Zugvögel

Foto: M. Pieper

César Olhagaray – Retrospektive
Muriel Cornejo – Enkaustik und Weidengeflecht

Am ersten April kommen die Störche zurück – heute manchmal schon deutlich früher. Bald darauf klingt auch das Palaver der Stare aus dem noch kahlen Gesträuch, die Heimkunft nach dem weiten gefährlichen Flug will ausführlich besprochen sein.
Wo Zugvögel landen, ist Leben möglich. Wenn Leben möglich ist, sind Zugvögel überall zu Hause. Wo Leben unmöglich ist, müssen auch Sesshafte ziehen. Weil ihm das Leben in seiner Heimat verweigert wurde, ist der chilenische Student César Olhagaray im Jahr 1974 nach Dresden gekommen: Als begeisterter Anhänger von Allendes Unidad Popular war er von den Schergen der Putschisten „im Stadion“ interniert worden. Die französische Botschaft befreite ihn aus dem sehr schnell sehr verrufenen KZ. Kaum in Paris angekommen, bot die DDR ihm und anderen heimatlos Gewordenen Heimstatt und Zukunft. Hier konnte er endlich wieder atmen.
Zu seinem Glück hat César sehr schnell die Fähigkeit erworben, sich in der Fremde nicht als Fremder zu fühlen. Er ist zu Hause, wo es ihm gut geht. Nun aber kehrt er, nach zweiundfünfzig Jahren, zu seinen Wurzeln zurück. Er kann sich das Leben in Deutschland finanziell nicht mehr leisten. So „remigriert“ er sich selbst.
In Santiago hatte César Architektur studiert, sich aber mehr für Kunst interessiert. Im Tanz fand er den Ausgleich, hier ergaben sich Möglichkeiten, mit fließenden Bewegungen dem Diktat des Rechten Winkels zu begegnen. In Dresden konnte er dann doch noch Bildende Kunst studieren.
Wo Zugvögel landen, kommt Farbe ins Leben.
Die achtziger Jahre bezeichnet César als seine „glücklichste Zeit“. Als freier Künstler hatte er alle Möglichkeiten zu experimentieren. Hatte sein französischer Vater einst die Schule von Barbizon nach Südamerika getragen, trug er nun seinerseits Anklänge an präkolumbische Kulturen nach Deutschland, wo er sie mit allen erdenklichen Strömungen von der Renaissance bis zum Kubismus zu verweben vermochte. Seine Affinität zur Maya-Kunst, die er überwiegend als Bilderschrift versteht, bildet dabei den Urgrund seines eigenen Schaffens.

Foto: M. Pieper

Zugvögel tragen die Farben des Lebens rund um den Erdball. Und sie haben Spaß dabei. Spaß an der Zeichnung, Freude an den Farben und die Tiefe der transatlantischen Formenvielfalt tragen Césars Werk. Die konkrete Linienführung – mal mehr zackig, mal fließend harmonisch, mal
ikonografisch – ergibt sich aus der Stimmung des Augenblicks.
Als die Zeit gekommen war, begegnete er seiner alten Liebe: Muriel Cornejo. Sie hat an der Theaterschule der Universität Chile studiert. Sie hat mit ganz kleinen Puppen angefangen und ist mit begehbaren Objekten noch lange nicht am Ende. Ihre aus chilenischer Weide gebogenen freien Objekte haben sich vom Gegenstand gelöst. Teilweise oder vollständig textil verwoben und eingesponnen, sind sie Inszenierungen des Augenblicks auf der Suche, wie sie selbst schreibt, „nach dem Organischen, Weiblichen, Sinnlichen“.
Mit ihrer Enkaustik wird Muriel vollends zur Expressionistin. Die Kraft der Farben, von der Kraft des Feuers und der Notwendigkeit des Zufalls verschmolzen und verteilt, wirkt belebend auf die Künstlerin zurück.
Zugvögel bringen Freude aus der Ferne mit ins Land.
Wünscht sich Muriel vom Betrachter ihrer Arbeiten freudige Anteilnahme, erhofft sich César von der Betrachterin seiner Bilder aktive Aufmerksamkeit.
Vor allem aber hofft er, damit die natürliche Intelligenz zu aktivieren und sie so zu immunisieren gegen die Einflüsterungen der Macht des Geldes, das die natürlichen Lebensräume immer weiter verengt. – Der Rest ist Freude.
Eine erste Ausstellung von Césars Kunst gab es am Ende der achtziger Jahre in der damaligen „Kleinen Galerie“ in Radebeul Ost.
Seit vielen Jahren sind Muriel und César von den Radebeuler Stadtfesten nicht wegzudenken. Nach dem Herbst-und Weinfest werden sie in die neue alte Heimat zurückkehren.
Wünschen wir ihnen weiter alle Freude an und mit ihrer Kunst.
Wenn die Stare abgereist sind, wird’s still im Geviert…

Thomas Gerlach
(Laudation leicht gekürzt)

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