Aus dem Coswiger Stadtarchiv 2009-01

(K)ein Schloss in Coswig

Eine 220-jährige wechselvolle Geschichte

Fortsetzung aus „Vorschau & Rückblick“, Heft 11/2008
1926 gehörte das Schloss Coswig schon der Landesversicherungsanstalt Sachsen. Sie teilte der Amtshauptmannschaft Meißen im August 1926 mit, dass das Schloß Coswig als Lungenheilstätte Verwendung finden soll… Die Landesversicherungsanstalt betrieb zu dieser Zeit schon den „Lindenhof“ in Neucoswig als Heilstätte für Lungenkranke. Ihren Zwecken entsprechend, erbaute sie zunächst eine zweigeschossige offene Liegehalle im Park. 1930 folgten zwei Liegehallen, die am Waldesrand aufgestellt wurden. Als weitere Baumaßnahme ließ sie das von Boehringer umgebaute Wohnhaus aus statischen Gründen wieder abreißen und als Zweifamilienhaus für ihre Beamten neu erbauen. Die Genehmigung zur Ingebrauchnahme des Neubaues wurde im Januar 1931 erteilt. Zu dieser Zelt war die Heilstätte mit 59 Kranken belegt, die von sieben Angestellten betreut wurden. Aber selbst der Landesversicherungsanstalt entstanden Probleme mit ihrem neuen Grundstück im Spitzgrund. Da die geforderte Beschleusung mit Kläranlage, die den veränderten

Liegehalle um 1935

Nutzungsbedingungen entsprach, nicht fristgernäß gebaut wurde, musste der Heilstättenbetrieb 1932 Wieder eingestellt werden. Noch im Laufe des Jahres 1935 konnte das Schloss jedoch einer neuen Bestimmung übergeben werden. Es wurde Müttererholungsheim der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV). Zu dieser Zeit wurden in ganz Deutschland derartige Heime für Mütter eingerichtet. Leider geben die Akten keine Auskunft darüber, wie lange sich Mütter dort erholen konnten. Der Zweite Weltkrieg setzte schnell andere

