75 Jahre „Landesbühnen Sachsen“ und George Taboris „Mein Kampf“

Ein Rückblick auf das Festwochenende am 19./20. September

„Gerade in unserer heutigen sehr rationalen Zeit, die geprägt ist durch gesellschaftliche Veränderungen, aber auch Krieg und Verbrechen, brauchen wir das Theater als einen Ort des Innehaltens, des Nachdenkens über unsere Geschichte und unsere Utopien. Theater als Möglichkeit der Sensibilisierung und des Ansprechens von Emotionen.“ Das, liebe Leser, ist kein Zitat aus einem der Grußworte oder Artikel, mit denen die pünktlich zum Jubiläum veröffentlichte Festschrift „75 Jahre Theater in Radebeul und Sachsen“ aufwartet, sondern eine Passage des Geleitwortes des (damaligen) Landesbühnen-Intendanten Christian Schmidt aus einer vergleichbaren Publikation, die 1995 anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Hauses veröffentlicht wurde. Es macht betroffen und verstört, dass 25 Jahre später

»Mein Kampf« – Premiere am 19.9. mit: Julia Rani, Grian Duesberg (v.l.) Foto: Norbert Millauer

Schmidts Äußerung auch auf die Welt von heute zutrifft, obwohl er weder die Corona-Pandemie noch den Syrienkrieg und auch nicht die Flüchtlingskrise, Cyberkriminalität oder den wachsenden Einfluss des Populismus von Trump bis Johnson im Sinn gehabt haben konnte. Bestimmte Probleme und Krisen mögen kommen und dann wieder gehen, aber viele bleiben leider bestehen und manche anderen kommen dazu, weshalb es fortgesetzter und nachhaltiger kultureller Impulse braucht, die uns Menschen aufrütteln, nachdenklich stimmen und uns mit Hoffnung beseelt von einer besseren Zukunft träumen lassen. Deshalb „muss Theater sein“, wie ein in den 1990er Jahren verbreiteter Aufkleber des Deutschen Bühnenvereins richtigerweise proklamierte. Dass Theater wichtig ist, dass man nahe bei den Menschen und ihrem Leben sein muss, dass man nötigenfalls die Kultur zu ihnen quasi vor die Haustür zu bringen hat: diesem Anspruch, dieser Philosophie haben sich die Landesbühnen Sachsen seit ihrer Gründung im Sommer 1945 verschrieben. Unter dem Namen „Künstlerspielgemeinschaft Dresden-West/Volksoper Dresden“ feierte man am 25 August 1945, also nur gut drei Monate nach dem Ende des Krieges und als erstes Ensemble in Dresden, mit der Operette „Herz ist Trumpf“ im Gasthof Gittersee die erste Premiere. Fünf Jahre später dann, am 20. September 1950, wurde das Stammhaus in Radebeul bezogen und der ehemalige, zur „Goldenen Weintraube“ gehörige Tanzsaal als Spielstätte mit Webers „Freischütz“ eingeweiht. Schon Ende der 1940er Jahre, besonders aber Anfang der 1950er machten sich die Landesbühnen einen Namen als Reisetheater und bespielten etwa 80 Orte im Land Sachsen (bis 1952) bzw. danach in den Bezirken Dresden, Karl-Marx-Stadt, Leipzig und Cottbus.1 Und im Grunde genommen hat sich seither an der grundsätzlichen Ausrichtung des Fünf-Sparten-Hauses (Schauspiel, Musiktheater, Tanz, Figurentheater, Konzert – in Kooperation mit der Elblandphilharmonie) nichts geändert. Schaut man auf den Spielplan für den Monat Oktober 2020, dann entdeckt man neben vielen sehr unterschiedlichen Veranstaltungsformaten in Radebeul (von Oper bis Lesung) eben auch Gastspiele in einem Jugendklub in Hoyerswerda, im Theater Bad Elster und in einer Veranstaltungshalle in Neustadt/Sachsen. Es war und ist ein Markenzeichen der Landesbühnen, dass sie sich an die Bedingungen vor Ort