Als im September 1995 ein kleines Schiff über den Dorfanger von Alt-Kötzschenbroda schwebte und die französischen Künstler von Jo Bithume ihr Stück in luftiger Höhe spielten, waren Macher und Besucher des 1. Internationalen Wandertheaterfestivals während des Weinfestes begeistert. Seitdem reisen Theatergruppen aus zahlreichen Ländern nach Radebeul und sorgen für das ganz besondere Flair auf dem Anger, in den Höfen und den Elbwiesen. Auch 2026 waren wieder 18 Theatergruppen und Solokünstler mit 70 Aufführungen zu erleben.
Drei Vertreterinnen des Fördervereins Internationales Wandertheaterfestival Radebeul erinnern sich an das aufregende Wochenende im September.
Ina Dorn: Die wahre Magie des Wandertheaterfestivals liegt nicht nur in den faszinierenden Inszenierungen, sondern vor allem darin, was sie mit dem Publikum machen. Die Anspannung des Alltags weicht aus den Gesichtern, die Angepasstheit darf der Freiheit weichen und schüchterne Kinder legen im Angesicht der allgegenwärtigen Leichtigkeit jede Scheu ab. So schafft es Andy Snatch in seinem Stück „Imbalance“, dass auch zurückhaltende Kinder plötzlich selbstbewusst im Rampenlicht stehen, Fackeln werfen, als hätten sie nie etwas anderes getan und den Moment der Aufmerksamkeit genießen. Aus der Kraft des Augenblicks lebte auch die Cia. Emiliano Alessi in „Tei Tei“. Verbindungen zwischen Menschen, die mit Klebeband flüchtig geschaffen wurden, verselbstständigten sich durch die Mitwirkung des Publikums zu einem komödiantischen Meisterwerk. Ebenso minimalistisch wie fesselnd war die Aufführung „Drop me if you can“ von Joli Vyann. Gebannt wurde das Publikum Zeuge von der absoluten Harmonie zweier Körper, welche die Liebe in all ihren Facetten darstellte. Voller Kraft und Vertrauen bewegten sich die beiden Tänzer im Einklang ihrer Bewegungen. Wo zu Beginn der Inszenierung vor allem bei den jüngsten Zuschauern zunächst noch Skepsis vorherrschte, waren bald nur noch faszinierte, erstaunte Blicke zu sehen, die schließlich in tosendem Applaus gipfelten.
Christine Ruby: Mirakel, Mut und Muskelkraft stehen für Ulik Robotik, die auf der großen Elbwiese ideale Spielbedingungen vorfanden. Staunende Menschen, Groß und Klein, bewunderten die scheinbare Leichtigkeit des Künstlerpaares, das eine sehr spezielle Kombination von Artistik, Drama und Robotik vorführte. Dem Geschehen lag eine Erzählung zugrunde, umgesetzt in mehreren Bildern mit wechselnden Requisiten. Selbst wenn man dieser nicht im Einzelnen folgen konnte, hinterließen die ideenreichen Figuren einen bleibenden Eindruck.
War es doch eine ganz gute Wahl, die der Förderverein Internationales Wandertheaterfestival Radebeul für seinen finanziellen Beitrag zum Festival getroffen hatte. Darüber hinaus bekam auch das romantische Theaterkarussell aus der Schweiz, dieses besondere Markenzeichen des Trubels auf dem Anger, einen Zuschuss. Froh waren alle, die einen Platz darauf gefunden haben. Wegen der rundum seligen Mienen ist dieser zentrale Ort immer auch ein Mekka für Profi- und Hobbyfotografen.
Etwas fürs Herz und das Zwerchfell boten Herbert und Mimi, zwei fabelhafte Clowns aus Österreich. Mit dem Echotest – jetzt rufen wir mal alle die Berge – hatten sie das Publikum sofort in ihrer Westentasche. Und alles, was sie noch an Nonsens oder Alltagsweisheit im künstlerischen Gepäck hatten, sorgte unentwegt für Heiterkeit. Der Spielort hinter der Kirche ist gut für eine intime Theateratmosphäre, so dass jede Mimik fein wahrgenommen werden kann. Diese Mimi mit ihrem Partner ist die Figur gewordene Spielfreude und wird noch lange in Erinnerung bleiben.
