Kunst am Bau –

dargestellt am Beispiel der Sparkasse Kötzschenbroda

 

Foto D. Lohse

Der Begriff „Kunst am Bau“ war ein Schlagwort im Bauwesen der DDR. Er bezog sich vor allem auf öffentliche Bauten wie Kulturhäuser, Rathäuser, Schulen, Bibliotheken und Studentenwohnheime, seltener auf Wohnhäuser. Zu der Zeit war der Fassadenschmuck fast schon ein Politikum und wurde den Architekten mit einer Prozentzahl der Gesamtbausumme (2%, ab 1982 0,5%) vorgegeben. Dadurch wurde aber Künstlern und Spezialisten wie Bildhauern, Putzgestaltern, Stuckateuren, Malern und Glasgestaltern ein Arbeitsfeld geboten. Viele der so hervorgehobenen Beispiele, z.T. auch mit sozialistischer Aussage, wurden inzwischen als Kulturdenkmale – Bauzeugen einer bestimmten Zeit – eingetragen. Der Wunsch, einige Häuser mehr zu schmücken als andere, kann aber als zeitlos erkannt werden. Er trat vor 1945 und auch nach 1990 genauso auf.

Foto D. Lohse

Bei der Spar- und Girokasse in Kötzschenbroda, erbaut 1933/34, finden wir eine Reihe von künstlerischen Zutaten, die das Gebäude in Ecklage (Bahnhofstr. 20 / Herrmann-Ilgen-Str. 28) schmücken. Mir fällt aber kein anderes Gebäude in Radebeul mit zwei Adressen ein. Hier war der Schmuck selbstverständlich und nicht verordnet. Man wollte vielleicht, kurz vor dem letzten Zusammenschluss (1.1.1935) zur Stadt Radebeul, noch mal unterstreichen, dass Kötzschenbroda zu dem Zeitpunkt die größere der beiden Städte war. Die Entscheidung, die neue Stadt Radebeul zu nennen, fiel wohl, weil den Machthabern Kötzschenbroda zu sorbisch klang und deshalb angeblich nicht in die Zeit passte. Vielleicht hätte dieses neue Gebäude sogar das Rathaus von Radebeul werden können, wenn „die Würfel anders gefallen“ wären; einen Ratskeller und den Sitz von ein paar städtischen Gremien hatte es ja schon. Hatte die Gemeinde Kötzschenbroda vorher eigentlich ein Rathaus? Oder wurden im Rathaus Niederlößnitz auch Kötzschenbrodaer Belange mit beschieden?

Foto D. Lohse

Das von den Gebr. Kießling 1933 entworfene, viergeschossige Sparkassengebäude erreicht durch die Lage an einer Straßenkreuzung eine dominante städtebauliche Wirkung, die noch durch die eingezogene Ecke mit Haupteingang und einem niedrigen, zinkgedeckten Turm hervorgehoben wird. Die Dächer sind mit roten Biberschwanzziegeln gedeckte Walmdächer und haben als horizontale Gliederung eine zusätzliche Dachkante aus Zinkblech in Höhe des Fußbodens der vierten Etage. Über einem Haussockel aus Sandstein erheben sich traditionell mit Ziegeln aufgemauerte und verputzte Wände. Die Gebäudeflügel bilden einen Innenhof; der Flügel an der Bahnhofstraße ist der längere, der Ratskellerflügel ist der etwas kürzere. Die Bauzeit betrug nur knapp zwei Jahre. Die Hauptnutzung als Sparkasse blieb über die knapp 90 Jahre bestehen. Gruß und Dank an Frau Novotny, der Leiterin der heutigen Einrichtung – nach längerer Bedenkzeit durfte ich die Innenaufnahmen (Farbglasfenster) dann machen.

Foto D. Lohse

Ein Künstler, der Bildhauer Burkhart Ebe (1891-1949), sh. auch V+R 02/94, war hier stark eingebunden. Er fand in der Zeit nach 1933 ein reiches Betätigungsfeld, allerdings haben seine Arbeiten an der Sparkasse die Zeiten überleben können, weil sie hier eher volkstümlich-erzählerisch, denn politisch erscheinen. Von seiner Hand stammen die vier Halbreliefs an den Mauerschäften zwischen den Ratskellerfenstern im EG. Sie wurden in Kunststein, eine Art besserer Beton, vergleichbar mit der Ebe-Arbeit bei der Hoflößnitz, gefertigt. Die Reliefs mit Figuren wie Musikant oder Nachtwächter sind gut erhalten, die westlichste Arbeit ist signiert. In gleicher Technik fertigte er an der Ecke zur Bahnhofstraße das schöne Kötzschenbrodaer Wappen unter einer Konsole. Die Vermutung, dass auf der Konsole früher etwas gestanden hätte, eine Vase, eine Figur oder etwas ähnliches, kann ich nicht bestätigen – auch auf älteren Fotos ist die Konsole leer. Eine Arbeit Ebes wohl in Holz ist die Supraporte über der ehem. Tür zum Ratskeller (ein Nest zwischen Weintrauben, ein Vogel die Jungen fütternd). Sie liegt etwas versteckt im Schatten. Ob Burkhart Ebe die Entwürfe für die drei bildhaften, nicht signierten Farbglasfenster abgeliefert hat, ist denkbar, lässt sich aber bisher nicht beweisen, auch nicht, welcher Handwerker sie seinerzeit gefertigt hat. Es sind Zecher- und Kochmotive, die gut zu einer Gaststätte passen. Derartige bäuerlich-historische Zechgruppen als Bleiglasfenster innerhalb eines größeren Glasfensters hatte seit 1910 die Münchner Firma F. X. Zettler vielfach und über längere Zeit gefertigt und deutschlandweit vertrieben. Zu erwähnen wären noch kunsthandwerkliche Metallarbeiten an Fenstern und Türen im EG, dem Stil nach Art-Deco-Arbeiten, auch hierfür gibt es leider keinen Nachweis, wer’s gemacht hat.

Foto D. Lohse

Die feierliche Eröffnung fand laut Kötzschenbrodaer Generalanzeiger am 12. Dezember 1934 nach nur reichlich einem Jahr Bauzeit statt. Hauptredner war der Kötzschenbrodaer Bürgermeister Dr. Brunner (NSDAP), der neben politischen Phrasen feststellte, dass das neue Haus im „Lößnitzer Barock“ gestaltet worden sei und dass er stolz sei, außer der Sparkasse auch eine größere Zahl Wohnungen in dem Gebäude anbieten kann. Dem o.g. Barock kann ich mich nicht anschließen, ich sehe eher einen Nachklang zum bereits abgeschlossenen Bauhausstil und Art-Deco. Dagegen war die zweite Rede an dem Tage von Architekt Edmund Kießling wesentlich sachlicher, er nannte die am Bau beteiligten: Baumeister Moritz Alfred Große, Architekt Wolf, die Baumeister Wachter und Jörissen sowie den Künstler Ebe.
Schauen Sie beim nächsten Einkauf oder Spaziergang in der Bahnhofstraße einmal aufmerksamer das Gebäude der Sparkasse an und entdecken Sie die Kunst am Bau!

Ein gelungener Entwurf, der durch künstlerische Zutaten noch in der Wirkung gesteigert wurde, eben durch „Kunst am Bau“!

Dietrich Lohse

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