Es war eine wunderschöne, gut besuchte Bauherrenpreiswanderung am 03.07.2026, die uns vom AWD-Klubhaus mit der größten Sgraffitoarbeit von Hermann Glöckner in Radebeul zu Bauten und Anlagen am Robert Werner Platz, über den Dorfanger „Am Kreis“ in Alt-Radebeul, entlang der Serkowitzer Straße und nach Serkowitz führte. Zu Gebäuden und Plätzen, die preiswürdig und preisgekrönt waren. Knapp 50 Teilnehmer kamen und lauschten gespannt Michael Mitzschke und Harald Borgmann zu den stadtbildprägenden und verborgenen Details und den teils sehr vergnüglichen historischen Fakten und Anekdoten. Es war wieder eine sehr mobile und interessierte Zuhörerschaft dabei und wir hatten einen gemütlichen Ausklang mit vielen belebenden Gesprächen.
Und wieder die bange Frage, soll diese Wanderung die letzte gewesen sein? Wieder haben viele ausgedrückt, dass sie das, wie schon bei der letzten Bauherrenpreisverleihung, sehr schade fänden.
Keine Bauherrenpreise, keine Bauherrenpreiswanderungen, keine Rettungen gefährdeter Denkmale, Kleinarchitekturen und Plätze, keine Pflanzaktionen, kein Mitdiskutieren bei der Stadtentwicklung? Ebenso keine Beratungen von Bauherren, von Eigentümern oder Fachvorträge mehr? Von den Exkursionen und Publikationen, dem Tag des offenen Gartens und Ausstellungen hatten wir uns schon verabschieden müssen.
Wer kann das Ansinnen, den „besonderen“ Charakter von Radebeul zu erhalten und zu fördern und somit Heimat zu bewahren, aus der Einwohnerschaft und der interessierten Öffentlichkeit unterstützen, wenn nicht ein Verein wie der unsere? Wie bei vielen anderen Vereinen fehlt auch uns der Nachwuchs, die interessierten, engagierten, ideenreichen und zupackenden Mitstreiter unter 50… 60 Jahren. Wir „Ältergewordenen“ können und wollen noch viel, es entwickelten sich auch an diesem Abend wieder neue Ideen, aber viele und auch unser jetziger Vorstand können es nicht mehr leisten.
Satzungszweck des am 25.2.1993 im Haus Lotter bei Tilo Kempe gegründeten Vereins war und ist die Förderung der Erhaltung des besonderen Charakters der Stadt Radebeul, wozu insbesondere die Bewahrung der spezifischen Lößnitzarchitektur im Sinne der Einheit von Architektur und Landschaft zählt. Ein maßgebender Aspekt war die Sorge um den Erhalt der einzelnen Dorfkerne, vor allem von Altkötzschenbroda, welches kurz vor der Friedlichen Revolution dem Abriss entgegensah. Wie der Vereinsname schon anzeigt, verstehen wir den besonderen Charakter Radebeuls aber nicht allein als vergangenheitsbezogen, sondern als eine beständige Herausforderung bei der Sanierung wie auch dem Neubau von Wohn- und Gewerbebauten, der Gestaltung von Ensemblelösungen und dem Umgang mit Freiraum.
Wenn die Gründungsmitglieder unseres Vereins auf 1993 zurückschauen, so sehen sie nicht nur jede Menge – aus heutiger Sicht berechtigten wie auch enttäuschten – Enthusiasmus, sondern auch Frauen und Männer Ende 20 bis Ende 30, die 1993 viele Wünsche bewegten, die auch anderes im Blick hatten als nur den Verein und, nicht alle leben mehr, ihm doch treu geblieben sind, mit ihm älter und vermutlich auch alt werden. Und um das Älterwerden geht es auch bei unserem Verein. Über 30 Jahre, eine ganze Generation hat der Verein gewirkt. Jeder Generation bleibt eigenes Zutun offen und wir hoffen und wünschen uns, dass es auch weiterhin ein breites bürgerschaftliches Engagement geben wird.
Gern würden wir wieder ganz praktisch die Sicherung oder Wiederherstellung eines Platzes (ein offenes, spannendes und visionäres Projekt wäre der Zillerplatz) oder eines Denkmals befördern, so wie wir zur Sanierung des Mohrenhauspavillons dieses Jahr beitragen. Veranstaltungen wie z.B. „Radebeuler Häuser und ihre Bauherren“ warten auf ihre Fortsetzung.
