Architekt Ernst Ziller zum Hundertfünfundsiebzigsten. (Teil 2)

Den ersten Teil dieser Reihe lesen Sie hier.

Vom Bauleiter und Bauforscher zum geschätzten Vertreter des Gesamtkunstwerks

Die National Hellenic Research Foundation bezeichnet das „eklektische Athen“ der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Klassizismus und norditalienischer Neorenaissance als das „Athen von Ziller“, in dem er „das herrschaftliche Profil der späten griechischen bürgerlichen Gesellschaft am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts“ bestimmte. Wie kam es dazu?

Möbelentwürfe von Ziller

Als Ernst Ziller (1837-1923) im Jahr 1868, nach der griechischen Revolte gegen König Otto, nach Athen zurückkehrte, um die Bauleitung an der Akademie für seinen Auftraggeber, den Wiener Architekten Theophil Hansen, fortzusetzen, war er Maurermeister und akademischer Architekt. Er hatte bei seinem Vater Christian Gottlieb Ziller dessen Spätklassizismus mit norditalienischen Einflüssen gelernt und in Dresdens Semper-Nicolai-Schule die sächsische Neorenaissance studiert. Nachdem er von einer längeren Studienreise durch Norditalien zurück war, hatte er sich in Potsdam in die Werke von Schinkel vertieft. Und er hielt Kontakt zu seinen Geschwistern Moritz und Gustav, den Lößnitz-Baumeistern „Gebrüder Ziller“.

Dazu hatte er einen Mentor, der später zum väterlichen Freund wurde und mit ihm zeitlebens in Kontakt blieb: Theophil von Hansen. Dessen Bauten für Athen, die Ziller realisierte und für die er die Detailpläne gezeichnet hatte, waren zwar klassizistisch. Für Wien jedoch entwickelte Hansen, der dort zum herausragenden Vertreter des strengen Historismus‘ wurde, seine Wiener Stil genannte Version der Neorenaissance. Ein Stil im Sinne eines Gesamtkunstwerks, das sich auch um die kleinsten Details der Inneneinrichtung oder der Außengestaltung kümmerte.

Innenraumgestaltung von Ziller

Der Ausdruck Gesamtkunstwerk tauchte erstmals 1827 in der Schrift „Ästhetik oder Lehre von der Weltanschauung und Kunst“ auf und wurde 1849 von Richard Wagner in „Die Kunst und die Revolution“ verwendet. Als Gesamtkunstwerk bezeichnete man in der Folge ein Werk, in dem verschiedene Künste vereint werden und sich dabei ergänzen.

In Athen zurück, grub Ziller das von ihm selbst entdeckte Olympische Stadion für König Georg I. aus. Er arbeitete als Zeichner bei Ausgrabungen, und er beschäftigte sich mit der antiken Polychromie, wie also Tempel und Statuen wohl farbig ausgesehen hatten. Als in jenem Stadion 1870 die zweiten Olympien ausgetragen wurden, hatte Ziller bereits ein eigenes Atelier. Er war über seine Ausgrabungsveröffentlichungen bekannt und bekam erste Aufträge. Im selben Jahr kaufte er ein Landgut an der Ostküste von Piräus, um nicht nur im Sommer in frischer Meeresbrise zu wohnen, sondern auch um das Areal als Quartier Tsiller zu bebauen. Nicht nur König Otto war im folgenden Jahrzehnt dort am Meer immer wieder zu Gast, auch Mitglieder der Athener Gesellschaft erwarben dort von Ziller errichtete Sommersitze.

In der Mitte des auf drei Seiten von Meer umgebenen Quartiers baute Ziller seine Kementplattenfabrik. 1879 berichtete er, dass er alle Häuser und alle Fußsteige in Athen mit solchen Platten ausstatten lassen wolle.

