Als die Läden noch den Namen von Leuten trugen

Ergänzende Leserpost

Am 12.1.24 ging der Brief von Helga Weisbach, einer Vorschau-Leserin aus Dresden, ein und am 14.1. erhielt ich einen Brief von Christian Günther aus Dinkelsbühl, Bayern. Ebenfalls ein ehemaliger Radebeuler, der, wie Frau Weisbach, die Vorschau geliefert bekommt. Beide beschreiben unabhängig voneinander in ihren Mitteilungen Läden und Einrichtungen in Radebeuls Mitte, genauer gesagt, rund um die Weintraube. Die Zeiträume der jeweiligen Erinnerungen überschneiden sich etwas: Herr Günther von etwa 1940 bis 1953 und bei Frau Weisbach von 1948 bis in die 60er Jahre. Wir bedanken uns bei beiden Einsendern herzlich und möchten Teile der Briefe, weil sie zufällig das gleiche Gebiet von Radebeul behandeln, zu einem Text zusammenführen – ein Experiment vielleicht, aber beide Personen haben hierfür ihr Einverständnis erklärt.
Man staunt mit heutigem Blick auf die Gegend um die Weintraube, wie viele kleine Geschäfte es da mal gegeben hatte. Und das Ladensterben begann sogar schon bevor 1990 als die großen Handelsketten Radebeul entdeckt hatten. So schreibt Frau Weisbach: bin geboren in der Klinik von Dr. Taubert (Meißner Str. 158). Gewohnt habe ich auf der Roseggerstraße, gar nicht weit von der Weintraube. Eingekauft haben wir an der Weintraube, da gab es fast alle Geschäfte des täglichen Bedarfs. Angefangen beim Bäcker/ Konditor Schiller in der Meißner Str.156, den es ja heute noch gibt. Weiter in östlicher Richtung folgte ein HO-Lebensmittel, eine kleine Postfiliale in der Tiefe des Hauses und der Friseur Seidel bzw. Tschochner. Dann folgte der Milchladen der Familie Kretzschmer, vor dem sich hier ein kleiner Uhrenladen befand, so die Erinnerung von Herrn Günther. Nach dem Milchladen kam ein Blumenladen, der sich Centraflor nannte. Gefolgt von der Fleischerei Ricius, die später unter anderen Namen weiter bestand. Östlich von der Fleischerei ist die Theaterkasse der Landesbühnen. Dann kommt die Gaststätte „Zur Goldenen Weintraube“, bestehend aus dem Gastraum und einem Tanzsaal. Frau Weisbach erinnert sich, dass die Gaststätte gutes Essen hatte und ihre Familie oft da war. Im Saal wurde mit richtiger Kapelle manchmal getanzt. Die Landesbühnen Sachsen, ein Mehrsparten- und Wandertheater, existieren an dieser Stelle seit 1950. Alle o.g. Läden und Einrichtungen waren unter den Adressen Meißner Str. 152/ 154 zu finden. Der große Umbau der Landesbühnen 2000 verwischte die Strukturen der alten Läden dann vollends. Gegenüber, im Moritz-Garte-Steg, kauften Weisbachs bei Haller (zuvor Stache) Obst und Gemüse. Wenn sie früher als Kind mal krank war, ging sie mit der Mutter zum Kinderarzt Meißner in der Mozartstraße.

Zeichnung: D. Lohse

Zur Bäckerei Hillig, Winzerstr. 1, haben beide Einsender fast gleichlautende Erinnerungen: zur Adventszeit besuchten sie mit ihren Müttern unabhängig voneinander diese Bäckerei zum privaten Stollenbacken – der herrliche Geruch beim Abholen der fertigen Stollen ist für beide heute noch abrufbar! Herr Günther, er wohnte zeitweise in der Schuchstraße, schreibt, dass er auf seinem Schulweg zur Niederlößnitzer Schule (damals hieß sie Richard-Wagner-Schule) u.a. am Gemüseladen Hertzschuch, Winzerstr. 5a, und am Kolonialwarengeschäft Schulz, Zillerstr. 15, vorbeikam. Interessant ist, wie lange sich so eine Ladenbezeichnung noch hielt, hier bis 2006 – denn der 1. Weltkrieg führte ja dazu, dass Deutschland seine Kolonien abgeben musste! Das Weiße Roß, Meißner Str. 148, war damals noch eine richtige Gaststätte, heute nutzt eine Spielbar die Räume. Manchmal gab es auch in der „Weißen-Roß-Apotheke“, jetzt Straße des Friedens 60, etwas abzuholen. Der Apotheke gegenüber war in der Meißner Str. 127 ein Fahrrad- und Motorradgeschäft, wie der Betreiber hieß, weiß Herr Günther aber heute nicht mehr. Soweit die Erinnerungen einer Leserin und eines Lesers an vergangene Zeiten in Radebeuls Mitte.
Ich habe für die Stelle, wo die meisten Geschäfte waren, eine Skizze zur Lage der Läden gemacht, an die sich Frau Weisbach und Herr Günther erinnert haben.

Dietrich Lohse

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