DIE HEILSGESCHICHTLICHE WINDROSE AUF DEM VORPLATZ DER NEUEN PETER PAULS-KIRCHE ZU COSWIG IN SACHSEN

EIN EINZIGARTIGES KUNSTWERK (3.Teil)

Interpretation

Kunstwerke der Bildenden Kunst werden bestimmt durch ihre visuelle Gestaltung und ihren geistigen Inhalt. Beides erfüllt die „Heilsgeschichtliche Windrose“ in hervorragender Weise.
Die visuelle Gestaltung – konzentrische Kreisflächen mit einem hervorgehobenen Mittelpunkt, durch den zwei senkrecht aufeinander stehende Gerade verlaufen (die Himmelsrichtungen) – und Gerade, die von der Peripherie unter verschiedenen Winkeln auf den Mittelpunkt zulaufen, sind eine Bildidee, die das Werk in das Niveau der abstrakten konstruktiven Kunst der klassischen Moderne stellt.

Der Künstler Heinz Koop hat in der Steinsetzung seine Religionsphilosophie dargestellt: Gott ist das allgegenwärtige Zentrum – symbolisiert durch die zentrale Granitplatte, beschriftet mit Alpha und Omega. Gott umfasst das gesamte Universum – eingebunden durch die Himmelsrichtungen in den Nord-Süd- und den Ost-West-Leisten. Die konzentrische Anordnung der Pflasterung zeigt die Ausstrahlung der göttlichen Kraft. Im Zentrum ist die Pflasterung wohlgeordnet gesetzt, sie symbolisiert die unmittelbare Sphäre Gottes. Durch einen Ring aus Großsteinpflaster ist sie deutlich abgegrenzt von der sich außen anschließenden Pflasterung. Diese ist auch konzentrisch angeordnet, aber aus abgenutzten Steinen gesetzt mit scheinbar zufällig eingestreuten schwarzen Steinen, und sie lockert sich mit wachsendem Abstand vom Zentrum deutlich auf. Das ist das irdische Reich Gottes mit seinen schwarzen Schafen. Die radialen Leisten mit den Aufschriften heiliger Orte und Jahreszahlen zeigen, wo und wann das angesprochene Ereignis war, in welcher Schriftart es überliefert ist und aus welcher Himmelsrichtung die Informationen zu uns kommen.

Heinz Koop führt den Betrachter vom Portal der Neuen Coswiger Kirche an markanten Beispielen in die Historie des Glaubens bis zu den Anfängen. Das wird deutlich, ordnet man die Ereignisse nach fortlaufendem Alter:

Durch den Bau der Neuen Peter Pauls-Kirche 1903 erhält die Coswiger Kirchgemeinde ein Gotteshaus, das zeitgemäß modern ausgestattet ist.
Mit dem Beginn der Reformation 1517 in Wittenberg breitet sich in weiten Gebieten Deutschlands eine neue Religionsauffassung aus.
Durch den Bau der Alten Peter Pauls-Kirche in Coswig 1497 erhält der Ort eine eigene Kirchgemeinde, heute dokumentiert sie mit Teilen ihrer künstlerischen Ausstattung die vorlutherische Religionsauffassung.
Bau des Fuldaer Domes 751 n. Chr., das Kloster wird dem Papst direkt unterstellt, Fulda wird ein Zentrum in der Hierarchie der Kirche.
In Konstantinopel wird 360 n. Chr. unter Kaiser Konstantin dem Großen die erste Hagia Sophia als christliche Kirche errichtet.
In Rom wird 350 n. Chr., ebenfalls unter Kaiser Konstantin dem Großen, der 1. Petersdom als christliches Zentrum im weströmischen Reich errichtet.
Im Jahr 30 n. Chr. wird Jesus Christus in Jerusalem gekreuzigt. Seine Anhänger schließen sich als erste christliche Gemeinde zusammen.
König Salomo baut 955 v. Chr. in Jerusalem einen prachtvollen Tempel, der die
Gläubigen zusammenführt; Gott sichert den Gläubigen seine Unterstützung
zu.
Ur – 1700 v. Chr.: Gott schließt mit Abraham einen Vertrag. Das wird der Ursprung der jüdischen, christlichen und der mohammedanischen Religion.

