Fantasie ist unser Kapital

Oder: Geld allein, macht auch in Radebeul nicht glücklich

Die Frage, weshalb das kulturelle Monatsheft „Vorschau und Rückblick“ selbst nach über dreißig Jahren mit Beiträgen immer wieder gut gefüllt ist, obwohl dafür keine Honorare gezahlt werden, würde wohl jeder Autor anders beantworten. Unbestritten ist es auch die Resonanz der Leserschaft, die zum Schreiben animiert. Oft hören wir: Gut, dass es euch gibt, haltet durch, was ihr schreibt interessiert uns. Naja, manchmal ist es auch der Stachel im Fleisch, der löckt und uns Themen aufgreifen lässt, die einige spannend, andere wiederum unmöglich finden. Über Gelungenes und weniger Gelungenes, über Vergangenes und Künftiges ohne Schere im Kopf schreiben zu dürfen, macht immer wieder große Freude.

Als gebürtige und bekennende Radebeulerin reizt es mich seit jeher, die Eigenheiten der Lößnitzstadt zu ergründen. Dabei kommen mir so mancherlei Fragen in den Sinn: Ist Radebeul nur eine fette Made im Speckgürtel von Dresden oder ein Konglomerat, dass sich weder in eine Wein-, Garten-, Industrie-, Tourismus-, Schlaf-, Kultur-, Genuss- oder gar Karl-May-Stadt-Schublade pressen lässt? Was sind das für Menschen, die hier leben, zwischen Elbe und Hang, zwischen Stolpersteinen und Kriegerdenkmalen, zwischen Bismarckturm und Friedensburg, zwischen Tag und Nacht, zwischen erstem, zweitem und drittem Ort, zwischen Gestern, Heute und Morgen?
Unlängst fragte ich mich, ob es Zufall oder Absicht ist, dass in Radebeul die einen Jubiläen gefeiert werden und die anderen wiederum nicht? So hatte Kötzschenbroda im Jahr 2021 seinen 750. Geburtstag. Auf den dezenten Hinweis von „Vorschau und Rückblick“ im Januarheft des vergangenen Jahres erfolgte keine Reaktion. So gab es keinerlei offizielle Feierlichkeiten, aber auch sonst ist definitiv nicht viel passiert, sieht man einmal von der postumen Veröffentlichung der Lebenserinnerungen des Kötzschenbrodaer Urgesteins Karl Reiche (1920–2017) oder der Grenzüberschreitung zwischen Kötzschenbroda und Niederlößnitz ab.
Erinnern erfolgt meines Erachtens über konkretes Erleben. Wenn aber ein derartiges Jubiläum einfach ignoriert wird, wie soll sich dann eine Identifikation mit der Heimatstadt entwickeln? Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht verspürt einmal „irgendjemand“ das Bedürfnis, den 755., 775. oder 777. Geburtstag dieser nicht unbedeutenden Radebeuler Ursprungsgemeinde zu organisieren. Im Jahr 2024 böte sich sogar die Möglichkeit, ein Doppeljubiläum zu feiern, denn die Gemeinden Radebeul und Kötzschenbroda bekamen 1924 das Stadtrecht verliehen. Gleichzeitig könnte das dann auch schon die Generalprobe für ein weiteres bedeutendes Stadtjubiläum sein.
Einen positiven Nebeneffekt hatte die ausgefallene Geburtstagsfeier allerdings auch. Immerhin fühlte ich mich dadurch animiert, einen Blick auf das Kapitel der Radebeuler Fest- und Traditionsgeschichte zu werfen. Wann, wer, wie und wo Ortsgründungsjubiläen nach 1945 gefeiert hat, ist sehr aufschlussreich. Während die Gründungsjubiläen in den dörflichen Ursprungsgemeinden zumeist von den dort über Generationen ansässigen Bewohnern angeregt wurden und innerhalb des Territoriums stattgefunden haben, bezogen sich die gesamtstädtischen Jubiläen im Jahr 1949 und 1999 auf die urkundliche Erwähnung der namensgebenden Ursprungsgemeinde Radebeul, obwohl diese weder die älteste noch die bedeutendste war.

