1940 – Die Stadt Radebeul wird Schulträger des Luisenstifts

In diesen Tagen jährt sich die Übernahme des Luisenstifts durch die Stadt Radebeul zum 75. Mal. Das ist Anlass eines kurzen Rückblicks.
Die ursprünglich in Tharandt gegründete Mädchenschule war bereits am 22.4.1865 in die Hände der Dresdner Diakonissenanstalt gelegt worden. Das war der Wunsch ihrer Gründerin Luise von Mangoldt, die wenige Tage vor der Übernahme verstarb. Im Herbst des Jahres 1865 bekam die Schule ihr zu Ehren den Namen „Luisenstift“.
Die Radebeuler Geschichte des Hauses begann Ostern 1870. Am 2. Mai zogen die letzten Tharandter Schülerinnen mit ihrer Oberin in die Niederlößnitz. Es sollten 75 Jahre vergehen, bevor die Diakonissenanstalt ihre „Filiale“ der Stadt übergeben musste.

Die Änderungen deuteten sich an.
Noch 1939 hatte die Oberin, Ilse Freiin d`Orville von Loewenclau, noch die Zusage bekommen, das Luisenstift in bisheriger Form weiterführen zu können.
1940 aber wurden alle konfessionellen Schulen Sachsens geschlossen. Die Politik der Gleichschaltung machte auch mit unserer Schule keine Ausnahme.

Schulberichte und Gespräche mit Luisenkindern bestätigen: Man tat sich schwer mit der neuen Zeit, und das seit Jahren. Die Aufsatzthemen hatten sich geändert. Gretel Högg übte neben den Chorälen verstärkt Wander- und Sportlieder ein. Aus der christlichen Nächstenliebe wurde die Solidarität. Direktor Prof.
Bischoff kommentierte politisches Geschehen“ nicht nur weil es verordnet war, sondern weil es uns so ums Herz war, dass wir reden mussten“.
Für die „Jungmädchen“ gab es sonnabends frei, wenn man Kindergruppen betreute. Also dann eher zum „Kynast“ als in die Schule.
Ilse von Loewenclau schreibt in ihrem Abschiedsgruß, wie schwer es ihr falle, diese Entscheidung mitzuteilen. Eine letzte Konfirmation im Haus (Ostern 1940), ein Gottesdienst aller Mitarbeiter und ein besonderer Dank an das Mutterhaus, das waren die letzten Handlungen.
Mit Erleichterung schreibt die Oberin, dass viele Lehrerinnen und Lehrer an der Schule verbleiben werden.
Was wurde mit der geliebten Schulkleidung? Im Stift erschien man nun in weißer Bluse, tiefblauem Rock, das schwarze Dreieckstuch mit einem Lederknoten festgezogen.
Auf dem ersten Appell im hinteren Teil der Schule trat der neue Direktor, Oberstudiendirektor Seeliger, vor die Schülerinnen. Er war in Begleitung neuer Lehrerinnen und einem Lehrer(!), Herrn Dr. Fischer.
Aus der konfessionell gebundenen Einrichtung war eine Anstalt, die ausschließlich nach nationalsozialistischen Grundsätzen geführt wurde, entstanden.
Die kleine Kapelle im Erdgeschoss des Hauses war verschwunden.

Schule und Internat wurden als Luisenstiftschule, Städtische Oberschule für Mädchen mit Schülerinnenheim, weitergeführt.

Frank Thomas

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