Der Waldhof auf Dresdner Flur

Herrenhaus des Gutes Waldhof von Süden Foto: D. Lohse

Eine barock anmutende
Sandsteinvase Foto: D. Lohse

„59. Minute, Waldhof Mannheim erhöht auf 2:0 gegen Dynamo Dresden …“, doch Halt, mir scheint, wir sind im falschen Film! Es gibt auch in Radebeul eine Villa in der Paradiesstraße 40, die genauso Waldhof heißt, aber die meine ich heute auch nicht. Waldhöfe gibt es offenbar viele!
Zum Dresdner Waldhof kommt man zu Fuß von der „Baumwiese“ bergauf entlang der Weißen Mauer in etwa 15 Minuten, mit dem Auto kann man ihn über Boxdorf oder den Heidefriedhof in der Waldhofstraße 8 erreichen. Bei meiner Recherche zum Trobischgut nahe der „Baumwiese“ (V&R 06/22) wurde auch der Waldhof als ein Ausläufer des Lößnitzhanges erwähnt und Ende 2022 bin ich dann in die Spur gegangen. Dabei kam mir die Tatsache entgegen, dass sich da eine ehemalige Kommilitonin von mir niedergelassen hatte – mein Dank für die freundliche Unterstützung.
In meiner Kindheit und Jugend endete mein Aktionsradius jedoch an der Entenpfütze vor den Mauern des Waldhofs – da kam man offenbar nicht rein, es sei ein abgesperrtes Kinderheim und schien ein wenig geheimnisumwittert.

Teil der Reihenhaussiedlung von Südwesten Foto: D. Lohse

Die Wende brachte Leerstand, dann setzte auch bald der Verfall ein, es soll auch gebrannt haben und man befürchtete, dass es schließlich ein Fall für die Abrissbirne werden würde. Zunächst schaffte die Firma Eukia Wohn- und Industriebau – Betreuungs- GmbH bis 2000 den Bau einer modernen Reihenhaussiedlung mit 6 Eigenheimen auf der Nordecke des Geländes.

Alte Liegehalle der ehem. Heilanstalt Foto: D. Lohse

Dann kam durch die F&H Bauträger GmbH mit Frank Bertram wieder neue Hoffnung auf: das Anwesen mit den Altgebäuden wurde bis 2014 saniert und ist so trotz aller Schwierigkeiten gerettet, man darf staunen!
Doch was ist der Waldhof, Flurstück 257 der Gemarkung Dresden-Klotzsche, eigentlich? Das Hauptgebäude stammt aus der Barockzeit, ein Schloss aber ist es nicht, vielleicht ein Schlösschen mit Dachreiterturm. Die über die Jahrhunderte wechselnde Nutzung schloss immer auch Land- und Forstwirtschaft ein, also könnte man von einem Gutshof sprechen. Zu Zeiten August des Starken wird an dieser Stelle von Vorwerk gesprochen. Nutzungen in der 1. Hälfte des 20. Jh. weisen dann den Waldhof als Kinder- und Erholungsheim aus, ist es so etwas wie ein Sanatorium gewesen? Ich denke der Begriff Herrenhaus eines Gutshofs ist die Klammer über alle genannten Nutzungen. Man muss sich den Waldhof als ein abseits von bekannten Ortschaften am Rande der Jungen Heide (Teil der Dresdner Heide) gelegenes Gut vorstellen – mal wurde es „Henselersches Gut“, dann wieder „Oesterwitzscher Weinberg“ genannt. Die Wohnhäuser in der Ortslage und auch die Gaststätte „Waldmax“ kamen erst im 20. Jh. dazu. Es gab Bestrebungen seitens der Dörfer Boxdorf und auch Wilschdorf das Gut einzuverleiben, 1950 aber wurde das Areal des Waldhofs dann Dresden zugeordnet.
Die Geschichte des Waldhofs beginnt 1625 als durch Kurfürst Johann Georg I. ein größeres Areal in der Boxdorfer Gegend – „ein steinichter Bergk über der Heyde“ – dem Landvermesser Balthasar Zimmermann übereignet wurde. Die alten Karten von Zimmermann sind auch heute noch bekannt und werden noch zur Forschung herangezogen. Zimmermann wird sich da sicher ein Gebäude als Wohnhaus errichtet haben – dieses ist aber nicht oder nur teilweise mit dem heutigen Hauptgebäude identisch. Jedoch hatte Zimmermann auf einem Teil des größeren Grundstücks bereits einen Weinberg angelegt, der bis zur Reblauskatastrophe (nach 1885) auch von späteren Besitzern noch bewirtschaftet wurde. In geschichtlicher Zeit fanden auch Streitigkeiten zwischen Boxdorf, Wilschdorf und sogar Serkowitz, heute Teil von Radebeul, über die Rechte zur Waldhutung (Rinder und Schweine der Bauern konnten im Wald ihr Futter suchen) und des Laubrechens (Laub aus dem Forst wurde gerecht und als Einstreu für die Ställe verwendet) statt, wo der Waldhof quasi im Zentrum lag und auch beteiligt war.

