Eine Glosse

Der Stecker

Kurz vor Weihnachten letzten Jahres widerfuhr mir eine Geschichte, die mir heute noch, wenn ich nur daran denke, die kalten Schauer den Rücken herunterlaufen lässt. Deshalb entschloss ich mich, sie nicht für mich zu behalten:
Gelassen saß ich an meinem Rechner und tat, was ich alltäglich tue: Texte verfassen, korrigieren, Nachrichten versenden, Layouts erstellen, im Netz recherchieren. Dabei ging mir so mancher Gedanke durch den Kopf, der mit dem eigentlichen Tun nichts gemein hatte: „Was, wenn jetzt einer den berühmten Stecker zieht?! Es muss ja nicht gleich der ganz große Stecker sein, der uns zurück in die Höhle jagt. Es reicht schon, wenn es der Stecker von Kerstin, Martin, meiner „Gudsden“ oder mein eigner ist. Genau in diesem Augenblick klingelte das Telefon und Eddi ruft aufgeregt die Hiobs-Botschaft: „Martin kommt nicht ins Internet! Auch das Handy ist tot!“
Die Nachricht löste bei mir Katastrophen-Stimmung aus. Hektisch suchte ich nach Lösungen. Die Gedanken überschlugen sich: „Mit einem Stick ,beladen‘, ins Auto springen und damit zu Martin fahren!“ Das würde mir, aber nicht Kerstin helfen! Wie kommen dann die Daten von Martin zu Kerstin?! Die wohnt doch nicht um die Ecke! Außerdem ist die gerade auf einem Kurztrip in Melbourne. Das ganze Folgegeschehen würde einstürzen wie ein Kartenhaus! Das Unternehmen müsste abgesagt, im günstigsten Falle verschoben werden. Monate lange Arbeit für die Katz, womöglich für immer verloren! Das überlebe ich nicht!
Eine halbe Stunde später, der erlösende Anruf: „Alles gut, bin wieder drin.“ Urplötzlich fällt die Spannung von einem. Noch mal gut gegangen! Nicht auszudenken, was alles hätte passieren können…! Erschöpft sinke ich auf den Stuhl zurück. Die Verkrampfungen lösen sich langsam. Man spürt es körperlich, wie sich die Muskeln entspannen, der Druck von der Brust weicht, das Hirn zur Ruhe kommt. Für einen kurzen Moment breitet sich gar eine Leere aus, die gleich danach von einer gewissen Heiterkeit abgelöst wird, die freilich auch ein wenig gequält klingt, denn alle Zweifel sind noch nicht beseitigt. „Stimmt die Nachricht wirklich?! Was ist, wenn die Verbindung wieder zusammenbricht?!“
Ganz gelassen werde ich nach diesem Vorfall nie mehr an die Arbeit gehen können. Diese eigentlich undenkbare Erfahrung wird künftig immer mitschwingen. Fahrigkeit stellt sich vermutlich ein, Nervosität. Die Neurose wird von mir Besitz ergreifen und ich sehe voraus, wie ein Widerwille gegenüber dem Gerät in mir aufsteigt, der schließlich meine ganze Entschlusskraft blockiert. Arbeitsunfähigkeit werden die Ärzte diagnostizieren – die Ärzte! Ich kann es einfach nicht glauben, dass der kleine, verfluchte Stecker mein bisheriges Leben so total verändert haben soll. Wo ich doch tagein tagaus aus so fröhlich, so gelöst, mich vor diesen schwarzen, unschuldigen Kasten gesetzt habe und mich erst gegen 22 Uhr müden Auges, aber hoch befriedigt, für eine kurze Nachtpause von ihm trennte. Ich werde von Pontius bis Beladest rennen und die immer wiederholte Diagnose nicht akzeptieren wollen. Es kann nicht wahr sein, das passt einfach nicht in mein mühsam zurechtgebasteltes Lebenschema! Man muss doch immer dran sein am Zeitgeist und an der modernen Technik: instagram, whatsapp, TikTok, gegendert und inklusiv! „Welche Weihnachtskugeln müssen dieses Jahr an den Baum?“ „Nein, nicht die roten, die waren doch schon vor zwei Jahren out! Wart mal, ich guck schnell ins Handy!“ „Wenn du es nicht mehr in den zehn Minuten bis Ladenschluss schaffst, kannst du die Kugeln doch im Internet be… Mist, der Stecker!“
Sofort sprang ich auf, rannte zum PC, drückte den silbernen Knopf und wartete ungeduldig, dass die Maschine anläuft. Alles dauerte unendlich lange. Zögerlich leuchteten die Lämpchen auf, der Bildschirm verströmte sein bläuliches Licht und tat ganz unschuldig, der Cursor huschte wie sonst über die Fläche. Ich rief eine x-beliebige Datei auf, drückte auf „Google Chrome“, aktivierte „Outlook“ – alles funktionierte! – Vielleicht sollte man doch mitunter mal eine Pause einlegen, meint

Euer Motzi

Schreibwerkstatt

Wenn das Leben aus den Fugen gerät – Die außergewöhnliche Geschichte einer starken Mutter

Heute soll es einmal nicht um unseren Alltag, die Arbeit oder diverse Entspannungsmethoden gehen. Heute möchten wir über das Abtauchen in andere Welten berichten. Und das Verschwinden von Kindern – und das beides als Kombination in der realen Welt.
Was diese beiden Themen nun im Detail miteinander verbindet, mag sich nicht sofort erschließen, wird sich nach unserem Interview mit Anna, einer betroffenen Mutter, aber klären.
Sie hat mit uns über das eingangs erwähnte Thema gesprochen und engagiert sich inzwischen auch anderweitig in der Öffentlichkeit, um andere Eltern darauf aufmerksam zu machen.
Sie erzählt uns von Angst und Verunsicherung, aber auch von zuversichtlichen Momenten.
„Zuerst war das alles vollkommen surreal“, erinnert sich Anna. „Ich wollte und konnte nicht begreifen, dass meine Tochter eines Tages nicht mehr nach Hause kam. Mein erster Gedanke war natürlich, dass sie bei ihrem besten Freund zum Spielen war und vielleicht spontan übernachten wollte. Das ist ja schon öfters vorgekommen, aber als ich seine Mutter anrief, meinte sie, dass ihr Sohn alleine wäre und er schon gefragt hätte, ob es Luca, also meiner Tochter, gut ginge. Offensichtlich war sie auch nicht in der Schule gewesen. Ab da machte sich in mir mehr und mehr Panik breit.“
Trotzdem macht Anna während des gesamten Interviews einen sehr gefassten Eindruck, obwohl es sich hierbei um ein augenscheinlich sehr belastendes Thema handelt. Wie ihr dies gelingt, eröffnet sich im weiteren Verlauf unseres Gesprächs.
Nach der ersten verstrichenen Woche von Lucas Verschwinden habe sie dann die gesamte Wohnung auf den Kopf gestellt, um jeden brauchbaren Hinweis zu finden.
Tatsächlich sei sie nach langer Sucherei fündig geworden. Im Zimmer ihrer Tochter sei sie auf Unmengen verbotener Fantasy-Literatur gestoßen, erzählt uns Anna weiter. 1

