Dabei und Mittendrin oder ein kleiner Exkurs in Sachen Kunst
Radebeul, zentral gelegen zwischen Dresden und Meißen, übt seit jeher auf musisch ambitionierte Menschen eine große Anziehungskraft aus. Natur und Architektur verschmelzen in diesem zerrissenen Konglomerat aus zehn Ursprungsgemeinden zu einer glücklichen Symbiose. Bauliche Entgleisungen ließen sich zwar nicht verhindern, haben jedoch noch keine Dominanz. Und so wird die Lößnitzstadt als eine schöne und ruhige Stadt empfunden, die aus ihrer reichhaltigen Substanz heraus und im beständigen Austausch mit der Kunst- und Kulturmetropole Dresden, als auch mit dem lebendig agierenden Umland beständig neue Impulse empfängt.
Mit über 50 ortsansässigen Bildenden Künstlern nimmt die Lößnitzstadt bis heute eine Sonderstellung ein. Allerdings haben auch hier mehrere Generationswechsel ihre Spuren hinterlassen, und einige Wermutstropfen trüben die Radebeuler Idylle, denn die Mieten für Wohn- und Atelierräume muss man sich leisten können. Eine akute Problematik, mit der sich Politik und Verwaltung dringend auseinandersetzen sollten.
Nicht mehr zu übersehen ist allerorts das rasante Sterben von kommunalen und privaten Galerien. Veranstaltungen wie Grafikmärkte gewinnen als Präsentations-, Verkaufs- und Kommunikationsorte zunehmend an Bedeutung. Damit einher geht das beständige Ringen um künstlerische Vielfalt und Qualität.
Im Elbtal haben sich gleich drei Grafikmärkte etabliert und über einen langen Zeitraum behaupten können. Dass alle im Herbst stattfinden, hat sich nunmehr eingespielt und tut der Kauflaune keinen Abbruch. Während Mitte September der 25. Meißner Grafikmarkt den Auftakt bildete, folgen nun am 1. Sonntag im November der 48. Radebeuler Grafikmarkt und am zweiten Novemberwochenende der 45. Dresdner Grafikmarkt, welcher in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert. Wer sich für den augenscheinlichen Widerspruch interessiert, wird auf der Vereinshomepage fündig. Ein interessanter Aspekt ist natürlich auch, welche Struktur den Grafikmärkten zugrunde liegt. Während der Meißner Grafikmarkt von der Albrechtsburg Meißen gemeinsam mit dem Freundeskreis Albrechtsburg Meißen e.V. veranstaltet wird, gründete sich im Jahr 2012 der Dresdner Graphikmarkt e.V., um den traditionsreichen Graphikmarkt für die Stadt Dresden zu erhalten. Der Radebeuler Grafikmarkt wiederum befindet sich seit 1990 in städtischer Regie. Die Federführung obliegt bis heute der Stadtgalerie. Veranstalter ist die Stadtverwaltung Radebeul, die sich zu „ihrem Grafikmarkt“ und „ihrer Stadtgalerie“ ausdrücklich bekennt.
Die Anregung in Radebeul einen Grafikmarkt zu etablieren, stammte von dem Bibliothekar Fritz Treu (1908 – 2009), dem damaligen Vorsitzenden der Pirckheimer-Gesellschaft Dresden/Radebeul. In der Kreissekretärin des Kulturbundes, Erika Claus (1928 – 2013), hatte er über viele Jahre eine aktive Verbündete gefunden. Zuverlässige Unterstützung gewährten der Buchhändler Manfred Artur Fellisch und der Kunstwissenschaftler Glaubrecht Friedrich. Nicht zuletzt waren natürlich auch die Künstler an einer Präsentations- und Verkaufsmöglichkeit sehr interessiert. Der erste Grafikmarkt startete am 20. und 21. Oktober 1979 mit 24 Teilnehmern im Festsaal des Radebeuler Rathauses, welchen die Stadtverwaltung kostenlos zur Verfügung gestellt hatte. Nur einmal fand der GM in der EOS Juri Gagarin statt. Das war im Jahr 1989. Als sich die Radebeuler Ortsgruppe des Kulturbundes unmittelbar danach in Auflösung befand, übernahm 1990 die Stadtgalerie in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs die Federführung. Zunächst war man sehr skeptisch. Im kulturellen Monatsheft „Vorschau & Rückblick“ hieß es im Dezember 1990 „Radebeuler Grafikmarkt – nur noch eine Legende?“. Aber einen Versuch wollte man wagen. Am 9. Dezember kehrte der 12. Radebeuler Grafikmarkt in den Festsaal des Rathauses zurück. Doch schon bald platze der Grafikmarkt aus allen Nähten. Das gegenüberliegende Schulgebäude wurde in die Veranstaltung mit einbezogen. Die bevorstehenden Umbaumaßnahmen im Rathaus und Schule stellten die Organisatoren 2015 vor die Entscheidung: Lassen wir den Grafikmarkt künftig ausfallen oder finden sich für diese traditionsreiche Veranstaltung an anderer Stelle in der Stadt Radebeul geeignete Räumlichkeiten?
