Nachruf auf Gerold Schwenke

Die richtige Mischung, der richtige Brand

Erinnerungen an Gerold Schwenke (9. März 1944 – 2025)

Foto: I.Bielmeier

Bereits 2025 ist Gerold Schwenke gestorben. Er wurde 82 Jahre alt. Ich kannte ihn seit mehr als vierzig Jahren. Zunächst begegnete er mir als einer der Maler aus dem Umfeld meines Vaters, des Bildhauers Walter Howard. Später wurde daraus eine persönliche und fachliche Nähe: Uns verband eine gemeinsame Sprache aus Ton, Glasur und Brenntechnik. Daran haben wir über Jahrzehnte gearbeitet – jeder in seiner eigenen Werkstatt und doch immer wieder im Austausch miteinander.

Geboren wurde Gerold am 9. März 1944 in Radebeul. Er lernte Dreher, ging dann an die Kunsthochschule Berlin-Weißensee, studierte dort bei Fritz Dähn, Walter Womacka, Arno Mohr und Günther Brendel und kehrte anschließend in seine Heimatstadt zurück. Hier traf er auf eine Künstlerschaft, die zum Teil eine ganze Generation älter war als er, Johannes Thaut etwa, Jahrgang 1921, oder mein Vater, Jahrgang 1910. Gerold war der Jüngere in diesem Kreis und fand früh seinen Platz darin. 1975 schuf er gemeinsam mit Thaut das Wandbild „Frohe Zukunft für die Jugend“ für die damalige Polytechnische Oberschule „Hermann Matern“ an der Kottenleite, die in den 1990ern abgerissen wurde, eine großformatige Arbeit auf Aluminiumtafeln, wie sie Schulen und Betriebe damals in Auftrag gaben. Aus demselben Jahr stammt der Farblinolschnitt „Moritzburger Teichlandschaft“, von mehreren Platten gedruckt: der Blick von einem bewaldeten Ufer über das Wasser mit seinen kleinen Inseln. Bis 1990 war Gerold Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR.

Radebeul verdankt ihm dabei mehr als Bilder. Als Mitglied der Ständigen Kommission Kultur der Stadtverordnetenversammlung begleitete er die Gründung der „Kleinen Galerie“ 1982 in Radebeul-Ost, später gehörte er dem Galeriebeirat an. Den Ausstellungen der heutigen Stadtgalerie blieb er bis zuletzt verbunden; 2013 zeigte er dort seine keramischen Gefäße, 2021 die Arbeit „Corona-Schrei“, mit der er dem ersten Pandemiejahr ein Bild gab.

Die Wende veränderte sein Arbeitsleben grundlegend. Der Verband löste sich auf, die freischaffende Existenz trug allein nicht mehr, und Gerold verdiente sein Geld fortan in einer Verwaltung. Der Keramik tat das keinen Abbruch; er beschäftigte sich neben dem Beruf weiter intensiv mit dem Material und seinen Möglichkeiten. Der Ruhestand gab ihm dann die Zeit, die diese Arbeit verlangt, und brachte den Gerold zum Vorschein, an den ich mich am liebsten erinnere: einen ruhelosen Tüftler, der sich Brenn- und Trockenöfen ebenso selbst baute wie die Kugelmühlen, mit denen er Fritten und Glasuren aufbereitete, weil ihm nichts Fertiges die gewünschte Perfektion bot. Die Segerformel benutzte er dabei so selbstverständlich wie andere einen Kochlöffel.

Seine Gefäße und Stelen baute er dünnwandig in Plattentechnik auf, die Oberflächen entstanden aus fein abgestimmten Glasurkompositionen. Eine Zeitlang standen wir in intensivem Austausch über die Entwicklung von Schrumpfglasuren und Kupferreduktionsglasuren. Seine Detailkenntnis hat mich damals beeindruckt, mehr noch seine analytische Art: Wo andere auf den Zufall des Ofens hoffen, wollte Gerold verstehen, warum eine Glasur kriecht oder ihr Rot entfaltet. Diese Verbindung aus Systematik und Neugier hat er sich bis in seine letzten Jahre bewahrt.

Vierzig Jahre sind eine lange Zeit für ein gemeinsames Thema. Ich werde die Gespräche über die richtige Mischung, den richtigen Brand vermissen – und einen Freund, mit dem ich sie führen konnte.

Mario Howard

Unterrichtsausfall heutzutage und früher…

(…war eben nicht alles besser)

Foto: B.Kazmirowski

Wer noch eigene Kinder in der Schule hat oder als Großeltern sich dafür interessiert, wie die Enkel werktags ihre Zeit zwischen 7 und 15 Uhr füllen, wird es wissen: Seit Jahren herrscht eklatanter Lehrermangel in Deutschland, in Sachsen ganz besonders. Die sich daraus ergebenden Folgen sind überall gleich: Es fällt Unterricht aus. Wo keine Lehrkraft, da kein Unterricht. So einfach ist das. Die Statistiken über Unterrichtsausfall in Sachsen sind frei zugänglich (https://www.schule.sachsen.de/datenbank-unterrichtsausfall-7943.html), immerhin in diesem Bereich herrscht Transparenz. Wenn wir uns exemplarisch drei Schulen aus Radebeul und deren Statistik für das erste Schulhalbjahr 2025/26 (für das gerade zu Ende gegangene gesamte Schuljahr liegen die Daten noch nicht vor) anschauen, so lässt sich feststellen: Am Gymnasium Luisenstift gab es 565 Unterrichtsstunden planmäßigen Ausfall, dazu kamen 1425,5 Stunden unplanmäßiger Ausfall und 322 Stunden, die fachfremd vertreten wurden. Insgesamt beläuft sich das auf knapp 11% Ausfall bzw. fachfremde Vertretung. Für alle Nicht-Eingeweihten: Planmäßiger Ausfall meint Unterricht, der in einem bestimmten Fach von vornherein nicht im vollen Umfang abgedeckt werden konnte, weil schlichtweg nicht ausreichend Fachlehrerstunden vorhanden waren. Da wird dann in einer bestimmten Klassenstufe z.B. statt zwei Stunden Sport pro Woche nur eine Stunde unterrichtet, obwohl es zwei sein müssten. Für die Oberschule Radebeul-Mitte lauten die Zahlen: 498 Stunden, 743 Stunden, 324 Stunden, was aufaddiert 14,7% der Unterrichtsstunden bedeutet, die entweder gar nicht gehalten oder fachfremd vertreten wurden. Schließlich noch die Zahlen für die Grundschule Kötzschenbroda: 143, 284 und 35 Stunden, in Summe waren das 8,4% nicht regulär abgedeckter Unterricht. Schnell ist man angesichts dieser Situation mit Behauptungen wie dieser bei der Hand: Früher war alles besser! Meist ist unklar, was genau mit „früher“ gemeint ist, aber in unseren Breiten wird mit dem „früher“ doch zumeist auf die DDR Bezug genommen, in der ein straff zentralistisch organisiertes sozialistisches Bildungswesen eigentlich dafür Sorgen tragen sollte, dass zwischen Kap Arkona und Fichtelberg Unterricht laut Stundentafel stattfand. In der Erinnerung der Allermeisten von uns bis Jahrgang 1980 war das wohl auch so, oder? Die Realität aber war aber manchmal eine andere, wovon ein konkretes Beispiel hier aus Radebeul zeugt, welches sich an der inzwischen abgerissenen ehemaligen „POS Otto Buchwitz“ auf dem Augustusweg zugetragen hat.