Nachdem sie die beschriebenen Bücher sorgfältig untersucht habe, seien ihr in einem von ihnen Bilder eines Kindes aufgefallen, das eine verblüffend große Ähnlichkeit mit ihrer Tochter aufwies. Beim zweiten Blick auf die Zeichnungen sei sie sich dann absolut sicher gewesen, dass es sich um Luca handele.
„Ich rief also sofort den Beobachtungs- und Überwachungsdienst (kurz: BÜD), weil ich endlich eine verwertbare Spur hatte, mit der ich nun auf Unterstützung des Staates bei meiner Suche hoffte.“ 2

Das betroffene Buch sei daraufhin beschlagnahmt worden.
Eine genauere Untersuchung ergab schockierende Ergebnisse: Bei dem mithilfe von Testpersonen untersuchten Buch handele es sich um eine äußerst seltene und gefährliche Anomalie, heißt es im zugehörigen Gutachten, das wir auf Anfrage beim BÜD erhalten.
Für das Experiment sollten 5 Personen das Buch lesen. Nach dem Lesen des 27. Kapitels waren jedoch alle 5 Versuchspersonen unauffindbar.
Auf den Bildern der Überwachungskamera spielte sich währenddessen eine grausige Szene ab. Sie zeigte, wie das anormale Objekt die Betroffenen regelrecht in sich hineinsaugte und auffraß. Danach fanden sich neue Abbildungen derer im Buch wieder.
Man sei sich sicher, dass das Objekt ähnlich einem Portal funktioniere und sich die verschwundenen Personen in einer Art Parallelwelt befänden. Wie nun jedoch das Zurückholen der Menschen vonstattengehen solle, sei noch nicht hinreichend erforscht. Man sei aber zuversichtlich, das angesprochene Problem in absehbarer Zeit beheben zu können, so das Gutachten weiter.

Bis dahin heißt es für Anna: abwarten. Doch sie zeigt sich recht zuversichtlich, was besonders aus folgenden Worten hervorgeht:
„Ich weiß, dass Luca noch am Leben ist und nachdem, was ich bisher gehört habe, freue ich mich schon sehr darauf, sie in ein paar Wochen oder Monaten wieder in die Arme schließen zu können. Ich dachte, ich würde meine Tochter nie wiedersehen.“
Nach diesen Worten bleibt uns nichts anderes übrig, als auf ein baldiges Wiedersehen von Mutter und Tochter zu hoffen.
Bevor wir jedoch mit diesem Artikel schließen können, möchte Anna noch einmal an alle Eltern appellieren:
„Ich rate Ihnen wirklich dringend, Ihre Kinder bezüglich Literatur strengstens zu kontrollieren. Mir war auch nicht bewusst, wie gefährlich so etwas sein kann, bis Luca verschwunden ist. Mein Tipp: Beobachten Sie immer das Verhalten Ihres Kindes. Wenn es etwas zu verbergen hat, verhalten sich die meisten Kinder ein wenig auffällig. Bei Luca habe ich nicht sonderlich genau darauf geachtet, obwohl sie sich schon sehr verdächtig verhielt. An meinem Beispiel sieht man deutlich, was das für fatale Auswirkungen haben kann.“

Luise Schellenberger – Klasse 11
Lößnitzgymnasium Radebeul

HAUS BREITIG – Maxim-Gorki-Straße 22 (Teil 1)

Breitig mit Pferden, Radierung von Johannes Thaut, 1979, Foto: Fam. Thaut

Einmal über dieses schöne Winzer- und Herrenhaus in der Vorschau zu schreiben, hatte ich schon lange vor. Es liegt mir nahe, das zu tun, nur, es war wohl immer ein anderes Thema scheinbar gerade wichtiger. Auf das Haus und viele andere interessante Radebeuler Häuser hatte mich schon der Lehrer Horst Olschock in der Oberlößnitzer Schule, bzw. in der AG Heimatpflege um 1954 aufmerksam gemacht. Seitdem hatte ich das Haus mit Unterbrechungen immer mal wieder im Blick gehabt.
Räumliche Einordnung des Haus Breitig:

Beginn des Rückbaus und Materiallager, 1983, Foto: Fam. Jäger

Richtfest am 17. 8. 1984 mit Zimmerleuten und dem Bauherren-Ehepaar Jäger (links), Foto: Fam. Jäger

Es liegt im östlichen Teil Radebeuls, in Oberlößnitz, einem Teil der bis etwa 1600 zur Jungen Heide gehörte und bezogen auf die anderen Radebeuler Gemeinden erst sehr spät besiedelt wurde. Ein Vorgängerbau ist an dieser Stelle eher nicht zu vermuten. Das Jahr der Errichtung 1650 klingt etwas zu glatt, taucht aber in den schriftlichen Quellen auf. Eine Errichtung ein paar Jahre früher, hieße, dass der Bau während des Dreißigjährigen Krieges erfolgt sein müsste, was ich mir nicht vorstellen kann. Dr. Jäger hatte 2001 drei Holzproben vom Haus Breitig über das LAfD zur dendrochronologischen Untersuchung gegeben – die Ergebnisse mit Fälldaten von 1596, 1636 und 1654 lassen sich schwer zuordnen, die ersten beiden Jahre sprächen doch für einen eventuellen Vorgängerbau oder für am Breitig 1650 zweitverwendete Hölzer von einer anderen Adresse. Das Winzerhaus mit zweigeschossigem Fachwerk war der Niederen Berggasse (einem Feldweg), später Untere Bergstraße (einschl. Nizzastraße), dann Russenstraße (bezogen auf die ehem. Gaststätte) und ist heute der Maxim-Gorki-Straße zugeordnet. Früher bildeten die Winzerhäuser „Zum Russen“ (Hauptstraße 47), Haus Breitig (M.-Gorki-Str. 22), Lindenhof (M.-Gorki-Str. 18) und Haus Thieme (Nizzastr. 69) ein lockeres städtebauliches Ensemble inmitten von Weinbergen. Heute ist durch die Verdichtung der Bebauung seit dem letzten Viertel des 19. Jh. dieser Zusammenhang kaum noch erkennbar. Zum Haus Breitig gehörten durch Zu- und Verkauf seit dem 17. Jh. unterschiedlich große Weinberge, auf jeden Fall aber der Flurstreifen nördlich des Hauses im flach geneigten Gelände und auch im Steilhang. Das heutige Grundstück ist mit den Flurstücksnummern 46 und 461 der Gemarkung Oberlößnitz ausgewiesen. Der Name Haus Breitig bezieht sich auf die Familie Breitig, die das Anwesen von 1897 bis 1952 besaß. Es wurde im Volk als der „Russenbreitig“ zum Unterschied zum „Eckenbreitig“ (an der A.- Bebel-Str., Ecke Waldstr., abgerissen Mitte der 80er Jahre), genannt. Russenbreitig als im Volk verbreiteter Name, meint die Nähe von Haus Breitig zur ehem. Gaststätte „Zum Russen“, Hauptstr. 47.

