Die Zscheischlers fallen in Naundorf ein

Eine Mitarbeiterin des Radebeuler Rathauses verriet mir mal im Stillen, Familie Zscheischler sei die erste aus westlichen Landen zugezogene Familie gewesen, die sich mit Hauptwohnsitz in Radebeul anmeldete. Ob das wirklich stimmt? Schön wär es ja, wir würden uns freuen. Gleichwohl: Am 12. Dezember 1990 sind wir in Naundorf eingefallen. Das Haus am Horkenweg hatten wir der Familie Röder in den letzten Tagen der DDR abgekauft. Das Fest zur Einheit feierten wir mit alten Dresdner Freunden (sie machten es uns bald nach und zogen ebenfalls nach Radebeul, nach Wahnsdorf) auf deren Balkon auf der Blumenstraße in der Dresdner Johannstadt. Um Mitternacht zerplatzten einige übrig gebliebene oder auf seltsamen Umwegen organisierte Silversterraketen über den Dächern Dresdens. Und wir hatten eine neue Heimat: Angela, Burkhard sowie die Kinder Paula, Jakob und Helena. Nach unterschiedlichen Aufenthalten im Ausland, bis auf der anderen Seite des Globus, sind alle drei wieder um uns rum, in ihrer Heimat, und haben uns sechs Enkel beschert, vier davon in Sachsen geboren. Wir gehen hier nicht mehr weg, auch wenn Manche – auch in der Nachbarschaft – von notwendiger „Remigration“ sprechen, die auch uns treffen soll.

Foto: B. Zscheischler

Seit 2020 bin ich Redakteur der zweimal jährlich erscheinenden Naundorfer Nachrichten, unser Dorfblatt. Als ich das erste Anzeigengeld persönlich einsammelte, besuchte ich die Seniorchefin von Kohlen Winkler. Sie unterbrach sofort mein Vorstellen: „Ich kenn‘ Sie doch, Sie waren das doch damals, der keine Ahnung hatte, was ein Bezugsschein ist.“ Ohne einen solchen durfte sie mir im Dezember 1990 keine Kohlen verkaufen. Doch sie hatte Mitleid und hieß ihren Sohn, uns 40 Zentner vors Haus zu kippen. Das war jene Menge, die auf die Ladefläche seines Multicar passte. Bereits nach vier Wochen war alles verheizt. Also nochmals vorsichtig bei Frau Winkler angefragt. Jetzt musste ich eine eidesstattliche Erklärung unterschreiben, dass ich nicht von Kohlenklau & Söhne bin. Denn seit Februar 1991 wurden Briketts rationiert. Da war gerade bekannt geworden, dass die DDR-Subvention bald wegfällt. Unsere ersten beiden Ladungen erhielten wir für 4,05 Mark pro Zentner „frei Haus“. Zum 1. April stieg der Preis auf stolze 15 Mark. Heute jammern wir, wenn das Gas wegen des russischen Überfalls auf die Ukraine mäßig teurer wird. Man müsste ab und zu ins Damals zurück blicken. Aber das tun wir naturgemäß nur, wenn wir von den vermeintlich schlechten Zeiten heute auf die angeblich guten alten zurückblicken. Anders wird ein Schuh draus. „Heute“, sagte Karl Valentin, „ist die gute alte Zeit von morgen.“

Und dann die Hilfsbereitschaft der Nachbarn. Noch heute nicht genügend danken können wir dem Naundorfer Lutz Niese. Der Elektriker kannte keine Feiertagsruhe, erst Recht nicht zu Weihnachten und sorgte mit dem beherzten Verkabeln von fünf Starkstromdrähten, dessen Funktion und richtige Verdrahtung dem Schreibtischtäter Zscheischler ein einziges Rätsel war, dafür, dass die Neuankömmlinge in der neuen Heimat Naundorf ein Weihnachtessen für die Familie kochen konnten. Nachdem die Kinder im Bett und die Kerzen am Weihnachtsbaum (aus dem eigenen Garten) ausgeblasen waren, wurde selbst am Abend des 24. Dezember weiter gewerkelt. Schließlich stand Silvester vor der Tür und der Hausvater sollte „richtig“ arbeiten gehen. Seitdem wissen wir, was „Ein-bau-Küche“ bedeutet. Hausdame und -herr bauen, sodass jeder Besuch noch 30 Jahre danach sofort sehen kann: Dieser Pfusch ist selbst gemacht. Was für Provisorien generell gilt, die Haltbarkeit dieser Küche währte bis 2022. Die Nachfolgerin ist von Profis. Dazu gehörte ein Elektriker. Der schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als er die ersten Dosen abgeschraubt hatte. Denn dahinter verbarg sich die pure DDR. Die hatte der aus dem Westen stammende Neubürger 1990/91 nicht anzufassen gewagt. Das galt auch für die Frischwasserzu- und die Abwasserableitung. Der Abwasch musste deshalb lange auf eine Küchenspüle warten. Denn das metallene West-Abflussrohr von zwei Zoll Stärke traf auf einen kurzen Stummel eines mutmaßlich russisch genormten Plasterohrs, das aus der gemauerten Wand ragte. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, das Eine ins Andere zu stecken, gab die Hausfrau auf und spülte in einem Putzeimer ab, dessen Spülicht sie im Klo entsorgte.

Foto: B. Zscheischler

Nicht genug zu loben ist daher noch heute Manfred Berger von drei Grundstücken weiter nördlich auf dem Horkenweg: Ein genialer Schrauber mit der allerpraktischsten DDR-Erfahrung, die man sich denken kann. Er sägte, schraubte und lötete an unserer Heizanlage herum, bis wir endlich Schränke an die Wände stellen konnten. Als 1992 der professionelle Heizungstechniker, der unsere Öl-Heizung montierte, über das damals grassierende Fachkräfteproblem klagte, konnte ich ihm mit einer persönlichen Empfehlung aushelfen. Es sollte der Neu-Beginn von Manfreds Nach-Wende-Karriere werden. 20 Jahre darauf schweißte er Lackierstraßen für Autohersteller in ganz Europa zusammen, ob in Spanien oder Ungarn, mit weit über 60 noch. 1991 war die Installation unseres West-Boilers daher die kleinste Übung für Manfred. Das Teil hatte lange herum gelegen, denn diese Herausforderung überstieg meine handwerklichen Kenntnisse: Eine DIN-genormte westdeutsche Wasserleitung zu verbiegen, ohne dass sie bricht und diese mit Plaste und Elaste aus Schkopau zu verbinden. Manfred kam mit einem Bunsenbrenner. Der machte das DDR-Produkt weich und labbrig, sodass das harte West-Rohr ohne Schmierung ins östliche Plastewesen schlupfte. So wuchs 1991 zusammen, was bis 2022 halten sollte. Der Profi von der neuen Küche, keine deutsch-deutsche Gas-Wasser-Scheiße-Historie ehrend, riss alles raus. Dabei war doch nicht alles schlecht, damals. Was für eine Zeit! Ich will sie nicht missen.

Burkhard Zscheischler

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