Hinter dem Titel Teatro due Mondi verbirgt sich etwas hierzulande Seltenes: Commedia Dell´arte. Direkt aus Italien gekommen, um Rossini zu flambieren! Ein Weilchen brauchte das Publikum, um mit diesem Format mitzugehen. Ein „einfacher“ Humor will erst einmal verstanden werden. Und es wird auch viel und gut gesungen, Rossini sei Dank, mit Ausdauer und in Italienischer Bühnensprache. Deutsche Einschübe halfen dem Verständnis und minderten nicht die Authentizität. Über allem schwebte ein besonderer, musikalischer Zauber. Obwohl ein kühler Regen am Sonntag das Sitzen im Freien nicht leicht machte, wollten doch alle sehen, wie die Geschichte ausgeht und wer mit wem wie zusammenkommt.
Petra Grubitzsch: Gleich, wenn die Besucher von der Bahnhofsstraße in den Anger einbogen, landeten sie im Stau. Drei riesige Männer auf hohen Stelzen und schwarzen Anzügen machten die Straße unsicher. Die österreichische Theatergruppe „Irrwisch“ spielte miteinander und mit dem Publikum. Da wurden Weingläser den Besuchern stibitzt, Liebeserklärungen verschickt, Händlern ganze Weinflaschen entführt. Keiner war vor ihnen sicher. Verdutze Gesichter und frohe Lacher waren rundum zu sehen und zu hören. Ihrer Sicherheit auf diesen hohen Stelzen faszinierte die Zuschauer.
Nicht weit entfernt im Hoftheater 15 gaben die Landesbühnen wie in jedem Jahr ein kleines Gastspiel mit ihrem Schlagerwettbewerb „Als die Welt noch Schlager war“ aus längst vergangenen Zeiten. Humorvoll und doch verbissen eiferten die jungen Teilnehmerinnen um den Sieg beim Schlagerfestival. Eifersüchteleien und freche Sprüche flogen hin und her, Eitelkeiten und Enttäuschungen wurden herrlich gespielt und sie gaben mit ihrem Gesang immer wieder alles. Die Zuschauer quittierten die Darbietungen mit viel Applaus.
Noch jünger waren die 60 Tänzerinnen und Tänzer des Muno Dance Studios, die auf der Bühne am Kuffenhaus ihr Können zeigten. Bereits zum 9. Mal war das Studio dabei und mit viel Spaß, Konzentration und Begeisterung zeigten bereits die Minis und Ballett-Kids, was sie alles schon gelernt haben. Großartige Choreografien aus Ballett, Hip-Hop, Contemporary und Showdance wechselten sich ab und zeigten das Können der verschiedenen Altersgruppen. Ganz coole Jungs und Mädchen zeigten beim Hip-Hop, was sie draufhaben. Stolze Eltern und Großeltern saßen im Publikum und applaudierten heftig. Sicherlich findet der eine oder andere kleine oder große Besucher den Weg ins MuNo-Dance Studio in Radebeul.
Im Luthersaal der Friedenskirche entführte Annika Pilstil die Weinfestbesucher in den Wald und boten einen Shakespeare’schen Sommernachtstraum der besonderen Art mit Puppen. Liebe und Treue, Verwirrungen der Leidenschaften und Enttäuschungen wechselten in rasantem Tempo. Eine Nacht, die die Protagonisten schwer vergessen werden. Mit viel Fantasie führte Annika Pilstil die Besucher durch die Nacht.
Einfach kurz gesagt. Es war wieder ein großartiges Wandertheaterfestival. Wir freuen uns schon jetzt auf das Treffen mit dem Sieger des Publikumspreises des Festivals am 17. bis 19. September 2027: Peter Trabner überzeugte mit seiner Inszenierung „Regenwurm Traumreise“ das Publikum auf der Streuobstwiese. Oberbürgermeister Bert Wendsche sagte zum Finale an den Elbwiesen, „die besondere Mischung aus Weinfest und Kultur zeichnet Radebeul aus und macht es so besonders. Das vielfältige Programm aus europäischem Theater und Musik lockte Besucher aus ganz Sachsen und darüber hinaus an.“ So soll es auch im nächsten Herbst wieder sein.
Ina Dorn/Christine Ruby/Petra Grubitzsch