Beginn der Abrissarbeiten an der ehemaligen POS Otto Buchwitz im Sommer 2024, Foto: B.Kazmirowski

Am 22.3. 1985 sieht sich das Elternaktiv der damaligen Klasse 6b (in die ich ging) veranlasst, einen Brief an den Kreisschulrat Zechel zu schreiben, den Leiter der Abteilung Volksbildung des Rates des Kreises Dresden. Die Eltern äußern wegen des massiven Unterrichtsausfalls ihre „große Sorge“. Die Gründe für die Situation sind vielfältig. Einerseits ist die Klassenleiterin, die Mathematik und Physik unterrichtet, schwanger und wird sowieso bald in den Mutterschutz gehen. Ein Ersatz für die Fächer ist noch nicht in Sicht. Zudem fehlt sie bereits seit knapp zwei Wochen krankheitsbedingt. Andererseits ist die teilzeitbeschäftigte Lehrerin für Russisch und Geschichte gesundheitlich instabil und wird, so vermutet das Elternaktiv, ihre Tätigkeit gar nicht wieder aufnehmen. Überdies ist die Geografielehrerin der Klasse gerade auf Kur, eine Vertretung für sie ist nicht vorhanden. Das Schreiben listet schließlich die tatsächlich ausgefallenen Stunden seit Schuljahresbeginn auf: 23 in Russisch (erste Fremdsprache), 12 in Mathematik, 10 in Geschichte, 7 in Physik, 6 in Deutsch und eine in Geografie, was in Summe 59 Stunden ausmacht, umgerechnet sind das etwa zwei volle Wochen Schulunterricht! Das Elternaktiv führt aus: „Die Schulleitung und die neue Klassenleiterin […] haben sich bemüht, wenigstens einen Teil der 18 nicht besetzten Wochenstunden abzudecken. Ihre Möglichkeiten sind verständlicherweise begrenzt, deshalb bleiben 11 Stunden – 1/3 des Wochenpensums –, die nicht unterrichtet werden können.“ Als wäre diese Situation nicht schon bedenklich genug, verweist das Schreiben auf einen bereits länger bestehenden Missstand. Die Eltern könnten deshalb „nun nicht mehr mit Gelassenheit der gegenwärtigen Situation gegenüberstehen, zumal schon in der 4. und 5. Klasse wegen Erkrankung der jeweiligen Klassenlehrerinnen und durch Schwangerenurlaub sehr viele Unterrichtsstunden nicht gegeben wurden, z.B. im 5. Schuljahr ein Vierteljahr kein Geschichtsunterricht!“ Der Brief schließt mit einer für die damaligen Verhältnisse typischen Formel: „Weil die geschilderten Zustände im Widerspruch zur Zielstellung des sozialistischen Bildungssystems stehen, bitten wir im Interesse unserer Kinder, daß Sie Festlegungen treffen, die einen ordnungsgemäßen Unterricht gewährleisten.“ Ich kann mich nicht erinnern, ob überhaupt und wann „ordnungsgemäßer Unterricht“ wieder stattfand, aber eines ist sicher: die Sorge der Eltern haben wir Kinder damals sicherlich nicht geteilt! Ganz im Gegenteil fanden wir es bestimmt schön, am Morgen später kommen und mittags früher gehen zu dürfen. Langweilig wurde uns damals nicht, auch wenn keiner von uns ein Smartphone oder einen Computer besaß und das Fernsehprogramm nur aus zwei Sendern bestand. Im Übrigen, und das sei am Ende der Geschichte mit einem Augenzwinkern angemerkt, verlor die ja eigentlich wirklich unerfreuliche Situation bei den unmittelbar beteiligten Eltern an Relevanz und verschwand im Nebel des voranschreitenden Lebens. Woher ich das weiß? Ich fragte bei Dietz Lohse nach, ob er sich an den Brief erinnern könne, schließlich habe er ihn ja damals mit unterzeichnet. Er konnte nicht…

Bertram Kazmirowski

23. Thematischer Filmclubabend


Das Radebeuler Wanderkino Filmclub mobil startet nach der Sommerpause am 27. August in der Kunstscheune Altnaundorf mit dem DEFA-Film „Feuer unter Deck“. Die Verfilmung beruht auf Wolfgang Müllers Erzählband Flußgeschichten. Ursprünglich für die Sommerfilmtage vorgesehen, bewegt sich der Film recht unverbindlich zwischen abenteuerlicher und humorvoller Unterhaltung.

Wer sich für Schaufelraddampfer interessiert, kommt in dem Film voll auf seine Kosten. Liebevoll umkreist die Kamera das alte Schiff. Der Rückblick auf die Elbeschifffahrt, schwelgt in Schifferromantik, welche durch die Musik von Günter Fischer (geb. 1944) verstärkt wird. Doch die Realität sieht anders aus. Das beständige Kohleschippen ist eine körperlich schwere Arbeit, die kaum noch ein Jüngerer machen will.