Die radialen Leisten mit den Beschriftungen sind die Träger der Informationen über das religiöse Bemühen der Menschen. Sie kommen in dem Bild aus dem „irdischen Reich Gottes “ und führen zur „Sphäre Gottes“. Alle streben zu Gott – aber nur Jesus Christus und der Tempel zu Jerusalem mit seiner Ausstrahlung kommen von Gott und führen zu Gott. Nur diese zwei Leisten stoßen im Bildwerk durch den zentralen Kreis, der die Sphäre Gottes markiert, bis zum Zentrum, d.h. bis zu Gott, vor.
Mit der Auswahl der Heiligen Stätten und der Ereignisse trifft Heinz Koop Marksteine in der Geschichte der christlichen Religion. Jeweils wird auf Erreichtem aufgebaut und das Neue erfolgreich weitergeführt. Die materielle Darstellung vergegenständlicht für den Betrachter Ort, Zeit und Schrift. Durch die kluge Auswahl der beispielhaft genannten Ereignisse wird eindrucksvoll die Entwicklung des Weltbildes der christlichen Religion vermittelt. Heinz Koop hat mit der Gestaltung des Vorplatzes der Neuen Peter Pauls-Kirche zu Coswig ein Kunstwerk geschaffen, das mit Recht als einzigartig bezeichnet werden kann.

Nachwort

Heinz Koop hat sein Kunstwerk der evangelisch-lutherischen Peter Pauls-Kirchgemeinde Coswig gestiftet (3.). – Begleitet von seiner Gattin, hatte er sich den Platz für seine letzte Ruhe auf dem Friedhof an der Kirche in Brockwitz ausgesucht (2.). – Er starb 2005 und wurde an der von ihm erwählten Stelle beigesetzt. –
Sein Bildwerk war pünktlich zur Jahrhundertfeier der Neuen Peter Pauls-Kirche fertig. Es ist eine große Darstellung der Geschichte einer großen Religion, ein einzigartiges, sakrales Kunstwerk. Zu jedem Gottesdienst läuft die Gemeinde darüber, es wird kaum beachtet. Das Anbringen einer Erläuterungstafel wäre wünschenswert.

Brigitte & Siegfried Grunert

Am Bau des Vorplatzes waren beteiligt:

Bauherr: Ev.-Luth. Kirchgemeinde Coswig/Sachsen.
Gestaltung: Heinz Koop, Dipl.-Ing., Freier Architkt, BDA (geb. 1942, gest. 2005).
Architekt: Architektengruppe Koop und Singer. Dipl.-Ingenieure, Freie Architekten, BDA, Kötitzer Sraße 24, 01640 Coswig.
Übertragung der Inschrift „Ur“ in Keilschrift: Altertumswissenschaftler F. Weierhäuser u. K. Zand, Universität Göttingen (Brief vom 06. Okt. 2003), vermittelt durch Frau Pfarrerin Dipl.-Theoln. I. Schuster.
Ausführung der Bildhauerarbeiten: Handwerksmeister D. Vogt und Meister Herklotz, „Neidmühle,“ Talstraße 46, 01665 Roitzschen, Gemeinde Triebischtal.
Ausführung der Gartengestaltung: Garten- und Landschaftsbau Berthold & Strasser GmbH, Bonitzscher Str. 33, 01663 Meißen.

Quellen

2. Mündliche Mitteilungen von Frau Eva Koop, Witwe des Künstlers.
3. Mai, Hartmut: Alte und Neue Peter Pauls-Kirche Coswig. DKV-Kunstführer NR. 524. 2. überarbeitete Auflage 2015. ISBN 978-3-422.02419.9. Deutscher Kunstverlag GmbH München. www.deutscherkunstverlag.de

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