Gestalt und Konstruktion des Haus Breitig:
Es ist der Grundtyp eines Winzerhauses der Lößnitz, mit 9 x 14m im Grundriss aber etwas größer als die meisten anderen Winzerhäuser. Nach Haus Hoflößnitz ist es das stattlichste Winzerhaus in Radebeul. Die Besonderheit dieses Hauses darf man im zweigeschossigen Fachwerk und im 6,70m hohen Dachstuhl des Walmdaches sehen. Die frühere Gründung der Außenwände bestand nur aus horizontal verlegten Eichenholzbalken, die über die lange Zeit verschlissen waren – seit 1985 besteht nun die Gründung aus zwei Lagen Sandsteinquadern auf allen vier Seiten. Im mittelsächsischen Raum sind Verzierungen im Fachwerk wie z.B. in Harzstädten nicht üblich, so dass es nur durch den Rhythmus des konstruktiven Fachwerks auf den Betrachter wirkt. Die Eckstiele waren und sind auch wieder Eichenhölzer, das übrige Fachwerk besteht aus Nadelhölzern. Die Fachwerkhölzer wurden z.T. erneuert, während der Dachstuhl insgesamt aus neuen Hölzern besteht. Wolfram Jäger hatte hierfür den Meißner Zimmererbetrieb Roik gewinnen können. Die Hölzer wurden dunkelbraun gestrichen und bilden einen starken Kontrast zu den fast weißen Gefachen. Bei der Rekonstruktion durch Dr. Jäger ab 1984 wurden Fenster und Türen innerhalb des Fachwerks z.T. variiert – die Wohnräume bekamen so etwas mehr Helligkeit. Innere Ausschmückungen des Hauses sind nicht bekannt, bzw. in der Zeit des Gebäudeverfalls möglicherweise verlorengegangen. Reste einer älteren Farbfassung sind in einem Raum inselartig zu erkennen. Ein Anbau auf der Westseite (aus dem 18. Jh.), unter Bezug auf die Bergmannssprache scherzhaft als „Arschleder“ bezeichnet, konnte in Abstimmung mit den Behörden abgebaut werden, sodass das Haus wieder die Form von 1650 erhielt. Es hat damit die Idealform eines Winzerhauses zurückbekommen. Auf der Nordseite des Hauses zeichneten sich Spuren einer älteren Außenerschließung des OG durch Treppe und oberen Laubengang ab. Diese Lösung wurde aber bei der Rekonstruktion nicht zum Ziel gestellt, heute besteht eine Innentreppe. Viele Arbeiten konnte der Bauherr Dr. Wolfram Jäger, gelernter Zimmermann, Bauingenieur und Statiker selbst erledigen. Er hatte aber über die Zeit (der Bau war dann 1990 fertig) auch einige Helfer aus der Familie, von Freunden und Kollegen, darunter das damalige Aktiv für Denkmalpflege mit Dr. Meyer-Doberenz als Leiter.
Das mit roten Biberschwanzziegeln gedeckte Dach war ursprünglich (17. Jh.) mit kleinen Schleppgaupen versehen, wovon aber nur zwei auf der Westseite überkommen waren. Auf den übrigen Seiten bestanden seit der Barockzeit z.T. zweireihige Fledermausgaupen. Die hatten auch ihren Reiz, aber der Bauherr wollte sich auch hier auf den Ursprungsbau (Skizze in der Nienborg-Karte) von 1650 beziehen. So bekam Haus Breitig durch Genehmigung jetzt einheitlich Schleppgaupen. Das Winzerhaus besitzt zwei Weinkeller, einer auf der Westseite (von außen ist ein Stück Kellerhals zu erkennen), der zweite unter dem vermuteten Pressraum gelegene Keller ist durch eine Innentreppe erschlossen. Im 19. Jh. gehörten noch zwei Nebengebäude zum Grundstück, wovon das eine mit einem Streifen Land abgetrennt und verkauft worden war – heute M.-Gorki-Str. 24. Das andere alte Nebengebäude wird jetzt als Garage und Werkstatt von Familie Jäger genutzt.
Einen Vergleich mit dem Trobischgut Baumwiese (vergl. V&R 06/22) braucht unser Haus nicht zu scheuen – beide zwei sehr stattliche Winzerhäuser. Wenn man das Haus Breitig mit etwas Fantasie betrachtet, möchte man auch fast an einen Doppelgänger von Goethes Gartenhaus in Weimar denken, es sind ähnliche Proportionen!

Dietrich Lohse

MUSIK FESTIVAL RADEBEUL 2024

Musikalisches Sommerfeuerwerk in Radebeul geht in die dritte Runde

Das Musikfestival rund um den Radebeuler Geiger Albrecht Menzel lädt in diesem Sommer vom 25.8. bis 8.9.2024 mit fünf Konzerten an historische und ungewöhnliche Spielstätten ein.
Ende August versammelt der Geiger und künstlerische Leiter Albrecht Menzel mit seiner wunderbaren Stradivari Violine und Preisträger zahlreicher internationaler Wettbewerbe, wie dem berühmten Premio Paganini in Italien, wieder junge internationale Künstler wie den Klaviervirtuosen Joseph Moog, den Geiger Sascha Maisky zum gemeinsamen Musizieren in seiner Heimatstadt und auch den internationalen Geigenexperten Rainer Cocron des Auktionshauses Ingles & Hayday. Das junge Festival lädt mit seiner dritten Ausgabe in sommerlich-festlicher Atmosphäre mit einem abwechslungsreichen Musikprogramm, Lesung und Vorträgen herzlich ein.

Eröffnungskonzert in der beliebten Maschinenhalle des ehemaligen VEB Zerma Radebeul
Eröffnet wird das Festival am Sonntag, 25.8. um 16 Uhr in der Zerma-Halle, dem Industriedenkmal und heutigen Matthes Technik Center (Meißner Str. 17/ Straßenbahnhaltestelle Forststraße) mit einem charmanten Konzert. In rustikalem Ambiente erklingt Schuberts berühmtes Forellenquintett, Rachmaninovs Klaviertrio Nr. 1 und Bottesinis Fantasie für Kontrabaß, Violoncello und Klavier, einem humorvoll-virtuosen Zwiegespräch zwischen den beiden großen Baßinstrumenten begleitet von der jungen Pianistin Elisabeth Brauß.

Selten Gehörtes in der Friedenskirche
Nach dem großen Erfolg des Konzertes mit selten gehörten Werken in der Friedenskirche im vergangenen Jahr und dem Wunsch des Publikums nach „mehr davon“, verzaubert das „AMERIKA“ Konzert am Donnerstag, 29.8. um 18 Uhr das Publikum mit romantischen Werken von Philip Glass, dem Klavierquintett von Florence Price und dem „American“ Streichquartett von Antonin Dvo?ák.

Exklusives Violinen-Treffen im Gemeindesaal der Lutherkirche

Albrecht Menzel, Foto: A. Hornemann

Wer im letzten Jahr für das Stradivari-Treffen keine Karten mehr ergattern konnte, hat die Möglichkeit zum Nachmittagskonzert am Samstag, 31.8. um 16 Uhr, Violinen aus drei Jahrhunderten im musikalischen Vergleich zu erleben. Albrecht Menzel spielte als Solist unter Dirigenten wie Kurt Masur und Joanna Mallwitz u.a. mit dem London Philharmonic Orchestra, dem Münchner Rundfunkorchester, wurde von der Geigerin Anne-Sophie Mutter eingeladen, mit ihr als Solist in der Philharmonie Berlin zu spielen und tourte mit der Künstlerin weltweit z.B. in der Carnegie Hall oder den Salzburger Festspielen. Albrecht Menzel spielt auf der Stradivari Lady Hallè / Ernst virtuose Werke von Bach, Paganini, Ernst, Ysaye, Vieuxtemps und moderiert mit unterhaltsamen Anekdoten aus der Geigenwelt.

