Glosse

„Ein Quentchen Gunst …“*

Traditionen, Gewohnheiten und Lebensweisen sind meist langlebiger als man mithin glaubt – auch in unserer Zeit, trotz ständig wechselnder Moden im weitesten Sinne. Am ehesten kann man das an den Sprichwörtern erkennen, deren Wurzeln häufig im Beginn der Neuzeit liegen, also sechs Jahrhunderte zurück! So zum Beispiel ist „Der Mensch denkt und Gott lenkt“ heutzutage immer noch vielen geläufig, obwohl sich hier im Osten bereits mehr als die Hälfte der Bevölkerung keiner Religion mehr zugehörig fühlt.

Auch mit dem Begriff „Gutsherrenart“ kann jeder noch etwas anfangen. Selbst mir ist schon so mancher in selbstherrlicher, arroganter und autoritärer Weise über den Mund gefahren, als wäre ich sein Mündel oder Untergebener. Früher habe ich mich darüber maßlos erregt. Heute denke ich bei mir, dass diese Person einfach nur keine gute „Kinderstube“ hatte. Man muss ja nicht mit jedem verkehren.

So rein privat bekommt man mit den Mitmenschen schon einigermaßen zurecht. Da trennt sich die „Spreu von Weizen“ schnell. Wer mir „dumm kommt“, den lass ich einfach „links“ liegen. In der Regel kann man sich das ja aussuchen.

Aber ganz so einfach läuft das im Leben eben nicht. Viele Problematiken ergeben sich, weil man als Privatperson, Bürger, Arbeitnehmer oder Arbeitgeber gezwungen ist, in „Beziehungen“ zu anderen Personen, zu Behörden und Einrichtungen zu treten, die man in Normalfall lieber gemieden hätte.

Dieses Problem treibt die Menschheit seit Jahrtausenden um: Wie verhalten wir uns zueinander?

Für die Lösung brenzliger Situationen hatte das Volk immer auch einen Spruch parat: „Wem Gott ein Weib gibt, dem gibt er auch Geduld.“ Leider gibt er eben nicht allen eine Frau oder einen Partner, denn mit der Geduld ist es heutzutage nicht mehr weit her. Immer noch benehmen sich viele Menschen wie die „Axt im Walde“. Und schon der Volksmund des 16. Jahrhunderts wusste: „Wer den Spieß kauft, bekommt den Krieg als Zugabe.“ Und folglich hatten die Truppen des ernestinischen Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen im Schmalkaldischen Krieg das kleine Örtchen Kötzschenbroda 1547 geplündert. Dazu hatte auch der Dichter des Barocks Friedrich von Logau (1601–1655) eine eindeutige Meinung: „Ein Fried ist schändlich arg, der neues Kriegen bringt.“ (sic!). Den Spruch mit dem Spieß aber kennt heute keiner mehr und besonders die oberste Heeresführung nicht.

Seit alters her hat man Regelwerke ersonnen, um das Zusammenleben zu erleichtern oder auch die Macht der Herrschenden zu festigen. Im „Lex Saxonum“ von Karl dem Großen beispielsweise, wurde im Frühmittelalter das germanische Stammesrecht geregelt. Es stellte gewissermaßen einen Kompromiss zwischen dem fränkischen Reichsrecht und dem sächsischen Stammesrecht dar, weil Karl etwas gutzumachen hatte. Er hatte die Sachsen allzu sehr gepresst.

Die Bedeutung und Notwendigkeit eines solchen Kompromisses für die Regelung des Zusammenlebens hatten die Herrscher also schon frühzeitig erkannt. Soweit aber muss man in der Geschichte nicht zurückgehen. Man denke nur an den Friedensprozess von Helsinki, in dessen Ergebnis die KSZE-Schlussakte 1975 von 35 Staaten unterzeichnet wurde.

Was damals in der großen Weltpolitik funktioniert hatte, sollte auch im Alltag und der Kommunalpolitk seine Berechtigung haben. Da aber sieht es gegenwärtig keinesfalls besser aus wie in der aktuellen Weltlage. Denn, denen da Oben und denen da Untern, den kleinen und großen „Königen“ und „Gutsbesitzern“, müssen die Kompromisse regelrecht abgerungen werden, legen sie doch häufig die Gesetze zu ihren eigenen Gunsten oder die des Staates und der Gemeinden aus und denken dabei weniger an die Allgemeinheit. Denn, „Ein Quentchen Gunst gilt [auch heute noch] mehr als ein Scheffel Recht.“ (*sic!), meint

Euer Motzi

Korrespondenz aus einer Nachbargemeinde

Wir steigen aus der S1 bei Canaletto aus und meinen natürlich den „Falschen“, also Bernardo Bellotto, (*1721/22 Venedig, +1780 Warschau). Die Stadtansichten von Pirna hängen im Original in Dresden, Alte Meister, 2. Stock. In der Pirnaer Bahnhofshalle kann man sie reproduziert an den Wänden betrachten und die Motive gleich in der Stadt – kleiner Fußmarsch von 15 Minuten, oder Buslinien G und L – in natura bewundern. Es sieht aus wie vor 300 Jahren, als der Maler hier seinen Pinsel schwang. Genial. Stadtführungen kann man buchen, ich mag einige Punkte benennen. Es lohnt sich, am Marktschiffbrunnen von Jan Witte-Kropius, aufgestellt 2016, zu verweilen und das Figurenensemble zu studieren. Mich amüsiert immer der in Pirna geborene Ablasshändler Johann Tetzel (1460 – 1519). „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.“ Eben sind mal 500 Jahre Fegefeuer erlassen und der Petersdom in Rom wieder um ein paar Steine gewachsen. Heute nennt man das wohl Crowdfunding.

Für das Tom-Pauls-Theater muss ich keine Reklame machen, es ist schwierig, überhaupt Karten zu kriegen. Aber allein die Wiederherstellung des vermutlich ältesten Baumeisterhauses Deutschlands, sehr zeitiges 16. Jh., nötigt Respekt ab. Sollten Sie in Ilses Kaffeestube nach einigen Schelchen Heeßen mal müssen müssen – Achtung, es geht treppab. Und bevor sie die eigentlichen Örtlichkeiten erreicht haben, fallen Sie aus der Renaissance zurück ins Mittelalter. Der ausgegrabene Brunnen stammt offensichtlich von einem Vorgängerbau. Die Klos sind dann wieder Hightech. Tafeln wie „Hier weilte Goethe, Napoleon, Schiller…“ – wer kennt die nicht. An der Südseite des Marktplatzes wird aber eines Mannes gedacht, mit dem ich noch zusammengearbeitet habe: Karl-Heinz Hanicke, Kapellmeister (1921 – 2013), geehrt von seiner Stadt. Hunger und vor allem Durst melden sich. Oh Schreck, beim Blick ins Portemonnaie wird schnell klar, dass es nur noch für die urige Kneipe „Zur armen Sau“ reicht, Barbiergasse 9.

