Gedenkblatt für Ingeborg Hauptmann

28. Juli 1923 – 7. April 2026

Foto: privat

Unsere erste Begegnung begab sich an einem milden Sommerabend des Jahres 1998 im Biergarten vor der Oberschänke in Altkötzschenbroda. Ingeborg hatte mit ihrem Lebensgefährten Klaus Heller das Zitzschewiger Hohenhaus besucht. Anderntags wollten beide nach Erkner fahren, um die Totenmaske ihres Großvaters Gerhart Hauptmann (1862 – 1946) dem dortigen Museum zu übergeben.
Wir sprachen viel an diesem Abend.
Über das Werk ihres Großvaters sprachen wir, vor allem aber über das Schicksal ihrer Großmutter Marie Thienemann (1860 – 1914), Gerharts erster Ehefrau. Sie war in dem alten Hohen Haus im großen Park an der Berglehne aufgewachsen. Von hier aus hatte sie dem jugendlichen Kunstschüler mit ihrer Liebe und natürlich auch mit ihrem Geld einen Weg geebnet, der ihn später zum Nobelpreis führte. Nachdem Hohenhaus 1885 verkauft worden war, haben es weder Marie noch ihre vier Geschwister jemals wiedergesehen. Geblieben war ihnen einzig eine lebenslange Sehnsucht nach der Geborgenheit, die sie im Schutz der alten Mauern erfahren hatten.

Auf der Suche nach Lebensspuren der ihr ja nur durch Erzählungen vertrauten Großmutter war Ingeborg schon vor 1990 mehrfach in Radebeul gewesen und mit dem Hohenhaus sehr verbunden. Ihr Vater Eckart Hauptmann (1887 – 1980) war der zweite Sohn von Marie und Gerhart Hauptmann. Er hatte zahlreiche, oft noch aus dem Hohenhaus stammende Erbstücke sorgsam bewahrt. So konnte er die Erinnerung an seine „Muttel“ lebendig halten und seinen Töchtern vermitteln. Der über zehn Jahre sich hinziehende Trennungsprozeß seiner Eltern und die daraus resultierenden Leiden Maries hatte seine Kindheit überschattet.
Wir haben heute keine Vorstellungen mehr davon, was es in den Jahren um 1900 für eine „verlassene Ehefrau“ gesellschaftlich bedeutete, mit drei Kindern allein zu sein.
In dem erhalten gebliebenen Briefwechsel zwischen Eckart und Marie aus den Jahren 1905 bis 1914 klingt das immer wieder an. Ingeborg hat die Herausgabe der Briefe durch Elisabeth Südkamp mit Hingabe und Begeisterung befördert und vor allem finanziert. Sie hoffte, damit der Erfüllung ihres größten Wunsches nahezukommen, Großmutter Maries Rang und Würde zurückzugeben und ihre Bedeutung für das Werden des Nobelpreisträgers ins rechte Licht zu rücken.
Das Buch erschien 2001 bei der Edition Reintsch in Radebeul.

In dieser ihrer Hoffnung und in der damals gemeinsamen Sorge um die Zukunft des Hohenhauses waren wir uns begegnet. Ingeborg hatte lebhaft Anteil genommen an unseren Versuchen, die literarische Tradition des Hauses zu bewahren. Auch die Überführung des Grabsteines von Marie in den Park durch Torsten Schmidt hat sie mit Begeisterung begleitet. Die aus ungezählten Begegnungen wachsende Freundschaft aber ging weit darüber hinaus.

Ingeborg war im Niederländischen Haarlem geboren worden, wo ihr Vater in leitender Stellung für die AEG tätig war. Den 13. Februar 1945 erlebte sie in Dresden.
Als nach dem Krieg die deutschen Staatsbürger aus den Niederlanden ausgewiesen wurden, fand sie schließlich mit ihren Eltern in Wiesbaden ein dauerhaftes Zuhause. Fortan arbeitete sie für ihren Vater, der sich nun als Handelsreisender selbstständig gemacht hatte, als Sekretärin.
Ingeborg begleitete ihre Eltern durch das Alter, und erst nach ihrem Tod fand sie Zeit für sich selbst. „Gerade noch rechtzeitig“ lernte sie, wie sie selbst einmal sagte, den um neunzehn Jahre jüngeren Klaus Heller kennen. Als nahezu sprichwörtliche Verkörperung der „rheinischen Frohnatur“ wirkte er auf Ingeborg wie ein Jungbrunnen. Und er saß am Steuer, wenn sie auf den Spuren der Vorfahren nach Radebeul, Erkner, Hiddensee oder ins polnische Schreiberhau wollte. Nicht ganz zufällig haben die beiden schließlich nach mehr als zwanzig gemeinsamen Jahren im Radebeuler Standesamt auf dem Rosa-Luxemburg-Platz geheiratet.
Schließlich kam das Alter doch. Mit ihm war irgendwann der Umzug ins Heim unabwendbar. Als Klaus starb, mußte Ingeborg allein weitergehen. Mit Staunen sah sie sich das Jahrhundert vollenden.

Nun kam sie also, die Nachricht vom Tod Ingeborg Hauptmanns – nach einem so langen erfüllten Leben ist die Ruhe mehr als verdient. Ihr herzhaftes, erfrischendes Lachen wird auch in Radebeul ebenso in Erinnerung bleiben, wie ihre lebhafte Anteilnahme an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Am 28. Juli wäre sie 103 (in Worten: einhundertdrei!) Jahre alt geworden.
Thomas Gerlach

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