Zum 75. Geburtstag des Moritzburger Grafikers und Bildhauers Hans Georg Anniès

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Hans Georg Anniès – 2. Internationales Bildhauersymposium in Moritzburg 2004

Die Bäume sind seit meinen Kindertagen meine Gefährten, Freunde und Lehrer – ohne sie ist mein Werk undenkbar“, sagt Hans Georg Anniès. Er müsse nur vor die Tür treten und er habe die einzigartige Moritzburger Wald-, Wiesen- und Teichlandschaft vor sich, in der er nun schon mehr als vier Jahrzehnte lebe.
Gleichnishaft verkörpert der Baum den Kreislauf des Lebens, Geburt, Wachsen, Sein, Altern, Tod. Er verkörpert vor allem den Herbst des Lebens, das Welken und Vergehen – Vergänglichkeit als Martyrium des Menschen, als Schicksal, als Unabänderlichkeit. Mit dem Baum ist also eine Marke von Gut und Böse, von Leben und Tod gegeben, aber auch – wie es Ernst Barlach nannte – ein Mittelstück zwischen Himmel und Erde.
Die Hölzer Hans Georg Anniès’ enthalten diese Sinngrenzen in ihrer Struktur, in ihren Lebenslinien. Sie sind Konstruktion und Destruktion in einem, Zeichen des Lebenswillens und zugleich solche der Vergänglichkeit. Der Bildhauer folgt den Wachstumsformen des Baumes, der Spirale, um sich gleichzeitig gegen das Unabänderliche aufzulehnen. Er arbeitet mit vielschichtigen Eingriffen von verletzender Direktheit den Wesenskern körperlicher und seelischer Erfahrungen aus dem Holz heraus. Eigentlich will er den Baum zum Singen bringen, nicht zum Sterben. Aber nicht immer kann das gelingen. Es lassen sich Grundformen ausmachen, langgestreckt nach oben gerichtet und ovale Grundmuster, die ein weibliches Körperverständnis evozieren können. Freie Visionen des Liegens, des Emporwölbens und des Aufsteigens, des Schwebens und des Versinkens. Raumbildungen, die fließend ineinander übergehen oder sich mit dem Außenraum berühren. Der Innenraum der Hölzer aber ist Symbol der Unzerstörbarkeit des Lebens. Höhlenartige Vertiefungen werden zur lebenserhaltenden, lebensschützenden, lebens“gebärenden“ Form. Dazwischen ist oft ein mathematisch scharfes, jäh schmerzhaftes Einschneiden in diese Zeichen naturhaften Wachsens, Risse öffnen sich beim Abtasten, um die dahinterliegende Wahrheit zu erfahren. Wunden heilen ebenso wenig im Holz wie im Menschen. Beim Umwandern der Skulpturen, so z.B. der überlebensgroßen Skulptur „hegen“ (2004) im Moritzburger Wildgehege, erschließen sie sich in ihrer Allansichtigkeit als Vorgang, nicht als Gegenstand, wie eben auch Anniès’ Holztiefdrucke Vorgänge, Prozesse sind.

Gerade seine Holztiefdrucke stellen eine besondere künstlerische Innovation dar, der wir uns noch gar nicht so recht bewusst geworden sind. Der herkömmlichen Grafik, die eine Vervielfältigung der Zeichnung war, hat er durch mehrfache Druckvorgänge mit ein und demselben Druckstock ein Ende gesetzt. Der Druckstock wird immer wieder anders eingesetzt und bringt deshalb stets ein anderes Bild hervor. Jeder Druck ist also ein Unikat. Der Druckstock, selbst ein Stück Natur, aus einem Baum geschnitten, dessen Gewebe und Strukturen, die Zellenformen, die helleren, äußeren Zonen und der dunkle gefärbte Kern bleiben erhalten und verhalten sich kontrapunktisch zu den Hinzufügungen des Künstlers. In dem Moment, in dem der Künstler ein neues Element hinzufügt (Bildzeichen, Chiffren, elementare Formen der Baumästhetik wie Kreis, Spirale, Samenkorn, Dreieck, Viereck und Kreuz, die sich räumlich aufrichten, zu schweben oder zu rotieren scheinen, auch Hell-Dunkel-Kontraste), fängt die Natur an, sich zu verwandeln. Sie macht eine Permutation durch, wie in der polyphonen Musik kontrapunktische Elemente ausgetauscht und wechselnd kombiniert werden, die in verschiedenen Stimmen zugleich erklingen können. Die Natur erhält die Bedeutung einer Bildmetapher, die in Richtung einer naturphilosophischen, anthropologischen oder auch kosmologischen Dimension weisen kann.

Sein Grafikzyklus „Großer Gesang der Bäume“ (2000) ist nach einem Gedicht Rainer Maria Rilkes benannt worden, in dem es heißt: „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, / die sich über die Dinge ziehn. / Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen / aber versuchen will ich ihn.“ Anniès’ Zyklus besteht aus 7 Arbeiten und zeigt jeweils eine negative und positive Kreisform, der jedesmal ein anderes Holz zugrunde liegt. Seine Verbindung von endloser Linie und statischer Ruhe ließen den Kreis zum Sinnbild für den Schöpfergott und den Himmel, seine bruchlose Geschlossenheit zur Schutzzone oder zum Zeichen von Kraft, seine Entsprechung zur immer neuen Wiederkehr der Jahreszeiten, zum Symbol der Zeit und Unendlichkeit, des Lebens werden. Das Ungleichgewicht der Blätter 3 und 4 wird in ein dynamisches Gleichgewicht der vorangehenden wie anschließenden Blätter – der Blätter 1, 2, 5, 6 und 7 – verwandelt und verdeutlicht so das Wachstum der Bäume: Bewegung und Ruhe, Rauschen – Schweben – Balance – schwerelos, labil – verletzlich – unberührbar, Übergang – Verwandlung, Erinnerung, Ahnung – Traum, Dämmerung – Lauschen – Einsamkeit, Schein – Sehnsucht – Sein. Der dunkle (positive) Kreis rückt nach hinten, der helle (negative) Kreis nach vorn. Weiß und Schwarz ergeben ein Grau in verschiedenen Valeurs und Abstufungen, das den Strukturen eine ungeheure Transparenz, Hans Georg Anniès – Arbeiten in der Kreuzkirche Dresden 2003 Fragilität, Flüchtigkeit verleiht. Das Papierweiß wird zum Raum; wenn etwa ein Viertel des Kreises offen bleibt, dann scheint hier ein Moment der Sehnsucht, der Hoffnung auf. Wie würde sich ein Dreieck verhalten? Was würde passieren, wenn man mit demselben Druckstock mehrfach druckt und ihn dabei immer weiter in die Diagonale bringt? Wieder eine ganz andere, neue Seinserfahrung würde freigesetzt. So ergeben sich völlig entgegengesetzte Formbefunde, nur um 180 Grad gedreht und neu zusammengesetzt – und das alles mit ein und demselben Druckstock.

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Hans Georg Anniès – 2. Internationales Bildhauersymposium in Moritzburg 2004

 

Die Arbeiten Hans Georg Anniès, aus Stille und Kontemplation entstanden, erzeugen beim Betrachter einen Zustand des Verharrens, des Sich-Erinnerns, des Erkennens und Ahnens. Sie machen uns – und wenn auch nur für einen Moment – still, bevor uns die Hektik des Alltags wieder einfängt.

Prof. Klaus Hammer

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