Glosse

„Ein Quentchen Gunst …“*

Traditionen, Gewohnheiten und Lebensweisen sind meist langlebiger als man mithin glaubt – auch in unserer Zeit, trotz ständig wechselnder Moden im weitesten Sinne. Am ehesten kann man das an den Sprichwörtern erkennen, deren Wurzeln häufig im Beginn der Neuzeit liegen, also sechs Jahrhunderte zurück! So zum Beispiel ist „Der Mensch denkt und Gott lenkt“ heutzutage immer noch vielen geläufig, obwohl sich hier im Osten bereits mehr als die Hälfte der Bevölkerung keiner Religion mehr zugehörig fühlt.

Auch mit dem Begriff „Gutsherrenart“ kann jeder noch etwas anfangen. Selbst mir ist schon so mancher in selbstherrlicher, arroganter und autoritärer Weise über den Mund gefahren, als wäre ich sein Mündel oder Untergebener. Früher habe ich mich darüber maßlos erregt. Heute denke ich bei mir, dass diese Person einfach nur keine gute „Kinderstube“ hatte. Man muss ja nicht mit jedem verkehren.

So rein privat bekommt man mit den Mitmenschen schon einigermaßen zurecht. Da trennt sich die „Spreu von Weizen“ schnell. Wer mir „dumm kommt“, den lass ich einfach „links“ liegen. In der Regel kann man sich das ja aussuchen.

Aber ganz so einfach läuft das im Leben eben nicht. Viele Problematiken ergeben sich, weil man als Privatperson, Bürger, Arbeitnehmer oder Arbeitgeber gezwungen ist, in „Beziehungen“ zu anderen Personen, zu Behörden und Einrichtungen zu treten, die man in Normalfall lieber gemieden hätte.

Dieses Problem treibt die Menschheit seit Jahrtausenden um: Wie verhalten wir uns zueinander?

Für die Lösung brenzliger Situationen hatte das Volk immer auch einen Spruch parat: „Wem Gott ein Weib gibt, dem gibt er auch Geduld.“ Leider gibt er eben nicht allen eine Frau oder einen Partner, denn mit der Geduld ist es heutzutage nicht mehr weit her. Immer noch benehmen sich viele Menschen wie die „Axt im Walde“. Und schon der Volksmund des 16. Jahrhunderts wusste: „Wer den Spieß kauft, bekommt den Krieg als Zugabe.“ Und folglich hatten die Truppen des ernestinischen Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen im Schmalkaldischen Krieg das kleine Örtchen Kötzschenbroda 1547 geplündert. Dazu hatte auch der Dichter des Barocks Friedrich von Logau (1601–1655) eine eindeutige Meinung: „Ein Fried ist schändlich arg, der neues Kriegen bringt.“ (sic!). Den Spruch mit dem Spieß aber kennt heute keiner mehr und besonders die oberste Heeresführung nicht.

Seit alters her hat man Regelwerke ersonnen, um das Zusammenleben zu erleichtern oder auch die Macht der Herrschenden zu festigen. Im „Lex Saxonum“ von Karl dem Großen beispielsweise, wurde im Frühmittelalter das germanische Stammesrecht geregelt. Es stellte gewissermaßen einen Kompromiss zwischen dem fränkischen Reichsrecht und dem sächsischen Stammesrecht dar, weil Karl etwas gutzumachen hatte. Er hatte die Sachsen allzu sehr gepresst.

Die Bedeutung und Notwendigkeit eines solchen Kompromisses für die Regelung des Zusammenlebens hatten die Herrscher also schon frühzeitig erkannt. Soweit aber muss man in der Geschichte nicht zurückgehen. Man denke nur an den Friedensprozess von Helsinki, in dessen Ergebnis die KSZE-Schlussakte 1975 von 35 Staaten unterzeichnet wurde.

Was damals in der großen Weltpolitik funktioniert hatte, sollte auch im Alltag und der Kommunalpolitk seine Berechtigung haben. Da aber sieht es gegenwärtig keinesfalls besser aus wie in der aktuellen Weltlage. Denn, denen da Oben und denen da Untern, den kleinen und großen „Königen“ und „Gutsbesitzern“, müssen die Kompromisse regelrecht abgerungen werden, legen sie doch häufig die Gesetze zu ihren eigenen Gunsten oder die des Staates und der Gemeinden aus und denken dabei weniger an die Allgemeinheit. Denn, „Ein Quentchen Gunst gilt [auch heute noch] mehr als ein Scheffel Recht.“ (*sic!), meint

Euer Motzi

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