Aufführung des Bühnenspektakels »Die (Zwangs)Hochzeit…« am 18. Juni 2010 in Naundorf Foto: K. (Gerhardt) Baum

Großer Andrang zur Eröffnung der Ausstellung »100 Jahre (Vor)Stadtgeschichte« im Museumsdepot am 8. Januar 2010 Foto: K. (Gerhardt) Baum

Festbroschüren und Programmbeilagen geben Einblick in das Geschehen. Darüber hinaus existiert im Stadtarchiv umfangreiches Bild-, Text- und Tonmaterial. Einige dieser Festlichkeiten wurden sogar in Form von bewegten Bildern für die Nachwelt dokumentiert.
Besonders beeindruckt hat mich, mit welchem feierlichen Pathos der 600. Stadtgeburtstag im Jahr 1949 begangen wurde. Im Unterschied zu Dresden war in Radebeul kaum etwas zerstört. Dafür lebten hier viele Ausgebombte und Umsiedler. Nach all den Schrecken des Krieges wollte man zuversichtlich in die Zukunft blicken, hoffte zu jener Zeit noch auf ein vereintes Deutschland und vertraute auf die schöpferische Kraft der Kultur.
An das erste Ortsjubiläum, welches ich selbst miterlebt habe, kann ich mich noch gut erinnern. Das war 1987 in Lindenau. Erst fünfundzwanzig Jahre später gab es eine Fortsetzung. Nach dem gesellschaftlichen Umbruch war Naundorf die erste Ursprungsgemeinde, die 1994 ein Ortsgründungsjubiläum feierte. Im Jahr 1999 folgten die Radebeuler, 2000 die Wahnsdorfer, 2012 die Lindenauer, 2015 die Serkowitzer und 2016 die Zitzschewiger. Einmal auf den Geschmack gekommen, fanden die Wahnsdorfer 2016 schon wieder einen Grund zum Feiern und begingen ihren 666. Geburtstag.

Das vom Dresdner Grafiker Gerald Risch gestaltete Jubiläumsplakat zum 75. Stadtgeburtstag Repro K. (Gerhardt) Baum

Ein recht umstrittenes Gründungsjubiläum wurde 2010 gefeiert. Erstmals bezog sich die Stadt Radebeul auf das Jahr 1935. Seitdem gibt es die Lößnitzstadt in den Grenzen, wie wir sie heute kennen. Doch die Vereinigung der Städte Radebeul und Kötzschenbroda erfolgte gewissermaßen unter Zwang. Das Tagebuch von Dr. Wilhelm Brunner (1899-1944), dem letzten Bürgermeister von Kötzschenbroda, gibt hierüber detailreichen Aufschluss.
Sowohl der zeitliche Vorlauf als auch das Budget zur Durchführung eines Festjahres aus Anlass des 75. Stadtgeburtstages waren recht knapp bemessen. Stattdessen übertrafen sich die Beteiligten mit Ideen und Spontanität. Die originelle Festbroschüre im Westentaschenformat konnte sich durchaus sehen lassen.
Zum Auftakt des Festjahres wurde am 8. Januar 2010 im Museumsdepot auf der Wasastraße die Ausstellung „100 Jahre (Vor)Stadtgeschichte“ eröffnet. Ein humorvoller Höhepunkt war das von den Naundorfern selbst verfasste und aufgeführte Bühnenspektakel „Die (Zwangs)hochzeit von Herrn Radebeul und Frau Kötzschenbroda“. Der dichte Veranstaltungsreigen endete am 30. Dezember mit einem Festmahl für Gourmets. Die Stadt zum Genießen wurde dabei schlichtweg aufgegessen. Danach folgte noch eine Festnachlese mit der Verleihung der „Goldenen Radebeilchen“ an besonders engagierte Festakteure. Der Plan des Sachgebietes Kunst- und Kulturförderung, dieses Jubiläum aller fünf Jahre bis zum 100. Stadtgeburtstag zu wiederholen, musste wegen fehlender Kapazitäten scheitern. Schade, es wäre zu schön gewesen…
Ein Heimat- oder Stadtmuseum ist eigentlich prädestiniert dafür, dass dort alle stadtgeschichtlichen Fäden zusammenlaufen. Doch von höchster Stelle wird die unerschütterliche Auffassung vertreten, dass Radebeul seine Steuergelder nicht mit einem solchen Museum „verfrühstücken“ kann. Allerdings ergibt sich daraus für uns Bürger ein Problem. Durch die sehr spezielle Profilierung des Sächsischen Weinbaumuseums Hoflößnitz, des Karl-May-Museums, der Stadtgalerie und der Volkssternwarte, steht deren Fachpersonal weder für die Erforschung noch die museumspädagogische Aufbereitung anderweitiger stadtgeschichtlich relevanter Themen, geschweige denn als Initiatoren von Stadtjubiläen zur Verfügung.
Stattdessen möchte die Stadt Radebeul als „Treuhänder“ der anvertrauten Steuergelder die Radebeuler Bürgerschaft als „Treugeber“ mit Augenzwinkern auf die Bezuschussung der städtischen Kultureinrichtungen aufmerksam machen. Anhand von konkreten Beispielen, präsentiert die vom Radebeuler Cartoonisten Lutz Richter gestaltete „Frau Radebeul“ in einer Sprechblase das Ergebnis der Berechnungen.
Eine (ebenfalls augenzwinkernde) Interpretation dieser Comic-Aktion aus Bürgerinnensicht sei an dieser Stelle erlaubt: Wenn Männer denken, was Frauen denken könnten, dann denken sie sich Karikaturen aus. Wenn Radebeuler Männer träumen, träumen sie natürlich von „Frau Radebeul“. Die „Traumfrau“ serviert ihnen alles auf einem silbernen Tablett, schließlich wird sie dafür bezahlt. Allerdings bekommt sie nur so viel Geld in die Hand, wie unbedingt notwendig ist, denn die „Schwäbische Hausfrau“ ist das angestrebte Ideal. Und das Beste an „Frau Radebeul“ – sie ist blond! Allerdings, wenn Männer wüssten, was real existierende Frauen denken, beim Anblick der blonden Rechenkünstlerin mit dem Kulturtablett, würden sie vielleicht ein wenig vor diesen Frauen erschrecken.