Paganini zu Gast in Schloß Hoflößnitz
Am Donnerstag, 5.9. um 18 Uhr wird im Schloß Hoflößnitz mit seinen charmanten und kaum gehörten Streichquartetten ein Hauch von Nicolo Paganini durch den Winzersaal wehen und der virtuose Moderator zahlreicher Fernsehgalas und Radiosendungen Axel Brüggemann wird aus seinem Buch „Die Zwei-Klassik-Gesellschaft“ lesen und Lösungen zum aktuellen Thema „Wie wir unsere Musikkultur retten“ vortragen.
Ein besonderer Teil des Musik Festival Radebeul ist der Besuch der Künstler in einer Radebeuler Schule. Dort wird in lockerer Atmosphäre ein Konzert für die Jugend erklingen, die Musiker werden über ihre „coolen alten“ Instrumente sprechen und über ihre Leidenschaft: Musik.

Großes Finale im Historischen Güterboden, TSW neben dem Bahnhof Radebeul Ost
Mit den Vier Jahreszeiten feiert das Musik Festival Radebeul sein großes Finale mit italienischer Musik von Antonio Vivaldi und dem bekannten Filmkomponisten Nino Rota im Historischen Güterboden gespielt vom Festivalorchester mit Solisten und Stipendiaten der Anne-Sophie Mutter Stiftung und der Deutschen Stiftung Musikleben. Im Ambiente historischer Dampf-Lokomotiven wird der internationale Geigenexperte Rainer Cocron von Ingles & Hayday, einem der weltweit renommiertesten Auktionshäuser für erlesene Streichinstrumente, von Geheimnissen über Stradivari erzählen. Das wird ein Festival! Seien Sie neugierig und bringen Sie Ihre Kinder und Enkelkinder mit!

Bärbel Schön
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Karten nur im Vorverkauf per E-Mail unter tickets@musikfestivalradebeul.de oder per Telefon, Whatsapp, Signal +49 174 2836650 www.musikfestivalradebeul.de
Ausführliche Informationen zu den Konzerten finden Sie im Veranstaltungsteil!

“Denkmalsprechstunde“ in Radebeul

Auf eine Initiative des „vereins für denkmalpflege und neues bauen radebeul“ hin, gibt es seit mittlerweile schon zwei Jahren zu regelmäßigen Terminen eine Beratungsstunde für denkmalbesitzende Bauherren.
Seit nunmehr 12 Jahren schon hat Radebeul leider die hoheitliche Aufgabe der Unteren Denkmalbehörde an das Landratsamt abgegeben.
Damit wir bei denkmalrelevanten Fragen nicht immer nach Großenhain ins Landratsamt fahren müssen, findet dies in den Räumen der Familieninitiative am Kötzschenbrodaer Anger statt.
Dankenswerterweise sind wir mit dieser Idee beim Leiter der Unteren Denkmalbehörde offene Türen eingerannt und Herr Helbig sagte sofort seine Unterstützung zu.
Dadurch war es technisch auch sofort möglich, zur Beantwortung der verschiedensten Anfragen aus den Bauakten der Denkmalbehörde fundierte Hinweise und Ratschläge geben zu können.
Trotzdem war der Beginn etwas zögerlich, d.h. die Termine und die Möglichkeiten der Beratung verbreiteten sich erst langsam in der Öffentlichkeit, doch die Anfragen von Denkmaleigentümern zu baulichen Themen wurden mit der Zeit erfreulicherweise häufiger.
Betrafen die Anfragen zu Beginn der Beratungsstunden überwiegend den Bau von Solaranlagen, erweiterten sich die Themen der Eigentümer später zu Anbauten, Dachausbauten, Wärmedämmungen bis hin zur Sanierung von historischen Fenstern und Türen am Denkmal.
Denkmalrecht und technische Machbarkeit konnten in den intensiv geführten Gesprächen verständlicher zusammengebracht werden, als im Brief- oder Mailverkehr möglich.
Auf diese Art und Weise wurde sehr viel gegenseitiges Verständnis im Umgang zwischen den Denkmaleigentümern und der Unteren Denkmalbehörde geweckt.
Durch die Teilnahme von Mitgliedern des „vereins für denkmalpflege und neues bauen radebeul“ während aller Beratungsstunden, konnten die Beantwortungen und Empfehlungen auch aus unterschiedlichen Sichten erfolgen: von Denkmalpflegern, Bauunternehmern, Landschaftsarchitekten und Architekten.
Der Verein wäre natürlich froh darüber, wenn das Landratsamt ein ständiges Büro für diese Zwecke in der Stadtverwaltung betreiben könnte. Der Idealfall kann allerdings nur sein, wenn die Stadt Radebeul diese wichtige Aufgabe für einen Bestand von weit über 1000 Denkmalen in der Stadt wieder selbst übernehmen würde. Die Hoffnung stirbt zuletzt…
Durch diese Erfahrungen aus den Anliegen und Gesprächen inspiriert, organisierte der „verein für denkmalpflege und neues bauen radebeul“ im März 2024 nach der Jahresmitgliederversammlung einen Vortrag von Prof. Grunwald, TU Dresden/ Lehrstuhl Bauklimatik, zum Thema: „Regenerative Energien und Baudenkmale“.
Dieser öffentliche Vortrag war so gut besucht, dass wir kurzfristig noch einen weiterführenden Vortrag zu diesem Thema organisieren werden. Schauen Sie in unsere Webseite – wir werden dies rechtzeitig öffentlich bekanntgeben.
Doch zurück zur Beratungsstunde, die einmal mit einem schönen Schlusssatz eines Denkmalbesitzers endete: Schön, dass Sie das eingerichtet haben und sich die Zeit dafür nehmen“. So soll es auch weitergeführt werden.
Seit 2024 vertritt Frau Elliger die Untere Denkmalbehörde in der Beratungsstunde.

Dr. Klaus Löschner und Robert Bialek
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Zu den nächsten Terminen erwarten wir Sie am 24.4. und 29.5., jeweils 16 – 17 Uhr im
Familienzentrum Radebeul, Altkötzschenbroda 20, 01445 Radebeul.
Eine Voranmeldung über die Homepage des Vereins ist möglich und wünschenswert.
www.denkmalneuanradebeul.de

 

Als die Läden noch Namen trugen…

Mit dieser Überschrift fand ich in „Vorschau & Rückblick“ Ausgabe Januar 2024 einen interessanten Beitrag von Bertram Kazmirowski.
Er ging sehr anschaulich in einem Spaziergang nochmal mit den Lesern seinen ehemaligen Schulweg entlang und plauderte über seine damaligen Begegnungen mit Menschen und Verkaufseinrichtungen.
Am Ende dieses Beitrages ermutigte und bat er, es ihm gleichzutun und ebenfalls eigene Erinnerungen dieser Art den werten Lesern mitzuteilen. Ich habe mich entschlossen, das zu tun und hoffe, es freut einige Leser und weckt wiederum deren Erinnerungen.