Tobias Märksch

P.S.: Planen Sie schon einmal einen Besuch auf dem Canaletto-Weihnachtsmarkt nach Einbruch der Dunkelheit ein. Die Häuser sind dann farbig illuminiert, die Atmosphäre bilderbuchhaft.

Um die Weinbergstraße 46

Wenn ich mich heute einem Wohnhaus aus den 30er Jahren des 20. Jh. zuwende, hat das vor allem mit der guten Lage, mit dem landschaftlichen Einfügen des Hauses an einem Südhang der Lößnitz zu tun. Ein Makler würde sagen, den Wert eines Hauses macht die Lage aus, dann kommt die Lage und die Lage. Zweifellos gibt es auch vom Haus, einem großen Einfamilienhaus von 1934, ein paar Worte zu sagen, aber da kann ich mich hier kürzer fassen. Keinesfalls möchte ich mich in Naziarchitektur vertiefen, denn dieses Haus, obwohl 1934 gebaut, entspricht kaum diesem Begriff, es hätte in der Form auch in den späten 20er Jahren so gebaut worden sein können. Zu dem Thema müsste man Beispiele in Nürnberg oder Berlin suchen, nicht in Radebeul. Der Haustyp – rechteckiger Grundriss, zweigeschossig mit Walmdach – leitet sich eher von den Winzerhäusern (z.B. „Haus Lorenz“, Weinbergstr. 28) ab und könnte dem Heimatstil zugerechnet werden und passt, wie auch Retzschgasse 7, Weinbergstr. 16a, 46 u. 51 (alle aus den 30er Jahren) somit sehr gut in das Gesamtbild der Weinbergstraße. In die Hausgeschichte spielen viele Namen rein, man muss beim Lesen schon etwas aufpassen.

Bild mit Weinberg und Hang
Foto: D. Lohse

1934 wurde vom sehr großen Grundstück des „Haus in der Sonne“ (Weinbergstr. 44) der untere Teil abgetrennt und von den Lehrerinnen Herta und Helene von Loeben als späterer Altersruhesitz erworben. Sie waren Schwestern und die Schwägerinnen des Dresdner Fabrikanten Ottomar Heinsius von Mayenburg, dessen Firma, die Leowerke auf der Königsbrücker Straße, früher die Chlorodont-Zahnpasta hergestellt hatte. Die beiden Damen wohnten da noch bis in die 50er oder 60er Jahre. Der Verkauf des Grundstücks kam dem Besitzer des Hauses in der Sonne, Architekt Martin Hammitzsch, damals gerade recht, weil in der Zeit sein Büro nicht so gut lief, da die Nazis ihm immer noch übel nahmen, dass er 1912 das orientalisch anmutende Gebäude des Tabakkontors „Yenidze“ in Dresden entworfen hatte – diese warfen ihm, obwohl selbst in der NSDAP, damit undeutsche Architektur vor. Mit dem Entwerfer der Weinbergstr. 46 war ich mir lange Zeit fast sicher, es kann nur der bekannte Architekt Prof. Georg Heinsius von Mayenburg (er plante ua. den barocken Rückumbau von Schloss „Wackerbarths Ruhe“ in Radebeul), der Bruder des o.g. Dresdner Fabrikanten gewesen sein, weil das ja in der Familie nahe lag. Stilistisch aber gab es doch leise Zweifel, denn mit Neobarock hat das betrachtete Haus nichts zu tun. Inzwischen weiß ich, dass der Professor von 1870 bis 1930 gelebt hat und somit kaum als Entwerfer dieses Wohnhauses für seine Verwandtschaft in Frage kommt. Auch die Bauakte ist nicht hilfreich, mehrfach unterschreibt 1934 ein Bauleiter die Briefe mit Originalbriefkopf G. H. von Mayenburg. Die Zuschreibung bleibt also offen. Am Ende des Textes füge ich eine Theorie zur Frage des möglichen Architekten des Wohnhauses an.

Bauzeichnung
Foto: Stadtarchiv Radebeul

Wenden wir uns nun dem Wohnhaus, man könnte auch von Villa sprechen, der beiden ehemaligen Lehrerinnen zu. Das Haus ist von der Straße weit abgerückt – eine einheitliche Bebauungslinie existiert in dieser Straße nicht. Es ist solide mit bewährten Baumaterialien gebaut, die Zeit der zwanziger Jahre als man neue, billigere Materialien suchte, war überwunden. Über einem Natursteinsockel (Meißner Granit) wurde ein zweigeschossiger Rechteckkubus mit Ziegeln aufgemauert und verputzt, darüber ein hohes, mit roten Biberschwanzziegeln gedecktes Walmdach. Dazu kamen verschiedene Anbauten: auf der Südseite eine große Terrasse mit Veranda und noch einer Terrasse im OG über der Veranda, ein Balkon auf der Ostseite sowie einem Eingangsvorbau im Norden und dem nordwestlichen Anbau, der Gärtnerwohnung. Das Dach hatte kleinere Satteldachgaupen und auf den Giebelseiten Gaupen in der Art von Ochsenaugen. Ich bedaure, dass die hölzernen Fensterklappläden, durchaus ein Bestandteil des Entwurfs, nach mehreren Sanierungsphasen nun fehlen. Die Südansicht in der Bauakte zeigt im OG eine Sonnenuhr (aufgemalt oder als Sgrafitto geplant), schade, dass sie nicht zur Ausführung kam. Wir sehen bis etwa 2000 ein Gebäude vor unseren Augen, solide gebaut, ausgewogen in den Proportionen und Putzflächen in rötlichem Ocker. Über viele Jahre war an der Südseite der Villa im Frühjahr die Glyzinie (Blauregen) ein besonderer Hingucker. Sie war vor der großen Terrasse gepflanzt worden und wuchs bis in die 1. Etage hinauf. Diese kräftige Pflanze, die bei der letzten Sanierung abgenommen werden musste, hatte über die Jahre sogar die Stahlgeländer verbogen und zerstört. Das Haus ist in Privatbesitz und ist als Kulturdenkmal eingestuft worden, aber kann heute wohl nicht mehr als Einfamilienhaus gelten. Es sind über die Jahre mehrere Garagen aber auch ein Schwimmbad gebaut worden – das Grundstück empfindet man aber immer noch als recht groß und kann die hinzugekommenen baulichen Wünsche verkraften. Beim Versuch, ein aktuelles Foto zu „schießen“, hatte ich Schwierigkeiten weil das Grundstück über der Stützmauer an der Straße durch dichte Anpflanzungen nicht mehr einsehbar ist. Das hängt sicherlich mit dem Schwimmbad dahinter zusammen und dass die Badenden von der Straße nicht gesehen werden möchten. Als Denkmalpfleger möchte man aber wenigsten in Teilen sehen, was das Denkmal ausmacht. Da gibt es aber noch ein paar andere, ähnliche Beispiele in Radebeul, wo diesbezüglich Wünsche der Erkennbarkeit des Denkmals leider offen bleiben.