anpasst und damit Zugänglich für alle Bevölkerungsschichten nicht nur räumlich ermöglicht. Viele Theaterinteressierte, nicht nur aus Radebeul und dem ländlichen Raum, sondern auch aus Dresden, schätzen die Landesbühnen seit Jahren für ihr ausgewogenes Repertoire und vor allem auch dafür, dass sich Selbstverwirklichungsprojekte (über-)ambitionierter Regisseure immer in Grenzen gehalten haben. Die Radebeuler Bühne mag nicht die Feuilletons von Frankfurter Allgemeine bis Süddeutsche Zeitung in Wallung versetzen, sie gewinnt keine publicityträchtigen Theaterpreise, man sieht zu den Premieren kaum Stars und Sternchen des Kulturbetriebs oder Politprominenz – aber das ist kein Mangel, sondern ein Zeichen für solide, bodenständige und nachhaltige Theaterarbeit. Dazu tragen die Akteure auf der Bühne und im Orchestergraben, von denen viele seit Jahren Sympathieträger beim treuen Publikum sind, ebenso bei wie die Menschen hinter den Kulissen: die Theatermaler und Schlosser, Beleuchter und Tontechniker, Kostümbildner und Fahrer, um nur einige Gruppen des nicht-künstlerischen Personals zu nennen, aber natürlich auch die Angestellten in den Büros von Intendanz bis Presseabteilung und im Besucherservice. Keiner sei von der Anerkennung ausgenommen: Liebe Landesbühnen, herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum, wie gut, dass es euch gibt! Möget ihr euch immer wieder neu erfinden und somit auch in Zukunft ein verlässlicher Anker für kulturelle Bildung und Unterhaltung für Radebeul und Umgebung sowie den ländlichen Raum in Sachsen bleiben! Die aktuelle Spielzeit mit insgesamt 26 (!) Premieren unter dem doppeldeutigen Motto „Über Mut“ (oder eben auch „Übermut“) kann dafür als Richtschnur dienen und macht neugierig auf die geplanten Neuproduktionen.
Eine davon eröffnete das Festwochenende und barg in sich auch gleich die Problematik des letzten halben Jahres: Ursprünglich terminiert für den 28. März war George Taboris Farce „Mein Kampf“ (1987) das erste Opfer des Corona-Lockdowns gewesen und kam nun folgerichtig zum frühestmöglichen Zeitpunkt unter gelockerten Pandemiebedingungen auf die Bühne. Den langjährigen Besuchern muteten die äußeren Umstände sicherlich ungewohnt an, denn auch die Landesbühnen müssen natürlich ein Hygienekonzept befolgen. Jeder Gast muss persönliche Angaben hinterlassen, und vor der Aufführung wird per Durchsage der Hinweis gegeben, wonach keinerlei Platztausch gestattet ist. Aber immerhin war der große Saal etwa zur Hälfte besetzt und Theateratmosphäre machte sich breit. Endlich – denn die Wartezeit seit der letzten großen Schauspielpremiere (Lessings „Minna von Barnhelm“ im Januar 2020) war mir doch schon sehr lang geworden! Taboris Stück (Inszenierung: Peter Dehler), das zum festen Bestandteil des Repertoires vieler deutschsprachiger Bühnen gehört und in dieser Spielzeit auch im Staatsschauspiel Dresden zu sehen ist, verlangt dem Publikum einiges ab. Dieses sollte vorbereitet zur Aufführung kommen, damit nicht falsche Schlüsse aus dem gezogen werden, was gezeigt wird. Denn man muss aushalten, einen zur Handlungszeit des Stückes (Wien 1907) noch unbekannten Adolf Hitler (Julia Rani mit dieser Rolle zu betrauen ist ein geschickter Schachzug, um Hitlers männlich kodiertes Weltbild zu dekonstruieren und damit lächerlich zu machen) auf der Bühne zu erleben, der von Weltherrschaft phantasiert und