Besonders interessant ist auch die Konstellation beider Hauptdarsteller. Während Manfred Krug (1937-2016), bereits auf eine erfolgreiche Karriere als Filmschauspieler zurückblicken konnte, stand Renate Krößner (1945-2020) am Anfang ihrer filmischen Laufbahn. Doch schon drei Jahre später war sie durch die überzeugende Verkörperung der Sängerin Sunny in Konrad Wolfs Film „Solo Sunny“ 1980 in aller Munde.

Nachdem Manfred Krug Ende 1976 die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterzeichnet hatte und 1977 von der DDR in die BRD übersiedelte, wurde der Film kurz vor der Premiere zurückgezogen. Die Uraufführung erfolgte 1979 zunächst im Fernsehen der DDR und 1981 kam der Film schließlich, jedoch unangekündigt und mit wenigen Kopien, in die Kinos.

Der Drehbuchautor und Filmregisseur Herrmann Zschoche (geb. 1934) hatte sich vor allem im Bereich der Kinder- und Jugendfilme einen Namen gemacht. Zu den DEFA-Klassikern gehören die Benno-Pludra-Verfilmung „Lütt Matten und die weiße Muschel“ 1964 als auch „Sieben Sommersprossen“ 1978.

Mit Spielfilmen wie „Karla“ 1965, „Bürgschaft für ein Jahr“ 1981, „Hälfte des Lebens“ 1985 oder „Die Alleinseglerin“ 1987 hatte er in der DDR, trotz politischer Reglementierungen, ein bedeutendes Stück DEFA-Filmgeschichte geschrieben. Nach 1990 war Zschoche u. a. an einigen Fernsehserien beteiligt, zog sich jedoch ab 1997 weitgehend aus dem Filmgeschäft zurück. Empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang seine im Jahr 2002 veröffentlichte Autobiografie.

DEFA-Spielfilm „Feuer unter Deck“

1977, DDR, 87 Minuten, Farbe, FSK 14

Drehbuch und Regie: Herrmann Zschoche; Musik: Günther Fischer; Kamera: Günter Jaeuthe; Besetzung: Manfred Krug (Otto); Renate Krößner (Carola „Caramba“) u. a.

Handlung: Otto ist Kapitän auf dem alten Radschleppdampfer „Jenissei“ mit dem er die Elbe befährt. Seine Mannschaft ist aufeinander eingeschworen. Alles könnte ewig so weitergehen. Doch Ottos Freundin Carola, genannt Caramba, die in einer Kneipe als Kellnerin arbeitet, hat irgendwann genug. Sie wünscht sich eine Familie, will ein Kind und einen Mann, der bei ihr ist. Sie drängt auf eine Entscheidung. Doch Otto kommt nicht los von seinem Dampfer und Carola trennt sich schließlich von ihm. Aber auch vom Radschleppdampfer heißt es Abschied nehmen, denn dieser ist der letzte auf der Elbe, der noch mit Kohle betrieben wird. Nach dessen Stilllegung soll daraus ein Museums- und Restaurantschiff werden. Die Besatzungsmitglieder gehen fortan getrennte Wege. Während der Älteste an Bord bleibt und die Wartung des Schiffs übernimmt, wechselt der Rest der vierköpfigen Mannschaft zu einem, mit Diesel betriebenen Schiff. Nur Otto macht einen radikalen Schnitt und beginnt bei einer Gleisbaubrigade als Schienenarbeiter. Die Kellnerin Carola wiederum übernimmt die Leitung des Restaurantschiffes.

Mehr oder weniger zufällig sieht Otto, dass durch das Niedrigwasser in der Elbe zwei Kähne festsitzen und die Wasserstraße blockieren. Versuche, die Schiffe mit Traktoren aus den Sandbänken zu ziehen, scheitern. Der stillgelegte Radschleppdampfer wäre hierfür geeignet, hat er doch nur wenig Tiefgang. Da kommt Otto plötzlich eine verwegene Idee. Er kapert „seine Jenissei“ und als der Ruf „Feuer unter Deck“ erschallt, ergreifen die Restaurantgäste panisch die Flucht. Nun übernimmt Otto ein letztes Mal das Kommando. Die auf Grund gelaufenen Schiffe können Dank Ottos beherztem Eingreifen aus ihrer misslichen Lage befreit werden. Doch sozialistische Helden sehen anders aus.

Wenngleich das Ganze für die „Jenissei“ in einem zerstörerischen Fiasko endet, könnte es für Otto und Caola-Caramba, trotz aller Turbulenzen, einen Neuanfang geben.

Karin Baum und Michael Heuser
Sprecher der Cineastengruppe „Film Club Mobil“ im Radebeuler Kultur e.V.
Anmerkung: unter Verwendung von verschiedenen Filmbegleitmaterialien und Wikipedia-Eintragungen

Das Niederlößnitzer Stadtteilfest und seine Entstehung

Straßenfeste gab und gibt es reichlich. Aber ein Stadtteilfest? Sind das nicht zu hohe Hürden im Vergleich zu einem Straßenfest? Wir, die spätere Bürgerinitiative Niederlößnitz, wollten es versuchen.

Als wir durch das Amtsblatt auf das „Stadtteilbudget zur Förderung bürgerschaftlicher Initiativen“ aufmerksam wurden, dachten wir, warum nicht mal ein Niederlößnitzer Stadtteilfest organisieren. Schnell war klar, durch diese Unterstützung der Stadt könnten wir noch mehr Bürger einbeziehen, unseren schönen Stadtteil weiter beleben und ins Gespräch bringen.

