Ist die Welt noch zu retten?
Nun sind mittlerweile über 35 Jahre vergangen, als ich, noch im naiven Glauben an die Menschheit, 1989 aufatmete. Das Ende der Machtblöcke, so war damals meine felsenfeste Überzeugung, würde auch deren Kampf um Einflusssphären und vor allem das Wettrüsten, die ewige Geißel der Menschheit, ein für allemal beenden. Der Wunsch vieler Millionen Menschen lenkte wohl in jenen Tagen auch meine Gedanken. Dabei hätte ich es besser wissen müssen, bin ich doch im Osten in die Schule gegangen. Froh war ich, als sich im Zuge der Friedensübereinkünfte von Helsinki 1975 eine Entspannung über Europa legte. Der Osten hatte das damals angeschoben. Wahrlich, lang ist‘s her…
Nicht erst 2014 machten sich aber andienende Politiker und Historiker daran, die Mitschuld des Deutschen Reiches an den damals unvorstellbaren Völkermord des Ersten Weltkrieges zu relativieren und die Geschichte umzuschreiben. Und heute rufen sogenannte „Führer des Landes“ die Jugend wieder zu den Waffen mit dem Spruch „Das Vaterland braucht Euch“. Kalt läuft es mir da den Rücken herunter.
Wie es überhaupt kalt in der Gesellschaft geworden ist, in der sich alles rechnen muss, egal ob in der Wirtschaft oder bei den sogenannten weichen Faktoren. „Konzern Stadt“ war auch in Radebeul ein gängiger Begriff und Sozialwohnungen fast ein Fremdwort. Doch die ewige Sparpolitik zerstört gesellschaftliche Bereiche, die eben nicht auf jede kurzfristige Entwicklung an den Börsen reagieren können, die gewissermaßen zu den „Grundfesten“ einer Gesellschaft gehören sollten. Wir erleben dies gerade dramatisch im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen. Es fehlt überall an qualifizierten Arbeitskräften, auch weil die Finanzierung zurückgefahren wurde. Drastisch haben sich die Geburtenzahlen verringert, was sich im anwachsen der Singlehaushalte auf 44 Prozent spiegelt. Und wenn ich dann noch daran denke, dass ein Viertel der junger Menschen gegenwärtig eine engere emotionale, gefühlsmäßige Beziehung zu ChatGPT entwickeln, als zu einer lebenden Person, sehe ich förmlich den Untergang der Welt vor meinen Augen. Wir werden aus der Geschichte verschwinden, nicht weil wir mit einem sinnlosen Atomkrieg die Welt zerstört haben oder eine Pandemie uns ausgerottet hat, sondern weil uns die „Künstliche Intelligenz“ lebensunfähig machen wird! Die KI lässt die Nutzer nicht nur abhängig werden, sondern lässt sie auch verblöden, so eine Studie.
Diese Kälte unter den Menschen ist schon erschreckend, was man an der Abschiebung von Flüchtlingen, an der Aggressivität von Vierjährigen, wie auch am Mietwucher ersehen kann. Wohnen ist in diesem Land kein Bürgerrecht. Die Durchschnittsmiete in Radebeul liegt gegenwärtig bei 10,37 €/m², in Sachsen zwischen 6,65 und 7,26 €/m². Da weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Diese Stadt muss man sich leisten können. Wien lässt grüßen. Ist das die Kommunalpolitik, die wir brauchen?
Freilich gibt’s jetzt in Radebeul auch den Hoffnungsschimmer „Sportlich-kulturelle Mitte“. Da durften Interessierte am 9. Mai schon mal schnuppern. Wollen wir glauben, dass die Radebeuler bei der Ausgestaltung und Nutzung des großen Areals zwischen Bernhard-Voß-Straße und Steinbachstraße längs der Bahntrasse aktiv mitwirken können. Geduld muss aber mit- und aufgebracht werden, denn die endgültige Fertigstellung ist erst für 2039 vorgesehen.
Gleichwohl malen Heerscharen von Alleswissern von der Zukunft ein düsteres Bild, weil, laut Udo Di Fabio, die Menschen die Moral und ihre traditionelle Bindung an die Religion über Bord geworfen hätten und es ihnen besonders an Leistungswille fehle. Und damit auch gleich klar ist, wer hier unter „die Menschen“ zu verstehen ist, führt der Autor in seinem Werk Die Kultur der Freiheit, den Bäcker, Fußballspieler, Chirurgen, Forscher oder Kinderbuchautor auf, alles natürlich Individuen, die in dieser Gesellschaft das Sagen haben – aller vier Jahre! Kommt mir alles verdammt bekannt vor, auch wenn Udo Di Fabio sein Machwerk bereits 2005 verfasst hatte.
So ist die Welt nicht zu retten, meint
Euer Motzi


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