Schrägansicht
Foto: D. Lohse

Es wurmt einen Häusererklärer wie mich schon, wenn er so eine zentrale Frage, wer hat`s geplant, wer hat`s gemacht, nicht schlüssig mit einem Namen beantworten kann. Natürlich habe ich auch in der Denkmaltopografie von Radebeul nachgeschlagen, aber Dr. Volker Helas ist sich auch nicht ganz sicher. Er tippt auf Dr. Alfred Tischer – er war ein Radebeuler Architekt und hat auf der Weinbergstraße 16a 1936 für den Lehrer Rudolf Wirth ein kleineres Haus geplant. Helas sieht aber beim Vergleich der Häuser Eduard-Bilz-Str. 54, da ist Tischers Entwurf belegt, und Weinbergstr. 46 so viel Ähnlichkeit, dass er auch die Weinbergstr. 46 Tischer zuschreibt. Aber auch Helas, den ich ansonsten als Kunsthistoriker sehr geschätzt habe, könnte sich mal geirrt haben … . Deshalb möchte ich der Aussage von Helas eine andere Theorie entgegen stellen.

Im Dresdner Elbhangkurier von 2022 fand ich den Aufsatz von Eberhard Münzner über Arch. Maximilian Heinsius von Mayenburg (1910-1945), den Sohn vom og. Georg H. v. Mayenburg. Er studierte an der TH Dresden von 1929 bis 1935 Architektur und könnte zwar 1934 den Entwurf für das Haus in Radebeul gemacht haben, hätte ihn aber als Noch-Student nicht bei der Bauverwaltung einreichen dürfen, weshalb in der Bauakte nur der Name des Bauleiters auftaucht. Stilistisch liegen das von ihm entworfene Wohnhaus Weinleite 6 (um 1940) in Dresden und die Weinbergstraße 46 in Radebeul auf einer Linie. Das Dresdner Entwurfsbüro von Maximilian H. von Mayenburg bestand nur von 1936 bis 1940, weil er 1940 eingezogen wurde und am Ende des Krieges gefallen ist. Ob sich eine der beiden Theorien durch Dritte noch bestätigen lässt, steht in den Sternen.

Ich bedanke mich bei der Radebeulerin Theresia Blaschke, die eine Zeit lang als Mieterin mit ihrem Mann in dem Hause gewohnt hat und mir eine Anregung zu dem Aufsatz gab, dem Loschwitzer Denkmalschützer Eberhard Münzner für Auskünfte zur Familie Heinsius von Mayenburg sowie bei Dr. Maximilian Claudius Noack, Meißen, zu anderen Arbeiten des G. H. v. Mayenburg. Leider gelang es mir nicht durch Klingeln am Tor den Kontakt zur Eigentümerfamilie Sammeck herzustellen – kann auch damit zusammen gehangen haben, dass meine Recherche in die Urlaubszeit fiel. Vielleicht hätte ich da noch ein weiteres Mosaiksteinchen zur Baugeschichte des Hauses erfahren können.

Jeder Betrachter „unseres“ Hauses Weinbergstraße 46 würde es ohne Weiteres akzeptieren, wenn der Name „Haus in der Sonne“ sich auf diese Adresse beziehen würde und nicht auf die Weinbergstraße 44, die diesen Namen wirklich trägt!

Dietrich Lohse
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Quellen: Denkmaltopografie Radebeul, Dr. Helas ua., Sax-Verlag, 2007, S. 302
Elbhangkurier, Dresden, Okt. 2022, S. 16-18

Kunst unter freiem Himmel – Frei Licht Kunst an der Elbe

Kunst muss nicht immer im Museum oder in einer Galerie stattfinden. Manchmal braucht sie nur einen Baum, eine Wiese, einen alten Zaun – und Menschen, die stehen bleiben und schauen. Idealerweise kommt noch ein bisschen Sonne dazu; Gegen Regen helfen beim Plein Air allerdings weder Staffelei noch gute Laune dauerhaft.

Aus dieser Idee entstand unser „Frei Licht Kunst Sommer. Im Mai dieses Jahres trafen sich Künstlerinnen und Künstler zum Plein Air an der Elbe. Es wurde gezeichnet, gemalt, beobachtet, gesprochen und gemeinsam gearbeitet. Die Landschaft rund um die Elbe war dabei nicht nur Kulisse, sondern Ausgangspunkt für ganz unterschiedliche künstlerische Sichtweisen.

Mit dabei waren Franziska Kunath, Hans Wutzler, Susen Witwer, Sebastian Hennig, Julius Clausnitzer, Elisabeth Richter und Anita Rempe. Auch Musik und Literatur gehörten zum gemeinsamen Kunsterlebnis – mit Carola Gilbert, Michael Gilbert, Amir Nikou und Jens Mittelstenscheid.

Gerade diese Mischung und die unterschiedlichen künstlerischen Handschriften machen das Projekt aus. Beim Frei Licht Kunst Sommer geht es nicht nur darum, fertige Kunst zu zeigen. Uns ist vor allem die Begegnung wichtig: Künstlerinnen und Künstler lernen sich kennen, arbeiten nebeneinander und kommen miteinander sowie mit den Menschen vor Ort ins Gespräch. Kunst entsteht nicht abgeschottet, sondern mitten im Leben – manchmal sogar mit Elbblick und Fahrradverkehr.

Aus dem Plein Air entwickelt sich nun die Ausstellung „Kunst im Fluss der Elbe“, die am 13. September im Saal des Pfarrhofes in Constappel eröffnet wurde. Dort kommen Arbeiten der beteiligten Künstlerinnen und Künstler zusammen und zeigen unterschiedliche Blicke auf Landschaft und Natur, auf Veränderung und auf das Leben an und mit der Elbe.

Anita Rempe
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Auch das Atelier zum Plein Air am Elberadweg in Gauernitz, Fischerdorf 4, ist für Besucherinnen und Besucher bis 1. November geöffnet. In der Regel ist das Atelier von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Ein Besuch kann außerdem nach Absprache unter 0162 2995233 vereinbart werden.

