Eine Geschichte der Superlative

850 Jahre Weinanbau in Sachsen

Dieses Jahr wird groß gefeiert – im ganzen Elbtal zwischen Diesbar-Seußlitz und Dresden-Pillnitz, ja bis nach Pirna. Gilt es doch, dem sächsischen Wein in seinem Jubiläumsjahr entsprechend zu huldigen. Freilich ist gar nicht sicher, dass hier erst seit 850 Jahren Weinanbau betrieben wird; der Sage nach ließ Bischof Benno ja bereits Anfang des 12. Jahrhunderts die ersten Reben nahe dem Meißner Burgberg pflanzen. Doch da in der Geschichte nur zählt, was urkundlich dokumentiert ist, dient die im Staatsarchiv verwahrte Urkunde von 1161 als frühestes historisches Beweisstück. Sie belegt, dass Markgraf Otto der Reiche damals einen schon gut im Ertrag stehenden Weinberg (also keine Neupflanzung!) an die Kapelle Sankt Egidien übereignete.

850 Jahre später gilt das sächsische Weinanbaugebiet als das kleinste und nördlichste Deutschlands; viele halten es auch für das schönste, aber das ist Geschmackssache – wie der Wein selbst. Die Rebfläche beträgt nur noch knapp 480 Hektar – das ist im Vergleich zu Rhein und Mosel lächerlich wenig, aber »uns kommt es nicht auf die Quantität, sondern auf Qualität an«, betonte der Schirmherr des Jubiläums, der Präsident des Sächsischen Landtags Matthias Rößler. Wenn man alle Beteiligten, die mit dem Weinbau zu tun haben, alle Winzer und Kellermeister, Touristiker und Wirtsleute zusammenrechnet, so die Ansicht des CDU-Politikers, handelt es sich um eine regelrechte »Bürgerbewegung« .

Bei der Pressekonferenz Mitte Februar auf Schloss Wackerbarth ergänzte der Geschäftsführer des Sächsischen Weinbauverbandes, Christoph Hesse, die Reihe der Superlative, bevor er auf die vielen Veranstaltungen in der Region zu sprechen kam. So soll es in Meißen die erste Winzerschule in Europa gegeben haben, deren Besuch junge Männer vom Kriegsdienst befreite, und der in Diesbar stehende alte Rebstock von 1907, an dem die im Gefolge der Reblauskatastrophe neu entwickelte Methode der Pfopfreben erfolgreich durchgeführt wurde, sei einmalig in Deutschland.

Interessant in dem Zusammenhang ist auch der für Radebeul so wichtige, das Ortsbild prägende Terrassenweinbau; ihn gibt es hier aber erst gut 400 Jahre. 1603 wurde auf kurfürstlichen Befehl und mit Unterstützung von Fachleuten aus Stuttgart der Grundstein dafür gelegt, zunächst in Cossebaude und Zscheila. »Wirtschaftlich eine harte Notwendigkeit und heute ein weicher Standort-Faktor«, so der Chef des Weinbauverbands abschließend.

Doch nun zu den Veranstaltungen, die offiziell im April beginnen und erst im November enden werden. Am Anfang stand die Idee, ein Weinfass als Symbol zu nehmen und es jeweils dorthin zu rollen, wo gerade gefeiert wird. Allerdings hätte das vermutlich viele blaue Flecke und ein geschundenes Fass zur Folge gehabt. Nun soll ein zünftiger Pferdewagen das Fass an den Ort der Feierlichkeiten bringen. Meißen macht den Anfang am 14. April auf dem Marktplatz, am Tag darauf folgt die Jungweinprobe in Weinböhla und am 16. April wird die Porzellanmanufaktur Meißen ihren »Tag der Offenen Tür« unter das Thema Weinmotive stellen. So geht es dann Wochenende für Wochenende weiter. Bei der Vielfalt der Angebote ist es empfehlenswert, sich vorher zu überlegen, was einen interessiert. Ist es eher eine Ausstellung, zum Beispiel zur Geschichte des Weins in der Karrasburg in Coswig oder in der Radebeuler Hoflößnitz? Ist es eher eine Weinprobe mit Führung inmitten der Weinberge (wie jedes Jahr am Tag des offenen Weinbergs Mitte Juni)? Oder doch »nur« ein gemütliches Hoffest – vielleicht auch mit Führung oder Gesang – zum Beispiel im Weinhaus Schuh zu Füßen der Bosel? Für jeden Geschmack ist etwas dabei.

Ob die Kunde vom Jubiläumsjahr allerdings auch über Sachsen hinaus dringt und der Tourismusverband genügend Werbung macht, muss sich zeigen; zumindest im Februar gab es darauf keine klare Antwort seitens des Weinbauverbands. Die geplanten Veranstaltungen sind in dem Festkalender »850 Jahre Weinbau in Sachsen 1161-2011« auf über 80 Seiten zusammengefasst, allerdings nicht vollständig. So ist beispielsweise die Aktion, die die Radebeuler Stadtgalerie zum Künstlerfest am 3. September vorhat, gar nicht erwähnt. Und für spontane Aktionen bleibt immer noch genügend Raum.

Karin Funke

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