Erstes »Stadtteilfest Niederlößnitz« auf dem Rosa-Luxemburg-Platz, vor und im ehemaligen Rathaus, 2018, Foto: K.Baum

So wurde im Mai 2017 der Antrag auf Förderung gestellt und im Februar 2018 auch bewilligt. Im März-Amtsblatt veröffentlichten wir unseren ersten Aufruf an die Niederlößnitzer, ob Interesse an einem Stadtteilfest besteht, und es meldeten sich tatsächlich sofort 30 Mitstreiter. Daraus entstand dann eine kleine, feste Arbeitsgruppe von 20 Anwohnern, die sich regelmäßig zur Vorbereitung der Feste trafen, neue Vorschläge und Ideen einbrachten und einzelne Aufgaben übernahmen. Sie warben um Spenden und was ganz wichtig war, sie verteilten eifrig unseren selbst gestalteten Flyer. Besonders erfreulich war, dass sich alle am Fest Beteiligten selbst gemeldet hatten: die Tanzschule Linhart, der Kinderschutzbund mit seinem Zirkus“ SANRO“, der Kindergarten Mohrenhaus, der Hort Niederlößnitz, die Fahrradwerkstatt und andere.

Das erste Fest fand am 25. August 2018 statt und wurde sehr gut angenommen. Weitere Stadtteilfeste folgten am 31. August 2019, am 25. Juni 2021, am 17. September 2023 und am 5. Mai 2024. Wegen der Corona-Pandemie musste das für 2020 geplante Fest ausfallen. Der Oberbürgermeister, Bert Wendsche, ließ es sich nicht nehmen alle Feste selbst zu eröffnen und der Bürgerinitiative seinen Dank auszusprechen.

Da die Niederlößnitz, erst seit 1839 als Gemeinde existiert, verfügt sie über kein gewachsenes Zentrum. Der dem ehemaligen Rathaus vorgelagerte Rosa-Luxemburg-Platz schien sich als ein kleiner Fest- und Veranstaltungsplatz zu eignen. Auch das Rathaus, in welchem sich zurzeit noch das Domizil der Musikschule befindet, bot sich als Ausstellungsort für eine Bild- und Textdokumentation geradezu an. Das Interesse der Mitbürger an ihrem Wohngebiet war erstaunlich. So stellten sie Fotos und anderweitige Dokumente zur Verfügung, Dietrich Lohse hatte ausführlich und fachkundig unseren Stadtteil beschrieben. Rosemarie Kriesten besorgte Aufsteller und Wechselrahmen, so dass durch ihr unermüdliches Engagement eine sehr informative Ausstellung entstand, die Jahr um Jahr eine Erweiterung erfährt.

Die Delegation der Niederlößnitzer zur 880-Jahrfeier in Naundorf, 2024, Foto: K.Baum

Auch die Stadtteilrundgänge mit dem Historiker Frank Andert waren ein voller Erfolg. Vermittelt wurde allerlei Wissenswertes zur Geschichte, zu besonderen Ereignissen, zu bedeutenden Persönlichkeiten, zu Gebäuden, Sehenswürdigkeiten, Straßen und Plätzen, zu den zahlreichen Gaststätten, Gärtnereien, kleinen Läden u. v. m.

Eine Bühne auf dem Rosa-Luxemburg-Platz bot jungen Talenten die Möglichkeit zum Auftritt. Hüpfburg, Puppentheater, Musik, Akrobatik, Karussell, Bastel- Mal- und Schminkstationen, Kuchen, Eis und Bratwurst sowie kalte und heiße Getränke mit und ohne Alkohol – all das gehört seitdem zu unserem abwechslungsreichen Programm für die ganze Familie. Mit dabei ist auch die Weinbaugemeinschaft Niederlößnitz, die Musikschule sowie die Kinder- und Jugendfeuerwehr.

Mit dem Spruch-Banner „Niederlößnitz grüßt seine Nachbarn“ gratulierten wir 2024 als eine kleine Delegation den Naundorfern zum 880. Geburtstag. Die Naundorfer hats gefreut, so wie auch wir uns freuen würden, wenn wir zahlreiche Gäste aus den anderen Radebeuler Ursprungsgemeinden zu unserem 6. Niederlößnitzer Stadtteilfest am 6. September 2026 von 13 bis 21 Uhr auf dem Rosa-Luxemburg-Platz begrüßen können. Das vollständige Programm wird in der September-Ausgabe von „Vorschau & Rückblick“ veröffentlicht.

Barbara Sehnert im Namen der Bürgerinitiative Niederlößnitz

Engagiert für ein gemeinsames Ziel: Der Verein für Denkmalpflege und Neues Bauen Radebeul e. V. – wie lange noch?

Es war eine wunderschöne, gut besuchte Bauherrenpreiswanderung am 03.07.2026, die uns vom AWD-Klubhaus mit der größten Sgraffitoarbeit von Hermann Glöckner in Radebeul zu Bauten und Anlagen am Robert Werner Platz, über den Dorfanger „Am Kreis“ in Alt-Radebeul, entlang der Serkowitzer Straße und nach Serkowitz führte. Zu Gebäuden und Plätzen, die preiswürdig und preisgekrönt waren. Knapp 50 Teilnehmer kamen und lauschten gespannt Michael Mitzschke und Harald Borgmann zu den stadtbildprägenden und verborgenen Details und den teils sehr vergnüglichen historischen Fakten und Anekdoten. Es war wieder eine sehr mobile und interessierte Zuhörerschaft dabei und wir hatten einen gemütlichen Ausklang mit vielen belebenden Gesprächen.

Pavillon am Mohrenhaus, Foto: Archiv vfdunb

Und wieder die bange Frage, soll diese Wanderung die letzte gewesen sein? Wieder haben viele ausgedrückt, dass sie das, wie schon bei der letzten Bauherrenpreisverleihung, sehr schade fänden.
Keine Bauherrenpreise, keine Bauherrenpreiswanderungen, keine Rettungen gefährdeter Denkmale, Kleinarchitekturen und Plätze, keine Pflanzaktionen, kein Mitdiskutieren bei der Stadtentwicklung? Ebenso keine Beratungen von Bauherren, von Eigentümern oder Fachvorträge mehr? Von den Exkursionen und Publikationen, dem Tag des offenen Gartens und Ausstellungen hatten wir uns schon verabschieden müssen.