Exzellente Programmänderung auf Hoflößnitz

Das Konzert vier im 5. Musikfestival Radebeul brachte Überraschungen – aber gute.

Foto: Kathleen Nakoinz

Sicher waren einige Konzertgäste wegen der angekündigten Goldberg-Variationen gekommen, der Komposition von Johann Sebastian Bach, die mit jeder neuen Interpretation noch neugieriger macht auf die nächste. Also war das Radebeuler Konzertpublikum entsprechend gespannt auf das Spiel von Knut Johannessen. Aus gesundheitlich schwerwiegenden Gründen musste der Pianist aus Norwegen diesen Programmpunkt absagen. Dennoch und trotz Schmerzen war er dabei, auch, um am Cembalo die Begleitung der Violinen- bzw. Celloparts zu sichern. Große Disziplin, souveränes Spiel, wie sich zeigen sollte.

Ganze zwei Minuten charmanter Vorrede brauchte Albrecht Menzel, um das Malheur in ein phantastisches neues Programm zu verwandeln, und die Enttäuschung war verflogen. Auch die Cellospielerin war außerplanmäßig auf die Hoflößnitz gekommen. Wundervoll, denn das konnte man ebenso nicht spüren.

So zogen Annabel Hauk, Albrecht Menzel und Knut Johannessen vom ersten Takt einer Vivaldi-Sonate in a-Moll die Gäste in ihren Bann. Die Stimmung im oberen Saal des Besucherzentrums ist ohnehin sehr angenehm. Doch an diesem Abend schien die Anzahl der Zuhörenden mit dem Freiraum, der die Musik fliegen lässt, in bestem Verhältnis. Jedes Instrument kam einzeln zur Wirkung, das Zusammenspiel war sehr harmonisch und ließ die Freude des Schaffens der drei Musizierenden mitklingen.

Der Vielgeliebte Vivaldi, ein vielleicht nicht so sehr bekannte Francesco Geminiani, und natürlich Johann Sebastian Bach bildeten die „sichere Bank“ des Programms und wurden nach genussvoller Stille mit sehr herzlichem Beifall beantwortet. Natürlich warteten dennoch alle auf das Diabolische aus dem Konzerttitel. Wenn es erwartbare Überraschungen gäbe – mit seinem schon oft erlebt virtuosen Spiel von Albrecht Menzel hätte er dem Publikum eine solche beschert. Die Teufelstriller-Sonate ist vielleicht nicht so oft zu hören. Dass man sie hier in Radebeul unspektakulär, aber künstlerisch begeisternd erleben kann, ganz einfach, indem man nicht einmal weit zu reisen hat, sondern das nahegelegene Sofa mit dem Konzertstuhl tauscht, ist die blanke Verwöhnung eines dankbaren Zuhörerkreises.

Dann heißt ein langer, langer Schlussapplaus auch nicht nur: Die Musik ist wunderschön, Sie haben sie ausgezeichnet dargebracht, sondern auch Dank dafür, dass das nicht nur auf den Bühnen der Welt, sondern hier in Radebeul möglich ist.

Christine Ruby
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Tröstlicher Ausblick für nicht Dabeigewesene: Die Winteredition 26 ist aufgelegt! Nächste Konzerte in der Aula des Lößnitzgymnasiums am 28.11.26 mit Joseph Moog und den berühmten Beethoven-Sonaten, am 12.12.26 auf dem Historischen Güterboden. Mehr dazu auf www.musikfestivalradebeul.de

Schützt unseren kostbaren DENKMALSCHUTZ !

Wer erinnert sich noch des desaströsen Umgangs mit Denkmalen im Unrechtsstaat DDR? Die Kirchen galten als die verbliebenen Denkmalpfleger. Für viele Denkmale kam die Friedliche Revolution zu spät.

In der Verfassung unseres dann wiedergeborenen Freistaates beschreiben die Artikel 11/3 und 112 die Verantwortung des Landes für unsere Denkmale. Und diese Landesverfassung wurde e i n-stimmig vom Sächsischen Landtag beschlossen. Wo gibt es solche Einmütigkeit heute?

Umso irritierender ist, dass unsere CDU-geführte Staatsregierung die Novellierung des hochbewährten Denkmalschutzgesetzes anstrebt. Dabei geht es insbesondere um die Zusammenlegung der nachweislich verdienstvoll tätigen Landesämter für Denkmalpflege und für Archäologie und deren Einordnung in die Landesdirektion Sachsen. Das ist gleichbedeutend mit Demontage der dem Kulturdenkmal dienenden Kompetenzen. Als Beweggründe dafür sind neoliberale Haltungen und vorgeblicher Bürokratieabbau erkennbar.

Dagegen sind in fassungsloser Sorge folgende Gravamina zu nennen:

1. Würdigung der Entwicklung des Denkmalschutzes in Sachsen

Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts engagierten sich Bürgerinitiativen für den Erhalt der „vaterländischen Altertümer“. 1872 untersagte das Sächsische Landeskonsistorium die Veräußerung von kirchgemeindlichem Kunst- und Kulturgut. Und Ende des 19. Jahrhunderts gingen vom Denkmalpflege-„Geburtsort“ Dresden durch Steche und Gurlitt entscheidende Impulse zum heute weltumspannenden Denkmal-Bewusstseins aus.

Ebenfalls in Dresden fand im Jahr 1900 der erste Deutsche Denkmaltag statt. Seitdem genießt die Sächsische Denkmalpflege national wie international größtes Ansehen und wache Aufmerksamkeit.

Damit hat das 1917 gegründete Landesamt für Denkmalpflege Sachsens eine mehr als einhundertjährige Erfolgsgeschichte. Es hat zwei totalitäre Regime überdauert. Besonders in den kulturfeindlichen DDR-Jahrzehnten hat sich das Landesamt große Verdienste erworben, ohne die Dresden nicht mehr das Dresden und Sachsen nicht mehr das Sachsen wären. In diesem Zusammenhang sei des in Radebeul beheimatet gewesenen Landeskonservators Professor Magirius dankbar gedacht. Und – die von den DDR-Machthabern kaputt regierte Denkmal- und Kulturlandschaft war eine Mitursache dafür, dass jener Frühling im Herbst `89 die Welt veränderte.

Spätestens seit dem Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichtes im Jahr 1999 ist „Denkmalpflege eine Gemeinwohlaufgabe von hohem Rang“. Darin schwingen Achtung gegenüber den kulturellen Leistungen der vor uns Lebenden ebenso mit wie die Bekräftigung des zeitlos gültigen Wissens, wonach die Vergangenheit wichtigster Baustoff für die Zukunft ist.