Uropas Tabakladen, ca. 1938, Foto: C. Stangfeld

Mein Name ist Christine Strangfeld geb. Schmidt. – Ich bin in Radebeul-West aufgewachsen, genauer gesagt, auf der Moritzburger Straße. Wir wohnten in der Nummer 34. Dieses Haus kennen viele Radebeuler, da sich darin der Bäcker Kühnert befand. (heute Bäckerei und Cafe Münch).
Als kleines Kind war ich gern bei meiner Oma im „Laden“. Über dem Schaufenster stand der Name meines Opas: Friedrich Müller. Dort gab es Zeitungen, Zeitschriften, Tabakwaren, Schreibwaren, Ansichtskarten…
Da ich schon immer gern Kuchen aß, hat man mir erzählt, ich hätte eines Tages aus dem Laden eine Stange Juwel genommen, wäre hinter in die Konditorstube gegangen und hätte gesagt: „Ich hab hier „Duwelde“ für alle und möchte gern dafür Schokocreme“. Die Gesellen hatten natürlich ihren Spaß und ehrlich wie sie waren, haben sie die Zigaretten wieder zur Oma gebracht (und sich welche behalten dürfen wahrscheinlich). Beim Bäcker zu wohnen fand ich nie verkehrt – bei uns zog immer der Duft durchs Haus von Kuchen, Pfannkuchen, Stollen usw. – und später konnte ich Kuchenränder von Frau Kühnert extra großzügig abgeschnitten – mit in die Schule nehmen und dort glänzen mit meinen Schätzen. Diese Freude hat heut niemand mehr,da die Ränder mit verkauft werden.
Die Oma wohnte gleich hinter dem Laden im Erdgeschoss und faszinierend war auch für mich, dass die Wand hinter dem Sofa im Wohnzimmer immer warm war (das Zimmer grenzte an den Backofen).
Meine Eltern und ich wohnten ganz oben in der 2. Etage. Da gab es so `ne schöne Wand eben nicht.
Mein Schulweg führte die Winzerstraße entlang. Da kam ich am Milchladen vorbei. Bei Frau Schlegel konnte man noch Milch im Krug holen. Ich bekam einen kleinen Krug und diese Milch war dann nur für mich.
Gegenüber war der Frisör Jacob.
Auf der Horst-Vieth-Straße gab es dann noch den Herrn Valeske, der hatte eine Fahrrad- und Nähmaschinen-Reparaturwerkstatt. Da konnte man mit dem Fahrrad hingehen, wenn es ein Problem gab.
An der Kreuzung Gradsteg befand sich der Gemischtwarenladen Landschulz.
Aber so weit gingen wir nicht zum Einkaufen. Wir hatten ja auf der Moritzburger Straße alles, was noch gebraucht wurde. Gegenüber Ecke Winzerstraße war der Gemischtwarenladen Gersten. Mutti sagte immer: „Geh ma zu Gerschtens…“
Dann gab es den allseits bekannten „Heiteren Blick“ Kulturhaus, Gaststätte mit vielen Räumen, großem Saal und früher sogar mit einem Biergarten wie mir erzählt wurde. Zuletzt Kulturhaus der Planeta – nur noch ein Straßenname in der neu entstandenen Siedlung erinnert an dieses Haus (vielleicht sollte mal ein Schild zur Erinnerung oder wenigstens ein kurzer Hinweis zur Namenserklärung angebracht werden).
Wir gehen weiter die Moritzburger Straße jetzt Richtung Süden hinunter. Rechts hatten wir den Fleischer Leschke (heute Wirthgen). Gegenüber war ein Geschäft, da verkaufte Frau Gabriel Textilien, Stoffe und Kurzwaren. Der Eingang befand sich etwas tiefer als der Fußweg und dann gingen auch Stufen abwärts hinein in den Laden, so dass bei starken Regengüssen immer Überschwemmung angesagt war.
Platzregen und große Regengüsse waren immer ein schönes Ereignis für uns Kinder. Da konnte man bei Oma vor dem Laden in einer Riesenpfütze rumpanschen oder auch mal im Sand spielen, der von oben die Moritzburger Straße herab angeschwemmt wurde.
Zu erwähnen wären da noch Bäcker Hein an der Ecke zur Straße am Bornberg und die heute zum Glück noch existierenden Geschäfte: Stern-Drogerie Rau und Farben-Oehme sowie das Bettenhaus Hennl und die Buchhandlung Sauermann auf der Meißner Straße (vormals Wilhelm-Pieck-Straße).
Interessant war auch das „Faber-Haus“. (Haltestelle der Straßenbahn Richtung Coswig) Da war ich nur einmal als Kind und konnte die riesenhohen Holzregale bewundern – ganzer Verkaufsraum in Holztäfelung – und ich fragte mich, was der Verkäufer wohl machen würde, wenn ich von ganz oben als dem Regal was kaufen täten wolle. Aber das hab ich mir ja natürlich sowieso nicht getraut.
Damals war noch der Schreibwarenladen Carl Pittius auf der Bahnhofstraße eine angesagte Adresse für Schreibwaren und Schulbedarf aller Art.
Einmal brachte ein Mitschüler eine Ansichtskarte mit. Darauf waren rein zufällig zwei unserer Lehrer mit abgebildet an der Ecke Moritzburger/Wilhelm-Pieck-Straße vor dem „Tempo“- Laden. Na da rannten natürlich alle zu Pittius, um diese Karte zu erwerben…
Soweit meine Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit.
Ich hoffe, ich habe Sie, liebe Leser, nicht gelangweilt und Ihnen hat dieser kleine Streifzug durch das Radebeul meiner Kindheit gefallen.
Christine Strangfeld

Die Stadt Radebeul feiert 3 mal 100 Jahre und Niederlößnitz feiert einmal mit

Für Niederlößnitz sind es gleich zwei Jubiläen die gefeiert werden. 185 Jahre Gemeindeverband Niederlößnitz und 100 Jahre Stadtrecht Radebeul.
Zum fünften Mal, also auch ein Jubiläum, lädt die Bürgerinitiative Niederlößnitz am 5. Mai 2024 zum Stadtteilfest auf den Rosa-Luxemburg-Platz ein. In der Zeit von 13 bis 21 Uhr findet ein umfangreiches Programm statt.
Die Kinder der ältesten Gruppe der Kita „Mohrenhaus, der Hort der Schule Niederlößnitz, Zirkus SANRO mit Feuershow, die Band der Musikschule „Kellerkumpane“, eine Feuerwehr zum Anfassen und Mitmachen, die Fahrradwerkstatt mit Lastenfahrrädern zum Rumkurven, ein Zauberer und Ballonkünstler, die Breakdancer und auch der Kaspar werden dabei sein. Chris Rückert führt wieder musikalisch durch das Programm.
Unsere historische Fotoausstellung mit vielen neuen Fotos wird wieder zahlreiche Besucher in der Musikschule erfreuen und für Erinnerungen sorgen.
Wer den Stadtteil, seine Geschichte und Gebäude näher kennenlernen möchte, für den bietet der Historiker Frank Andert zwei Spaziergänge an. Die Rundgänge starten um 11 Uhr und 15 Uhr an der Musikschule (ehemaliges Rathaus Niederlößnitz). Die Teilnahme ist nur nach vorheriger Anmeldung per E-Mail sehnert@gmx.net – oder per Telefon 0172 350 1278 möglich.
Backfreudige Kuchensponsoren, die etwas zum Kuchenbasar beitragen möchten, melden sich bitte bei Frau Kratz, Heinrich-Zille-Straße 31.

