Fräulein Else

Inszenierungsfoto | mit: Veronika Petrovic, Julia Rani, Sandra Maria Huimann, Maria Sommer (v. l.) Foto: C. Beier

Stückentwicklung nach Arthur Schnitzler/ Uraufführung an den Landesbühnen Sachsen

Das Stück von Arthur Schnitzler „Else“ bietet einen Exkurs in die Wiener Moderne des 19. Jahrhunderts.Vier Schauspielerinnen beginnen in der Bühnenmitte als weibliche Skulptur. Mit diesem Bild eröffnet Jan Meyer seine Regiearbeit zu Arthur Schnitzlers „Else.“ Arthur Schnitzler, ein viel gespielter Autor und studierter Mediziner kommt in seinen Stücken und seiner Literatur (Novelle) der menschlichen Psyche seiner Figuren sehr nahe. Die Idee, Gedanken und Konflikte hier auf vier weibliche Figuren zu verteilen, bietet für den heutigen Theaterbesucher vielleicht lebendigere Bezugspunkte, als eine eindimensionale Erzählweise, die sich gute Literatur erlauben darf.

Else T. Tochter eines Wiener Rechtsanwaltes, befindet sich für einige Urlaubstage im Nobelkurort

San Martino di Castrozza in Trentin. Sie bekommt ganz unerwartet Post von ihrer Mutter. Es ist ein Expressbrief mit der Bitte für Elses Vater, der Mündelgelder veruntreut habe und kurz vor der Verhaftung steht, eine hohe Summe von 30.000 Gulden als benötigtes Darlehen zu erbitten. Der Kunsthändler Dorsday ist für Else der einzige mögliche Ansprechpartner. Sie schildert ihm die schwierige familiäre Situation. Der Kunsthändler willigt zwar ein, stellt aber Bedingungen. Er fordert als Gegenwert das 19-jährige Mädchen für eine Weile ungestört nackt betrachten zu dürfen.

Else ist empört. Mit der Regie-Idee, das Thema mit vier Frauen zu besetzen, erlebt der Zuschauer

ihre Empörung auf unterschiedliche Art und Weise. Vielleicht sogar vierfach? Das Dorsday Forderungen stellt, hat Else im Stück offenbar nicht bedacht. In der damaligen Zeit des 19. Jahrhunderts kommt seine Bitte einer Tragödie gleich. In dieser Konfliktsituation, in welcher die vierfache Else Handlungsspielräume und Assoziationen zwischen Todessehnsucht und Liebesbedürftigkeit spielerisch zu gestalten weiß, darf das Publikum betrachten und sich selbst Gedanken machen über die Welt von gestern.

Oder ist diese Welt doch mehr auf die Gegenwart zu übertragen als ursprünglich vermutet? Falls man das Alter der Protagonistin als Schlüssel nimmt?

Fest steht, dass ihr nicht genug Mittel in die Hand gegeben werden, um sich gegen die Forderungen von Vater und Mutter zu wehren. Während des Spiels erfährt das Publikum, dass der Rechtsanwalt in Gestalt des Vaters ziemlich oft kurz vor dem finanziellen Bankrott stand.

Wie geht Else mit der Bitte von Dorsday, einem älteren Herren um? Sie möchte sich mit dem Gönner nicht alleine im Zimmer aufhalten, der sie nackt sehen möchte. Sie denkt sich aus in einem schwarzen Mantel gehüllt, den sie unmittelbar auf ihrer bloßen Haut trägt im Musiksalon zu erscheinen und dem Gewünschten nachzukommen. Das tut sie auch. Die vier Frauen erzählen sich auf der Bühne gegenseitig, wie sie in eine ausgedachte Ohnmacht fallen und wie die Reaktionen auf ihre jugendliche Erscheinung sein könnten. Im ursprünglichen Stück von Schnitzler wird sie (Else) in ein Hotelzimmer gebracht. Dort liegen Schlafmittel bereit. Ob der tiefe, todesähnliche Schlaf ihre Probleme lösen wird?

Interessant ist, das die Stück begleitende Schauspieldramaturgin Elisabeth Guzy fast ausschließlich Anleihe in der Bildenden Kunst bei Gustav Klimt und Egon Schiele nimmt. Die beiden Maler lebten und arbeiteten in Wien der damaligen Zeit, kamen aber aus völlig verschiedenen sozialen Schichten.

Die durchaus akzeptable, vielleicht sogar geniale Idee, vier Frauen von der männlichen Übergriffigkeit erzählen zu lassen, spielen facettenreich manchmal sogar mit Humor. Zu sehen sind Sandra Maria Huimann, Veronika Petrovic, Julia Rani und Maria Sommer.

Zur Premiere dankte das Publikum, den Spielern und dem Regieteam mit anhaltendem Applaus.

Die Stückentwicklung nach Arthur Schnitzler „ Fräulein Else“ ist unbedingt zu empfehlen.

Angelika Guetter


Nächste Termine:

2.3, 19.4, jeweils 20 Uhr an des LBS (Studiobühne)

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