Über die Jahre gerechnet haben wir rund eine Million Euro gesammelt, gespendet, beigetragen – Geld, welches direkt unserer Stadt sichtbar zufließt. Das Wenigste können wir allein, aber eine unserer entscheidenden Funktionen ist es anzustoßen, zu bündeln, zu transportieren und gemeinsam mit weiteren Interessensgruppen oder einzelnen Personen Maßnahmen umzusetzen bzw. Themen auf die kommunalpolitische Agenda zu heben. Und zwar ohne parteipolitische bzw. interessenspolitische Fixierung, sondern nur mit unserem Satzungsanspruch: Erhaltung des besonderen Charakters der Stadt Radebeul.
Wesentliches Anliegen unseres Vereins war es von Beginn an, nicht nur kritisch dem Baugeschehen gegenüberzustehen und auf Defizite aufmerksam zu machen, Lösungen von Politik und Verwaltung einzufordern, sondern selbst mit gutem Beispiel voranzugehen und sozusagen stilbildend zu wirken; durch das Hervorheben und Begründen des mehrheitlich als schön empfunden gemeinsam mit Eigentümern auf andere Bauherren auszustrahlen. Wichtig ist und bleibt aus unserer Sicht die Sensibilisierung für das Schöne, für den besonderen Charakter und damit die kulturell-ästhetische Ansprache des Bauwilligen. Wir sollten immer wieder zeigen, auf welchen (europäischen) kulturellen, architektonischen und künstlerischen Voraussetzungen unser gebautes Erbe bis hin zu seiner Zeichensprache in Schmuck und Form beruht und das dieses Erbe einen jahrtausendalten Zusammenhang widerspiegelt, der für unser Wertebewusstsein Messlatte sein sollte. Es gilt eben nicht, in vollständiger Freiheit nur Wohnraum zu schaffen, Zuzug von Steuerzahlern zu ermöglichen – sondern es gilt, mit alten und neuen Einwohnern eine Stadt abendländischer Kultur weiterzubauen, die so nur hier denkbar ist, nicht beliebig auswechselbar. In Radebeul wird zweifellos charaktervoll gebaut und sich oftmals zugleich am Anspruch „Radebeul“ versündigt; mit gesichts- weil einfallslosen Neubauten und der fortlaufenden Parzellierung bauen sich Neueigentümer das weg, weshalb sie nach Radebeul gezogen sind. Die wachsende Besorgnis, universelle Bauten in den Stadtraum hineingestellt zu bekommen anstelle von solchen, die städtische Identitäten aufnehmen und eine Auseinandersetzung mit dem spezifischen Ort erkennen lassen, führte zu vielfältigen Diskussionen.
Ein zentrales Unterfangen dabei war der seit 1997 verliehene Bauherrenpreis der Großen Kreisstadt Radebeul, den wir gemeinsam mit der Stadtverwaltung ins Leben gerufen und bis 2025 zum 20. Mal verliehen haben. Mittlerweile konnten ca. 100 Plaketten überreicht und an den Häusern befestigt werden.
Selbst gestalterisch aktiv zu werden, war von Beginn an Anliegen des Vereins. Bleibend identifiziert er sich, schon auf seinem Logo zu erkennen, durch den Treppeneinbau in den Bismarckturm. Der 1913 geplante Einbau einer Treppe scheiterte aus finanziellen Gründen. Wir wollten mit unserem Vorhaben unser Bau-Erbe pflegen und mit Eigenem bereichern – und sahen uns in dieser Idee durch den provisorischen Treppeneinbau 2007 dazu auf dem richtigen Weg. Damals kamen in nur vier Wochen über 1.000 Besucher, um einen Blick von der Turmkrone in das Elbtal zu werfen. Wenig später begann die Werbeaktion, die wir im Jahr 2019 mit ca. 300.000 Euro, ohne öffentliche Mittel!, erfolgreich abschließen konnten. Am 8. September 2019 fand die feierliche Eröffnung statt. Seitdem kann der Turm von April bis Oktober bestiegen und eine grandiose Aussicht über Dresden, Cossebaude, Radebeul, Coswig bis zum Schloss Moritzburg entschädigt für die Mühen des Aufstiegs.