Wer kann das Ansinnen, den „besonderen“ Charakter von Radebeul zu erhalten und zu fördern und somit Heimat zu bewahren, aus der Einwohnerschaft und der interessierten Öffentlichkeit unterstützen, wenn nicht ein Verein wie der unsere? Wie bei vielen anderen Vereinen fehlt auch uns der Nachwuchs, die interessierten, engagierten, ideenreichen und zupackenden Mitstreiter unter 50… 60 Jahren. Wir „Ältergewordenen“ können und wollen noch viel, es entwickelten sich auch an diesem Abend wieder neue Ideen, aber viele und auch unser jetziger Vorstand können es nicht mehr leisten.

Satzungszweck des am 25.2.1993 im Haus Lotter bei Tilo Kempe gegründeten Vereins war und ist die Förderung der Erhaltung des besonderen Charakters der Stadt Radebeul, wozu insbesondere die Bewahrung der spezifischen Lößnitzarchitektur im Sinne der Einheit von Architektur und Landschaft zählt. Ein maßgebender Aspekt war die Sorge um den Erhalt der einzelnen Dorfkerne, vor allem von Altkötzschenbroda, welches kurz vor der Friedlichen Revolution dem Abriss entgegensah. Wie der Vereinsname schon anzeigt, verstehen wir den besonderen Charakter Radebeuls aber nicht allein als vergangenheitsbezogen, sondern als eine beständige Herausforderung bei der Sanierung wie auch dem Neubau von Wohn- und Gewerbebauten, der Gestaltung von Ensemblelösungen und dem Umgang mit Freiraum.

Wenn die Gründungsmitglieder unseres Vereins auf 1993 zurückschauen, so sehen sie nicht nur jede Menge – aus heutiger Sicht berechtigten wie auch enttäuschten – Enthusiasmus, sondern auch Frauen und Männer Ende 20 bis Ende 30, die 1993 viele Wünsche bewegten, die auch anderes im Blick hatten als nur den Verein und, nicht alle leben mehr, ihm doch treu geblieben sind, mit ihm älter und vermutlich auch alt werden. Und um das Älterwerden geht es auch bei unserem Verein. Über 30 Jahre, eine ganze Generation hat der Verein gewirkt. Jeder Generation bleibt eigenes Zutun offen und wir hoffen und wünschen uns, dass es auch weiterhin ein breites bürgerschaftliches Engagement geben wird.

Bauherrenpreiswanderung, Dorfanger „Am Kreis“ in Altradebeul, Foto: Archiv vfdunb

Gern würden wir wieder ganz praktisch die Sicherung oder Wiederherstellung eines Platzes (ein offenes, spannendes und visionäres Projekt wäre der Zillerplatz) oder eines Denkmals befördern, so wie wir zur Sanierung des Mohrenhauspavillons dieses Jahr beitragen. Veranstaltungen wie z.B. „Radebeuler Häuser und ihre Bauherren“ warten auf ihre Fortsetzung.

Über die Jahre gerechnet haben wir rund eine Million Euro gesammelt, gespendet, beigetragen – Geld, welches direkt unserer Stadt sichtbar zufließt. Das Wenigste können wir allein, aber eine unserer entscheidenden Funktionen ist es anzustoßen, zu bündeln, zu transportieren und gemeinsam mit weiteren Interessensgruppen oder einzelnen Personen Maßnahmen umzusetzen bzw. Themen auf die kommunalpolitische Agenda zu heben. Und zwar ohne parteipolitische bzw. interessenspolitische Fixierung, sondern nur mit unserem Satzungsanspruch: Erhaltung des besonderen Charakters der Stadt Radebeul.

Wesentliches Anliegen unseres Vereins war es von Beginn an, nicht nur kritisch dem Baugeschehen gegenüberzustehen und auf Defizite aufmerksam zu machen, Lösungen von Politik und Verwaltung einzufordern, sondern selbst mit gutem Beispiel voranzugehen und sozusagen stilbildend zu wirken; durch das Hervorheben und Begründen des mehrheitlich als schön empfunden gemeinsam mit Eigentümern auf andere Bauherren auszustrahlen. Wichtig ist und bleibt aus unserer Sicht die Sensibilisierung für das Schöne, für den besonderen Charakter und damit die kulturell-ästhetische Ansprache des Bauwilligen. Wir sollten immer wieder zeigen, auf welchen (europäischen) kulturellen, architektonischen und künstlerischen Voraussetzungen unser gebautes Erbe bis hin zu seiner Zeichensprache in Schmuck und Form beruht und das dieses Erbe einen jahrtausendalten Zusammenhang widerspiegelt, der für unser Wertebewusstsein Messlatte sein sollte. Es gilt eben nicht, in vollständiger Freiheit nur Wohnraum zu schaffen, Zuzug von Steuerzahlern zu ermöglichen – sondern es gilt, mit alten und neuen Einwohnern eine Stadt abendländischer Kultur weiterzubauen, die so nur hier denkbar ist, nicht beliebig auswechselbar. In Radebeul wird zweifellos charaktervoll gebaut und sich oftmals zugleich am Anspruch „Radebeul“ versündigt; mit gesichts- weil einfallslosen Neubauten und der fortlaufenden Parzellierung bauen sich Neueigentümer das weg, weshalb sie nach Radebeul gezogen sind. Die wachsende Besorgnis, universelle Bauten in den Stadtraum hineingestellt zu bekommen anstelle von solchen, die städtische Identitäten aufnehmen und eine Auseinandersetzung mit dem spezifischen Ort erkennen lassen, führte zu vielfältigen Diskussionen.

Ein zentrales Unterfangen dabei war der seit 1997 verliehene Bauherrenpreis der Großen Kreisstadt Radebeul, den wir gemeinsam mit der Stadtverwaltung ins Leben gerufen und bis 2025 zum 20. Mal verliehen haben. Mittlerweile konnten ca. 100 Plaketten überreicht und an den Häusern befestigt werden.

