„He, Alter…!“
„Nee, ni was‘se jetzt denkn“, verehrte Leser. Das war zunächst keine respektlose Anmache einer älteren Person. Der Spruch kam aus der Jugendsprache. Anfang der 1990er Jahre fiel es den Teenagern ein, angefeuert von der Hip-Hop-Kultur, cool sein zu wollen und redeten sich mit diesem Spruch an. Später freilich kamen sie den Alten mit „He Alter, was glotzt du so blöd!“ eher unverschämt. Heute freilich kann es gar passieren, dass älteren Personen gleich Prügel angeboten bekommen und gar nicht lange gefackelt wird. Die Zeiten sind sichtbar rauer geworden, besonders auch auf dem Arbeitsmarkt. Müssen doch häufig die Alten noch etwas dazuverdienen, weil die Rente nicht reicht. Meist aber bekommen sie nur noch Minijobs.
Also, der Arbeitsmarkt – dafür gab es auch mal eine andere Bezeichnung. In der Regel stellt man ja Leute ein, die andere Eigenschaften haben als man selber hat oder aber, die einem ähnlich sind. Dann kann es schon mal passieren, dass das Unternehmen nur noch aus Chef-Typen besteht. Da könnte man den Alten ja gleich klonen.
Und wenn wir erst einmal so weit sind, dass es für alle Weh-Wehchen an jeder Ecke einen Bausatz zu erwerben gibt, sind wir nur noch mit uns selbst verheiratet. Es war schon immer der Traum von Herrschern und besonders der ihnen dienenden Pädagogen, die Menschen nach ihrem Gusto zu formen. Die Geschichte der theatralen Bildung von Goethe bis Salzmann ist voll davon. Seit den 1953er Jahren basteln am Pazifik, besonders Wissenschaftler der „RAND Coperaqtion“ in Santa Monica USA-Bunddesstaat Kalifornien daran, aus den Menschen berechenbare Maschinen zu machen. Wenn das glückt, könnten die Friedhöfe dicht machen, muss doch dann vermutlich nur noch aller 200 Jahre einer „entsorgt“ werden, wenn die Ersatzteile ausgelaufen sind. Freilich müsste dann Radebeul nach dem Muster von Paris umgebaut werden, wie damals im Zweiten Kaiserreich auf Wunsch von Napoleon III., denn mit den vielen Einfamilienhäusern kommen wir nicht weit. Aber ich denke, das ist zu schaffen! Einen Napoleon haben wir ja schon. Wer vorwärts kommen will, muss halt auch mal was riskieren. Und wenn es am Ende nicht klappt, kann man ja immer noch abtreten oder ein „Bauernopfer“ über die Klinge springen lassen.
Aber mit den Alten ist das am Ende doch nicht so einfach. Nicht jeder sitzt auf einem gepolsterten Stuhl. Hier in unserer schönen Republik spielt man gern die unterschiedlichen sozialen Gruppen gegeneinander aus: die Arbeitslosen gegen die Beschäftigten, die angeblich Faulen gegen die scheinbar Arbeitsamen, die Dicken gegen die Dürren, die Jungen gegen die Alten… Die aktuelle Rentenreform lässt grüßen!
Vor einiger Zeit hatte man die Alten mit Sechzig noch in die Frühverrentung geschickt, da sie angeblich den Jungen die Arbeit und die Rente wegnehmen würden. Auf den „Ausrutscher“ zur Corona-Zeit will ich jetzt erst gar nicht zu sprechen kommen. Gegenwärtig sollen die Alten möglichst zehn Jahre länger am Fließband stehen. Aber wie ich die Lage einschätze, wird das auch nur von kurzer Dauer sein. Bisher hatte sich eigentlich jede „ach so alternativlose Reform“ nach wenigen Jahren sang- und klanglos verabschiedet. Die KI wird‘s richten und binnen weniger Jahre das Arbeitslosenheer gewaltig anwachsen lassen. Dann schicken wir die Alten wieder in die Frühverrentung und die überflüssigen Jungen gleich hinterher. Die jungen und alten Kindergärtnerinnen haben wir ja schon aufs Abstellgleis geschoben, obwohl wir im Königreich Sachsen den miesesten Betreuungsschlüssel auf diesem Gebiet in der Bundesrepublik haben. Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln! Das scheint mir die nun seit Langem bewährteste Taktik der Regierenden auf welcher Ebene auch immer zu sein, meint
Euer Motzi