In diesem Bewusstsein wurde seit 1990 an unseren Kulturdenkmalen mit fast 4 Milliarden Euro beispielhaft Beispielhaftes geleistet, wiewohl Denkmalerhalt immer ein Finanzierungsproblem war und bleiben wird.

2. Bedeutung unserer sächsischen Denkmallandschaft

Kulturdenkmale sind zeichenhafte Orte. Sie repräsentieren kulturelles Gedächtnis und ideellen Reichtum. Sie sind keine Luxusartikel, sondern Lebens-mittel des Gemeinwesens, damit Vermächtnis und treuhänderische Verpflichtung gleichermaßen. Und sie kurbeln Handwerk und Tourismus an und nicht zuletzt das nationale und internationale Ansehen unseres Freistaates. Deshalb wird die Fülle der uns von den Müttern und Vätern überkommenen und von unseren Enkeln „geliehenen“ Kostbarkeiten ganz überwiegend verantwortungsbewusst, hoch motiviert und hoch engagiert „gehütet“.

Diesen Schatz auch künftig ungeschmälert zu bewahren setzt voraus, dass sich Staat und Bürgergesellschaft als Erbe- und Verantwortungsgemeinschaft erkennen und anerkennen und bürgerschaftliches Engagement noch intensiver propagiert wird als bisher. Im kirchlichen Bereich wurden diesbezüglich ermutigende Erfahrungen mit der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland (KiBa) gesammelt.

3. Vorhaben der Staatsregierung

Am Schatz unserer Denkmale gemessen sind die aktuell vom Freistaat angestrebten Lobby-orientierten Veränderungen der denkmalrechtlichen Kompetenzen besorgniserregend. Veränderungen der Zuständigkeit und Unabhängigkeit beider Landesämter und damit die Zerschlagung jahrzehntelang hoch bewährter Strukturen werden nicht korrigierbaren Schaden für alle nachfolgenden Generationen bewirken.

Die dafür unakzeptablen Rechtfertigungs-Versuche des dürftigen politischen Zeitgeistes sind auf Wirtschaft und Ökonomie ausgerichtet. Ausgerechnet der reichsten aller bisherigen Gesellschaften scheint es vorbehalten zu sein, dass die vier Buchstaben, die sich zu der Formel Geld ordnen lassen, auch im Denkmalbereich einen geradezu pervertierten Stellenwert erlangen. Toll!

Außerdem werden die bürokratischen Hindernisse bei Infrastrukturmaßnahmen, kürzere Entscheidungswege oder gar Konflikte mit Bauherren beim Umgang mit einem Denkmal als Begründung für das erkennbar nachhaltig negative Vorhaben der Staatsregierung ins Feld geführt.

Wer so gravierend zu ändern gedenkt ist nicht erklärungs-, sondern beweispflichtig, gemessen am geschichtsträchtigen und schutzbedürftigen Monument unserer Denkmallandschaft.

Obendrein: Was ist ökologischer, ressourcenschonender und klimaneutraler als im Bestand zu bauen? Aus existentiellen Gründen muss das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der Reparaturen werden. Und unser kostbares Grundgesetz intendiert: Eigentum verpflichtet (GG 14/2)…

Deshalb sieht sich die breit gefächerte, urteilsfähige Fachwelt und die interessierte Öffentlichkeit als unbestechlicher Pflichtverteidiger. Hoffentlich ohne Kulturkampf. Dieser wäre verheerend; denn wir sind umringt von noch deutlich gewichtigeren Herausforderungen. Ungeachtet dessen ist längst Unmut und Widerstand bewirkt.

Wenn die Gesetzesnovelle mit Argumenten wie „Sachzwang“ oder „Alternativlosigkeit“ verteidigt werden sollte wird das als subtile Erpressung empfunden. Deshalb kämpfen so viele aus zutiefst konservativer Überzeugung gegen den Geist dieses irrlichternden Umstrukturierungs- und Novellierungs-Vorhabens; denn Kulturdenkmale sind nicht zuerst Immobilien, sondern eine geistige Kategorie.

4. Schlussfolgernde Empfehlungen an die Staatsregierung

Der fruchtbare strukturelle Istzustand, also die fachliche Unabhängigkeit des Landesamtes für Denkmalpflege und des Landesamtes für Archäologie mit direkter Zuordnung zur Staatsregierung möge tradiert werden. Damit auch Verbleib der direkten Zuordnung von Landesamt für Archäologie und Staatlichem Museum für Archäologie Chemnitz. Welche fachlichen, inhaltlichen, wissenschaftlichen Direktbeziehungen bestehen zu den Kunstsammlungen??

So sehr wirtschaftspolitische Orientierungen traditionell zu parteitaktischen Positionierungen gehören, so sehr müssen diese für das Denkmalschutzrecht verhindert werden; denn Kulturdenkmale sind, anders als ein Fichtenbestand oder die Solarenergiegewinnung, keine „nachwachsende“ Ressource.

Nach dem in Artikel 1 der Verfassung des Freistaates Sachsen benannten Anspruch ist Sachsen ein dem Schutz der Kultur verpflichteter sozialer Rechtsstaat. Wegen dieser hoheitlich-kulturpolitischen Dimension sind Repressionen der Staatsregierung gegenüber Denkmalschutz und Archäologie unangemessen.

Ein 2 ½ tausend Jahre altes Bibelwort aus dem Buch der Sprüche vermittle mehr als nur vages Hoffen: Mit Weisheit wird ein Haus erbaut und mit Vernunft erhalten. Möge Vernunft auch das bewährte Denkmalschutzgesetz bewahren! Es ist viel mehr als lediglich ein politisches Instrument.

Ulrich Böhme

24. Thematischer Filmclubabend


„In dem hier dargestellten Film geht es um die merkwürdige Geschichte des Eisenbahners Platow, der Anfang der siebziger Jahre unseres Jahrhunderts von der Technik um seinen Schrankenwärterplatz gebracht wurde und entgegen aller damaligen Erfahrungswerte auf ziemlich beispiellose Weise im Alter von 57 Jahren das Leben lernte.“

Bereits der Text im Vorspann lässt erahnen, dass es sich bei dem DEFA-Film „Das zweite Leben des Friedrich Wilhelm Georg Platow“ um eine recht eigenwillige Satire handelt.

