Das Mittelalter lässt grüßen: der Hohlweg bei Constappel

Wanderfreund Thomas Gerlach

Wanderfreund  Thomas Gerlach

Autor Dietrich Lohse

Autor Dietrich Lohse    Foto: D. Lohse

Meine Ausflüge im vergangenen Jahr in die linkselbischen Täler zum Finden von Titelbildmotiven für unser Blatt – es waren mehr als 12 Fahrten, denn nicht jedes fotografierte Gebäude wurde dann ein Titelbild – brachten mir über die Bilder hinaus Freude und auch Erkenntnisgewinn. Wenn man mich vorher zum anderen Elbufer gefragt hätte, hätte ich sicherlich geantwortet: kenn ich doch alles! Aber so war es nicht, es gab auch für mich noch einiges Neues zu entdecken.
Im Frühjahr 2015 wollte ich dann das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Ich erinnerte mich an einen Wandertag als Achtjähriger mit der Schulklasse ins Saubachtal, eine gemischte Erinnerung mit Fassbrause und einem aufgeschrammten Knie. Nun wollten wir unserer Enkelin Priska (7 Jahre), die in ihren Ferien in Radebeul war, ein ähnliches Erlebnis mit Saubachtal und Neudeckmühle bieten. Das Wetter spielte mit, die Mühle wurde dann zwar kein Titelbild aber hatte als Gaststätte geöffnet, so dass der familiäre Halbtagsausflug auch als Erfolg verbucht werden konnte. Unser Rückweg führte über das Hochland, Kleinschönberg und zurück nach Constappel, wo ich das Auto geparkt hatte. Der Weg ging lange recht eben dahin, senkte sich dann aber steil und plötzlich in die Weitung des Elbtals von Constappel und Gauernitz. Der wohl selten begangene Weg war auf der Gefällestrecke im Wald zunächst tief eingeschnitten und gliederte sich am Hangfuß in mehrere Spuren auf – war das ein alter Hohlweg, etwa ein vergessener Handelsweg? Da er in keiner Weise beschrieben oder beschriftet war, wollte ich zu meiner Vermutung noch mal einen Fachmann fragen.
Es sollte Herbst werden, genauer gesagt der 4. November 2015, bis wir, mein Freund Thomas Gerlach (langjähriger Mitarbeiter im Landesamt für Archäologie) und ich (ein paar Jahre mit zuständig für Denkmalschutz in Radebeul), uns zu einer kleinen Wanderung zu o.g. Hohlweg aufmachten. Außer Fotoapparat und Notizblock brauchten wir keine weitere Ausrüstung und die Neudeckmühle erreichten wir auch nicht, sonst säßen wir vielleicht noch beim Biere – kleiner Scherz! Ohne Umschweife näherten wir uns dem mit Laubwald bewachsenen Steilhang zwischen Saubach und Prinzbach. Wir querten eine Weide, aber ab dem Waldrand stieg dann das Gelände leicht an. Hier waren etwa vier oder fünf sich verzweigende, parallele und flacher (seitlich 0,5 – 2m Böschungen) ausgefahrene Wegespuren im herbstlich lichten Wald zu erkennen. Es gibt mehrere Erklärungen für solche Spuren, sagte mein Freund: erst mal muss es das Geländeprofil zulassen, dann wäre es möglich, dass der Wegabschnitt unpassierbar geworden wäre und die Fuhrwerke eine neue Spur finden und einfahren mussten oder dass ein Wegepaar absichtlich eine Ausweichspur für entgegen kommende Fuhrwerke bilden sollte. Neben einer der Spuren fanden wir den Forststein 44 mit dem auch eine Lagedefinition dieses Bereiches möglich ist. Da, wo sich die Spuren zu einem Strang bündelten, änderte sich das Geländegefälle deutlich und nach ein paar Schritten bergan schnauften wir hörbar. Der Hohlweg hatte einen schrägen Verlauf im Steilhang eingeschlagen und ist hier besonders tief eingeschnitten, etwa zwischen 1,5 und 3,5m. Eine Begegnung zweier Fuhrwerke war hier in grauer Vorzeit nicht möglich, sie hätte unweigerlich zu einem Unglück geführt. Um dem vorzubeugen, musste der von Oben kommende durch Rufen, Klatschen oder ein Hornsignal sein Kommen ankündigen und der Untere musste warten bis die Engstelle (etwa 200m) frei war. An diesem Bereich der Wegstrecke wird uns auch klar, wo die Bezeichnung Hohlweg oder Hohle herrührt – der Weg wurde über die Jahrhunderte durch die schweren Räder von Fuhrwerken eingegraben, bzw. ausgehöhlt. Zwischen den Weiden unten und Feldern auf dem Hochland mussten ca. 80m Höhe überwunden werden. Oben angekommen erkennen wir, dass der Weg nun einen geraden, nahezu ebenen Verlauf zwischen Feldern annimmt. Hier, als Feldweg von Kleinschönberger Bauern benutzt, ist er ganz sicher über die Zeit sicher mehrfach planiert oder befestigt worden. Der Hohlweg dagegen ist, seit die alte Nutzung aufhörte, unbearbeitet geblieben und bildet so ein Zeugnis für einen mittelalterlichen Weg. Ja, Thomas Gerlach ist sich auch recht sicher, dass diese sich deutlich von heutigen Straßen unterscheidende Hohle wohl schon im 12. oder 13. Jahrhundert existiert haben könnte. Eine Verbindung mit der Via Regia und der auch sehr alten Salzstraße auf dem Hochland der rechten Seite der Elbe kann ausgeschlossen werden. Eher könnte unsere betrachtete Hohle eine Verbindung mit der Silberstraße haben oder allgemein ein örtlicher Handelsweg sein, der auf eine Elbfurt bei Gauernitz zielte. Wenn wir aber wissen, dass die alte Nikolaikirche von Constappel (heutige Kirche von 1882-85 errichtet) im 11. Jh. gegründet wurde und vom Mittelalter bis ins Spätmittelalter als Wallfahrtskirche diente, kann noch ein anderer Zusammenhang zum Hohlweg vermutet werden: unsere Straße wäre ein auch befahrener Pilgerweg über Freiberg, Tharandter Wald und Constappel, ein Abzweig der Frankenstraße. Vielleicht ist aber eine viel näher liegende Entstehung, bzw. Nutzung der Hohle zutreffend, die mit einer nicht mehr existierenden Mühle am unteren Saubach (etwa da, wo jetzt die großen Rinderställe stehen) zusammenhängt. Kleinschönberger Bauern könnten im Mittelalter durch einen Mahlzwang an diese deutlich tiefer liegende Mühle als z.B. die Lehmann- oder die Neudeckmühle gebunden gewesen sein. Solch einen Mahlzwang konnte man früher nicht umgehen! Und schwere Bauernwagen mit Korn oder Mehl graben sich über Jahrhunderte an solchen Stellen auch tief ins Erdreich ein. Damit sind ein paar historische Möglichkeiten genannt, die einzeln oder auch im Zusammenwirken hier zu einer Hohle geführt haben könnten – wir können aber derzeitig keine favorisieren.

