Es sind nur einige wenige Bilder und Zeichnungen, die hier gezeigt werden können, Andeutungen zu einem reichen, vielgestaltigen Lebenswerk. Vor allem sehen wir Bilder von Menschen – die Familie, Porträts von Freunden, Bekannten, Auftraggebern, dazu einige gezeichnete Figuren, Porträts und Akte. Und wir begegnen dem Künstler selbst. Auf einem der Bilder zeigt er sich bei der Arbeit, mit seiner großen Palette. Was für ein Bildnis – die Augen weit offen, der Blick in den Spiegel scheint ihn selbst zu erschrecken, der Dargestellte in höchster Konzentration, unglaublich lebensecht: Ein Selbstbildnis von Christoph Wetzel aus jüngster Zeit – so hat er sich gesehen, in diesem Augenblick.
Wetzel malt und zeichnet, was er sieht — und das Sichtbare wird für uns, als Betrachter, zum Erlebnis, als Bild, das sich behauptet, durch die Qualität seiner Malerei, neben der geschilderten Realität. Manchmal sind seine Werke bis ins Detail ausgeführt, gestochen scharf, dann wieder ist er spontan, im Augenblick zupackend, und malt mit freiem Pinselstrich, wie entfesselt. Zeichnungen und Gemälde, Bauten, das Dresdner Schloss, stilllebenhaft geordnete Dinge und Menschen; und wir folgen dem Künstler in diese von ihm erschaffene Bild-Welt. Menschenbilder – das Thema der Ausstellung fokussiert hier auf eine Gruppe von Werken, wohl auf die wichtigste in seinem Schaffen. Es verweist auf das Festhalten am erkennbaren Menschenbild.
Christoph Wetzel geht seinen Weg – unbeirrt. Eine solche künstlerische Haltung beruht auf Voraussetzungen: auf genauer Beobachtung der Wirklichkeit, und bei ihm auch auf Kenntnis und Verehrung alter Malerei. Es beruht gleichzeitig auf technischer Perfektion und malerischer Virtuosität. So zu malen, das muss man können; er kann es. Und noch etwas ist wichtig: Seine Gemälde handeln von Menschen und von ihren Schicksalen, auch von seinem eigenen. Da bleibt es nicht einfach nur beim äußerlichen Bildnis, bei der Erkennbarkeit. Die versteht sich bei ihm von selbst.
Fragt man nach der künstlerischen Entwicklung von Christoph Wetzel, dann zeigt sich von Anfang an und bis heute, bei wechselnden malerischen Mitteln, eine erstaunliche Bindung an das Sichtbare, an die Gegenwart. Und gleichzeitig verwirren die Gemälde bisweilen, weil sie an Malerei aus vergangenen Epochen erinnern — und sie sind doch heutig. Und manchmal kann er auch, ganz hingegeben an sein Gegenüber oder an den jeweiligen Gegenstand der Darstellung, alle Vorbilder vergessen. Anregungen hat er beispielsweise in der Dresdner Gemäldegalerie gefunden, aber natürlich nicht nur dort. Überzeugende Kopien alter Gemälde weisen ihn als Maler aus, der es versteht, auf die Eigenarten unterschiedlicher Meister einzugehen.
Christoph Wetzel ist einem größeren Publikum weit über Sachsen hinaus dadurch bekannt geworden, dass er in den Jahren 2004/05 die Kuppel der wieder aufgebauten Dresdner Frauenkirche ausgemalt hat: vier Evangelisten und vier christliche Tugenden in unterschiedlich großen Bildfeldern, dazu acht biblische Szenen in augentäuschender Art, alles orientiert am Vorbild der 1736 entstandenen, seit dem Zweiten Weltkrieg verlorenen und nur im übermalten Zustand fotografisch dokumentierten Originale des venezianischen Malers Giovanni Battista Grone. Die beeindruckenden Nachschöpfungen, eine gewaltige Leistung, haben nicht nur hier, sondern auch in Polen Bewunderung gefunden und zu weiteren großen Aufträgen geführt.
Christoph Wetzel stammt aus einem protestantischen Pfarrhaus; nie hat er diese Herkunft vergessen, die sein Leben prägte. Seit seiner Studienzeit an der Hochschule für Bildende Künste Dresden ist die Gemäldegalerie Alte Meister von Christoph Wetzel immer wieder besucht worden. Hier hat er sich anregen lassen und hat Vorbilder gefunden: Lucas Cranach und Jacopo de’ Barbari seien besonders genannt, denen er große Bild-Variationen gewidmet hat. Doch die Bewunderung blieb nicht auf diese Künstler beschränkt. Seine erstaunliche Fähigkeit, sich hineinzudenken in alte Meisterwerke, hat immer wieder dazu geführt, dass Kopien bei ihm in Auftrag gegeben wurden, häufig Bildnisse, aber auch wandfüllende Malereien, so für das Fasanenschlösschen in Moritzburg.
