Radebeuler Miniaturen

Novemberblues

„Die Nachtigall in meinem Garten schweigt …“
Fröstelnd zieht sich Susanna das wollene Tuch fester um ihre Schultern und tritt ans Fenster. Wie von ungefähr gehen ihr Verse aus Mascha Kalékos Herbstanfang durch den Kopf. Dabei schweift ihr Blick über die Terrasse, streift die schlaffen, eben noch stolzen Dalien, sucht im alten Birnbaum die Ramblerrose. Nächtlicher Frost hat das letzte Grün von den Bäumen gerissen und zu Laub gemacht. – Da ist nichts mehr, das an Leben erinnert. Selbst die Sperlinge, die sonst so munter die Hecke bevölkern, sind verschwunden.
„Die Welt wird leer.“
Wer jetzt noch Trost sucht, findet keinen mehr …
Sogar die Herbstzeitlose liegen kraftlos am Boden und welken vor sich hin. – Herbstzeit – Lose, denkt Susanna – wie wird mein Los aussehen? Kraftlos am Boden? Kahl und dürr?
„… jährlich trüber schleicht der Herbst sich ein …“
Schon droht, „von Wolken schwer“, der Himmel mit Schnee – hats nicht Zeiten gegeben da wir uns drauf gefreut haben?

Susanna reißt sich vom Fenster los und geht im Dämmerlicht des Mittags zu ihrem Sessel hinüber. Kaum sitzt sie, macht die Katze ihren Anspruch auf das weiche Polster geltend. Susanna greift in das dicke weiche Fell des Tieres. Sie spürt die Wärme – Lebenswärme. Warte, sagt sie, ich hol dir was –
Der Kühlschrank ist leer, als hätte die Katze sich selbst bedient. Richtig, murmelt sie, ich wollte doch noch …

Hinter sieben Bergen macht sich am Abend ein Mobiltelefon bemerkbar. Ich hab Zwiebeln gekauft, schreibt Susanna, Frühblüher, bunte Mischung, hab gleich fünf Pakete genommen, – jedes Mal hundert Stück – willst Du welche?

Und irgendwann singt auch die Nachtigall wieder…
Thomas Gerlach

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