6_wald

Herbstlicher Hohlweg Foto: D. Lohse

Heute mögen wir uns fragen, warum mittelalterliche Straßen solche Steigungen überwinden mussten und meist nicht in den Tälern längs von Bächen und Flüssen verliefen. Enge Täler, unregulierte Flüsse und periodische Überschwemmungen hinderten mittelalterliche und auch spätere Fuhrleute daran, hier ihren Weg zu nehmen. Unglücke wären auch da die Folge gewesen. Erst viel später, wohl im 19. Jahrhundert, wurde im Prinzbachtal die Straße nach neuzeitlicher Art angelegt und der Weg durch die Hohle hatte sich seit dem erübrigt. Es gibt in Deutschland und auch in Sachsen noch ein paar vergleichbare, alte Hohlwege, sofern diese Strecken nicht durch breitere, moderne Straßen überbaut wurden. Abschnittsweise ist die alte Radeberger Straße nahe der Heidemühle, bzw. der Kuhschwanzweg (beide Dresdner Heide) noch als Hohlwege zu erkennen. Ein anderer Hohlweg bei Bobritzsch, OT Naundorf wird im aktuellen sächsischen Heimatschutzkalender beschrieben. So eine Hohle, wenn sie unverbaut erhalten ist, sollte von uns auf jeden Fall geschützt und weiter als stilles Denkmal oder auch als Naturdenkmal erhalten werden. Unsere Hohle ist kein ausgewiesener Wanderweg, aber man darf sie natürlich begehen, vorausgesetzt man hat gesunde Beine und festes Schuhwerk. Wir erkennen in solch einer Hohle ein verkehrsgeschichtliches Denkmal, uns tut sich mit etwas Fantasie ein überraschendes Fenster ins Mittelalter auf.
Es sollte aber bitte keinen Streit geben, wer für dieses Denkmal, was gerade die Schnittstelle der Bearbeitungsgebiete der Institutionen Archäologie und Denkmalpflege bildet, mehr zuständig ist, aber wahrscheinlich haben ja Naturschutz und Forstwirtschaft auch ein Mitspracherecht, denn auch der Wald sollte an dieser Stelle möglichst erhalten bleiben, ein Kahlschlag mit der Supertechnik Harvester wäre eine Katastrophe für die Hohle. Insofern war die Zusammensetzung der kleinen Wandergruppe geradezu symptomatisch, wie ich glaube.

Dietrich Lohse

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