um 1935

Prioritäten. 1941 wurde ein Antrag gestellt, die zweigeschossige Liegehalle in eine einfache Liegehalle umbauen und näher am Schloss wieder aufstellen zu dürfen. Sie wurde dringend für frisch operierte Lungenkranke benötigt. tKurz vor dem Einmarsch der Roten Armee wurden die Kranken in den Lindenhof verlegt. Auch die Bewohner des so genannten Ärztehauses suchten dort Zuflucht. Das Schloss wurde von der Roten Armee beschlagnahmt. Sie richtete dann ein Seuchenlazarett für Rotarmisten ein. Nach ihrem Abzug blieb das Schloss eine Außenstation der Heilstätte Lindenhof, nur hieß der Eigentümer nun Sozialversicherungsanstalt Sachsen. Einem Schreiben vom Juni 1946 ist zu entnehmen, dass die Sozialversicherungsanstalt plante, das Schloss in nächster Zeit wieder zu belegen. Es wurde zunächst als Sanatorium für verdienstvolle Kämpfer gegen den Krieg genutzt und erhielt den Namen „Albert Kuntz“. Erst zwanzig Jahre später wurde das Schloss wieder Gegenstand einer Akte. Der Bürgermeister der Stadt Coswig hielt die Eröffnungsrede zur Übergabe einer Wochenkrippe, die im Schloss eingerichtet worden war. Sie fand am 7. April 1967 statt. Auch zur Vorgeschichte erfahren wir etwas in dieser Rede und wem die Arbeitskräfte- und Materialsituation im Bauhandwerk zu jener Zeit noch vertraut ist, ahnt die Probleme zwischen den Zeilen: Obwohl diese Kinderkrippe „Albert Kuntz” im Planvorhaben 1966 nicht vorgesehen war und das Gebäude dem Rat der Stadt Coswig am 1.9.66 von der Klinik für Tuberkulose- und Lungenkrankheiten übergeben wurde, galt es, innerhalb kurzer Zeit diese Einrichtung so fertigzustellen, wie wir sie heute vorfinden. Die Kindereinrichtung, die den Namen des ehemaligen Sanatoriums gleich mit übernahm, wurde in der Folgezeit als gemischte Dauer-, Wochen- und Tageskrippe genutzt. 60 Kinder konnten aufgenommen werden. Für Kinder bis 3 Jahre war es das einzige Dauerheim im Kreis Meißen. 20 Jahre sorgten sich die „Krippentanten“ nicht nur um ihre Schützlinge, sondern versuchten auch, das alte Gemäuer funktionstüchtig zu erhalten. Bis das undichte Dach einen Verbleib der Kindereinrichtung im Schloss nicht mehr länger zuließ. Am 13. Januar 1988 konnte das Kinderheim in der ehemaligen Kinderkrippe Südstraße wieder eröffnet werden. Für unser Schloss sah es nun nicht gut aus. Ein Jahr stand es leer, ehe eine erneute Nutzung erfolgte, die wohl eher als Notlösung anzusehen war. Der Rat der Stadt Coswig schloss mit dem VEB Walzengießerei Coswig einen Vertrag zur Nutzung für die Unterbringung von Arbeitskräften. Er sollte vom 1.1.1989 bis 31.12.1994 gelten. Es waren polnische Vertragsarbeiter, die dort untergebracht wurden. Die politische Wende beendete den Vortrag vorzeitig. 1993 wurde der erneut gegründeten Landesversicherungsanstalt Sachsen das Schloss als Eigentum wieder zugeordnet Sie wollte es jedoch nicht mehr selbst nutzen und auch die Stadt Coswig hatte kein Interesse mehr daran, das Objekt zu kaufen. Die Landesversicherungsanstalt veräußerte das Grundstück und so kam das Schloss nach fast 70 Jahren wieder in private Hände Es sei dahingestellt. wie ernsthaft die Bemühungen der wechselnden privaten Besitzer des Anwesens im Spitzgrund und wie ausgereift die Konzepte zur Wiederbelebung des Schlosses seit 1993 gewesen sein mögen, das Ergebnis ist ein Anblick fortschreitenden Verfalls. Die unübersehbaren Löcher im Dach lassen nichts Gutes für die Zukunft erahnen.

Dabei gibt es wenige hundert Meter Luftlinie in Weinböhla mit Schloss Lauben ein anschauliches Beispiel für eine gelungene nachwendische Schlossrettung. Vielleicht geschieht doch noch ein Wunder im Spitzgrund und der Wanderer kann bald wieder, wie am 29.11.1942 das Radebeuler Tageblatt schwärmen: Ein selten farbenprächtiges Bild bietet sich an sonnigen Herbsttagen dem Wanderer am Coswiger Spitzberg. Aus dem vielfarbigen Grün der Bäume des Schlossparks hebt sich stolz der vornehme Bau dieses Herrschaftssitzes. Sein hochstrebendes Ziegeldach leuchtet im Herbstsonnenglanz und gibt mit dem blendenden Weiß der Fenster und dem hellgrauen Ton seines Putzes eine Farbenharmonie, die das Bild unvergesslich werden lässt. Wie ruhig wirkt zu der vom sommerlich sattesten Grün bis hin zu dem herbstlichsten Hellgold vertretenen Farbreihe das Blau der Edeltannen, die auf saftiger Wiese ihr stolzes Haupt erheben! Diese ganze Farbensinfonie aber umrahmt dunkler Kiefernwald, schwingt sich leicht aus der Grünen Telle zur Höhe des Spitzberges empor, um dann stell zum romantischen Lockwitztal abzufallen.
Petra Hamann. Stadtarchiv

Ansicht heute

Quellen:
Unterlagen des Stadt- und Bauarchivs Coswig und des Coswiger Museums
Abbildungen: Postkarten Karrasburg Museum Coswig

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