Diesem Thema möchte ich mich über einen „Wenn-Satz“ nähern. Wenn ich ein bißchen früher geboren worden wäre, hätte ich Oscar Pletsch, rein theoretisch als Nachbarn kennen lernen können und das oder jenes über die Mauer zwischen den Grundstücken Borstraße 55 und 57 besprechen können, z.B, was gibt`s Neues in der Kunst. Aber „wenn“ ist hypothetisch und ich muss mich den Themen – sein Leben und sein Haus – etwas mühsamer über Recherchen nähern.
Johannes Heinrich Karl Albrecht Oscar Pletsch wurde am 26. März 1830 in Berlin geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater war da Zeichenlehrer und Lithograph, so dass seinem Wunsch, auch mal etwas Künstlerisches zu machen, die Türen offen standen. Pletsch studierte von 1846 bis 1850 an der Dresdner Kunstakademie bei Eduard Bendemann (1811-1889). Er lernte hier auch Ludwig Richter (1803-1884), den bekannten Romantiker kennen und wohnte ab 1855 eine Zeit lang bei ihm, lernte da viel und konnte sich etwas verdienen, indem er ein paar von Richters Entwürfen zu Ende führte. So wird uns klar, dass er bald Richters Stil „drauf hatte“ und Arbeiten von Richter und die seines Schülers kaum noch zu unterscheiden waren. Dadurch verpasste Pletsch aber, dass sich die Kunst im 19. Jh. stets weiter entwickelte, ohne dass das in seinen Arbeiten ablesbar gewesen wäre. Ab 1859 war er eine Zeit lang wieder in Berlin, wo er sich zunächst zeichnerisch an der „Bilderbibel“ unter Schnorr von Carolsfeld (1794-1872) beteiligte und 1860 schließlich sein erstes von ihm illustriertes Buch „Die Kinderstube“ herausgab. Bald war er „gut im Geschäft“ und es folgten die Bücher „Wie’s im Hause geht nach dem Alphabet“ (1861), „Was willst Du werden?“ (1862) und „Gute Freundschaft“ (1863). Ich hatte selbst mal in „Was willst Du werden?“, einem Almanach alter handwerklicher Berufe wie Müller, Hufschmied, Zimmermann, Steinmetz, dagegen Maschinenbauer als neueren Beruf (ein Arbeiter feilt an einem großen Lokomotivrad) mit Freude blättern können. Er war eben ein gelernter Romantiker!
1857 heiratete Pletsch die 1828 in Dresden geborene Amelie Krempel, gest. 1908. Das Paar bekam die beiden Töchter Catharina, gen. Käte, (1858- ca. 1945) und Gertrud, gen. Trude, (1861- 1940). Da Pletsch bis dahin mit an die 50 Buchtiteln gut verdient hatte, konnte er sich 1872 ein Haus in Niederlößnitz kaufen. Hier spielte sich ein Ritual ab: immer pünktlich um zwölf setzte der Meister (von großer, schlanker Gestalt) seinen Hut auf, nahm Stift und Skizzenblock und ging nach Altkötzschenbroda, wo er meist schon in der Vorwerkstraße spielende Kinder traf und so außer seinen eigenen Kindern genug Motive für seine Skizzen fand. Zuhause wurden diese dann in Holzschnitte oder Kupferstiche umgesetzt, mit possierlichem Beiwerk – Katzen, Hunden, Hühnern, Tauben, Spatzen und Weinranken – bereichert und gedruckt. Für Mädchen legte es die Lebensspur Hausmütterchen und Jungen sollten Handwerker werden oder Soldaten. Am Höhepunkt seines Schaffens galt Oscar Pletsch sogar für eine kurze Zeit als bester Kinderbuchautor Deutschlands. So füllten sich weitere neue Bücher oder auch Illustrierte wie „Die Gartenlaube“. Pletschs Bücher erschienen u.a. beim Alphons Dürr Verlag Leipzig und nach seinem Tod dann beim Leipziger Verlag Hegel u. Schade. Oft konnte er zu den Illustrationen auch passende Gedichte im romantischen Stil liefern. Er war und blieb zeitlebens der Kindermaler, bzw. Maler für Kinder. Seine künstlerische Laufbahn wurde 1877 mit der Verleihung eines Professorentitels gekrönt.
Was ich über keine Quelle erfahren konnte war, ob Pletsch in Kötzschenbroda / Niederlößnitz außer als Künstler noch anders in Erscheinung getreten war. War er in einem Verein, hatte er vielleicht ein Amt oder Ehrenamt in der Gemeinde gehabt? Gern hätte ich Pletsch danach gefragt, ob er auch Gemälde, also Öl auf Leinwand, bzw. größerem Format gemacht und ob er auch andere Themen wie Landschaft, Stillleben oder Portraits bestritten habe. Ende der 70er Jahre ließ das öffentliche Interesse an seinen Büchern nach dem Schema „stilles Glück im deutschen Haus“ nach und 1881 weigerte sich sein Verleger sogar eines seiner Bücher aufzulegen. Er konnte offenbar seinen Stil als Richter-Schüler auch nicht mehr ändern und den künstlerischen und politischen Zeitgeist aufnehmen. Hinzu kam in den 80er Jahren, dass er leidend war, auf einen Rollstuhl angewiesen war und die Sehschärfe nachließ. Am 12. Januar 1888 starb Pletsch und wurde auf dem Kötzschenbrodaer Friedhof unter Beteiligung von der Berliner und Dresdner Künstlerschaft beigesetzt. Das Grabmal Pletschs habe ich trotz Nachfrage heute vergebens gesucht, es existiert nicht mehr. Nach Auskunft von Bernd Kretzschmar hatte Pletsch einen großen Findling als Grabstein erhalten auf dem später auch die Namen seiner Frau und seiner Töchter zu lesen waren.