Der Architekturkritiker Wolfgang Kil aus Berlin schrieb uns am 1. März anlässlich unserer 20 Jahrfeier ins Stammbuch: „Wer sich durch einfachen pfleglichen Gebrauch in seinem überkommenen baukulturellen Bestand – egal, aus welcher Epoche – heimisch fühlt, der widersteht womöglich der Versuchung, sich darüber hinaus noch mit Bildern einer nachgemachten (oder schlimmer noch: einer frei erfundenen) Historientümelei zu umgeben. Will sagen: Wo der Umgang mit der Tradition selbstverständlich ist, zum Alltag gehört, da wachsen vielleicht auch sicheres Gespür und größere Lust, auch Neues zu wagen. Nicht um das Alte blindlings zu revidieren oder zu übertrumpfen, sondern schlicht, um die Annalen dieses Ortes auch mit Eintragungen aus unserer Lebenszeit zu bereichern.“
Dieser Blick in die Geschichte weist zugleich darauf hin, dass wir, ob in Radebeul oder anderswo, immer eingebettet in die regionale Vergangenheit leben, sie kennen und auch aus ihr schöpfen sollten. Hilfsmittel dazu sind u.a. Zeitzeugen, Rituale, Jahrestage, Namensgebungen, Markenzeichen, Steine/Tafeln, Denkmale, Tagebücher, Museen, Archive, oder Preise. So war und ist es dem Verein auch ein stetes Anliegen, auf die „kleine“ Denkmallandschaft zu achten und hier zur Sanierung oder überhaupt erst wieder zur Sichtbarmachung beizutragen, so z.B.:
- begonnen mit der im Boden eingelassenen Tafel zum Vorfrieden des Westfälischen Friedens an der Friedenskirche in Altkötzschenbroda,
- Sanierung der historisch bedeutsamen Figurengruppe Chronos und die Trauernde,
- Pavillon an der Spitzhaustreppe
- Weiberstein bei Serkowitz
- Heimkehrerstein bei Altradebeul
- Wendeskulptur vor der Landesbühne
- eine Beschilderung historischer Plätze und städtebaulicher Anlagen (Villenkolonie Altfriedstein)
- Vergoldung des Schriftzuges am Weinberg „Zum Goldenen Wagen“
Aktuelles Projekt des Vereins ist die Sicherung und Restaurierung des Pavillons im Mohrenhauspark, welches insbesondere Robert Bialek kraftvoll antreibt. Das seit alten Zeiten „Mohrenhaus“ genannte Märchenschloss in Radebeul ist mit seinem Park sowie dem achteckigen Pavillon ein Kleinod in der Radebeuler Kulturlandschaft. Auf den Weg gebracht sind nunmehr die Restaurierung der gusseisernen Stützen und Tudorbögen, die Sanierung des Sockels und der Stufen, der Innen- und Außenputz, die Reparatur des Fußbodens, die befundgerechte Rekonstruktion des Gipsstucks in und unter der Kuppel. Offen ist noch die Fertigung und Montage von Ziergittern.
Nicht nur durch uns, aber eben auch durch unser Einbringen, nutzt die Stadt mittlerweile viele Instrumente des Baurechts: Bebauungspläne (vorhabenbezogene Bebauungspläne sehen wir kritisch), Denkmalschutzsatzungen, Gestaltungssatzungen, Erhaltungssatzungen, Gestaltungsfibeln usw.. Nicht zuletzt hat auch der Bauherrenpreis hierzu entscheidend mit beigetragen. Ein großer Gewinn, auf den sich am Ende eines langen Diskussionsprozesses alle Teilnehmer wie Verein, Stadtrat und Verwaltung gleichermaßen einigten, war die Entscheidung, ein Gestaltungsforum einzurichten, in dem der Verein zwei Mitglieder bzw. sachkundige Bürger stellt.
Zusammengefasst versteht sich der Verein als Podium für Fragen von Städtebau, Denkmalschutz und Stadtkultur; er bringt sich als anerkannter Träger öffentlicher Belange auch aktiv in die Stadtpolitik ein. Wir können in unserer über 30-jährigen Bilanz wohl doch darauf verweisen, Bausünden verhindert und Vieles verbessert zu haben. Insbesondere sehen wir ein wachsendes Gefühl im Baugeschehen für die Verantwortung vor Radebeul. Dem muss auch die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen im Alltag nachkommen, ein freiwilliges Zurücktreten hinter eigene Ansprüche zugunsten der Allgemeinheit. Wir brauchen, und mahnen dies an, Selbstbegrenzung und das Einhalten von allgemeinverbindlichen weil sinnvollen Regeln, mehr Sinn für das Schöne an sich als maximalen Gewinn. Dies verneint ausdrücklich nicht den grundlegenden Anspruch auf das Bauen, hergeleitet aus dem Schutz des Eigentums. Es gilt, den „besonderen Charakter Radebeuls“ gemeinsam zu erkunden und weiterzuentwickeln ohne charakterlos zu werden. Mit etwas gutem Willen und Verständnis des Ortes wird dieses Unterfangen kein Buch mit sieben Siegeln bleiben und über 30 Jahre Vereinsengagement sind nicht in den Sand geschrieben.
Wir hoffen nicht mit leisem Bedauern sagen zu müssen: „eine Ära geht zu Ende“. Wir wollen unsere Erfahrungen und unseren Enthusiasmus gern an die nächste Generation weitergeben.
Jens Baumann und Grit Heinrich




