Der Wunsch nach Frieden und Versöhnung ist derzeit so groß wie selten. Nur wenige wissen, dass auch bereits vor der Wiedervereinigung Deutschlands bewusst öffentliche Zeichen gegen den Krieg und für wechselseitige Vergebung gesetzt wurden. Zwei Städte, gezeichnet vom Zweiten Weltkrieg, reichten sich in der damals noch geteilten Welt des Kalten Krieges die Hände, zeigten ihre Wunden und gingen aufeinander zu. Die Rede ist von den Partnerstädten Coventry und Dresden. Coventry war durch deutsche Bomben am 14.11.1940 zerstört worden, Dresden u.a. durch britische Bomben am 13.02.1945. Was lag näher, als gemeinsam öffentlich an Frieden und Versöhnung zu mahnen? Am 9.11.1986 – zufälligerweise an einem für Deutschland ohnehin geschichtsträchtigen Tag – übertrug die BBC die Sendung „Songs of Praise – for Remembrance from Coventry and Dresden“. Anlässlich des Jahrestages der Zerstörung von Coventry wurden an diesem Tag zeitgleich in der Coventry Cathedral und in Dresden in der Kreuzkirche Lieder auf Deutsch und auf Englisch gesungen und im britischen Fernsehen übertragen. Eingespielt wurden hierbei auch historische Bilder von der Zerstörung beider Städte, ebenso Berichte Nachgeborener über den Krieg und ihre Gedanken zur wechselseitigen Versöhnung. Ein Novum im Kalten Krieg war, dass ein Team der BBC diese Aufnahmen im Oktober 1986 in Dresden in eigener Regie drehen durfte. Ein Teil der in Dresden produzierten Sendung bestand im Auftritt von 32 Kurrendekindern der Radebeuler Friedenskirche unter Leitung von KMD Hans-Bernhard Hoch. Vor der damals noch eindrucksvoll gegen den Krieg mahnenden Ruine der Frauenkirche sang der Kinderchor, gekleidet in klassischen schwarzen Kurrendemänteln, dreistimmig „Suchet zuerst Gottes Reich in dieser Welt“, ein christliches Lied, welches nach 1970 in den USA zu einem bekannten Loblied wurde. Ich
war mit 14 Jahren damals eine der älteren Sängerinnen. Die Kurrende besuchte man ab der zweiten Klasse, als Junge bis zum Stimmbruch oder bis zum eigenen Wunsch, in die Kantorei zu wechseln. Nach meiner Erinnerung fanden die Bildaufnahmen an einem windigen, aber trockenen Sonnabendnachmittag im Oktober statt. Getroffen wurde sich vor Ort, die Eltern hatten uns Kinder ins Stadtzentrum gefahren. Männer mit langen Ledermänteln standen abseits und lauschten sicherlich aufmerksam. Wir sangen unser Lied, bis alles ziemlich schnell „im Kasten“ war. Die Tonaufnahmen wurden einige Tage später in einem abgeteilten Bereich der Kreuzkirche aufgenommen. Uns war bewusst, dass weder wir im „Tal der Ahnungslosen“ noch sonst jemand in der DDR sich die Sendung würde ansehen können. Ich schrieb deshalb im Oktober 1986 meiner in Schottland lebenden Cousine von dem Projekt und sie berichtete mir, nachdem sie sich die Übertragung am 9. November im Fernsehen angeschaut hatte, in einem Brief, wie ergreifend diese symbolischen Bilder für sie gewesen waren. Welch‘ ein glücklicher Umstand, dass kurze Zeit später eine Videokassette den Weg nach Radebeul fand, auf welchem Wege auch immer! So konnten wir Kurrendekinder bei der alljährlichen Weihnachtsfeier den Ausschnitt, welcher unseren Auftritt zeigte, dann doch noch gemeinsam ansehen! Ein Foto der Kurrende und ihres Kantors in Aktion erhielten wir zur Erinnerung als Weihnachtsgabe. Es hing neben weiteren Fotos von Auftritten der Radebeuler Kantorei jahrzehntelang im Bachzimmer des Radebeuler Lutherhauses. 2025 erfuhr der MDR von den historischen Filmaufnahmen und dieser besonderen Geschichte. Aus diesem Grund wurde gemeinsam mit Hans Hoch, dem jüngsten Sohn des langjährigen Kantors, fast 40 Jahre nach den Aufnahmen ein Treffen der ehemaligen Kurrendekinder organisiert. Es fanden sich durch Mund-zu-Mund-Propaganda kurzfristig elf der ehemaligen Kurrendesänger ein. Alle sind durch die musikalische Jugendarbeit von Hans-Bernhard Hoch nachhaltig geprägt worden. Einige wählten sogar einen mit Musik verbundenen Beruf, und alle eint bis heute die Freude an der Musik. Auch wenn wir uns zum Teil untereinander nicht mehr erkannten, so war doch jeder Einzelne in Bezug auf das 1986 aufgeführte Lied noch textsicher! Die Erinnerungen an die Filmaufnahmen waren unterschiedlich. Jeder von uns hatte jedoch freudige Gedanken an die gemeinsame Chorzeit und gab Anekdoten zum Besten. Das Team des MDR interviewte zwei der ehemaligen Kurrendekinder zu ihren Erinnerungen an die ungewöhnlichen Aufnahmen und befragte gleichzeitig heutige Chorkinder, die eindrucksvoll ihre aktuelle Angst vor Krieg und unklaren politischen Fronten offenbarten. Das MDR strahlte diese Aufnahmen 2025 anlässlich des Gedenktages zur Zerstörung Dresdens im „Sachsenspiegel“ aus. Die historischen Aufnahmen von 1986 waren leider nicht zu sehen, die Rechte hieran liegen bis heute bei der BBC. Die Bilder des Auftritts und der Klang des schlichten Liedes existieren daher nur noch im Kopf der ehemaligen Kurrendekinder. Und vielleicht auch noch auf der nach Radebeul geschmuggelten Videokassette, wo auch immer sie heute noch lagern mag…
Ute Sauermann

