Karl Friedrich – ein unbekannter Maler

Gedenkausstellung zum 130. Geburtstag in der Hoflößnitz

Als Frank Andert Ende Februar 2026 bei mir anfragte, ob ich zur Gedenkausstellung von Karl Friedrich einen kleinen Katalogtext beisteuern würde, zögerte ich zunächst, wusste ich doch nur sehr wenig über diesen Radebeuler Künstler und der zeitliche Vorlauf war mehr als knapp bemessen.

Porträtfoto Karl Friedrich, 1911

Doch die digitale Übersicht der für die Ausstellung vorgesehenen Werke überraschte mich sehr und ich sagte spontan zu. Im Nachhinein bin ich Frank Andert dankbar, denn so hätte ich mich wohl niemals so intensiv mit dem Schaffen von Karl Friedrich auseinandergesetzt. Und ohne diese Anfrage hätte ich wohl auch niemals Karl Friedrichs Tochter – Gabriele Gottschalk – kennengelernt.

Selbstbildnis, Bleistift 1915

Der bevorstehende 130. Geburtstag von Karl Friedrich bot den Anlass zu dessen Würdigung mit einer umfassenden Personalausstellung und einem ausstellungsbegleitenden Katalog. Im Sächsischen Weinbaumuseum Hoflößnitz fand sich hierfür der passende Ort. Bereits 1924 war der junge Karl Friedrich zur großen Lößnitzausstellung im Haus Hoflößnitz mit einem Werk vertreten und, 58 (!) Jahre später, folgte 1982 wiederum am selben Ort seine erste und (zu Lebzeiten) einzige Personalausstellung.

Karl Friedrich, der am 17. September 1896 in Hannover geboren wurde, zog bereits ein halbes Jahr später mit seinen Eltern nach Radebeul. Er war das älteste von acht Kindern. Bis sich für die beständig wachsende Familie eine passende Wohnung fand, erfolgten noch mehrere Umzüge. Schließlich schien sich 1906 das repräsentative viergeschossige Eckhaus auf der Bahnhofstraße 14, heute Hauptstraße 8, am besten zu eignen, um in Radebeul sesshaft zu werden. Im Untergeschoss eröffnete der Vater Carl Friedrich ein Geschäft für Tapeten, Linoleum und Wachstuch.

Über die Elbe zur Gohliser Windmühle, Kohle 1913

Hoflößnitz im Winter, Filzstift 1970

Zunächst begann für Karl Friedrich alles sehr vielversprechend. Schon früh zeigte sich seine zeichnerische Begabung. So war es auch naheliegend, dass er sich in Dresden an der Königlichen Kunstgewerbeschule bewarb, die man für die künstlerischen Belange des Handwerks und Gewerbes eingerichtet hatte. Nach zweitägiger Aufnahmeprüfung wurde er 1911 immatrikuliert und erwarb in drei Jahren eine solide künstlerisch-handwerkliche Grundausbildung. Sein Zeugnis weist folgende Fächer aus: fachliches Zeichnen und Malen, Naturzeichnen, Figurenzeichnen, Perspektive, Projektionslehre, Schattenlehre, Schriftschreiben und Kunstgeschichte.

Danach schloss sich eine verkürzte Lehrausbildung in der Tapetenfabrik Coswig an. Mit Kriegsausbruch wurde der Betrieb geschlossen und so begann er im Dezember 1914 in der „Werkstatt für Malerei“ von Carl Hausmann in Dresden zu arbeiten. Schließlich wurde er 1916 in die Armee eingezogen und bis Kriegsende 1918 an der Westfront eingesetzt. Danach fasste er wieder bei seiner alten Firma als Dekorationsmaler Fuß und war in ganz Deutschland unterwegs. Zu den Einsatzsorten zählten Kirchen, Villen und Schlösser. Da er fachlich sehr geschätzt wurde, übertrug man ihm immer anspruchsvollere Aufgaben, so dass er viele Entwürfe für die malerische Gestaltung in großer Selbständigkeit angefertigt hat.