Unter den Besitzern des Waldhofs finden wir nach dem Sohn Johann Balthasar Zimmermann u.a. Magister, Pfarrer, Steuereintreiber und einen Kammersänger, unter den Bewohnern waren Winzer, Gärtner und ein Förster. Von 1891 bis 1893 gehörte das Anwesen dem Freiherrn von Wegner-Lincker und Lützenwick, Kammerherr von Serkowitz, der es dann an den Dresdner Stukkateur und Bildhauer Peter Henseler verkaufte. Von dem wenig bekannten Bildhauer stehen heute noch vier Arbeiten (in Kunststein) im Park. Zwei andere Objekte – eine barock anmutende große Vase (ca. 2000 privat aufgestellt) und ein steinernes Blumenbukett (2021 von der Eigentümergemeinschaft erworben und aufgestellt) – stammen jedoch nicht von Henseler. 1922 tritt mit Kunstkritikerin Thea Sternheim eine neue Eigentümerin des Waldhofs auf. Sie lebte mit ihrem Mann, dem bekannten expressionistischen Dramatiker Carl Sternheim, hier und ließ Umbauten und Renovierungen vornehmen. Zu der Zeit war der Waldhof regelrecht ein Künstlertreffpunkt. Aber die erste Begeisterung für das Anwesen wich schon bald, Thea Sternheim sprach dann von einer langweiligen Gegend. Im Jahr 1924 erwarb die Sächsische Landesversicherungsanstalt das Areal und errichtete hier eine Erholungsstätte für lungenkranke Kinder. Dafür wurden u.a. zwei hölzerne Liegehallen auf die alten Weinbergterrassen gestellt, von denen heute noch eine existiert. Die Heilstätte wurde straff geführt, hatte einen guten Ruf und viele Kinder konnten nach ca. 100 Tagen geheilt entlassen werden. Nach 1945 bis etwa 1980 wurde im Waldhof ein Kinderwohnheim unter anderer Trägerschaft eingerichtet. Dann folgte ein teilweiser Leerstand, es begann der Verfall der Gebäude und die Verwilderung des Parks.
Anders als bei von mir bisher in V&R vorgestellten Häuserbeschreibungen möchte ich hier nicht alle baulichen Details vorstellen. Erstens führte mich mein Rundgang nicht sehr nahe an die historischen Gebäude – Herrenhaus, ehemalige Wirtschaftsgebäude und Ställe, Brunnenhaus und Schweizerhaus – heran, geschweige denn hinein und zweitens dürfte durch oft wechselnde Nutzungen, Verfall und Sanierung wohl ehemals vorhandener Schmuck an Fassaden und im Inneren nicht mehr so erlebbar sein. Was mich aber beeindrucken konnte, war das Zusammenspiel von älteren Gebäuden in einem großzügig angelegten Park in topografisch bewegtem Gelände mit Übergängen zum Wald, einem kleinen Teich, mit der neuen Wohnzeile – es besteht eine angenehme Weite mit überraschenden Blickbeziehungen. Eine alte Syenitmauer umschließt ohne eine Enge zu erzeugen das 4,2 ha große Anwesen zumindest auf drei Seiten. Früher soll es mehrere Eingänge gegeben haben, heute existieren nur die Haupteinfahrt und Pforte von der Waldhofstraße. Es gibt die auf das Herrenhaus zuführende Allee, Einzelbäume und Baumgruppen und weite Rasenflächen. Wir finden Sitzplätze in Gebäudenähe, aber auch stille Sitzgruppen am Waldrand. Die hier wohnenden Kinder finden ein weites Spiel- und Betätigungsfeld, man könnte sie fast beneiden. Die über das Gelände verstreuten Plastiken, komplett erhalten oder auch nur als Fragment, bereichern die Anlage und erinnern an die Künstler, die hier wohnten oder weilten. Der Park wurde im Wesentlichen von den jetzigen Bewohnern wieder hergestellt, sie teilen sich in die Aufgaben der Park- und Gartenpflege einschließlich des Umfeldes des Waldhofs. Wenn man sich daran erinnert, wie verwildert das Gelände in den 90er Jahren war, so ist heute schon vieles geschafft, anderes noch im Plan. Ein kaputtes Wasserspiel, sozusagen eine Gefällestrecke zum Teich hin mit Kaskaden, ist nur mit viel Phantasie noch zu erkennen, könnte aber vielleicht wieder errichtet werden.
Der Eindruck der Mauer mag suggerieren, dass hier eine „Insel der Privilegierten“ sei, man hat so was auch schon mal in einem französischen Film gesehen. Doch das möchte ich verneinen, denn diese Syenitmauer ist schon sehr alt und das Tor steht meist offen. Ich hatte bei meinem Rundgang bei herbstlichem Sonnenschein wirklich den Eindruck, hier im Waldhof wohnt man gut!
Vielleicht sollte ich mit dem Artikel noch zwei Jahre warten, dann könnte er zum 400-jährigen Jubiläum des Waldhofs erscheinen. Aber, wer sagt mir, ob ich dann noch am Schreiben bin … ?

Dietrich Lohse

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