Schließlich besann man sich auf die Elbsporthalle in Radebeul West, die sich schon mehrfach als Konzert- und Ausstellungshalle bewährt hatte. Die gesamte Präsentationsfläche ist nun barrierefrei erreichbar und bietet wesentlich mehr Platz. Die Künstler sind vor Ort, verkaufen ihre Werke selbst und haben für Fragen zu ihrem künstlerischen Schaffen ein offenes Ohr. Das Angebot ist vielfältiger geworden. Neben Druckgrafiken sind Handzeichnungen, Aquarelle, Fotografien, Scherenschnitte, Collagen, Künstlerbücher, Plakate, Kunstpostkarten, Kunstkalender und Kataloge im Angebot.
Immer mehr junge Menschen besuchen die Grafikmärkte und haben Freude daran, ein erschwingliches Originalkunstwerk zu besitzen. Auch die künstlerische Druckgrafik gewinnt wieder an Bedeutung. Ja selbst die Künstlerschaft hat sich merklich verjüngt und verleiht dem Grafikmarkt ein frisches Flair. Doch das eine schließt das andere nicht aus.
So werden zum Radebeuler Grafikmarkt auch Werke aus den Nachlässen verstorbener Künstler angeboten. Darunter befinden sich Arbeiten von vier Künstlern, welche bereits am ersten Radebeuler Grafikmarkt im Jahr 1979 beteiligt waren: Liselotte Finke-Poser (1925-2025), Gunter Herrmann (1938-2019), Horst Hille (1941-2015) und Günter Schmitz (1909-2002).
Von insgesamt 95 Künstlern, die in diesem Jahr ihre Teilnahme am Radebeuler Grafikmarkt zugesagt haben, stammen 17 Künstler aus Radebeul, 44 Künstler aus Dresden sowie weitere Künstler aus dem näheren und weiteren Umfeld. Werke von einigen Radebeuler Künstlern, welche auf dem Radebeuler Grafikmarkt nicht vertreten sind, kann man auf dem Dresdner Grafikmarkt entdecken.
Der Radebeuler Maler, Grafiker und Musiker André Uhlig schuf das diesjährige Grafikmarkt-Plakat und wird grafische Drucktechniken demonstrieren. Die Radebeuler Malerin, Grafikerin und Installationskünstlerin Bärbel Voigt gestaltet das Künstlercafé, welches durch den Förderkreis der Stadtgalerie bewirtschaftet wird. Zahlreiche Service- und Informationsstände werden den Radebeuler Grafikmarkt bereichern. Mit dabei sind u. a. die MEDO- Bilderrahmenwerkstatt, der NOTschriftenverlag, der Förderverein Internationales Wandertheaterfestival Radebeul, das Kulturelle Monatsheft „Vorschau & Rückblick“, die Dresdner Galerie art+form, der Meißner Zündblättchenverlag sowie der Dresdner Sonnenblumenverlag mit Sitz in Radebeul.
Die Fülle des Angebotes ist überwältigend und vielleicht auch etwas anstrengend. Wer den Grafikmarkt besucht, sollte sich also Zeit lassen, mal eine Pause machen, bei einer Tasse Kaffee oder einem Glas Wein ein wenig innehalten und ganz entspannt, die trubelige Atmosphäre genießen.
Abschließend sei schon immer auf zwei kleine und ein großes rundes Jubiläum hingewiesen. Im Jahr 2027 werden zum 35-jährigen Bestehen der Städtischen Kunstsammlung und zum 45-jährigen Bestehen der Stadtgalerie Radebeul zwei Überblicksschauen zu sehen sein. Danach folgt im Jahr 2028 der 50. Radebeuler Grafikmarkt. Ideen sind gefragt!
Karin (Gerhardt) Baum