Selbst gestalterisch aktiv zu werden, war von Beginn an Anliegen des Vereins. Bleibend identifiziert er sich, schon auf seinem Logo zu erkennen, durch den Treppeneinbau in den Bismarckturm. Der 1913 geplante Einbau einer Treppe scheiterte aus finanziellen Gründen. Wir wollten mit unserem Vorhaben unser Bau-Erbe pflegen und mit Eigenem bereichern – und sahen uns in dieser Idee durch den provisorischen Treppeneinbau 2007 dazu auf dem richtigen Weg. Damals kamen in nur vier Wochen über 1.000 Besucher, um einen Blick von der Turmkrone in das Elbtal zu werfen. Wenig später begann die Werbeaktion, die wir im Jahr 2019 mit ca. 300.000 Euro, ohne öffentliche Mittel!, erfolgreich abschließen konnten. Am 8. September 2019 fand die feierliche Eröffnung statt. Seitdem kann der Turm von April bis Oktober bestiegen und eine grandiose Aussicht über Dresden, Cossebaude, Radebeul, Coswig bis zum Schloss Moritzburg entschädigt für die Mühen des Aufstiegs.

Der Architekturkritiker Wolfgang Kil aus Berlin schrieb uns am 1. März anlässlich unserer 20 Jahrfeier ins Stammbuch: „Wer sich durch einfachen pfleglichen Gebrauch in seinem überkommenen baukulturellen Bestand – egal, aus welcher Epoche – heimisch fühlt, der widersteht womöglich der Versuchung, sich darüber hinaus noch mit Bildern einer nachgemachten (oder schlimmer noch: einer frei erfundenen) Historientümelei zu umgeben. Will sagen: Wo der Umgang mit der Tradition selbstverständlich ist, zum Alltag gehört, da wachsen vielleicht auch sicheres Gespür und größere Lust, auch Neues zu wagen. Nicht um das Alte blindlings zu revidieren oder zu übertrumpfen, sondern schlicht, um die Annalen dieses Ortes auch mit Eintragungen aus unserer Lebenszeit zu bereichern.“

Dieser Blick in die Geschichte weist zugleich darauf hin, dass wir, ob in Radebeul oder anderswo, immer eingebettet in die regionale Vergangenheit leben, sie kennen und auch aus ihr schöpfen sollten. Hilfsmittel dazu sind u.a. Zeitzeugen, Rituale, Jahrestage, Namensgebungen, Markenzeichen, Steine/Tafeln, Denkmale, Tagebücher, Museen, Archive, oder Preise. So war und ist es dem Verein auch ein stetes Anliegen, auf die „kleine“ Denkmallandschaft zu achten und hier zur Sanierung oder überhaupt erst wieder zur Sichtbarmachung beizutragen, so z.B.:

  • begonnen mit der im Boden eingelassenen Tafel zum Vorfrieden des Westfälischen Friedens an der Friedenskirche in Altkötzschenbroda,
  • Sanierung der historisch bedeutsamen Figurengruppe Chronos und die Trauernde,
  • Pavillon an der Spitzhaustreppe
  • Weiberstein bei Serkowitz
  • Heimkehrerstein bei Altradebeul
  • Wendeskulptur vor der Landesbühne
  • eine Beschilderung historischer Plätze und städtebaulicher Anlagen (Villenkolonie Altfriedstein)
  • Vergoldung des Schriftzuges am Weinberg „Zum Goldenen Wagen“

Aktuelles Projekt des Vereins ist die Sicherung und Restaurierung des Pavillons im Mohrenhauspark, welches insbesondere Robert Bialek kraftvoll antreibt. Das seit alten Zeiten „Mohrenhaus“ genannte Märchenschloss in Radebeul ist mit seinem Park sowie dem achteckigen Pavillon ein Kleinod in der Radebeuler Kulturlandschaft. Auf den Weg gebracht sind nunmehr die Restaurierung der gusseisernen Stützen und Tudorbögen, die Sanierung des Sockels und der Stufen, der Innen- und Außenputz, die Reparatur des Fußbodens, die befundgerechte Rekonstruktion des Gipsstucks in und unter der Kuppel. Offen ist noch die Fertigung und Montage von Ziergittern.

Nicht nur durch uns, aber eben auch durch unser Einbringen, nutzt die Stadt mittlerweile viele Instrumente des Baurechts: Bebauungspläne (vorhabenbezogene Bebauungspläne sehen wir kritisch), Denkmalschutzsatzungen, Gestaltungssatzungen, Erhaltungssatzungen, Gestaltungsfibeln usw.. Nicht zuletzt hat auch der Bauherrenpreis hierzu entscheidend mit beigetragen. Ein großer Gewinn, auf den sich am Ende eines langen Diskussionsprozesses alle Teilnehmer wie Verein, Stadtrat und Verwaltung gleichermaßen einigten, war die Entscheidung, ein Gestaltungsforum einzurichten, in dem der Verein zwei Mitglieder bzw. sachkundige Bürger stellt.

Zusammengefasst versteht sich der Verein als Podium für Fragen von Städtebau, Denkmalschutz und Stadtkultur; er bringt sich als anerkannter Träger öffentlicher Belange auch aktiv in die Stadtpolitik ein. Wir können in unserer über 30-jährigen Bilanz wohl doch darauf verweisen, Bausünden verhindert und Vieles verbessert zu haben. Insbesondere sehen wir ein wachsendes Gefühl im Baugeschehen für die Verantwortung vor Radebeul. Dem muss auch die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen im Alltag nachkommen, ein freiwilliges Zurücktreten hinter eigene Ansprüche zugunsten der Allgemeinheit. Wir brauchen, und mahnen dies an, Selbstbegrenzung und das Einhalten von allgemeinverbindlichen weil sinnvollen Regeln, mehr Sinn für das Schöne an sich als maximalen Gewinn. Dies verneint ausdrücklich nicht den grundlegenden Anspruch auf das Bauen, hergeleitet aus dem Schutz des Eigentums. Es gilt, den „besonderen Charakter Radebeuls“ gemeinsam zu erkunden und weiterzuentwickeln ohne charakterlos zu werden. Mit etwas gutem Willen und Verständnis des Ortes wird dieses Unterfangen kein Buch mit sieben Siegeln bleiben und über 30 Jahre Vereinsengagement sind nicht in den Sand geschrieben.

Wir hoffen nicht mit leisem Bedauern sagen zu müssen: „eine Ära geht zu Ende“. Wir wollen unsere Erfahrungen und unseren Enthusiasmus gern an die nächste Generation weitergeben.

