Zur Premiere von „Mord auf Schloss Haversham“ am 24.10.2026
Ein beim Publikum bewährtes Konzept sich zu eigen machen und damit einen kommerziellen Erfolg produzieren: Wer wollte das Stückeschreibern verübeln? Was mit Shakespeare im „Sommernachtstraum“ recht heiter und im „Hamlet“ sehr ernsthaft vor etwa 400 Jahren begann, mündete ausgangs des 20. Jahrhunderts mit Michael Frayns „Der nackte Wahnsinn“ in einer weltweit gefeierten Komödie – Schauspieler nehmen die Rollen von Schauspielern ein und bringen somit ein „Stück im Stück“ auf die Bühne. Dieser Grundidee folgten 2012 drei junge Briten (wer sonst?) und schrieben die Komödie „The play that goes wrong“, was seither ununterbrochen in London läuft und in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurde. Auf deutschen Bühnen wird es unter dem klischeetriefenden, dafür aber umso prägnanteren Titel „Mord auf Schloss Haversham“ gespielt, aktuell ist es außer in Radebeul beispielsweise auch in Nürnberg und Wiesbaden zu sehen.

mit: Alexander Wulke, Grian Duesberg, Matthias Avemarg, Vega Fenske, Karoline Günst (v. l.),Foto: René-Jungnickel
Die Landesbühnen betrauten die neue Schauspieldirektorin Esther Undisz mit der durchaus herausfordernden Aufgabe, gegenüber dem Publikum das Versprechen eines amüsanten Theaterabends einzulösen. Wer mit Schauspielern darüber spricht, weiß: Komödien sind die Königsdisziplin. Mag auch das Skript beim Lesen Lachen erzeugen, mögen die Akteure selbst auch Spaß am Spiel haben, so ist doch entscheidend, dass es auf der Bühne und für die Zuschauer funktioniert. „Mord auf Schloss Haversham“ setzt diesem Anspruch noch etwas obendrauf, indem es von den Schauspielern verlangt, unprofessionell zu agieren, denn, nun sei etwas über die Versuchsanordnung berichtet, sie nehmen die Rollen von Laiendarstellern ein. Das ist so, als müssten die Musiker der Elblandphilharmonie bewusst nicht nur falsch musizieren, sondern ihre Stümperhaftigkeit auch glaubhaft verkörpern. Diesem Anspruch wird das Ensemble über weite Strecken bestens gerecht, sodass sich der gewünschte Effekt schon nach wenigen Minuten im Saal einstellt: Es wird gekichert und gelacht, was das Zeug hält. Die Handlung nachzuerzählen erübrigt sich, sie tut auch nicht wirklich etwas zur Sache. Grundsätzlich geht es nämlich nur darum, dass das Laienspielensemble versucht, ihr neues Stück „Mord auf Schloss auf Haversham“ trotz zahlloser Versprecher, missglückter Auftritte,unfreiwilliger Stürze, Verwechslungen, dysfunktionaler oder fehlender Requisiten etc. tapfer zu Ende zu bringen und im Spiel die Frage zu klären, wer Charles Haversham (Oliver Natterer) ermordet hat. Viel wichtiger ist es mir, einzelne Aspekte hervorzuheben, die diese Inszenierung sehenswert machen. Einerseits sind es die individuellen darstellerischen Leistungen des Ensembles. Es ist eine Augenweide, Alexander Wulkes Minenspiel als Cecil Haversham zu verfolgen, wodurch er den wiederholt erzwungenen „Genuss“ eines Reinigungsmittels ausdrückt, den Butler Perkins (Karoline Günst) ihm in bester Absicht anstelle eines Scotchs anbietet. Es verblüfft, wie sich Sandra Maria Huimann (Florence Colleymoore) einer Puppe gleich hin- und herschleppen, ziehen, fallen und sich von der körperlich kleineren Vega Fenske (als Inspizientin der Theatergruppe) auch noch tragen lässt. Man verfolgt amüsiert das gutmütig-behäbige Agieren von Tom Hantschel als Licht- und Tontechniker der Theatergruppe, dem das Wiederauffinden einer Duran Duran-CD aus den 1980ern mitten im Stück eine Durchsage wert ist. Andererseits beeindrucken die fast schon akrobatischen und den ganzen Körper herausfordernden Gruppenszenen, die nicht umsonst im Probenprozess mit einem Stuntkoordinator erarbeitet wurden. Beispielsweise wenn Matthias Avemarg (Thomas Colleymoore) und Grian Duesberg (sowohl Chef der Theatergruppe als auch Inspektor Carter) auf der erhöhten zweiten Bühnenebene (dem „Arbeitszimmer“) auf engstem Raum mit der geneigten Fläche und den Requisiten (Globus, Schreibpult) kämpfen.
Oder wenn vier Akteure versuchen, einen Telefonanruf entgegenzunehmen und diesen trotz zu kurzer Strippe an den gewünschten Gesprächspartner weiterzureichen (Avemarg, Wulke, Duesberg, Günst). Dies alles provoziert nicht nur Lachsalven, sondern nötigt Respekt vor der physischen Leistung. ab. Zum Dritten schließlich führt dieses Stück vor Augen, wie gründlich eine Inszenierung geprobt werden muss und dass alle Abläufe bis ins Kleinste „sitzen“ müssen, damit sich Situationskomik entfaltet. Dieses Stück verlangt Perfektion in der Darstellung des Chaos. Dafür braucht es alle Mitwirkenden, gerade auch die hinter der Bühne, die manchmal aber auch ganz schnell auf der Bühne aushelfen müssen (Marion Gensch, Anna Heinrich, Emil Pfitzner und Juliane von Stein als „Community Player, also Amateurschauspieler). Dafür braucht es aber auch eine Spielfläche und Requisiten (Franziska Smolarek), die den Belastungen standhalten und vor allem so gebaut sind, dass sie trotz ihrer Stabilität instabil sind – was nicht ganz ungefährlich sein kann. Wenn also ganz zum Schluss Bühnenteile zusammenstürzen und haarscharf die Schauspieler verfehlen, dann bekommt man eine Ahnung davon, wie präzise die Abläufe einstudiert werden mussten. Die Kostüme übrigens verantwortete Tilo Staudte und entschied sich erfreulicherweise für stimmige, teilweise hintersinnige Details. Der Inspektor mit Sherlock-Holmes-Mütze; Gärtner Arthur in bunt-sommerlicher Arbeitskluft
(bei Schneesturm!), Thomas Colleymoore mit klassisch englischer Schiebermütze. Wie schon zu anderen Anlässen organisierten die Landesbühnen vor der eigentlichen Premiere im Foyer ein einstimmendes Programm, z.B. die Versteigerung von Theaterkostüm-Entwürfen durch den Ausstattungsleiter Ralph Zeger. Neu war das Angebot, eine Buchhandlung vor Ort zu haben. „Büchers Best“ aus Dresden bot diverse Klassiker der Kriminalliteratur an. Ob diese Zusammenarbeit fortgesetzt wird, muss sich zeigen und wird wohl am Umsatz gemessen werden. Begeisterter, langanhaltender Beifall des fast ausverkauften Saals beschloss einen Theaterabend ganz im Sinne der Schauspieldirektorin, die im aktuellen Spielzeitheft formuliert: „Im besten Fall verlassen Sie das Theater mit einem Lächeln im Gesicht und fühlen sich gestärkt für die nächsten Herausforderungen“! Jawohl, genau so war es!
Bertram Kazmirowski
Nächste Vorstellungen: 1./8. November 19 Uhr, 21. November 19.30 Uhr jeweils in Radebeul.