Als der Regisseur Siegfried Kühn (geb. 1935) im Filmstudio Babelsberg auf den Stoff stieß, welcher von dem Schriftsteller Helmut Baierl (1926–2005) stammte, war er sofort begeistert. Gemeinsam mit Baierl schrieb er das Drehbuch. Die Besetzung des Eisenbahners durch den Darsteller Fritz Markquart (1928–2014), der bereits 1970 unter der Regie von Kühn in dem DEFA-Film „Zeit der Störche“ einen Schrankenwärter sehr überzeugend verkörpert hatte, lag nahe. Die Probeaufnahmen waren bereits „im Kasten“, doch es regte sich von einflussreicher Stelle Widerstand. Man wollte die Rolle mit keinem so „kauzig“ anmutenden Typen besetzen. Kühn jedoch setzte sich durch und er sollte Recht behalten. Fachleute aus der Filmbranche lobten das Spiel von Fritz Marquardt als „herausragend“. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Marquart leider nur in wenigen Filmen als Darsteller zu sehen ist, da er auch als Dramaturg, Regisseur, Dozent und Intendant tätig war.

Rückblicke auf verschiedene Lebensabschnitte und einschneidend tragische Ereignisse werden mit einem Anflug von Ironie kommentiert. Collageartige Einblendungen aus dem Zirkusmilieu eröffnen eine weitere psychologische Ebene. Im Lexikon der DDR-Stars heißt es: „Filmsatire zwischen brechtscher Dialektik und valentinesker Komik“. Schwarzweiß Aufnahmen wechseln mit Farbaufnahmen und die Filmmusik wiederum wechselt zwischen Klassik und Rock.

Der Film- und Theaterschauspieler, Hilmar Baumann (1939–2018) verkörpert den jungen Platow. Auch er beweist sein komödiantisches Talent. Allein der ungleiche Schaukampf mit einem Rummelringer, um der Angebeteten zu imponieren, ist sehenswert.

Sein Publikum fand der Film hauptsächlich durch Mundpropaganda. Bereits vor der Premiere wurde dieser von offizieller Seite kritisiert, da er die Arbeiterklasse angeblich verzerrt darstellen würde. So lief der Film ab 1. Juni 1973 ohne vorherige Premiere in wenigen Kopien ausschließlich in kleinen Studiokinos an. Kühn erinnerte sich an die Aufführungen in Leipzig und Berlin. Das Publikum war zahlreich und aufgeschlossen. Es gab viel Szenenbeifall. Erstmals wurde der Film 1977 im DDR-Fernsehen und 1996 im gesamtdeutschen Fernsehen gezeigt.

DEFA-Spielfilm „Das zweite Leben des Friedrich Wilhelm Georg Platow“
1973, DDR, 86 Minuten, Farbe, FSK 6

Regie: Siegfried Kühn; Drehbuch: Helmut Baierl, Siegfried Kühn; Kamera: Roland Dressel; Schnitt: Brigitte Krex; Musik: Hans Jürgen Wenzel; Gastauftritt: Puhdys; Besetzung: Fritz Marquardt (Platow), Hilmar Baumann (Platow jung), Gisela Hess (Malvine), Jürgen Holtz (Lehrer Schildt), Volkmar Kleinert (Ditfurt), Rolf Hoppe (Dr. Hoppe), Dieter Franke (Rennmark) u. a.

Handlung: Der Schrankenwärter Platow döst vor sich hin. Die Schranke ist geschlossen und davor steht eine endlos scheinende Autoschlange. Alle sind nervös, nur Platow lässt ich nicht aus der Ruhe bringen. Er ist jetzt 54 Jahre alt und seit 34 Jahren Schrankenwärter. Doch nun soll die Strecke elektrifiziert werden und Platow gilt als nicht fortbildungsfähig. Als Alternative bliebe ihm lediglich der Dienst an einem Nebengleis. Derart in die Enge getrieben fasst Platow einen unerhörten Entschluss. Obwohl er dafür eigentlich zu alt ist, will er nun doch an einem Qualifizierungslehrgang teilnehmen. Er schlüpft in die Rolle seines Sohnes. Utensilien wie Lederjacke, Jeans und Sonnenbrille sollen ihn verjüngen. Obwohl ihn nur wenige durchschauen, kann er sein wahres Alter nicht permanent kaschieren. Mit dem Lernstoff tut er sich schwer und eine Prüfung am Simulator vermasselt er total. Am Aufgeben hindern ihn seine Gefühle für die wesentlich jüngere Malvine. Schließlich fliegt das Ganze auf. Der Betrugsfall sorgt für Aufsehen. Die Schule ist blamiert und ein Reporter beabsichtigt, vom Skandal reißerisch zu berichten. Doch Platow ist mit seinen Gedanken bereits woanders.

Als er an einem alten Bahnhof eine defekte Draisine entdeckt, erwacht seine Eisenbahner-Leidenschaft für die traditionelle Mechanik und er will das Gefährt unbedingt in Gang setzen und an ein Museum übergeben. Also setzt er die restaurierte Draisine auf die Schienen und fährt mit ihr los. Durch die neu eingeführte elektronische Schaltung blockiert er automatisch die Strecke und erzeugt ein heilloses Durcheinander. Die Männer in der Schaltzentrale erkennen, dass auf den Gleisen eine Person unterwegs sein muss, die sich mit der neuen Technik bestens auskennt. Triumphierend fährt Platow an der Schaltzentrale vorbei.

Platow ist im zweiten Leben angekommen. Inmitten dahinhastender Menschen sieht man, wie er, zwar noch immer in der alten Eisenbahneruniform, im belebten Bahnhofsgebäude einer Großstadt umsichtig, aufgeschlossen und freundlich „seinen Dienst“ verrichtet.

Karin Baum und Michael Heuser
Sprecher der Cineastengruppe „Film Club Mobil“ im Radebeuler Kultur e. V.

Anmerkung: unter Verwendung von verschiedenen Filmbegleitmaterialien und Wikipedia-Eintragungen

Filmclubabend am 22. Oktober 2026, um 19 Uhr, im Alchemistenkeller der Alten Apotheke, Altkötzschenbroda 48, 01445 Radebeul, Reservierungen ab sofort unter 0160-1038663

Karrasburg Museum Coswig rückt einen bedeutenden und fast vergessenen Coswiger wieder ins Licht

Der Coswiger Lehrer Otto Ehrhardt (1869-1942) gehörte zu den erfolgreichsten Kunstfotografen der Jahrhundertwende. Er war reiner Autodidakt, voller Leidenschaft für die Fotografie und Idealist. Das Museum Coswig bewahrt einen großen Teil des künstlerischen Nachlasses von Otto Ehrhardt auf, darunter eine Vielzahl fotografischer Arbeiten, Ex-Libris sowie Auszeichnungen.

Auf der Gauernitzer Insel, Originalabzug, um 1896
Foto: Museum Karrasburg

Zum 30-jährigen Jubiläum der Karrasburg soll das fotografische Werk und das Andenken an seine Person wieder ins Licht gerückt werden. Zu seiner Zeit war er international bekannt, erhielt für seine Gummidrucke Preise und Auszeichnungen, hielt Kurse und Vorträge, dennoch geriet sein Andenken in seiner Heimatstadt in Vergessenheit.