Radebeul-Ost, Blick (aus der Wohnung) zur Ernst-Thälmann-Straße, Tusche auf farbigem Papier 1976

Das väterliche Geschäft übernahm Karl Friedrich1937. Jedoch forderte auch der zweite Weltkrieg seinen Tribut. Noch 1943 wurde er zum Kriegsdienst eingesetzt, dem 1945 ein Jahr Gefangenschaft folgte.

Pappeln und Kühe an der Elbe, Tusche 1966

Der Versuch, sich ab 1946 als selbständiger Kunst- und Dekorationsmaler durchzuschlagen, war in Ermangelung von Aufträgen in der Nachkriegszeit wenig erfolgreich. Und so verwundert es kaum, dass er pragmatisch nach existenzieller Sicherheit strebte. Ab 1951 arbeitete Friedrich als Sachbearbeiter in der Chemischen Fabrik von Heyden, später VEB Arzneimittelwerk Dresden (AWD), Standort Radebeul, wo er bis zum Erreichen des Rentenalters im Jahr 1964 beschäftigt war.

Blick von der Gutenbergstraße zur Lutherkirche, Tusche 1976

Dennoch, dem Malen und Zeichnen galt seine Leidenschaft, die er nicht aufgeben wollte. Im betrieblichen Mal- und Zeichenzirkel, dessen Leiter der Radebeuler Maler und Grafiker Johannes Thaut bis 1963 war, wurde Friedrich 1952 Mitglied. Nach Thaut übernahm Hidegard Stilijanow die künstlerische Leitung und ab 1973 Dieter Fuchs. Das AWD-Klubhaus auf dem Turnerweg/Ecke Gartenstraße bot Arbeits- und Ausstellungsräume, auch für den Mal- und Zeichenzirkel.

Karl Friedrich im Puschkin-Museum in Moskau, 1967

Entstanden sind Stillleben, Porträts und figürliche Darstellungen. Die Zirkelteilnehmer saßen einander Modell, lernten neue Techniken kennen, zeigten ihre Arbeiten und übten produktive Kritik. In der wärmeren Jahreszeit arbeiteten sie vor Ort in unmittelbarer Umgebung.

Karl Friedrich – Litfaßsäule in Serkowitz, Öl auf Pappe, 1960

In jenem Mal- und Zeichenzirkel lernte Karl Friedrich die drei Jahrzehnte jüngere Eva Krause kennen, die im AWD als Laborantin tätig war. Beide heirateten 1958. Die gemeinsame Tochter wurde im gleichen Jahr geboren. Da hatte Karl Friedrich die Schwelle zum sechsten Lebensjahrzehnt bereits überschritten.

Karl Friedrich war kulturell interessiert und sportlich aktiv. Er sammelte Briefmarken, spielte Schach und kannte sich in Geschichte, Kunst und Literatur aus. Er mochte sowohl die Künstler des Impressionismus als auch des Expressionismus. Gegenstandslose Kunst lehnte er allerdings ab.

Nach dem Eintritt in den Ruhestand waren ihm noch reichlich anderthalb Jahrzehnte für das künstlerische Schaffen vergönnt. Die Mappen füllten sich rasant. Zu deren Lagerung hatte er auf dem häuslichen Dachboden spezielle Regale eingebaut.

Karl Friedrich verstarb am 1. Juli 1987 in der Radebeuler Wohnung, in die er mit seinen Eltern und Geschwistern 1906 eingezogen war.

Postum kam es 1996 aus Anlass des 100. Geburtstages von Karl Friedrich zu einer weiteren Personalausstellung in der Stadt Radebeul, welche von seiner Witwe angeregt und von den Mitarbeitern der Stadtgalerie realisiert worden war. Als Ausstellungsort hatte man das Technische Rathaus auf der Pestalozzistraße gewählt, denn die Galerie verfügte von Juli 1995 bis August 1997 über keine eigenen Ausstellungsräume.