Barbara Sehnert

 

Fotografien von Harald Hauswald in der Stadtgalerie Radebeul

Oder: Das Leben kennt keinen Plan

Harald Hauswald und Peter PIT Müller zur Vernissage am 22.3.2024, Foto Karin Baum

So ein Gedränge gab es lange nicht in der Radebeuler Stadtgalerie, wie am 22. März 2024 zur Eröffnung der Ausstellung des Berliner Fotografen Harald Hauswald. Der Titel „Voll das Leben!“ nimmt Bezug auf den gleichnamigen Bildband, welcher bereits 2020 im Steidl Verlag erschien. Der Entschluss, eine Personalausstellung mit Fotografien von Harald Hauswald zu zeigen, erfolgte spontan. Ein kleines Zeitfenster stand offen und diese Gelegenheit wurde genutzt. Alle Beteiligten reagierten schnell und flexibel. Der Einsatz hat sich gelohnt. Das Leben kennt keinen Plan.

Als der Radebeuler Maler und Grafiker Peter PIT Müller, ein langjähriger Freund von Harald Hauswald, zur Eröffnung das Wort ergriff, wurde es sehr emotional. PIT meinte, er komme sich vor, wie auf einem Familientreffen. Zwischen den beiden Künstlerfreunden entspann sich zeitweise ein Zwiegespräch vor vertrautem Publikum. Gekommen waren Künstler, Freunde, Weggefährten, Klassenkameraden, ehemalige Kollegen … Ein Eröffnungsbesucher, der unmittelbar hinter mir saß meinte, dass es für ihn in der Stadtgalerie eine der schönsten Eröffnungen gewesen sei. Wer dabei war, konnte eine Art Zeitsprung miterleben. Plötzlich standen da zwei übermütige – in die Jahre gekommene – Jugendliche im Rampenlicht, denen der Schalk recht spitzbübisch aus den Augen blitzte. Und der überregional anerkannte Fotograf, Bundesverdienstkreuzträger und Träger des Bürgerpreiseses der deutschen Einheit wurde wieder zum Harald aus Radebeul, der den festen Boden unter den Füßen eigentlich niemals verloren hatte.

Ein Wiedersehen gab es auch mit dem Geiger Hansi Noack von der legendären nicht mehr existierenden Rockband DEKAdance aus Dresden. Irgendetwas begann sich an diesem Abend zu verselbständigen zwischen den üblichen Eröffnungsritualen. Erinnerungsfetzen flogen durch den Raum. Das Leben kennt keinen Plan.

Die Ausstellung des Fotografen Harald Hauswald ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Die Besucher werden angeregt, in schönster Ost-Nostalgie zu schwelgen. Zu sehen sind bekannte und weniger bekannte Motive, darunter auch zahlreiche Hauswald-Klassiker wie: „Fürstenzug“ Dresden 1984; „U-Bahnlinie A“ Berlin 1986; „Fahnenflucht“ Berlin/Alexanderplatz 1987; „Tanztee im Prater“ Berlin 1989.

Blick in die Ausstellung „Voll das Leben!“ in der Stadtgalerie Radebeul 2024, Foto Karin Baum

Eine große Überraschung bieten die Schwarzweißaufnahmen von Altkötzschenbroda, welche in den 1970er Jahren entstanden sind. Das es diese Aufnahmen gibt, war bekannt. Ein Foto aus jener Zeit hatte seit Eröffnung der Heimatstube Kötzschenbroda, welche im Jahr 2006 erfolgte, im Dauerausstellungsbereich seinen festen Platz gefunden. Es war ein Geschenk des Radebeuler Malers und Grafikers Peter PIT Müller. Zu sehen ist auf dem Foto ein alter Mann, der in Altkötzschenbroda einen mit Säcken beladenen Leiterwagen zieht. Der Dorfanger ist menschenleer und autofrei. Nichts stört den Blick. Der Fotograf war schon damals zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Schwarzweißfotografie „Anger“ 1976 (Altkötzschenbroda), Foto Harald Hauswald

Wann und in welchem Zusammenhang diese Fotografie entstanden ist, erschließt sich nun nach fünf Jahrzehnten durch die ausgestellten Bögen mit Kontaktabzügen, die aus dem Jahr 1976 stammen, aus jener Zeit der frühen Anfänge, als sich zwei Freunde auf gemeinsame Motivsuche begeben hatten. Der eine, um zu fotografieren, der andere, um zu zeichnen.

Erstmals werden nun einige dieser frühen Aufnahmen öffentlich präsentiert, darunter sechs Großformate mit architektonischen Details. Die Wirkung von Licht und Schatten, Raum und Struktur ist verblüffend. Mag sein, dass die Ausstellung etwas überfrachtet wirkt. Aber ist das letztlich nicht völlig egal? Denn keines der hier gezeigten Fotos möchte man missen.

Sein Handwerk als Fotograf hatte Harald Hauswald von der Pike auf gelernt, zunächst vom Vater, einem Fotografenmeister, bei dem fast alle Radebeuler ihre Passbilder machen ließen. Allerdings wäre das keine berufliche Perspektive gewesen. Er wollte nicht die Urlaubsfotos anderer Leute entwickeln. Er wollte selber fotografieren. Schon bald richtete er sich eine Dunkelkammer ein. Die technischen Möglichkeiten im eigenen Fotolabor sensibilisierten ihn für die Schwarzweißfotografie.

Die Geschichte, wie sich Peter PIT Müller und Harald Hauswald kennenlernten beginnt so: PIT ging in die Radebeuler Ernst-Thälmann-Oberschule. Dort hieß es, du musst mal zu „Harzer“ gehen. Gemeint war Harald Hauswald. Der war drei Jahre älter und wohnte damals auf der Straße der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft, heute Wilhelm-Eichler-Straße, sinnigerweise direkt gegenüber von der Justizschule, dem heutigen Evangelischen Schulkomplex. Dessen Zimmer war vollgestopft mit Lanzen, Pfeil und Bogen, Federnschmuck, Karl-May-Büchern und Schallplatten. Vom Äußeren her entsprach er dem beargwöhnten Klischee jener Zeit: Bart, lange Haare, Jeans und Parker. Man hörte Musik von Deep Purple oder den Stones. Es gab einen sogenannten Plattenring. Die Musik wurde illegal auf Tonbänder überspielt und gewinnträchtig weiterverkauft.

Ein bekannter Ort, wo man Radebeuler Dissidenten bestaunen konnte, war die Gaststätte „Lößnitzperle“ neben dem Filmtheater „Freundschaft“ auf der Straße der Befreiung. Zu den ketzerischen Wortführern gehörte Siegfried Schwab, dessen Bildnis, gemalt von Horst Hille, in der Städtischen Kunstsammlung Radebeul aufbewahrt wird. Wie Harald Hauswald lakonisch meinte, hätte er dem Schwab seinen Erstkontakt mit der „Stasi“ zu verdanken gehabt. Apropos Stasi: Unter dem Decknamen „Radfahrer“ wurde Hauswald vom 28.2.1977 bis zum 5.10.1989 von ca. 40 Personen observiert und wer in seine Nähe kam, dem wurde ebenfalls große Aufmerksamkeit entgegengebracht. Peter Müller hatte man den Decknamen „Rubens“ verpasst.

Wie die ausgestellten Kontaktabzüge belegen, waren die Künstlerfreunde auch im morbiden Altkötzschenbroda zugange. Wie gesagt, während der eine zeichnete, hat der andere fotografiert.