Jens Baumann und Grit Heinrich

660 Jahre Zitzschewig:

Ein ganzes Dorf feiert seine Geschichte

Einem der charmantesten Ortsteile Radebeuls steht ein besonderes Festwochenende bevor. Am 29. und 30. August 2026 feiert Zitzschewig das 660-jährige Jubiläum seiner Ersterwähnung. Ein historischer Meilenstein, der nicht nur die lange Tradition des Weinbaus in unserer Region widerspiegelt, sondern auch die lebendige Gemeinschaft, die diesen Ort bis heute prägt.

»Radebeuler Begegnungen« von Serkowitz nach Zitzschewig, Begrüßung der Ankömmlinge durch Jörg Tretner, 2009, Foto: K. Baum

Der Ursprung der Feierlichkeiten liegt weit zurück im Spätmittelalter. Es ist der 12. Juni 1366, als eine Urkunde ausgestellt wird, die Zitzschewig erstmals offiziell unter dem Namen Czuzkowicz erwähnt. In diesem historischen Dokument beurkundet das Domkapitel Meißen eine fromme Stiftung: Der Domherr Konrad Pruse bestimmte jährlich vier Schillinge Meißener Groschen für das Gedächtnis und das Fest des heiligen Bischofs Benno. Das Spannende daran ist die Quelle dieses Geldes: Die Summe stammte direkt aus den Zinseinnahmen eines Weinbergs „hinter Zitzschewig“. Damit liefert die Urkunde nicht nur den Altersnachweis für das Dorf, sondern belegt Schwarz auf Weiß, dass der Weinbau hier schon vor 660 Jahren eine tragende wirtschaftliche und kulturelle Rolle spielte.

Das Jubiläumswochenende lädt dazu ein, den historischen Kern des ehemaligen Rundlingsdorfes neu zu entdecken. Das Besondere: Viele Höfe öffnen ihre Pforten und gewähren den Besuchern Einblicke hinter die Kulissen. Wo sonst Privatsphäre herrscht, zieht an diesem Wochenende Geselligkeit ein. Die Eigentümer empfangen die Gäste mit offenen Armen, schenken regionale und überregionale Weine aus und bieten kleine, feine lukullische Spezialitäten an. Es ist eine wunderbare Gelegenheit, bei Speis und Trank miteinander ins Gespräch zu kommen, die vielfältige Architektur des historischen Dorfangers zu bewundern und das einzigartige Flair von Zitzschewig zu genießen.

Das Herz des Festes schlägt auf dem Dorfanger. Gemeinsam wurde hier von den Bewohnerinnen und Bewohnern ein abwechslungsreiches Kulturprogramm auf die Beine gestellt, das Generationen verbindet. Der Startschuss fällt am Sonnabend um 12 Uhr mit einer Eröffnungszeremonie, wobei vor allem auch die Ersterwähnungsurkunde präsentiert wird. Anschließend gehört die Bühne dem Nachwuchs und den lokalen Talenten. Die „Dorfplatzkinder“ führen ein selbstinszeniertes Theaterstück auf, und der Hort Naundorf sorgt mit seiner Line-Dance-Gruppe für Schwung. Weitere Programmpunkte werden vor Ort angekündigt. Am Samstag sind u. a. ab 15 Uhr der Posaunenchor und ab 20 Uhr die „Fiatelle Blaskapelle“ mit von der Partie. Weiter geht es dann am Sonntag um 12 Uhr mit einem gemeinsamen Volksliedersingen und ab 15 Uhr versetzt die Bigband des Gymnasiums Coswig die Festbesucher in heitere Stimmung.

Wer auf der Suche nach Schnäppchen oder Kuriositäten ist, sollte die Versteigerung von Krimskrams aller Art, auf keinen Fall verpassen. Und wenn es am Sonntag abendlich wird, klingt das Fest in gemütlicher Atmosphäre und bei guten Gesprächen am Lagerfeuer aus.

Der Eintritt ist frei. Ein Spendenhut für die Künstler steht bereit. Die Zitzschewiger freuen sich auf die Begegnung mit Gästen aus den anderen Radebeuler Ursprungsgemeinden sowie der näheren und weiteren Umgebung. Die Anreise empfiehlt sich mit S-Bahn, Straßenbahn, Fahrrad oder zu Fuß.

Jörg Tretner

Radebeuler Begegnungen 2010 Radebeuler Begegnungen 2009

Ein Lebenswerk in der Nussschale

Skulpturen, Porzellanobjekte, Zeichnungen und mehr von Wolf-Eike Kuntsche in der Hoflößnitz

Foto: S.Graedtke

Anlässlich seines 85. Geburtstages am 4. Juli zeigt das Weinbaumuseum Hoflößnitz noch bis Mitte August eine Retrospektive mit Arbeiten des Radebeuler Bildhauers und Medailleurs Wolf-Eike Kuntsche. In ihren Worten zur Ausstellungseröffnung am 28. Juni, dem wohl heißesten Tag des Jahres, lud Dr. Ingrid Koch die Anwesenden zu einem sachkundig moderierten virtuellen Spaziergang ein, zunächst durch Dresden. Von Kuntsches Großplastik „Völkerfreundschaft“ (1986) auf der Prager Straße führte der Weg dabei über seine anspielungsreichen Denkmäler für Caspar David Friedrich auf der Brühlschen Terrasse (1988/1990) und für die Familie Körner und ihren Kreis (1985/1987) auf der Neustädter Seite am Bellevue bis hin zu seinem ebenfalls stilllebenhaften Erich-Kästner-Denkmal am Albertplatz. Durch die geschickte Auswahl und Komposition der Versatzstücke, aus denen diese Personendenkmäler zusammengefügt sind, entstehe ein schärferes Bild der jeweils geehrten Persönlichkeit, als es ein konventionelles Porträtbildnis wohl ergeben hätte.

