Was uns Archivakten zu sagen haben

Ein Stück Lindenauer Geschichte

In allen meinen bisherigen Berichten zur Stadtgeschichte war von Lindenau noch nie die Rede. – Nun ist es fast 75 Jahre her, daß die kleine Gemeinde ihre Selbständigkeit aufgab. Wie kam es dazu?
Über Jahrhunderte hatten sich die Einwohner zum großen Teil mit ein wenig Landwirtschaft und der Arbeit in den Weinbergen meist auswärtiger Besitzer ernährt. Die Zerstörung des Weinanbaus durch die Reblaus hatte zur Folge, daß das Land zunehmend parzelliert, verkauft und bebaut wurde. Besonders auf den „Kottenbergen“ und längs der Ringstraße, die die Flurgrenze bildete, entstand der Ortsteil ,,Ober-Kötzschenbroda“. Die Lindenau umschließende Flur Kötzschenbrodas war ja seit der 1839 erfolgten Gründung der Gemeinde Niederlößnitz von der Muttergemeinde abgetrennt und gegenüber deren Einwohnern in manchem benachteiligt. Um damit auftretenden Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen, wurde Ober-Kötzschenbroda der Gemeinde Lindenau zugeschlagen. Damit wuchs die Zahl der Einwohner, aber auch die Höhe der Gemeindeausgaben, z.B. durch die Straßenbaukosten, Wasserleitungen u. a.
Zwar hoffte man auf stärkeren Ausflügler-Verkehr. Es entstanden um die Jahrhundertwende „Mieths Weinstuben“, die Schankwirtschaft „Zur Alm“, die „Franz-Joseph-Höhe“ (heute „Lößnitzhöhe“), und der alte Gasthof erhielt einen Anbau. Doch wie in anderen Gemeinden, kamen auch hier Überlegungen über einen Zusammenschluß auf. So bat der Einwohnerverein für Kötzschenbroda-Oberort und Lindenau schon 1908 den Lindenauer Gemeinderat, eine Kommission mit den Vorderbereitungen zur Eingemeindung zu betrauen. In Kötzschenbroda war man bereit, dieser Frage näher zu treten. Es bedurfte aber noch mehrerer Eingaben, bis sich Lindenau entschloß, Kötzschenbroda um Einleitung der Verhandlungen zu bitten.
Dazu wurde zunächst eine Vermögensübersicht, der Haushaltplan und eine Übersicht über Steuer-und Schulverhältnisse gefordert. Demnach hatten die 244 steuerpflichtigen L1ndenauer im Jahre 1910 3089 Mark Steuern aufzubringen. Nach dem Haushaltplan war ein Fehlbetrag von 7320 Mark zu decken. An diesem Fehlbetrag war die Gemeindekasse mit 3020 Mark, die Armenkasse mit 870 Mark und die Schulkasse mit 3 400 Mark beteiligt. Wegen der zu erwartenden Schulreform verzögerten sich die Verhandlungen. Durch den Krieg wurden sie schließlich ganz unterbrochen, aber 1919 sofort wieder aufgenommen.
Die für die Verhandlungen gebildete Kommission schrieb am 6. Juni 1919 an die Gemeinde Kötzschenbroda: ,,In Erkenntnis dessen, daß größere Kommunale Gebilde den Ansprüchen der kommenden Zeit mehr als kleinere gewachsen sind, ist der hier gewählte Ausschuß für einen Anschluß der hiesigen Gemeinde (Lindenau) an die dortige. Um eine Gleichberechtigung des oberen Ortsteiles mit der Muttergemeinde herbeizuführen, wird über nachstehende Punkte zu verhandeln sein: – gleiche Rechte und Pflichten für die Einwohner; – ein Gemeindeältester für den oberen Ortsteil und 3 Gemeindevertreter Lindenaus Sitz und Stimme im Kötzschenbrodaer Gemeinderat; – Ruhegehalt oder entsprechende Beschäftigung des bisherigen Gemeindevorstandes; – Übernahme des Nachtschutzmannes und der Lehrer; – Schulbesuch bis zur Beendigung der Schulzeit in der Schule Lindenau; – für die Steuereinhebung eine Geschäftsstelle im oberen Ortsteil; – Schaffung eines Wahlbezirkes für den Ortsteil; – Beleuchtung für die Moritzburger Straße und Ringstraße bis Ende 1921; – Ausbau der Forststraße (Teil auf Lindenauer Flur) bis Ende 1922; – Straßensprengung wie in Kötzschenbroda; – Aussetzen des Anschlußzwanges an das Wasserwerk für die Lindenauer Grundstücke bis 1929.“
Diese Punkte standen bei einer am 6. September 1919 im Lindenauer Gasthof durchgeführten Einwohnerversammlung zur Diskussion. Auch der Gemeinderat beriet darüber und gab am 24. September seine Zustimmung bekannt. Im Oktober wurde nun der Vertrag ausgehandelt, durch den alle Rechte, Pflichten und Verbindlichkeiten Lindenaus auf die Gemeinde Kötzschenbroda übergingen, die im Grundbuch als Eigentümerin der bisherigen Lindenauer Grundstücke eingetragen wurde.
Am 1. Januar 1920 trat dieser Vertrag in Kraft, womit Lindenau aufhörte, eine selbständige Gemeinde zu sein. Doch bis in unsere Zeit hat sich dieser Ortsteil trotz mancher Veränderung seinen ländlichen Charakter weitgehend bewahrt. Erst jetzt geben Um- und Neubauten dem alten Dorf ein neues Gesicht. Und dort, wo einst Rebstöcke standen, wo vor nicht langer Zeit noch Eriken für den Versand in viele Länder der Welt heranwuchsen, entsteht nun auf den „Kottenbergen“ ein modernes Wohngebiet.

Liselotte Schließer

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