Aus meinen grafischen Tagebüchern
Manchmal, finde ich, kann man in natürlichen Strukturen die Arbeit eines guten Grafikers vermuten! So ging es mir vor diesem Astgewirr. Im Foto festgehalten, konnte ich mich der Faszination dieser „Grafik“ nicht entziehen.
Wie eine Zeichnung des Herbstes steht der Baum vor dem hellen Grund – ein filigranes, dunkles Geflecht, zwischen Ordnung und Chaos, zwischen Linie und Fläche. Schwarz ringen die Äste miteinander, als wollten sie festhalten, was bereits vorüber ist.
Kein Blatt lenkt mehr den Blick, nur Linien sind geblieben. Äste werden zu schwarzen Zeichen, zu Bögen, Diagonalen und Kreisen, die sich überlagern, kreuzen, verdichten und wieder auflösen.
Und dennoch ist dieses Gewirr nicht ungeordnet. Es folgt einem verborgenen Rhythmus aus Verdichtung und Leere, aus Spannung und Gleichgewicht.
Das Schwarzweiß nimmt dem Herbst seine gewohnten Farben und gibt ihm etwas Abstraktes: Der Baum wird zur Grafik, zur kalligrafischen Spur einer Jahreszeit, die sich langsam zurückzieht.
Matthias Kratschmer

