung kam. Wir sehen bis etwa 2000 ein Gebäude vor unseren Augen, solide gebaut, ausgewogen in den Proportionen und Putzflächen in rötlichem Ocker. Über viele Jahre war an der Südseite der Villa im Frühjahr die Glyzinie (Blauregen) ein besonderer Hingucker. Sie war vor der großen Terrasse gepflanzt worden und wuchs bis in die 1. Etage hinauf. Diese kräftige Pflanze, die bei der letzten Sanierung abgenommen werden musste, hatte über die Jahre sogar die Stahlgeländer verbogen und zerstört. Das Haus ist in Privatbesitz und ist als Kulturdenkmal eingestuft worden, aber kann heute wohl nicht mehr als Einfamilienhaus gelten. Es sind über die Jahre mehrere Garagen aber auch ein Schwimmbad gebaut worden – das Grundstück empfindet man aber immer noch als recht groß und kann die hinzugekommenen baulichen Wünsche verkraften. Beim Versuch, ein aktuelles Foto zu „schießen“, hatte ich Schwierigkeiten weil das Grundstück über der Stützmauer an der Straße durch dichte Anpflanzungen nicht mehr einsehbar ist. Das hängt sicherlich mit dem Schwimmbad dahinter zusammen und dass die Badenden von der Straße nicht gesehen werden möchten. Als Denkmalpfleger möchte man aber wenigsten in Teilen sehen, was das Denkmal ausmacht. Da gibt es aber noch ein paar andere, ähnliche Beispiele in Radebeul, wo diesbezüglich Wünsche der Erkennbarkeit des Denkmals leider offen bleiben.

Schrägansicht
Bild: D. Lohse


Es wurmt einen Häusererklärer wie mich schon, wenn er so eine zentrale Frage, wer hat`s geplant, wer hat`s gemacht, nicht schlüssig mit einem Namen beantworten kann. Natürlich habe ich auch in der Denkmaltopografie von Radebeul nachgeschlagen, aber Dr. Volker Helas ist sich auch nicht ganz sicher. Er tippt auf Dr. Alfred Tischer – er war ein Radebeuler Architekt und hat auf der Weinbergstraße 16a 1936 für den Lehrer Rudolf Wirth ein kleineres Haus geplant. Helas sieht aber beim Vergleich der Häuser Eduard-Bilz-Str. 54, da ist Tischers Entwurf belegt, und Weinbergstr. 46 so viel Ähnlichkeit, dass er auch die Weinbergstr. 46 Tischer zuschreibt. Aber auch Helas, den ich ansonsten als Kunsthistoriker sehr geschätzt habe, könnte sich mal geirrt haben … . Deshalb möchte ich der Aussage von Helas eine andere Theorie entgegen stellen.

Im Dresdner Elbhangkurier von 2022 fand ich den Aufsatz von Eberhard Münzner über Arch. Maximilian Heinsius von Mayenburg (1910-1945), den Sohn vom og. Georg H. v. Mayenburg. Er studierte an der TH Dresden von 1929 bis 1935 Architektur und könnte zwar 1934 den Entwurf für das Haus in Radebeul gemacht haben, hätte ihn aber als Noch-Student nicht bei der Bauverwaltung einreichen dürfen, weshalb in der Bauakte nur der Name des Bauleiters auftaucht. Stilistisch liegen das von ihm entworfene Wohnhaus Weinleite 6 (um 1940) in Dresden und die Weinbergstraße 46 in Radebeul auf einer Linie. Das Dresdner Entwurfsbüro von Maximilian H. von Mayenburg bestand nur von 1936 bis 1940, weil er 1940 eingezogen wurde und am Ende des Krieges gefallen ist. Ob sich eine der beiden Theorien durch Dritte noch bestätigen lässt, steht in den Sternen.

Ich bedanke mich bei der Radebeulerin Theresia Blaschke, die eine Zeit lang als Mieterin mit ihrem Mann in dem Hause gewohnt hat und mir eine Anregung zu dem Aufsatz gab, dem Loschwitzer Denkmalschützer Eberhard Münzner für Auskünfte zur Familie Heinsius von Mayenburg sowie bei Dr. Maximilian Claudius Noack, Meißen, zu anderen Arbeiten des G. H. v. Mayenburg. Leider gelang es mir nicht durch Klingeln am Tor den Kontakt zur Eigentümerfamilie Sammeck herzustellen – kann auch damit zusammen gehangen haben, dass meine Recherche in die Urlaubszeit fiel. Vielleicht hätte ich da noch ein weiteres Mosaiksteinchen zur Baugeschichte des Hauses erfahren können.

Jeder Betrachter „unseres“ Hauses Weinbergstraße 46 würde es ohne Weiteres akzeptieren, wenn der Name „Haus in der Sonne“ sich auf diese Adresse beziehen würde und nicht auf die Weinbergstraße 44, die diesen Namen wirklich trägt!

Dietrich Lohse
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Quellen: Denkmaltopografie Radebeul, Dr. Helas ua., Sax-Verlag, 2007, S. 302
Elbhangkurier, Dresden, Okt. 2022, S. 16-18

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