Kondolenz statt Audienz

Ein Nachtrag zum »Wundermann von Kötzschenbroda«

Im Herbst brachte die ›Vorschau‹ einen zweiteiligen Beitrag über den »Wundermann von Kötzschenbroda« Wiljalba Frikell, den ersten großen Varietékünstler, der sich in der Lößnitz häuslich niederließ. Längst war es an der Zeit, einmal fundiert und ausführlich an ihn zu erinnern. Abgesehen davon, dass der über vier Jahre fleißig recherchierte Text sicher noch lesenswerter geworden wäre, hätte sein Autor nicht permanent versucht, die Regeln der deutschen Sprache genau so außer Kraft zu setzen wie der behandelte Magier die der Physik (erstere basieren im Gegensatz zu letzteren auf einer Vereinbarung, an die sich auch Zauberer halten sollten…), bleiben nach der Lektüre freilich noch einige Fragen offen und andere stellen sich neu. Schon die Überschrift gibt Rätsel auf: Wie hieß er denn nun wirklich, der berühmte Illusionist? Jens-Uwe Günzel bietet – bunt durcheinander – verschiedene Varianten an, die einer Sortierung bedürfen. Geboren wurde Wiljalba Frikell als Friedrich Wilhelm Frickel. Den exotisch klingenden Bühnen-Vornamen »Wiljalba« – allem Anschein nach frei erfunden – muss er sich zu Anfang der 1840er Jahre zugelegt haben. Der Wechsel des Familiennamens von Frickel zu »Frikell« erfolgte dann in zwei Etappen: 1845 verschwindet zunächst das C und 1851, als er erstmals in London gastiert, wird das L verdoppelt. Die Verschiebung der Betonung auf die zweite Silbe sollte wohl auch dem Nachnamen einen vornehmeren und weniger deutschen Klang verleihen.

Für professionelle Zauberkünstler gehörte das zum Selbst-Marketing, genauso wie die Verschleierung der eigenen Herkunft und des genauen Alters sowie die künstlerische Freiheit in der Benutzung akademischer und sonstiger Titel. In den 40er Jahren tritt Frikell meist als »königlich griechischer Hofkünstler« auf, zuweilen mit dem Zusatz »aus Athen«; in Berichten über seine frühen Auftritte in London heißt es dann, er stamme aus dem (imaginären) Dorf Scopio in Finnland. Die Angaben über sein Geburtsjahr variieren in der Literatur bis heute von 1810 bis 1818 (übrigens auch bei Jens-Uwe Günzel: Entweder wurde Frikell am 27. Juni 1817 geboren, oder er starb im Herbst 1903 mit 85 Jahren; beides zusammen passt unter keinen Zauberhut). Schon 1852 tritt Frikell in Bayern als »Professor der natürlichen Magie« auf, in Leipzig zwei Jahre später dagegen lediglich als »Magister«, doch seine Behauptung, er habe von 1837 bis 1839 in München studiert, lässt sich beim Blick in das »Verzeichniß sämmtlicher Studirender« der dortigen Universität leicht entzaubern. 1857 melden die Zeitungen, er sei in St. Petersburg »zum Professor und Kammerphysiker« der russischen Kaiserin ernannt worden. Daraufhin macht ihn die britische Presse kurzerhand zum Leibarzt der Zarenfamilie, was Frikell anscheinend als ausreichende Legitimation missverstand, fortan einen Doktortitel zu führen. Doch zurück zur Frage: Dem Künstlernamen »Wiljalba Frikell« (in dieser Schreibung) blieb der Magier über seinen letzten öffentlichen Auftritt (1896 in Wiesbaden) hinaus auch im Privatleben mehr als fünfzig Jahre lang treu, und obwohl er im Kötzschenbrodaer Adressbuch von 1880 bis 1897 zwischenzeitlich als »Dr. Wiljalba Frickell« verzeichnet ist, sollten wir uns dieser bewussten Wahl beugen, schließlich gab er auch seinem Alterssitz die Bezeichnung »Villa Frikell«.

Houdini vor der Villa Frikell 8.April 1903

Houdini vor der Villa Frikell 8.April 1903

So mythenumwoben und nebelumwallt sich Frikells Lebensgeschichte darstellt, so eindeutig lässt sich das Foto datieren, das im Novemberheft der ›Vorschau‹ auf Seite 20 mit der Bildunterschrift »Familie Frikell, um 1885« abgedruckt ist. Tatsächlich entstand die Aufnahme am 5. oder 6. Oktober 1903, also nur Tage vor Frikells Tod, in einem Dresdner Atelier. Gewährsmann dafür ist der berühmte und vielen sicher auch heute noch dem Bühnennamen nach bekannte Entfesselungskünstler Erik Weisz alias »Harry Houdini« (1874-1926), auf dessen Wunsch hin das Foto angefertigt wurde. Dass der Name Houdini im Artikel eines Zauberhistorikers zu einem runden Todestag Frikells nicht erwähnt wird, kann eigentlich nur an einer redaktionellen Kürzung liegen. Denn Houdini verdanken wir neben einem ersten halbwegs verlässlichen Abriss von Frikells Vita auch die einzig authentische Schilderung der Umstände seines Hintritts, und zum anderen hatte der damals noch junge Star am Zauberhimmel unwillentlich einen gewissen Anteil daran, dass dem Altmeister am 10. 10. 1903 gegen 10 Uhr das Herz stehen blieb.