Zur Ausstellungseröffnung erinnerte sich Peter PIT Mülle an die ersten gemeinsamen Elbtouren, die vor über 50 Jahren stattgefunden haben. Die Elbe stank und war verdreckt. Pit hat gezeichnet und Harald hat fotografiert. Der eine brauchte Zeit, der andere war schnell fertig. Beeindruckt hat den drei Jahre jüngeren Müller schon damals der sichere Fotografenblick. Geschult habe das die Aufmerksamkeit. Dafür sei er ihm als Maler und Grafiker noch heute dankbar.

Beide Künstler verloren sich über all die Jahre nie aus den Augen, haben sich gegenseitig mit ihren Freunden und Familien besucht, tauschten sich fachlich aus und waren bei den Ausstellungseröffnungen des anderen fast immer dabei.

Harald Hauswald zog es 1978 nach Berlin – zunächst wegen der Liebe, wie er meinte. Später gehörte er zum Prenzlauer Berg, als wäre er schon immer da gewesen – der gebürtige Radebeuler mit dem sächsischen Dialekt. Zum Broterwerb arbeitete Hauswald einige Jahre als Telegrammbote. Einen Fotoapparat hatte er bei diesen Touren immer dabei, was seiner Affinität zur Straßenfotografie sehr entgegenkam.

Wenn heute von der „Boheme des Ostens“ die Rede ist, muss man anmerken, dass dieser Begriff vor 1990 nicht gebräuchlich war. Wer sich wann bzw. wo ansiedelte im Prenzlauer Berg, war mehr oder weniger dem Zufall geschuldet. Eine Zeitlang wohnte der Aktionskünstler Reinhard Zabka in Hauswalds Nachbarhaus. Man kannte sich, aber die Szene war nicht homogen. Eine freundschaftliche Arbeitsbeziehung hatte sich zwischen dem Fotografen Harald Hauswald und dem Schriftsteller Lutz Rathenow entwickelt. Ihre erste gemeinsame Publikation „Ostberlin – Die andere Seite einer Stadt“ erschien 1987 im Piper Verlag München/Zürich.

Hauswald fotografierte immer wieder Menschen in der U-Bahn, bei Hof- und Künstlerfesten, beim Schwof in der Eckkneipe, bei Großdemonstrationen oder Punkkonzerten… Seine Beobachtungen am Rande des offiziellen Geschehens sind ironisch und melancholisch zugleich. Es sind Erinnerungen an das Leben in der DDR zu einer Endzeit, als noch keiner ahnte, dass es das Ende ist. Der in der DDR geborenen ersten Nachkriegsgeneration folgten inzwischen die nächste und übernächste Generation. Und diejenigen, die den DDR-Alltag aus eigenem Erleben kennen, wird es schon bald nicht mehr geben.

Peter PIT Müller wiederum lebt und wirkt bis heute in Radebeul. Das Berlin-Intermezzo währte nur kurz. Gemeinsam mit Harald Hauswald fanden dort seine ersten Ausstellungen statt. Eine umfangreiche Debütausstellung hatte der Maler und Grafiker im Jahr 1985 mit Wolfgang Bruchwitz in der damaligen „Kleinen Galerie“ in Radebeul-Ost. Der Prenzlauer Berg sickerte ein in die sächsische Provinz wie ein süßes Gift. Doch die Aktionen in der „Kleinen Galerie“ waren nie so folgenreich, wie die der legendären Intermedia, welche im Juni 1985 in der Coswiger Börse stattgefunden hatte. Maler, Musiker, Filmemacher, Fotografen und Performer aus Dresden, Berlin, Erfurt, Leipzig usw. fanden dort ihr Podium, was in einem Skandal mündete und für den damaligen Klubhausleiter Wolfgang Zimmermann zur Entlassung führte. Mit dabei waren natürlich Harald und PIT und viele ihrer Künstlerfreunde.

Dass es in den verfallenden Gebäuden von Altkötzschenbroda alternative Hausbesetzungen gab, liegt auf der Hand. Doch das ist ein unerschlossenes Kapitel für sich.

Der gesellschaftliche Umbruch brachte einerseits Erleichterung, andererseits begann sich Existenzangst auszubreiten. Um unter den neuen Bedingungen überleben zu können, wurde 1990 die OSTKREUZ- Agentur für Fotografie gegründet, die einzige, von Fotografen selbst geführte Agentur Deutschlands. Harald Hauswald war einer der sieben Gründer.

Sein Bestand an Filmmaterial ist immens. Hauswalds Archiv umfasst 7.500 Filme, die von der Bundesstiftung Aufarbeitung gesichtet und gesichert wurden. Das dauerte drei Jahre. Glücklicherweise hatte Hauswald die Filme und Kontaktbögen immer zusammen aufbewahrt. Was ihm auch bei dieser Ausstellung sehr zugute kam.

Am 3. Mai begeht Harald Hauswald seinen 70. Geburtstag. Dazu sei ihm herzlich gratuliert. Aufs Altenteil wird er sich nicht zurückziehen. Schon längst arbeitet er an neuen Projekten, auch in anderen Ländern. Sein Interesse gilt den Menschen, egal an welchem Ort.
Die Ausstellung in der Radebeuler Stadtgalerie sollte man sich jedenfalls nicht entgehen lassen. Gelegenheit dazu bietet sich noch bis zum 5. Mai.

Karin (Gerhardt) Baum

 

 

 

Geschichte(n) erzählen, die keiner mehr weiß

Sascha Graedtke, Karl-Uwe Baum, Karin (Gerhardt) Baum, Ilona Rau, Bertram Kazmirowski (v.l.n.r.), Foto: Archiv “Vorschau & Rückblick”

Die Redaktion von „Vorschau & Rückblick“ lud zu einer besonderen Lesung ein
Zum wiederholten Mal erwies sich der Keller der Familieninitiative in Altkötzschenbroda für „Vorschau & Rückblick“ als ein gelungener Austragungsort für eine Veranstaltung. Anders als noch Anfang Februar luden Verein und Redaktion am 12. April aber nicht zu einer gewöhnlichen Mitgliederversammlung, sondern zu einer außergewöhnlichen Lesung ein. Als einer unter vielen anderen Programmpunkten der großangelegten Aktion „Radebeul liest“ präsentierte die Redaktion unter dem Titel „Radebeuler StadtGeschichte(n) ausgewählte Texte, die von 1954 bis in die Gegenwart reichten. Als ein roter Faden diente dabei die Tatsache, dass wir in diesem Jahr drei 100-Jahre-Jubiläen begehen (Stadtrecht, Kötzschenbroda, Stadtrecht Radebeul, Weinbaumuseum Hoflößnitz), weshalb der überwiegende Teil der von Ilona Rau, Karin und Karl-Uwe Baum, Sascha Graedtke und Bertram Kazmirowski vorgetragenen, aber auch von Dietrich Lohse und Konrad Oeser ausgesuchten Beiträge auf ausgewählte Aspekte aus der Geschichte der drei Jubilare Bezug nahm.