Sein 1872 erworbenes Haus, in einer der Quellen sogar als Villa bezeichnet, ich fände Landhaus den treffenderen Titel, steht in einem ehemaligen Weinberg, der Mitte des 19. Jh. parzelliert und Stück um Stück bebaut wurde. Das etwa 1000m² große Grundstück liegt zwischen der Meißner Straße und der Borstraße und hat die Adresse Borstr. 57. Es wurde 1865 als das erste Haus in diesem Abschnitt der Borstraße vom Kötzschenbrodaer Baumeister Moritz Große errichtet, er hatte dann fast alle Häuser in dem Bereich erbaut. Vor Pletsch besaß Johann Heinrich Knappe die Parzelle 2046, der sie aber 1872 an Pletsch verkaufen musste. Ab diesem Zeitpunkt bis heute lautet die Parzelle 2688 / Gemarkung Niederlößnitz. Aber schon bald stellte sich heraus, dass das Haus dem Künstler etwas zu klein war, er brauchte vor allem ein Atelier. Warum der Auftrag 1873 zu Planung und Bau der Erweiterung auf der Westseite des Hauses nicht an Große, der zu dem Zeitpunkt noch lebte, erging, erscheint zumindest merkwürdig. Es war ja damals üblich, dass die leistungsstarken Baufirmen ihre Reviere „abgesteckt“ hatten. Den Auftrag erhielten die Gebr. Ziller, die damit in „fremden Gefilden“ bauten – die Baufirmen Große und Ziller konkurrierten normalerweise am Lößnitzer Baumarkt! Der Hintergrund dieses Geschehens soll gewesen sein, dass Moritz Ziller, geb. 1838, mit Pletsch’s älterer Tochter Käte, geb. 1858, verlobt gewesen sei. Es kam aber nicht zu einer Hochzeit.
Besagter Anbau erfolgte zweigeschossig. Im EG befand sich der rote Salon für Empfänge gedacht und im OG lag das Atelier – beide Räume knapp 40m² groß. Es bekam ein großes nach Norden gerichtetes Fenster, was für Ateliers üblich ist. Später nach Pletsch’s Zeit wurde hier ein etwas kleineres Fenster für einen Wohnraum eingebaut. Am alten Gewände kann man heute noch die Größe des ehem. Atelierfensters erkennen. Während ich an dem Artikel schreibe (Mitte März), beginnt im Nachbargrundstück gerade die schöne Magnolie zu blühen, was von der Meißner Straße aus gut zu sehen ist. Sie ist alt, aber nicht so alt, dass Pletsch sie hätte gepflanzt haben könnte. Hoffentlich regnet es nicht so bald, dann wäre die Blütenpracht hin. Wie ich jetzt erfuhr, hatte sie der heutige Eigentümer 1974 gepflanzt, sie ist also nicht älter als 52 Jahre – wie man sich irren kann! Das Haus wurde in den 30er Jahren des 20. Jh. an den Elektromeister Erhard Kretzschmar verkauft, dessen Enkelsohn und seine Familie bewohnen das Haus noch heute. Das Haus Borstraße 57 ist nicht als Kulturdenkmal eingetragen. Die unverheirateten Töchter von Pletsch, Käte und Trude, konnten da weiter bis zu ihrem Tode um 1945 wohnen.
Oscar Pletsch geriet bald nach seinem Tode, abgesehen von einer kleinen Bilderaustellung 1930 zu seinem hundertsten Geburtstag, in Vergessenheit. 1935 wurde eine kurze Straße in Kötzschenbroda nach Oscar Pletsch benannt. Manche Leute, die heute durch die Oscar-Pletsch-Straße (zwischen Güterhofstraße u. Wilhelm-Eichler-Straße) laufen, fragen, wer war eigentlich Oscar Pletsch? Dieser Artikel ist da als kleine Hilfestellung gedacht! Ich danke meinen heutigen Nachbarn Herrn und Frau Kretzschmar für verschiedene Auskünfte und eine Ausleihe, Herrn Dr. Heeres für eine rasche Buchausleihe und dem Friedhofsmeister Groß für seine Mühe, auch wenn das Grab nicht mehr auffindbar war.
Dietrich Lohse
Quellen:
1. Liselotte Schließer, „Der Kindermaler Oskar Pletzsch“, Vorschau & Rückblick 01 / 94
2. Manfred Altner, „Sächs. Lebensbilder / Oscar Pletzsch ein Meister der Buchillustration“,
Reintzsch-Verlag 2001
3. Dietrich Buschbeck, „Oskar Pletsch, meisterlicher Buchillustrator und Weggefährte
Ludwig Richters“, Elbhangkurier 03 / 05
(In der Literatur tauchen verschiedene Schreibweisen des Vor- und Familiennamens auf – ich habe mich an Oscar Pletsch gehalten, entspr. des Straßenschildes.)




