Glosse

Radebeuler Wege

Nun habe ich fast ein Drittel meines Lebens in einer Stadt verbracht, die für unsereins unerreichbar schien und auch in der vorherigen Republik als Villen- und Gartenstadt dem Bürger eher Ehrfurcht einflößte. Mit der Landeshauptstadt kann heutzutage Radebeul allemal mithalten. Aktuell liegen wir mit 10,44 € pro Quadratmeter Wohnraum gar 3 Cent über der Dresdner Durchschnittsmiete!
Auch wenn ich mich diesmal nicht mit Mieten beschäftigen will, sei die Frage erlaubt, warum diese einstige Industriestadt so eine Entwicklung genommen hat.
Wer will, kann in Hartmut Pfeils Buch (Welch ein Reichtum) über die Industriegeschichte der Lößnitzstadt nachsehen. Da bekommt man zumindest eine Antwort.

Recht verblüffend aber ist etwas anderes, nämlich die Entwicklung dieses sächsischen Ortes in der Neuzeit. Zumindest hat mich die Richtung überrascht die eingeschlagen wurde. Wobei mir nicht ganz klar ist, ob absichtsvolles Handeln dahinter steckt oder die Sache einfach nur so „gekullert“ ist. Da will ich jetzt auch nicht in die Tiefe dringen. Fakt aber ist, dass die Jahre 1989/1990 der Stadt gehörig mitgespielt haben und die entscheidenden Industriebetriebe damals nicht nur „Federn“ lassen mussten, sondern größtenteils sogar ganz von der Bildfläche verschwunden sind.

Nicht schlecht habe ich dann allerdings gestaunt, dass wir uns 2012 wieder aufgerappelt hatten und sich in unserer Stadt über 42 Prozent produzierendes Gewerbe versammelte, etwa so viel wie zu Ostzeiten! Völlig aus den Wolken bin ich dann aber gefallen, als ich mich rein interessehalber erneut diesem Thema zuwendete. Gewissermaßen über Nacht hatte sich offensichtlich die Lage drastisch gewandelt: Aus der Industriestadt war plötzlich ein „Dienstleistungskombinat“ geworden! So arbeiteten im Jahr 2025 in Radebeul 71,4 Prozent im Dienstleistungssektor! Die Beschäftigten in Industrie und Bauwesen waren auf ganze 27,5 Prozent gesunken!

Hatte ich irgendetwas nicht richtig verstanden? Aber so oft ich den Textabschnitt auch durchlas, die Zahlen waren eindeutig. Da hatte offensichtlich der alte Fuchs Hans Olaf Henkel – erinnert sich noch einer an den einstigen Chef des „Bundesverbandes der Deutschen Industrie“? – unrecht, wenn er behauptete: „Wir können doch nicht dauerhaft davon leben, dass wir uns gegenseitig die Haare schneiden.“. Nun wird dem Hamburger Huldigung von „alten Zöpfen“ vorgeworfen. Doch es scheint ja zu klappen, denn die ganze Republik hat diese Marschrichtung eingeschlagen. Geheuer kommt mir das aber nicht vor.

So haben wir seit einiger Zeit nur noch anderthalb Freibäder. Das Lößnitzbad beispielsweise, ein beliebter Badeort, wird heute als „offene Badestelle“ geführt und muss deshalb nur noch mit „halber Kraft“ von der Stadtbäder und Freizeitanlagen GmbH Radebeul betreut werden. Das Bad gehört gewissermaßen zu den Freizeit- und Erholungsstätten in unserem Ort. Schon die an der westlichen Grenze des Bades entlangführende Straßenanbindung für die Niederwarthaer Brücke und das Fällen der Pappeln im Bad haben sicher zu einer höheren Belastung der Freizeitoase geführt. Durch den geplanten Ausbau der Fabrikstraße für den Schwerlasttransport sowie die vorgesehene Erweiterung der gewerblich genutzten Flächen in dem städtischen Mischgebiet, werden die Aufenthaltsqualität im gesamten Wohngebiet weiter gemindert. Vermutlich wird dies nicht gerade auf helle Begeisterung bei den Anwohnern stoßen.

Dennoch ist die Stadt Spitze, wenn man der aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) glaubt. Die sieht Radebeul, was Wohnen und Leben angeht, im deutschlandweiten Ranking auf Platz 7 und damit herausragend positioniert! Dem Kenner kommen nicht nur wegen des Auftragsgebers der Studie Zweifel. Eine gewisse Schieflage lässt sich nicht leugnen.
Auch will ich jetzt nicht erst davon anfangen, was schon alles den Lößnitzbach heruntergegangen ist und nicht von den 11,5 Millionen Euro, die voraussichtlich die 1,6 Kilometer lange Strecke der Verlegung des keineswegs wasserreichen Baches kosten werden. Hochwasserschutz gibt es halt nicht umsonst. Und auch die ökologische Aufwertung des Gebietes sollte es wert sein. Nun muss nur noch Wasser fließen, meint

Eurer Motzi

 

 

 

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