Unterrichtsausfall heutzutage und früher…

(…war eben nicht alles besser)

Bild: B.Kazmirowski


Wer noch eigene Kinder in der Schule hat oder als Großeltern sich dafür interessiert, wie die Enkel werktags ihre Zeit zwischen 7 und 15 Uhr füllen, wird es wissen: Seit Jahren herrscht eklatanter Lehrermangel in Deutschland, in Sachsen ganz besonders. Die sich daraus ergebenden Folgen sind überall gleich: Es fällt Unterricht aus. Wo keine Lehrkraft, da kein Unterricht. So einfach ist das. Die Statistiken über Unterrichtsausfall in Sachsen sind frei zugänglich (https://www.schule.sachsen.de/datenbank-unterrichtsausfall-7943.html), immerhin in diesem Bereich herrscht Transparenz. Wenn wir uns exemplarisch drei Schulen aus Radebeul und deren Statistik für das erste Schulhalbjahr 2025/26 (für das gerade zu Ende gegangene gesamte Schuljahr liegen die Daten noch nicht vor) anschauen, so lässt sich feststellen: Am Gymnasium Luisenstift gab es 565 Unterrichtsstunden planmäßigen Ausfall, dazu kamen 1425,5 Stunden unplanmäßiger Ausfall und 322 Stunden, die fachfremd vertreten wurden. Insgesamt beläuft sich das auf knapp 11% Ausfall bzw. fachfremde Vertretung. Für alle Nicht-Eingeweihten: Planmäßiger Ausfall meint Unterricht, der in einem bestimmten Fach von vornherein nicht im vollen Umfang abgedeckt werden konnte, weil schlichtweg nicht ausreichend Fachlehrerstunden vorhanden waren. Da wird dann in einer bestimmten Klassenstufe z.B. statt zwei Stunden Sport pro Woche nur eine Stunde unterrichtet, obwohl es zwei sein müssten. Für die Oberschule Radebeul-Mitte lauten die Zahlen: 498 Stunden, 743 Stunden, 324 Stunden, was aufaddiert 14,7% der Unterrichtsstunden bedeutet, die entweder gar nicht gehalten oder fachfremd vertreten wurden. Schließlich noch die Zahlen für die Grundschule Kötzschenbroda: 143, 284 und 35 Stunden, in Summe waren das 8,4% nicht regulär abgedeckter Unterricht. Schnell ist man angesichts dieser Situation mit Behauptungen wie dieser bei der Hand: Früher war alles besser! Meist ist unklar, was genau mit „früher“ gemeint ist, aber in unseren Breiten wird mit dem „früher“ doch zumeist auf die DDR Bezug genommen, in der ein straff zentralistisch organisiertes sozialistisches Bildungswesen eigentlich dafür Sorgen tragen sollte, dass zwischen Kap Arkona und Fichtelberg Unterricht laut Stundentafel stattfand. In der Erinnerung der Allermeisten von uns bis Jahrgang 1980 war das wohl auch so, oder? Die Realität aber war aber manchmal eine andere, wovon ein konkretes Beispiel hier aus Radebeul zeugt, welches sich an der inzwischen abgerissenen ehemaligen „POS Otto Buchwitz“ auf dem Augustusweg zugetragen hat.

Beginn der Abrissarbeiten an der ehemaligen POS Otto Buchwitz im Sommer 2024
Bild: B.Kazmirowski


Am 22.3. 1985 sieht sich das Elternaktiv der damaligen Klasse 6b (in die ich ging) veranlasst, einen Brief an den Kreisschulrat Zechel zu schreiben, den Leiter der Abteilung Volksbildung des Rates des Kreises Dresden. Die Eltern äußern wegen des massiven Unterrichtsausfalls ihre „große Sorge“. Die Gründe für die Situation sind vielfältig. Einerseits ist die Klassenleiterin, die Mathematik und Physik unterrichtet, schwanger und wird sowieso bald in den Mutterschutz gehen. Ein Ersatz für die Fächer ist noch nicht in Sicht. Zudem fehlt sie bereits seit knapp zwei Wochen krankheitsbedingt. Andererseits ist die teilzeitbeschäftigte Lehrerin für Russisch und Geschichte gesundheitlich instabil und wird, so vermutet das Elternaktiv, ihre Tätigkeit gar nicht wieder aufnehmen. Überdies ist die Geografielehrerin der Klasse gerade auf Kur, eine Vertretung für sie ist nicht vorhanden. Das Schreiben listet schließlich die tatsächlich ausgefallenen Stunden seit Schuljahresbeginn auf: 23 in Russisch (erste Fremdsprache), 12 in Mathematik, 10 in Geschichte, 7 in Physik, 6 in Deutsch und eine in Geografie, was in Summe 59 Stunden ausmacht, umgerechnet sind das etwa zwei volle Wochen Schulunterricht! Das Elternaktiv führt aus: „Die Schulleitung und die neue Klassenleiterin […] haben sich bemüht, wenigstens einen Teil der 18 nicht besetzten Wochenstunden abzudecken. Ihre Möglichkeiten sind verständlicherweise begrenzt, deshalb bleiben 11 Stunden – 1/3 des Wochenpensums –, die nicht unterrichtet werden können.“ Als wäre diese Situation nicht schon bedenklich genug, verweist das Schreiben auf einen bereits länger bestehenden Missstand. Die Eltern könnten deshalb „nun nicht mehr mit Gelassenheit der gegenwärtigen Situation gegenüberstehen, zumal schon in der 4. und 5. Klasse wegen Erkrankung der jeweiligen Klassenlehrerinnen und durch Schwangerenurlaub sehr viele Unterrichtsstunden nicht gegeben wurden, z.B. im 5. Schuljahr ein Vierteljahr kein Geschichtsunterricht!“ Der Brief schließt mit einer für die damaligen Verhältnisse typischen Formel: „Weil die geschilderten Zustände im Widerspruch zur Zielstellung des sozialistischen Bildungssystems stehen, bitten wir im Interesse unserer Kinder, daß Sie Festlegungen treffen, die einen ordnungsgemäßen Unterricht gewährleisten.“ Ich kann mich nicht erinnern, ob überhaupt und wann „ordnungsgemäßer Unterricht“ wieder stattfand, aber eines ist sicher: die Sorge der Eltern haben wir Kinder damals sicherlich nicht geteilt! Ganz im Gegenteil fanden wir es bestimmt schön, am Morgen später kommen und mittags früher gehen zu dürfen. Langweilig wurde uns damals nicht, auch wenn keiner von uns ein Smartphone oder einen Computer besaß und das Fernsehprogramm nur aus zwei Sendern bestand. Im Übrigen, und das sei am Ende der Geschichte mit einem Augenzwinkern angemerkt, verlor die ja eigentlich wirklich unerfreuliche Situation bei den unmittelbar beteiligten Eltern an Relevanz und verschwand im Nebel des voranschreitenden Lebens. Woher ich das weiß? Ich fragte bei Dietz Lohse nach, ob er sich an den Brief erinnern könne, schließlich habe er ihn ja damals mit unterzeichnet. Er konnte nicht…

Bertram Kazmirowski

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