Ein Denkmal, zwei Orte, drei Männer

Ein Aufsatz über das Gedenken, Erinnern und Bewahren

In diesen Tagen zwischen Ende Januar und Mitte Februar hat das Gedenken an die Schrecknisse des 2. Weltkrieges einen besonderen Platz, und das nicht etwa nur an Orten, die davon unmittelbar betroffen waren. Denn weltweit wird am Holocaust-Gedenktag, dem 27. Januar, seit 2005 an die grauenvolle Verfolgung und Auslöschung Menschen jüdischen Glaubens erinnert. Vor wenigen Tagen fand dazu auch an der Oberschule Kötzschenbroda eine Gedenkveranstaltung statt (vgl. V&R, 1/2019). Radebeul und umliegende Gemeinden stehen aber natürlich vor allem im Sog Dresdens, wo traditionell alljährlich den Verheerungen vom Februar 1945 gedacht wird. Greifbar wird das Geschehen jener dunklen Zeit an Einzelschicksalen, weil in ihnen Realgeschichte wie in einem Brennglas verdichtet wird. Deshalb soll hier an einen Vorgang erinnert werden, der sich im Zeitraum November 1936 bis Februar 1937 abgespielt hat und symptomatisch für eine Zeit noch vor der großen Katastrophe ist, eine Zeit, in der Rassismus und nationale Überhöhung den Boden für das kommende Unsagbare bereiteten. Im Zentrum steht dabei Dr. Felix Wach (19.4. 1871 – 21.8.1943), der von 1912 bis 1939 in der sogenannten „Wachschen Villa“, Augustusweg 62, in Oberlößnitz wohnte.

Felix Wach, (undatiert)
Bild: Stadtarchiv Radebeul


In den ersten Wochen des Jahres 1937 forderte Geheimrat Wach, der lange Jahre im sächsischen Beamtendienst als Jurist gedient und sich Verdienste erworben hatte, zuerst von der Reichsmusikkammer in Berlin, dann von den städtischen Behörden in Leipzig Rechenschaft darüber, warum das Denkmal, das vor dem Gewandhaus an seinen berühmten Großvater, den Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy erinnert hatte, am 9./10. November 1936 durch willfährige Gefolgsleute des stellvertretenden Oberbürgermeisters Rudolf Haake abgerissen und an einen unbekannten Ort verbracht worden sei. Haake hatte die Abwesenheit des der NS-Bewegung ablehnend gegenüber stehenden Oberbürgermeisters Carl Friedrich Goerdeler (später einer der führenden Köpfe der Widerstandsbewegung des 20. Juli) für diesen Akt genutzt, der dann auch ursächlich für den Rücktritt Goerdelers am 25.11.36 werden sollte. Goerdeler, der noch kurz vor Kriegsende, am 2. Februar 1945, in Berlin hingerichtet wurde schrieb später darüber: „Damals führte ich den klaren Entschluss aus, nicht die Verantwortung für eine Kulturschandtat zu übernehmen.“2 Nachdem sich Wach um den Jahreswechsel 1936/37 in Berlin über die Umstände des vollzogenen Abrisses erkundigt hatte, wandte sich die Behörde mit einer Anfrage an die Stadt Leipzig, die der seit 1. Januar 1937 nun kommissarisch führende stramm nationalsozialistische Haake am 14. Januar wie folgt beschied: „Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie auf das Schreiben des Herrn Dr. Felix Wach, Radebeul, nicht näher eingehen, sondern einfach darauf hinweisen, daß es sich in diesem Fall um eine reine Selbstverwaltungsangelegenheit des Oberbürgermeisters der Stadt Leipzig handelt und Herr Dr. Wach, falls er in dieser Sache etwas wissen will, sich an den Oberbürgermeister der Stadt Leipzig wenden möchte.“3 Dies nun tat Felix Wach in einem Schreiben am 3. Februar 1937 und führt darin u.a. aus:

„Ich erhalte von verschiedensten Seiten Anfragen in dieser Sache, die ich gern sachgemäß beantworten möchte. Deshalb bitte ich ergebenst, mir mitteilen zu wollen, welche Gründe massgebend dafür waren, dieses im Jahre 1892 in städtische Fürsorge übernommene Denkmal eines Mannes, dessen Verdienste als Leiter des Gewandhauses und Gründer des Konservatoriums um die Musikgeschichte der Stadt Leipzig bekannt sind, jetzt zu beseitigen. Weiter bitte ich, mich genau davon in Kenntnis setzen zu wollen, was aus dem Denkmale geworden ist.“