Foto: Archiv “Vorschau & Rückblick”

Doch auch launige Geschichten kamen nicht zu kurz, wodurch sich eine abwechslungsreiche Abfolge mal kürzerer, mal längerer Texte ergab. Ganz nebenbei wurden durch den Vortrag der Artikel auch inzwischen verstorbene Personen gewürdigt, die über viele Jahre hinweg „Vorschau & Rückblick“ durch ihre fachkundige Mitarbeit begleitet und unterstützt hatten: die frühere Stadtarchivarin Liselotte Schließer (1918-2004), der einstmalige Pfarrer der Friedenskirchgemeinde Eberhard Gehrt (1928-2003) und der Literatur- und Kunstwissenschaftler Manfred Altner (1930-2020). Die erfreulich zahlreich anwesenden Gäste im Alter zwischen 15 und ca. 80 Jahren nahmen vor, während und nach der Lesung gern die Gelegenheit wahr, untereinander und mit der Redaktion ins Gespräch zu kommen. Manche alte Erinnerungen wurden dabei ebenso aufgefrischt wie neue Kontakte geknüpft, wodurch es ein rundum gelungener Abend wurde, aus dem man bereicherter herauskam, als man in ihn hereingekommen war. Und das galt nicht nur für die Gäste, sondern auch für uns als Redaktion, weshalb wir uns bei allen unseren Lesern bedanken, die sich auf das Wagnis dieses Abends eingelassen hatten. Der Familieninitiative wiederum gilt unser besonderer Dank für die gewährte Gastfreundschaft!

Für die Redaktion Bertram Kazmirowski

100 Jahre Museum Hoflößnitz, Teil 5

Der Hoflößnitzverein, der im letzten Teil vorgestellt wurde, mag finanziell auf tönernen Füßen gestanden haben. Sein Verdienst, dieses Wahrzeichen der Lößnitz mit Spendenmitteln eben noch rechtzeitig vor dem Verfall gerettet zu haben, bleibt aber ein Ruhmesblatt der frühen sächsischen Denkmalpflege. Praktisch geschrieben wurde es unter der fachlichen Leitung des Architekten Emil Högg (1867–1954), der 1911 auf den Lehrstuhl für Raumkunst und Ingenieurbaukunst der Technischen Hochschule Dresden berufen worden und seit 1912 in Radebeul ansässig war. Als noch im selben Jahr am Lusthaus die Gerüste fielen, machte sich in der Lößnitz freilich Unmut breit – statt eines »Schlosses« stand da plötzlich, seiner äußeren Zierden beraubt, nur noch ein überdimensioniertes einfaches Winzerhaus… In einem lesenswerten Artikel für die ›Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz‹ (3. Bd., H. 2, S. 64–66) wurde diese Fehleinschätzung durch einen ungenannten Verfasser, sehr wahrscheinlich Högg selbst, unter Anführung stichhaltiger Argumente richtiggestellt. Aus Platzgründen sei hier nur eine Kurzzusammenfassung dieses Beitrages angeführt (erschienen in der Wochenschrift ›Kunstchronik‹, Leipzig, N. F., 24. Jg., Nr. 22, Sp. 299f.), der ursprünglich den Titel trug:

»Der Umbau des Hoflößnitz-Schlößchens«
Emil Högg, heißt es dort, habe die ihm gestellte Aufgabe der Erhaltung und Wiederherstellung des Bauwerks »in ausgezeichneter Weise im Sinne moderner Denk­malpflege gelöst. Er hat alle Zutaten, die angeblich zur Verschönerung des Schlößchens vor kaum einem Dutzend Jahren dem Bau angefügt worden waren, beseitigt und den alten Zustand wiederhergestellt. Eine solche unnütze und ganz stilwidrige Zutat war ein blechernes Türmchen, das viel zu schwer für den Dachstuhl war, daher die Sparren durchgedrückt und die ganze Dachfläche eingebogen, da­mit aber dem Regen dauernden Eintritt verschafft hatte. Eine zweite solche Zutat war der Putz, mit dem man das alte Fachwerk zugedeckt hatte. Eine dritte war die ganz sinnlose, häßliche Terrassenbrüstung nebst einer geschweiften Freitreppe, die man vor 13 Jahren an der Gartenseite angelegt hatte. Nachdem alle diese Verballhornungen und Fälschungen gefallen sind und das Schlößchen wieder in­stand gesetzt worden ist, hat das Gebäude ein ganz anderes, nämlich sein ursprüngliches Aussehen zurückge­wonnen: es ist wieder ein schmuckes, stattliches Wein­berghaus mit Fachwerk geworden, in der Weise, wie es im 17. Jahrhundert erbaut worden ist.«

Das Lusthaus der Hoflößnitz vor und nach der Sanierung 1912, Foto: Archiv Hoflößnitz

Der Beitrag endete mit einem in dieser Serie schon mehrfach erklungenen Wunsch: »Hoffentlich finden sich nun auch bald die Mittel, das reizende, alte Bauwerk zu einem Weinbergs-Museum auszugestalten.« Diese Hoffnung war damals jedoch gerade wieder auf die sprichwörtliche lange Bank gerückt, denn der Verein stand in Er­mangelung eines wirtschaftlichen Konzepts ein Jahr nach Gründung bereits vor der Insolvenz. Der Finanzbedarf war unter- und die Spendenbereitschaft deutlich überschätzt worden. Aus der Lößnitz gingen zwar einzelne Schenkungen von Museumsobjekten ein, aber keinerlei größere Geld­spenden, und im Bauverlauf auftretende Defizite konnten nur mit Darlehen der Oberlößnitzer Sparkasse überbrückt werden.
Dass diese gewährt wurden und das ganze Projekt nicht den Bach hinab ging, ist dem Oberlößnitzer Gemeindevorstand Bruno Hörning zu verdanken. 1913 übernahm dieser im Verein das Schatzmeisteramt, und als sowohl der neue Vereinsvorsitzende Dr. Artur Brabant wie auch sein Stellvertreter Oberst v. Kretschmar 1914 in den Krieg zogen, lastete alle Verantwortung auf ihm. Als die Gläubiger drängten, entschied Hörning sich dafür, der »Hinwurstelei« ein Ende zu setzen und das Konkursverfahren einzuleiten. Um zu retten, was zu retten war, legte er dem Gemeinderat von Oberlößnitz eine vertrauliche Denkschrift vor, die den Ankauf des Grundstücks empfahl und zwei Szenarien skizzierte: Man könnte die Immobilie maximal ausnutzen, das Grundstück parzellieren und verkaufen und das Schlösschen als »zufälliges Überbleibsel« behandeln. Er favorisiere aber die »ideale Seite«: Als Eigentümerin könnte die Gemeinde die Nebengebäude und Weinbergsflächen vermieten bzw. verpachten und im Schlösschen z. B. eine Konditorei mit Weinschank einrichten lassen. Das zusammengetragene Museumsgut ließe sich im alten Pressraum des Pressenhauses präsentieren, zu dem der Konditor den Schlüssel erhielte. Am 14. April 1915 beschloss der Gemeinderat, dieser Empfehlung folgend, den »Erwerb aus idealen Gesichtspunkten« für 105.000 Mark, was der Summe der Verbindlichkeiten des Hoflößnitzvereins entsprach, also weit unter dem inzwischen gestiegenen Wert, und verabschiedete in der gleichen Sitzung ein »Ortsgesetz zum Schutze und Erhaltung des Schloßgrundstückes ›Hoflößnitz‹ sowie dessen Umgebung gegen Verunstaltung«. (Fortsetzung folgt.)
Frank Andert

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