Zwischen Erfindung und Nachbildung, zwischen Inspiration und Imitation ist die Malerei von Christoph Wetzel, ist wahrscheinlich alle Kunst angesiedelt, als Zeichen oder Symbol, als Allegorie oder als Abbild — und doch ist Kunst in ihrem Wesen durch solche Feststellungen nicht erklärt. Ahnungen und Hoffnungen, Ängste und Beklemmungen werden ausgelöst — und bisweilen ist es auch Glück, oder sind es Träume, was aus den Bildern spricht. Nicht die Technik und nicht die Malweise erscheinen dabei wichtig, ob Zeichnung, Malerei oder plastisches Bildwerk, sondern wichtig ist für uns allein dieses Erlebnis einer Kunst, die Spiegel der Welt ist — und die neue Welten erschafft in ihren Werken.
Er sei vor allem ein Menschenmaler, sagt Christoph Wetzel von sich selbst, und besondere Intensität haben seine Gemälde immer dann, wenn sie direkt vor dem Modell entstanden sind. Man spürt in den Porträts, wie der Künstler dem Gegenüber – bei Selbstbildnissen dem Ich im Spiegel – regelrecht verfällt, allen Nuancen in der Modellierung der Oberfläche und allen noch so feinen Variationen in Farbton und Licht nachspürt. Gleichzeitig aber dringt er vor zu dem, was die Oberfläche nur ahnen lässt oder aber verbirgt: zum Charakter. Ganz besonders trifft das auch auf die Selbstbildnisse zu. Sie offenbaren etwas von der jeweiligen Seelenlage des Künstlers.
Zuerst hatte der 1947 in Berlin geborene Künstler 1965 eine Steinmetzlehre aufgenommen, nebenher auch Abendkurse für Bildhauerei an der Kunsthochschule Berlin Weißensee besucht, wollte er doch ursprünglich Bildhauer werden. An die Dresdner Kunsthochschule ist er 1967 gekommen, hat bei Gerhard Kettner und bei Fritz Eisel studiert, und 1973 hat er sein Diplom als Wand- und Tafelmaler erhalten. Bei dem Künstleranatomen Gottfried Bammes konnte er an der Kunsthochschule, zeitweise als Lehrender, seine Kenntnisse im Aktzeichnen vervollkommnen und weitergeben.
Nach Beendigung des Studiums hat Christoph Wetzel die Beziehung zur Dresdner Gemäldegalerie intensiviert und 1973/74 sogar eine postgraduale Restauratorenausbildung begonnen, dann allerdings abgebrochen, weil er seine schöpferische Tätigkeit als Maler und Zeichner nicht soweit eingeschränkt sehen wollte, wie es die Arbeit als Restaurator mit sich gebracht hätte. Stattdessen war er in den Jahren 1974 bis 1977 durch intensive Lehrtätigkeit mit der Hochschule für Bildende Künste Dresden verbunden und von 1982 bis 1986 in solcher Funktion mit der Staatlichen Porzellanmanufaktur in Meißen.
Der offensichtliche gestalterische Rückbezug vieler Bilder von Christoph Wetzel macht deutlich: Alte Kunst ist Teil seines Lebens, kann ihm den Atem verschlagen und Gegenwart werden, eine künstlerische Welt, die figurativ und gegenständlich bleibt, gebunden an das Sichtbare und Erkennbare: ein Maler in heutiger Zeit — aber innerlich und formal verknüpft mit großen Vorbildern, die ihn beeinflusst und geprägt haben.
Christoph Wetzel malt — und zweifelt, auch an sich selbst, und er ist immer noch auf der Suche nach dem Ort, der seine tatsächliche und seine künstlerische Heimat sein oder werden könnte. Noch ist nichts endgültig, auch in seinem Werk nicht: Weiterhin will er, indem er Äußeres zeigt, auch Inneres sichtbar machen. Das zu vermitteln, dabei soll und kann diese Ausstellung helfen, der ich allen verdienten Erfolg wünsche.
Harald Marx
Der Text ist eine gekürzte Version der Eröffnungsrede von Prof. Dr. Marx am 23. 8. 2026. Die Ausstellung »Dialoge & Kontraste. Menschenbilder von Christoph Wetzel aus fünf Jahrzehnten« läuft noch bis zum 22. November im Bergverwalterhaus und im Lusthaus der Hoflößnitz in Radebeul, Knohllweg 37, Di–So 10 bis 18 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Begleitheft erschienen (32 S. mit zahlreichen Abb., 3 Euro).