Zu Beginn der 1870er Jahre kamen die ersten großen öffentlichen Bauaufträge, so die Theater in Patras und in Zakynthos. Das Apollon-Theater in Patras orientierte sich stilistisch an den Renaissance-Stadtpalästen von Venedig, verschmolzen mit seiner Auffassung vom griechischen Klassizismus. 1872 wurde Ziller Architekturprofessor in Athen und bildete in den nächsten zehn Jahren den Architektennachwuchs aus. Während Ziller für Hansens Hotel Grande Bretagne noch die Kunstschmiede-Balkongitter aus der Steiermark bezog, entwarf er nun in Zusammenarbeit mit Handwerksbetrieben in Athen und Piräus einen Katalog an guss- und schmiedeeisernen Produkten aus heimischer Fertigung wie Regenrohrspeier, Leuchten oder Ziergitter, mit Motiven wie Meerjungfrauen, Greifen, Schwänen oder Dreizacks. Dazu Tonwaren wie Zierziegel, Vasen und Baluster bis hin zu Hermesköpfen, Cupidos und menschengroßen Statuen. Die Tradition der Herstellung dieser Katalogwaren lässt sich teilweise bis auf den heutigen Tag nachverfolgen, so dass ähnlich aussehende Produkte bei der Restaurierung historischer Gebäude Verwendung finden können.

Schliemanns Palast von Ilion

Auch die ersten Aufträge der Athener Gesellschaft kamen Anfang der 1870er Jahre, so die Villa für den Kaufmann Melas (heute eine Bank) oder die Villa für den Bankier Syngros (heute das Außenministerium). Sein Aushängeschild jedoch wurde die 1878/79 gebaute Athener Residenz des mit ihm befreundeten Heinrich Schliemann, des Ausgräbers von Troja. Der Palast von Ilion (Iliou Melathron) beherbergt heute das Numismatische Museum. Schliemanns einzige Vorgabe war neben Weiträumigkeit die Forderung nach einer breiten Marmortreppe zwischen den Stockwerken sowie eine Dachterrasse. In Anlehnung an Sempers Villa Rosa in Dresden, die Schliemann gefiel, entwarf Ziller einen Bau im Stil toskanischer Renaissance mit vielen Zitaten aus der griechischen Antike. Das von einer doppelstöckigen, dunkelrot ausgemalten Loggia beherrschte Palais wurde laut Georgios Korres zu einem der „repräsentativsten, prächtigsten und originellsten Gebäuden Europas“ des 19. Jahrhunderts. Im Sinne seines Gesamtkunstwerks entwarf Ziller das Aussehen der Decken, der Wandbemalungen und Wandpaneele. Dazu zeichnete er Möbel und Kamine bis hin zu den Vorgaben für die Holzschnitzer, Marmorbildhauer und Kunstschmiede. Während der Bau bis 1881 von dem slowenischen Maler Jurij Šubic nach Zillers Ideen ausgemalt wurde, kümmerte sich Ziller um die Gestaltung und Verlegung der gefliesten Fußböden.

Die Athener Nationalgalerie verwahrt von Zillers etwa 500 Vorhaben auch etliche Sets vollständiger, aquarellierter Planwerke, von denen bisher diejenigen für Schliemanns Heim, für die Athener Nationalbibliothek sowie für den neuerrichteten Palastflügel für den deutschen Kaiser auf Korfu erschlossen sind.

Der Kunsthistoriker F. Ficker resümiert sachlich, dass Ziller zusammen mit Hansen dem Klassizismus in Athen „den Weg bahnte“ und dann eine architektonische Form herausbildete, „die das Bild seiner neuen Heimat bis weit in das 20. Jahrhundert hinein bestimmte und deren Niederschlag in verschiedener Weise verfolgt werden kann“. Die Direktorin der Nationalgalerie in Athen, Kunsthistorikerin M. Lambraki-Plaka, jedoch schwärmt: „Zillers Architektur richtet sich nach dem Licht; sie wandelt sich mit dem griechischen Licht. Vom Licht durchflutete Säulen aller Stile, Stoas, ausdrucksvolle dekorative Muster verwandeln seine Gebäude in musikalische Instrumente, in welchen Licht und Schatten eine nie gehörte Melodie von großem harmonischen Reichtum formen – immer mit dem Lauf der Sonne.“

Jens Bergner

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