am liebsten alle nicht-arischen Menschen schrumpfen lassen möchte, um diese vom Rand seiner Welt in den Abgrund zu pusten. Man muss aushalten, dass der ungarische Jude Tabori (1914-2007), dessen Verwandtschaft zum überwiegenden Teil in Auschwitz ums Leben kam, in der Figur des Shlomo Herzl (Grian Duisberg verdiente sich zu Recht den größten Applaus) ausgerechnet einen Juden erfindet, der nicht nur Hitler mit freundlicher Offenheit begegnet, sondern ihn am Anfang dessen Wiener Zeit unterstützt, ihn mit Zuneigung zu einem besseren Menschen machen will und gar noch dafür sorgt, dass Hitlers Bart und Frisur zu dem werden, als die wir sie aus Bildern und Filmen vom historischen Hitler kennen. Hinzu kommt, dass Herzl verhindert, dass Frau Tod (Sandra Maria Huimann) Hitler holt, nachdem dieser an der Kunstakademie abgelehnt wurde und er sich aller Zukunft beraubt sieht. Ein Jude als Steigbügelhalter von Hitlers Aufstieg zum Weltzerstörer? Ja, genauso ist es. Hier versucht Kunst etwas einzufangen und im Spiel begreifbar zu machen, was in seiner monströsen Realität unbegreiflich war, ist und bleiben wird. Tabori bekannte einmal, dass er nach einer Erklärung dafür gesucht hatte, warum Hitler so wurde, wie er war. Taboris Ansatz: Hitler war als Kind nicht geliebt und auch als Erwachsener nicht liebesfähig und frei von Empathie. In dieser Grundkonstellation entfaltet sich das ungeheuerliche Spiel, das mit dem Entsetzen Scherz treibt. Herzls Freund Lobkowitz (Alexander Wulke) nennt Shlomos väterliches Kümmern eine „gefährliche Liebe“, und das wird sie in der Tat. Das Menschenschlachten wird im fünften und letzten Bild des Stückes durch Hitlers Helfer Himmlisch (Holger Uwe Thews gibt den kühlen Typus des Vollstreckers vor der Folie des historischen Heinrich Himmlers) symbolisch vorweggenommen, der genüsslich das Huhn Mizzi (Josepha Kersten) ausnimmt, während sich Hitler Frau Tod anschließt, um als deren Würgeengel der Welt fortan an die Kehle zu gehen. In dieser letzten Szene fällt die Düsternis des Geschehens mit der Düsternis der letzten Zeilen von Paul Celans „Todesfuge“ zusammen, die während der Übergänge zwischen den Akten aus dem Off eingesprochen wurde: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland /dein goldenes Haar Margarethe“. Eine Margarethe hat auch dieses Stück zu bieten (Tammy Girke erinnert nicht nur durch ihre äußere Erscheinung an das Gretchen aus Goethes „Faust“ als den literarischen Archetypus jugendlicher Weiblichkeit der deutschen Literatur), die zwischen Liebe und Liebesverrat zu Shlomo schwankt. Anja Fuhrtmann legt die Bühne als an den Seiten durch zwei einfache Doppelstockbetten markierte Spielfläche an, deren hintere Begrenzung entfernt an das Brandenburger Tor erinnert: Spinde und Türen, als trügen sie ein Dach, darauf, statt der Quadriga, auf einem Podest der Musiker Tobias Herzz Hallbauer, der für passende musikalische Impulse zum Text sorgt.
Sehr anerkennender Schlussapplaus für eine knapp zweistündige, in Teilen spannende, jederzeit sehens- und hörenswerte Aufführung, an deren Ende die Akteure sichtlich erleichtert und glücklich den Vorhang sich schließen sahen. Nur wer selbst Künstler ist kann wohl ermessen, wie wichtig dieser Moment für das Ensemble war.
Bertram Kazmirowski

Nächste Vorstellung: 16.10., 20 Uhr, Stammhaus Radebeul

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