Comicartige Hinweistafel neben dem Eingang der Sternwarte mit »Frau Radebeul« vom    Radebeuler Cartoonisten Lutz Richter (RIL) Repro K. (Gerhardt) Baum

 

Wie sich zu kurz gedachte Sparsamkeit in ihr Gegenteil verkehrt, konnten wir beim zögerlichen Erwerb des Bahnhofs in Radebeul-Ost erleben. Nahezu Blaupausenartiges ereignete sich beim beabsichtigten und letztlich gescheiterten Erwerb des Bahnhofs in Radebeul-West. Wir alle – ob Frauen oder Männer – sind nun zum Zuschauen verdammt, wie der einstige Bürgerstolz verfällt! Nachhaltiges Wirtschaften sieht anders aus.
Dass die Lößnitzstadt großen Wert auf kulturelle Kontinuität legt, beweist im Jahr 2022 das Dreifachjubiläum der Radebeuler Stadtgalerie: 40 Jahre Stadtgalerie, 30 Jahre Städtische Kunstsammlung und 25 Jahre Stadtgalerie am neuen Standort in Altkötzschenbroda. Damit bietet sich auch eine gute Gelegenheit, um endlich wieder einmal über den Stellenwert von Kunst- und Kultur in der Radebeuler Stadtgesellschaft zu diskutieren. So wie sich die Stadt Radebeul als einzige Stadt im Landkreis ein Kulturamt „leistet“, leistet sie sich als eine der wenigen Städte in Sachsen eine städtische Galerie. Auch diese kulturelle Einrichtung wird mit Steuergeldern finanziert, sogar vollumfänglich, denn der Eintritt ist frei. Trotzdem ist die Rechnung komplizierter als vordergründig gedacht. Zwar finanziert die Stadt mit Steuergeldern die räumliche Hülle, anfallende Sachkosten und das dienstleistende Personal, doch die Künstler erschaffen die Kunstwerke und füllen die Räume mit jenen Inhalten, die das Publikum zur Auseinandersetzung anregen sollen. Den Geldwert gegeneinander abzuwägen, wäre wohl selbst für „Frau Radebeul“, eine kaum zu lösende Rechenaufgabe.
Nein, Geld allein, macht auch in Radebeul nicht glücklich. Und nicht nur ich frage mich, woran es wohl liegen mag, dass trotz der vielen Vorzüge, die die Lößnitzstadt zu bieten hat, Petitionen gestartet werden, Protestbanner im Straßenraum hängen oder offene Briefe geschrieben werden? Könnte es vielleicht sein, dass da „irgendjemand“ auf der Kommunikationsleitung zwischen Stadt und Bürgern steht? Könnte es vielleicht sein, dass dadurch sehr viel Energie verloren geht? Könnte es vielleicht sein, dass …

(Eine Fortsetzung folgt auf jeden Fall!)

Karin (Gerhardt) Baum

 

 

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Ein Kommentar

  1. Barbara Plänitz
    Veröffentlicht am Mo, 17. Jan. 2022 um 09:28 | Permanenter Link

    Danke für diesen sehr anregenden Artikel. Die Jubiläen feiern-unbedingt. Das und die persönlichen Begegnungen dabei schaffen Verbundenheit und stärken das Engagement der großen und kleinen Bewohner für ihre Stadt. Radebeul ist ja durchaus eine Stadt mit „Festerfahrung“. Vielleicht übernimmt ja „Frau Radebeul“ die Koordination?

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