Foto: F.Andert

In Radebeul wurden sodann Kuntsches 1987 im Außenraum des Gymnasiums Luisenstifts an der Zillerstraße aufgestellte stählerne Weintraube und sein Beitrag zum Skulpturenwald an den Landesbühnen („Quintett“, 2009) im Geiste besichtigt. Resümierend stellte Frau Koch fest, dass all diese Plastiken „völlig zeitunabhängig, zeitübergreifend, ja zeitlos“ seien. Und dieses Freisein von vordergründiger Zeitbezogenheit erstrecke sich auf Kuntsches gesamtes Schaffen, das in den letzten Jahrzehnten überwiegend von Plaketten, Medaillen und Kleinplastiken bestimmt war, „oft eine Art Monument im Kleinen“.

„Sehr inspirierend und zugleich erfolgreich verliefen für ihn seit 1980 die Teilnahmen an Symposien und Wettbewerben in Ungarn und Bulgarien. Mehrfach war er Preisträger des Internationalen Symposiums für Medaillenkunst und Kleinplastik in Ungarn (Nyregynaza). 1987 erhielt er in Grabovo (Bulgarien) den Grand Prix für Plastik der VIII. Internationalen Biennale des Humors und Satire. 1988 war er Sieger des 1. Nationalen Medaillenwettbewerbs in der DDR zum Thema Natur und Umwelt und 1989 – da wendeten sich schon die Zeiten – Gewinner des Bürgerpreises der IV. Triennale Kleinplastik in Fellbach.“ Modelle einiger der preisgekrönten Arbeiten sind in der Ausstellung zu sehen. Auch der Wolf-Eike Kuntsche 2004 verliehene Kunstpreis der Großen Kreisstadt Radebeul blieb nicht unerwähnt.

Foto: F.Andert

Seine oft verschmitzt doppelbödigen Plastiken handelten allesamt „vom Menschen, den Bedingungen seiner Existenz, den Künstler eingeschlossen. Und gerade auch in den kleinformatigen Arbeiten wird dies deutlich – etwa den hier ausgestellten Masken, von denen eine unmittelbar 1986 entstand, im Jahr der Katastrophe in Tschernobyl.“

Es sei, schloss Frau Dr. Koch ihre Würdigung, „wirklich erstaunlich, wie hier, in diesen recht kleinen Räumen, letztlich ein ganzes Lebenswerk sichtbar gemacht werden kann – natürlich auch dank der Fotografie. Zu diesem Lebenswerk gehören nicht zuletzt die Ergebnisse eines 2002 veranstalteten Symposiums in der dazumal noch bestehenden Dresdner Porzellanmanufaktur mit Sitz in Freital. Man kann eine Porzellanwurst bewundern und Handwerkszeug aus Porzellan. Vor allem aber fallen die papierfeinen Objekte ins Auge, die wirklich ihresgleichen suchen.“

Frank Andert
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Die Ausstellung ist noch bis 16. August täglich außer montags im Bergverwalterhaus der Hoflößnitz in Radebeul, Knohllweg 37, zu besichtigen. Der Eintritt ist frei.

s.a.: Zwischen Miniatur und Monument

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

seit einigen Jahren ist es Tradition geworden, dass wir von Vorschau & Rückblick im Rahmen unserer Jahresveranstaltung gemeinsam mit Ihnen ein besonderes kulturelles Ereignis erleben. So fanden unter anderem heitere Lesungen mit den Dichtern Thomas Rosenlöcher und Michael Wüstefeld statt. Zudem durften wir den Liedermacher Stephan Krawczyk zu einem wunderbaren Konzert in Radebeul begrüßen.

Der Monat August steht nun wieder ganz im Zeichen unserer eigenen Sache!

Es ist uns eine große Freude, Thomas Bille & Julia Siebenschuh am 14. August zu einer ganz besonderen Lesung im Weingut Karl Friedrich Aust willkommen heißen zu dürfen.

Julia Siebenschuh gehört seit vielen Jahren zum festen Schauspielensemble des Harztheaters Quedlinburg/Halberstadt. Neben ihrem facettenreichen Bühnenrepertoire, hat sie sich auch mit eigenen Lesungen und musikalischen Programmen einen Namen gemacht.

Thomas Bille prägt seit den Nachwendejahren als Moderator mit seiner Stimme und Persönlichkeit maßgeblich das Profil von MDR Kultur. Darüber hinaus ist er einem breiten Publikum durch die Kultursendung „artour“ im MDR-Fernsehen sowie als Gastgeber der „Leipziger Gespräche“ bekannt.

Gemeinsam widmen sich beide in einer dialogischen Lesung der Lyrikerin Mascha Kaléko (1907–1975) und dem Dichter Rainer Maria Rilke (1875–1926) – zwei Persönlichkeiten, die sich vermutlich nie begegnet sind und doch viel miteinander zu besprechen hätten.

Wir sind gespannt, freuen uns auf Ihr Kommen und ein Beisammensein im Anschluss der Lesung.

Sascha Graedtke

Zur Titelbildserie

Aus meinen grafischen Tagebüchern
Die schwarz-weiße Grafik zeigt eine abstrakte, collageartige Szene mit einer angedeuteten Frau im linken Bildbereich. Ihr Gesicht ist nur teilweise erkennbar, sie trägt eine große Sonnenbrille, die ihr einen geheimnisvollen und modernen Ausdruck verleihen soll. Mit etwas Phantasie könnte man links unterhalb des angedeuteten Gesichts der Frau das Auftauchen eines Wales vermuten.
Für mich lebt das Bild vom Zusammenspiel aus Abstraktion und Emotion. Die Figur bleibt anonym und geheimnisvoll, während die Umgebung fast wie ein Spiegel innerer Zustände wirkt – unruhig, vielschichtig und gleichzeitig voller stiller Momente.
Die starken Kontraste, rauen Strukturen und gebrochenen Linien deuten Spuren von Vergänglichkeit an. Die unterschiedlichen Muster und Schichten, strukturierte Flächen, Linienmuster und graue Farbverläufe erinnern an verwitterte Mauern, Papiercollagen oder urbane Graffiti und dann noch, ziemlich unrealistisch, auf die weite Welt der Meere durch den angedeuteten Wal.
Mit den schwarzen Linien die die einzelnen Formen voneinander trennen wollte ich und dem Bild Dynamik und Tiefe verleihen.

Matthias Kratschmer

Mit Felix Meyer poetisch durch das Jahr

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