Hauptstraße Coswig mit Musikern und Kinderschar, Originalabzug, um 1905
Foto: Museum Karrasburg

In seiner Wohn- und Wirkungsstätte der Alten Schule zu Coswig trafen sich Dresdner Künstler und Gelehrte, um mit Otto Ehrhardt über die neuesten Entwicklungen der Fotografie zu sprechen. Ob Landschaften der Umgebung, Coswiger Impressionen oder Bildnisse von Personen – Ehrhardts Fotografien bezeugen bis heute sein geschultes Auge, hohes Einfühlungsvermögen und seine Begabung, den perfekten Bildausschnitt und Moment einzufangen.

»Ein Versteckspiel mit dem Turm der Meißner Frauenkirche«, Originalabzug, undatiert
Foto: Museum Karrasburg

Präsentiert werden über 70 historische Fotos und Gummidrucke, davon 24 Leihgaben des Urenkels von Otto Ehrhardt, Boris Wilsdorf. Weiterhin sind als Leihgaben historische Kameramodelle der Technischen Sammlungen Dresden gezeigt sowie vier originale Glasplatten aus der Deutschen Fotothek / SLUB. In Kooperation mit dem Kupferstich-Kabinett Dresden gibt es den Hinweis, auch im Studiensaal in die Werke Otto Ehrhardts eintauchen zu können.

Gleichsam sollen die jüngeren Besucher:innen mit einem Rätselbogen die Ausstellung auf spielerische Art entdecken – wie immer begleitet dabei das Museumsmaskottchen Cosimir. Wer noch nicht genug von Otto Ehrhardt bekommt, der/die kann durch die gesamte Karrasburg auf Spurensuche gehen: kleine Icons weisen in der Dauerausstellung auf weitere Werke von dem Coswiger Fotografen hin.

Annabell Rink

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Sonderausstellung „Ins Licht gerückt – Der Coswiger Otto Ehrhardt“ vom 29. August bis 15. November 2026

Menschenbilder von Christoph Wetzel in der Hoflößnitz

Es sind nur einige wenige Bilder und Zeichnungen, die hier gezeigt werden können, Andeutungen zu einem reichen, vielgestaltigen Lebenswerk. Vor allem sehen wir Bilder von Menschen – die Familie, Porträts von Freunden, Bekannten, Auftraggebern, dazu einige gezeichnete Figuren, Porträts und Akte. Und wir begegnen dem Künstler selbst. Auf einem der Bilder zeigt er sich bei der Arbeit, mit seiner großen Palette. Was für ein Bildnis – die Augen weit offen, der Blick in den Spiegel scheint ihn selbst zu erschrecken, der Dargestellte in höchster Konzentration, unglaublich lebensecht: Ein Selbstbildnis von Christoph Wetzel aus jüngster Zeit – so hat er sich gesehen, in diesem Augenblick.

Selbstbildnis mit großer Palette, 2026
Foto: F. Andert

Wetzel malt und zeichnet, was er sieht — und das Sichtbare wird für uns, als Betrachter, zum Erlebnis, als Bild, das sich behauptet, durch die Qualität seiner Malerei, neben der geschilderten Realität. Manchmal sind seine Werke bis ins Detail ausgeführt, gestochen scharf, dann wieder ist er spontan, im Augenblick zupackend, und malt mit freiem Pinselstrich, wie entfesselt. Zeichnungen und Gemälde, Bauten, das Dresdner Schloss, stilllebenhaft geordnete Dinge und Menschen; und wir folgen dem Künstler in diese von ihm erschaffene Bild-Welt. Menschenbilder – das Thema der Ausstellung fokussiert hier auf eine Gruppe von Werken, wohl auf die wichtigste in seinem Schaffen. Es verweist auf das Festhalten am erkennbaren Menschenbild.

Christoph Wetzel geht seinen Weg – unbeirrt. Eine solche künstlerische Haltung beruht auf Voraussetzungen: auf genauer Beobachtung der Wirklichkeit, und bei ihm auch auf Kenntnis und Verehrung alter Malerei. Es beruht gleichzeitig auf technischer Perfektion und malerischer Virtuosität. So zu malen, das muss man können; er kann es. Und noch etwas ist wichtig: Seine Gemälde handeln von Menschen und von ihren Schicksalen, auch von seinem eigenen. Da bleibt es nicht einfach nur beim äußerlichen Bildnis, bei der Erkennbarkeit. Die versteht sich bei ihm von selbst.

Fragt man nach der künstlerischen Entwicklung von Christoph Wetzel, dann zeigt sich von Anfang an und bis heute, bei wechselnden malerischen Mitteln, eine erstaunliche Bindung an das Sichtbare, an die Gegenwart. Und gleichzeitig verwirren die Gemälde bisweilen, weil sie an Malerei aus vergangenen Epochen erinnern — und sie sind doch heutig. Und manchmal kann er auch, ganz hingegeben an sein Gegenüber oder an den jeweiligen Gegenstand der Darstellung, alle Vorbilder vergessen. Anregungen hat er beispielsweise in der Dresdner Gemäldegalerie gefunden, aber natürlich nicht nur dort. Überzeugende Kopien alter Gemälde weisen ihn als Maler aus, der es versteht, auf die Eigenarten unterschiedlicher Meister einzugehen.

Christoph Wetzel ist einem größeren Publikum weit über Sachsen hinaus dadurch bekannt geworden, dass er in den Jahren 2004/05 die Kuppel der wieder aufgebauten Dresdner Frauenkirche ausgemalt hat: vier Evangelisten und vier christliche Tugenden in unterschiedlich großen Bildfeldern, dazu acht biblische Szenen in augentäuschender Art, alles orientiert am Vorbild der 1736 entstandenen, seit dem Zweiten Weltkrieg verlorenen und nur im übermalten Zustand fotografisch dokumentierten Originale des venezianischen Malers Giovanni Battista Grone. Die beeindruckenden Nachschöpfungen, eine gewaltige Leistung, haben nicht nur hier, sondern auch in Polen Bewunderung gefunden und zu weiteren großen Aufträgen geführt.

Christoph Wetzel stammt aus einem protestantischen Pfarrhaus; nie hat er diese Herkunft vergessen, die sein Leben prägte. Seit seiner Studienzeit an der Hochschule für Bildende Künste Dresden ist die Gemäldegalerie Alte Meister von Christoph Wetzel immer wieder besucht worden. Hier hat er sich anregen lassen und hat Vorbilder gefunden: Lucas Cranach und Jacopo de’ Barbari seien besonders genannt, denen er große Bild-Variationen gewidmet hat. Doch die Bewunderung blieb nicht auf diese Künstler beschränkt. Seine erstaunliche Fähigkeit, sich hineinzudenken in alte Meisterwerke, hat immer wieder dazu geführt, dass Kopien bei ihm in Auftrag gegeben wurden, häufig Bildnisse, aber auch wandfüllende Malereien, so für das Fasanenschlösschen in Moritzburg.