Nachdem Wiljalba Frikell die Öffentlichkeit jahrelang strikt gemieden hatte und allmählich in Vergessenheit geraten war – von vielen wurde er bereits für tot gehalten –, klingelte am 8. April 1903 kein geringerer als Houdini an der Pforte seiner Kötzschenbrodaer Villa. Der US-amerikanische Magier ungarischer Herkunft, der eben eine große Europatournee bestritt und nebenbei Material über die Geschichte der Zauberkunst sammelte, hatte erfahren, dass und wo Frikell (noch) lebte. Als wichtigen Zeitzeugen wollte er ihn unbedingt interviewen. Frikell ließ sich jedoch standhaft verleugnen, sodass Houdini von seinem ersten Abstecher in die Lößnitz nur einige Fotos von dessen Wohnhaus mitbrachte. Beharrliches briefliches Nachhaken führte schließlich dazu, dass sich Frikell doch noch zu einer Audienz bereitfand. Als Termin wurde der 10. Oktober vereinbart (Houdini schreibt zwar fälschlicherweise vom 8., gibt aber den korrekten Wochentag an). Wie sich später herausstellen sollte, versuchte das Ehepaar Frikell bereits am Tag des Besuchs beim Fotografen, den in Dresden gastierenden Houdini in seiner Garderobe aufzusuchen, wo man ihm aber keine Information über dessen Quartier geben wollte. Im beliebten »Café König« an der Johannesallee begegneten sich die beiden Magier an jenem Nachmittag dann sogar, ohne einander freilich zu erkennen. Als Houdini am folgenden Sonnabend überpünktlich zum zweiten Mal in der »Villa Frikell« vorsprach, konnte ihn die trauernde Witwe nur noch zu Frikells Leiche führen. Der alte Zauberer hatte am Vortag stundenlang die Erinnerungsstücke an seine glanzvolle Karriere hervorgekramt und ausgebreitet und am Morgen in froher Erwartung des Gastes den besten Anzug angelegt. Doch die Aufregung war zu groß – ein plötzlicher Herzanfall bereitete seinem langen Leben ein kurzes Ende. Aus der geplanten Audienz wurde ein Kondolenzbesuch.

Houdini schildert die Episode in der Einleitung zu seinem 1908 in New York erschienenen Buch »The Unmasking of Robert-Houdin« (erweiterte Fassung in »Houdini on Magic«, New York 1953). Aus einem am 20. Oktober 1903 aus Dresden an einen Freund in den USA adressierten Brief erfahren wir außerdem, dass Harry Houdini auch beim Begräbnis auf dem Kötzschenbrodaer Friedhof zugegen war und zwei große Kränze an Frikells Grab niederlegte, einen im eigenen und den anderen, der der prächtigste von allen gewesen sein soll, im Namen der Society of Amererican Magicians.

Auf Jens-Uwe Günzels Frage nach weiteren Informationen »über die Familie Frikell aus Kötzschenbroda« sei noch angemerkt, dass Harry Houdini für 1903 als einzige Verwandte in der Umgebung – ohne den Namen zu nennen – eine Adoptivtochter erwähnt, die aber nicht (mehr) im Haushalt wohnte. Die schon auf den Fotos von damals etwas sanierungsbedürftig wirkende Villa muss übrigens spätestens 1934 und nicht (wie es auch im Stadtlexikon steht) 1936 abgerissen worden sein, denn der ziemlich genau an gleicher Stelle errichtete Wohnhausneubau (neue Hausnummer: Ledenweg 8) war bereits im Juni 1935 bezugsfertig.

Frank Andert

Freunde der englischen Sprache und des Internets können Houdinis anekdotenreichen Lebensabriss Frikells nach ein paar Zauberklicks in beidem nachlesen (https://archive.org).

 

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2 Kommentare

  1. jens bergner
    Veröffentlicht am Mi, 1. Jan. 2014 um 19:47 | Permanenter Link

    Hallo Herr Andert,

    die Schlussfolgerung mit dem Abbruch bereit 1934, weil Ledenweg 8 auf dem Bauplatz stünde, sehe ich so nicht. Der Vergleich der Häuserpositionen auf einer Karte 1925 (Villa Frikell) mit dem Hofmannschen Neubau von 1935 zeigt, dass dieser weiter hinten auf dem Grundstück und weiter nach Norden, also links auf dem Villa-Foto, steht. Vermutlich musste etwas von den Nebengebäuden hinten links dem Neubau weichen.

    VG Jens Bergner.

  2. Frank Andert
    Veröffentlicht am Di, 7. Jan. 2014 um 13:11 | Permanenter Link

    Hallo Herr Bergner,
    Sie haben natürlich recht damit, dass der 1934/35 errichtete Neubau Ledenweg 8 einen größeren Abstand zur Straße hat als die alte Villa Frikell. Genau genommen steht er sogar großenteils auf einem anderen Flurstück, aber keineswegs weiter nördlich, wie aus einem Vergleich der amtlichen Flurkarten deutlich wird, die in solchen Fragen aussagekräftiger sind als Stadtpläne. (Ich kann Ihnen den Kartenausschnitt gern schicken.) Der Neubau ist nur einfach deutlich größer. Dass beim Neubau der unmittelbar vor der neuen Eingangstür postierte Altbau stehen geblieben wäre, ist mehr als unwahrscheinlich. Schon im Adressbuch für 1936 (Redaktionsschluss Anfang Dezember 1935) ist das alte Gebäude übrigens nicht mehr verzeichnet.
    Schöne Grüße und Dank für Ihr Interesse,
    Frank Andert

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