Was macht eigentlich unser früherer Artikelschreiber Reiner Roßberg?

Über lange Zeit, vor allem in den neunziger und Nuller-Jahren, war Reiner Roßberg regelmäßig in der Vorschau zum Thema Wein mit fachlichen Artikeln und Schnorren vertreten. Er gehörte zum Kreis der Schreiber um die Redaktion herum, wie z.B. Liselotte Schließer, Tine Schulze-Gerlach oder Frank Thomas. So erfreute er uns mit konkreten Themen zum Weinbau oder er ließ Karalambos philosophieren, der aber auch immer irgendwie beim Wein landete. Klar, Reiner Roßberg ist gelernter Gärtner und Winzer und weiß, wovon er schreibt.

Foto: D. Lohse

Dann aber wurden seine Artikel in der Vorschau weniger und hörten 2014 schließlich ganz auf. Viele Leser der Vorschau dürften das bedauert haben. In der Zeit kam das Gerücht auf, Roßberg schreibe an etwas ganz Großem. Und 2018 erschien dann sein Roman „Wolf von Kreyern“ im Notschriften-Verlag (wir berichteten in V&R 08 /19), sein bisher größtes und ein tolles Werk. Wer aber gedacht hatte, nun kann er sich wieder den kleinen Artikeln in der Vorschau zuwenden, hatte sich getäuscht. Es kam nichts mehr für die Vorschau aus seiner Feder. Warum, weiß man nicht. Könnte es vielleicht mit dem Tod und dem Ende der Redakteurszeit von Dieter Malschewski zusammenhängen?

Nun hatte ich schon geraume Zeit vor, mal bei ihm vorbeizuschauen und zu sehen wie’s ihm geht. Aber dann kam immer wieder was Anderes dazwischen. Wir, Reiner Roßberg und ich, kennen uns schon lange und hatten über die Jahre hinweg eine ganz gut laufende Weinpartnerschaft – ich verkaufte ihm das Lesegut aus meinem Weingarten, er kelterte es sortenrein (Müller-Thurgau) mit seiner Ernte und ich kaufte im Folgejahr dann ein paar Flaschen Wein zurück. Das Ende dieser Partnerschaft musste leider im Jahr 2024 vereinbart werden, da sich Reiner Roßberg einer weiteren Hüft-OP unterziehen musste. Zu meiner o.g. Absicht, Herrn Roßberg mal zu besuchen, kam nun die Frage aus der Redaktion der Vorschau dazu, was macht eigentlich Reiner Roßberg? Telefonisch wurde dann der 12. März 2026 für einen Besuch bei ihm zuhause vereinbart.

Nach erfolglosem Klingeln fand ich schließlich den Gesuchten mit zwei Krücken im Schuppen hantierend. Dann saßen wir im Wohnzimmer, aber ein Gespräch kam nur schleppend in Gang – wir sind halt beide älter geworden, seit wir uns zuletzt sahen. Ja, es ist so, wie ich vermutet hatte, es geht dem 84-jährigen Roßberg nicht so gut. Er ist allein seit seine Frau vor zwei Jahren gestorben ist. An den Hüftgelenken kann man nach mehreren Operationen nun wohl nichts mehr ändern, er spricht von einer miglückten OP und verschiedenen Nachbesserungen. Dazu kommen noch ein paar Beschwerden, die sich so im Alter einstellen. Dagegen ist, was man in dem Alter nicht immer voraussetzen kann, der Kopf noch „voll da“. Während des weiteren Gesprächs kann er sich noch recht gut an die Stationen des beruflichen Werdegangs erinnern und darüber sprechen.

Er stammt aus einer Zitzschewiger Gärtnersfamilie und hat nach der Schulzeit dann auch Gärtner als Beruf gelernt. In den 50er Jahren existierten hier noch viele Gärtnereien – heute gibt’s in Zitzschewig wohl nur noch die Gärtnerei Kießlich und die Baumschule Schumann. Eigentlich wäre Reiner Roßberg gern Handwerker geworden, aber er folgte den Wünschen der Eltern, bzw. der Großeltern. Als der „VEB Wackerbarth“ Leute suchte, bewarb er sich um eine Stelle als Winzer und qualifizierte sich da weiter zum Winzermeister und dort hat er dann fast 20 Jahre gearbeitet. Nach 1990 wechselte Roßberg für reichlich 6 Jahre ins stadteigene Weingut „Hoflößnitz“, wo Bio-Wein erzeugt werden sollte. Aber hier redeten ihm zu viele in seine Arbeit rein. Als Übergang zur Rente richtete er schließlich im eigenen Grundstück am Langenbergweg noch eine anfangs gut gehende Schoppenstube ein, die meine Frau und ich auch gern besucht hatten. Nach ca. 10 Jahren wurde der Betrieb der Schoppenstube dann eingestellt. Sein Berufsleben und seine Freizeit waren also immer irgendwie mit dem Wein verbunden gewesen!

Foto: D. Lohse

Während unseres Gesprächs erkenne ich aber, dass sich Reiner Roßberg parallel zum Wein auch immer Gedanken über die Gesellschaft gemacht hat, ja der Philosophie gedanklich sehr nahe gekommen ist. Vielleicht ist er dadurch gar dem alten Prohliser Astronom und Bauernwissenschaftler Johann Georg Palitzsch ein bißchen ähnlich? Manchmal zeigt er aber auch, dass er’s nicht so mit den „Studierten“ hat. Ist das ein Grund, weshalb unsere Bekanntschaft nicht über das „Sie“ hinausgekommen ist? Doch man kann auch Freund per „Sie“ sein, oder? Diese Veranlagung, über die Welt im Großen und Kleinen nachzudenken, sehen wir auch in seiner Schreiblust. Außer den Artikeln, die wir in der Vorschau lesen konnten, hat er etliche Bücher im Radebeuler Notschriften-Verlag (der ist neulich erst umgezogen: AK 22!) herausgebracht, darunter den „Wolf von Kreyern“. Und ein weiteres Buch „Balkon Gottes“ mit der Kritik am Leben in der Überflussgesellschaft hat Roßberg fertiggestellt, man darf gespannt sein!

Jetzt ist sein Leben stiller und der Radius seiner Handlungsmöglichkeiten kleiner geworden. Wahrscheinlich werden wir in der Vorschau künftig auch keine Artikel von Roßberg mehr finden, schade, aber wohl nicht zu ändern.

Ich verabschiede mich mit besten Wünschen für noch ein paar gute Jahre unter den o.g. Umständen und grüße von der Redaktion von „Vorschau und Rückblick“.

Dietrich Lohse

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