Zwischen Erfindung und Nachbildung, zwischen Inspiration und Imitation ist die Malerei von Christoph Wetzel, ist wahrscheinlich alle Kunst angesiedelt, als Zeichen oder Symbol, als Allegorie oder als Abbild — und doch ist Kunst in ihrem Wesen durch solche Feststellungen nicht erklärt. Ahnungen und Hoffnungen, Ängste und Beklemmungen werden ausgelöst — und bisweilen ist es auch Glück, oder sind es Träume, was aus den Bildern spricht. Nicht die Technik und nicht die Malweise erscheinen dabei wichtig, ob Zeichnung, Malerei oder plastisches Bildwerk, sondern wichtig ist für uns allein dieses Erlebnis einer Kunst, die Spiegel der Welt ist — und die neue Welten erschafft in ihren Werken.

Bildnis Harald Marx, 2026
Foto: F. Andert

Er sei vor allem ein Menschenmaler, sagt Christoph Wetzel von sich selbst, und besondere Intensität haben seine Gemälde immer dann, wenn sie direkt vor dem Modell entstanden sind. Man spürt in den Porträts, wie der Künstler dem Gegenüber – bei Selbstbildnissen dem Ich im Spiegel – regelrecht verfällt, allen Nuancen in der Modellierung der Oberfläche und allen noch so feinen Variationen in Farbton und Licht nachspürt. Gleichzeitig aber dringt er vor zu dem, was die Oberfläche nur ahnen lässt oder aber verbirgt: zum Charakter. Ganz besonders trifft das auch auf die Selbstbildnisse zu. Sie offenbaren etwas von der jeweiligen Seelenlage des Künstlers.

Zuerst hatte der 1947 in Berlin geborene Künstler 1965 eine Steinmetzlehre aufgenommen, nebenher auch Abendkurse für Bildhauerei an der Kunsthochschule Berlin Weißensee besucht, wollte er doch ursprünglich Bildhauer werden. An die Dresdner Kunsthochschule ist er 1967 gekommen, hat bei Gerhard Kettner und bei Fritz Eisel studiert, und 1973 hat er sein Diplom als Wand- und Tafelmaler erhalten. Bei dem Künstleranatomen Gottfried Bammes konnte er an der Kunsthochschule, zeitweise als Lehrender, seine Kenntnisse im Aktzeichnen vervollkommnen und weitergeben.

Nach Beendigung des Studiums hat Christoph Wetzel die Beziehung zur Dresdner Gemäldegalerie intensiviert und 1973/74 sogar eine postgraduale Restauratorenausbildung begonnen, dann allerdings abgebrochen, weil er seine schöpferische Tätigkeit als Maler und Zeichner nicht soweit eingeschränkt sehen wollte, wie es die Arbeit als Restaurator mit sich gebracht hätte. Stattdessen war er in den Jahren 1974 bis 1977 durch intensive Lehrtätigkeit mit der Hochschule für Bildende Künste Dresden verbunden und von 1982 bis 1986 in solcher Funktion mit der Staatlichen Porzellanmanufaktur in Meißen.

Der offensichtliche gestalterische Rückbezug vieler Bilder von Christoph Wetzel macht deutlich: Alte Kunst ist Teil seines Lebens, kann ihm den Atem verschlagen und Gegenwart werden, eine künstlerische Welt, die figurativ und gegenständlich bleibt, gebunden an das Sichtbare und Erkennbare: ein Maler in heutiger Zeit — aber innerlich und formal verknüpft mit großen Vorbildern, die ihn beeinflusst und geprägt haben.

Christoph Wetzel malt — und zweifelt, auch an sich selbst, und er ist immer noch auf der Suche nach dem Ort, der seine tatsächliche und seine künstlerische Heimat sein oder werden könnte. Noch ist nichts endgültig, auch in seinem Werk nicht: Weiterhin will er, indem er Äußeres zeigt, auch Inneres sichtbar machen. Das zu vermitteln, dabei soll und kann diese Ausstellung helfen, der ich allen verdienten Erfolg wünsche.

Harald Marx

Der Text ist eine gekürzte Version der Eröffnungsrede von Prof. Dr. Marx am 23. 8. 2026. Die Ausstellung »Dialoge & Kontraste. Menschenbilder von Christoph Wetzel aus fünf Jahrzehnten« läuft noch bis zum 22. November im Bergverwalterhaus und im Lusthaus der Hoflößnitz in Radebeul, Knohllweg 37, Di–So 10 bis 18 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Begleitheft erschienen (32 S. mit zahlreichen Abb., 3 Euro).

Editorial 10-26

Das Lügenmuseum schließt Ende September endgültig seine Türen – der Streit ist juristisch entschieden!

Mehr als zwölf Jahre lang war der ungewöhnliche Kunst- und Ausstellungsort in der ehemaligen Gaststätte „Gasthof Serkowitz“ eine feste Größe im kulturellen Leben der Stadt. Nun endet dieses Kapitel – und mit ihm verschwindet ein Ort, der sich allen gewohnten Kategorien entzog.

Als Reinhard und Dorota Zabka 2012 in den damals leerstehenden und zunehmend verfallenden Gasthof an der Kötzschenbrodaer Straße einzogen, war kaum abzusehen, was dort entstehen würde. Aus dem historischen Gebäude wurde ein begehbares Gesamtkunstwerk, irgendwo zwischen Museum, Atelier, Kuriositätenkabinett und kulturellem Experimentierfeld. Der Gasthof erhielt wieder eine öffentliche Nutzung. Besucher aus Radebeul, der Region und weit darüber hinaus kamen, Künstler stellten aus, zahlreiche Veranstaltungen fanden statt.

Was nach dem 30. September mit dem Gebäude und vor allem mit dem gewachsenen Gesamtkunstwerk geschieht, bleibt offen. Zu wünschen bleibt natürlich, dass das Künstlerpaar mit ihrer Kunst vielleicht doch noch eine neue Heimstatt findet.

Von nicht geringerem Interesse ist, was aus dem im Kern von 1337 bestehenden Gasthof mit seinem Ballsaal aus dem späten 19. Jahrhundert werden soll. Hierfür sind kluge Konzepte und solvente Investoren nötig.

Sascha Graedtke
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Lügenmuseum im September 2026, siehe 3. Umschlagseite.

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