Die Antwort Haakes erfolgte im wahrsten Sinne postwendend, nämlich bereits zwei Tage später und drückt in ihrer argumentativen Zuspitzung jene verhängnisvolle Borniertheit aus, zu der sich seine ideologische Verblendung entwickelt hatte: „Es nimmt mich Wunder und ich weiß nicht, wie ich es verstehen soll, wenn es heute noch in Deutschland Menschen gibt, die fragen, warum das Denkmal des Felix Mendelssohn-Bartholdy beseitigt worden ist, obgleich sie doch ganz genau wissen, dass Mendelssohn-Bartholdy ein Jude war. Gerade Sie als Nachkomme eines Juden wissen doch ganz genau, dass wir seit 1933 in Deutschland einen nationalsozialistischen Staat haben, dessen Grundlage die Rassenfrage und damit der Antisemitismus ist.“ Haake schreibt weiter, dass statt eines Denkmals für Mendelssohn Bartholdy eines für Wagner längst überfällig sei, denn dieser wäre ein „scharfer Antisemit“ gewesen, was Haake ausdrücklich begrüßt. Schließlich demaskiert sich Haake selbst als unkritischer Apologet des Rassenwahns, wenn er allen Ernstes postuliert:

Historisches Mendelssohn-Denkmal vor dem zweiten Gewandhaus in Leipzig, Abbildung aus der Illustrierten Zeitung vom Mai 1892
Bild: Mendelssohn-Haus Leipzig


„Die Frage, ob etwa Mendelssohn etwas geleistet hat oder nicht, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Er war Jude und kann als solcher nicht als Exponent einer deutschen Musikstadt herausgestellt werden. Das Denkmal ist vollkommen ordnungsgemäß abgebrochen worden und liegt wohlverwahrt auf einem städtischen Lagerplatz.“ Schließlich droht Haake dem Empfänger damit, er möge bloß nicht „ausländischen Zeitungen“ gegenüber von dem Abbruch des Denkmals Bericht geben und Haakes Zeilen „irgendwie aus dem Zusammenhang herausgerissen […] verwenden“. Er beendet sein Schreiben mit der Aufforderung, Wach möge sich stattdessen lieber „gegen die Greueltaten des Bolschewismus in Spanien“ einsetzen, denn zuvor hatte er empört „die jüdisch-bolschewistische Zerstörungswut“ erwähnt, die in Spanien „Hunderte von Kirchen und schönste Denkmäler und Bilder spanischer Nationalisten“ zerschlagen hätte. Als letztes vermerkt Haake noch den Hinweis, er habe eine Abschrift dieses Briefes an den Ortsgruppenleiter der NSDAP von Radebeul zur Kenntnis gegeben. Mit Datum 9. Februar 1937 heißt es in Haakes Begleitschreiben: „Ich sende Ihnen dies, damit Sie über die Abstammung und die Einstellung des Herrn Dr. Wach unterrichtet sind.“ Der Leser ahnt, dass damit die Geschichte nicht beendet ist, tatsächlich waren längst unruhige Jahre für Felix Wach und seine Familie angebrochen. Spätestens mit seinem Einsatz für das Denkmal seines Großvaters hatte er sich als politisch unzuverlässig enttarnt und stand demzufolge unter Beobachtung. Der damalige Radebeuler Oberbürgermeister Heinrich Severit hatte „akribisch eine Sammlung von belastendem Material“4 über Wach zusammengetragen, in dessen Folge das Ehepaar Wach enteignet wurde und nach Dresden ziehen musste, wo Felix Wach 1943 verstarb. Wachs Frau Katharina wurde, nachdem der Schutz des nur als sog. „Vierteljude“ geltenden Ehegatten entfallen war, 1944 zusammen mit Tochter Susanne (1902-1998) im KZ Theresienstadt inhaftiert, aber beide konnten unter glücklichen Umständen freigekauft werden und entgingen so der Vernichtung. Ihr Sohn Joachim, ein bedeutender Religionswissenschaftler, hatte bereits ab 1935 nicht mehr an der Universität Leipzig lehren dürfen und war in die USA emigriert.

Seit 1. Januar 1992 ist ein Abschnitt des Leipziger Innenstadtrings nach Carl Friedrich Goerdeler benannt. Erst seit Oktober 2008 steht in Leipzig vor der Thomaskirche wieder ein exakt nach dem Original gestaltetes Mendelssohn-Denkmal des Dresdner Bildhauers Christian Schulze. Die Musikhochschule der Stadt trägt stolz den Namen des zwischenzeitlich verfemten Komponisten, dessen Geburtstag sich übrigens am 3. Februar 2019 zum 210. Male jährt. Das Gewandhausorchester schließlich hat sich erst jetzt im Januar in einem programmatischen Schwerpunkt dem großen Komponisten gewidmet; am 3. Februar selbst spielt die nach Mendelssohn benannte Orchesterakademie in der Hochschule für Musik ein Konzert. Das alles macht mir Hoffnung und stimmt mich zuversichtlich, dass die neuen Haakes dieser Welt dauerhaft eingedämmt bleiben und ihr brauner Saft endlich austrocknet oder wenigstens als ungenießbar begriffen wird. Die Musik Mendelssohns übrigens ist trefflich geeignet, Hassparolen und rassistischer Rhetorik ein überlegenes Lächeln entgegenzusetzen.

Bertram Kazmirowski

Dem Mendelssohn-Haus Leipzig, namentlich dessen Leiterin Frau Thierbach, danke ich für die freundliche Genehmigung zur Verwendung der zitierten Briefe.

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