Da die Stadt bereits 1992 damit begonnen hatte, für Radebeul eine städtische Kunstsammlung aufzubauen, wurden aus dieser Ausstellung durch das Kulturamt vier Werke von Karl Friedrich angekauft.

Inflation, Arbeitslosigkeit und zwei Weltkriege schärften Friedrichs Sinne für das Wesentliche. Die Kunst hatte ihm innere Stabilität verliehen und durch unruhige Zeiten getragen. Das eigene Erleben brachte für ihn die Erkenntnis, sich von keinem System mehr vereinnahmen zu lassen. Das künstlerische Werk reifte in aller Stille und im eigenen Selbstverständnis. Es zeugt von Kontinuität und Qualität. Die Versachlichung geht ins Dokumentarische über. Die Momentaufnahmen des Alltags geben Einblick in eine längst vergangene Zeit. Die schnörkellosen, nüchternen, mitunter distanziert wirkenden Arbeiten, alles Überflüssige vermeidend, haben in ihrer Exaktheit gleichwohl eine faszinierende als auch eine anziehende Wirkung.

Manche Arbeiten erinnern an die Zeichnungen von Architekten. Linien, Schraffuren und Flächen wusste Friedrich geschickt einzusetzen, um eine klare räumliche Ordnung herzustellen. Dazu bedurfte es lediglich Bleistift, Kohle, Filzstift, Tusche, Kugelschreiber und einen Skizzenblock. Seine Farbpalette wiederum wirkt vorwiegend gedämpft. Besondere Akzente hat er nur sparsam eingesetzt. Zahlreiche seiner Aquarelle sind unmittelbar vor Ort entstanden. Die „nass-in-nass“ Technik erforderte Schnelligkeit. Der lasierende Farbauftrag erzeugte ein hohes Maß an Transparenz. Die mit Öl- und Temperafarbe gemalten Bilder auf Pappe hingegen entstanden unter Verwendung von Skizzen im Atelier.

Friedrich mochte weder Übertreibungen noch kleinteilige „Pingelei“. Der beträchtliche Umfang seines Œuvres zeugt vom Bedürfnis, bildnerisch tätig zu sein, offensichtlich allein von der Freude am kreativen Prozess inspiriert. Weder drängte es ihn, öffentlich wahrgenommen zu werden, noch war er auf den Verkauf seiner Kunstwerke angewiesen.

Karl Friedrich – Gärtnerei in der Lößnitz, Aquarell, 1978

Karl Friedrich – Jung und Alt in Kaditz, Öl auf Pappe, 1965

Karl Friedrich – Graue-Presse-Weg am Jägerberg, Öl auf Pappe, 1981

Zur Jubiläumspräsentation werden ausschließlich Motive der Lößnitz gezeigt. Sowohl Ausstellung als auch Katalog sind in vier Themenbereiche gegliedert: „Am Fluss. Im Ort. Am Hang. Im Grund“. Eine zeitliche wie lokale Zuordnung der Motive wird durch die jeweiligen Bildunterschriften ermöglicht.

Mit Karl Friedrich begeben wir uns auf eine Reise in die Vergangenheit. Seine Bilder zeugen vom Alltag der Bewohner, Winzer und Gemüsebauern. Noch bis weit in die 1970er Jahre prägten zahlreiche Gärtnereien das Bild von Radebeul. Inzwischen sind viele dieser Flächen überbaut. Gewachsene Dorfkerne stehen bis heute im Kontrast zu schlossähnlichen Landsitzen inmitten weitläufiger Parkanlagen. Und immer wieder Mauern, Mauern, Mauern…und Stufen, Stufen, Stufen…, die bergauf und bergab in die Enge oder Weite führen…

Die ausgestellten Lößnitzbilder beschreiben Radebeul als Wein- und Gartenstadt, obwohl die Industrialisierung bereits weite Flächen für sich in Anspruch nahm und das Bild der Stadt verändert hatte.

Eine Arbeit erinnert an den Plattenbau der Polytechnischen Oberschule Hermann Matern (später Waldparkschule) auf der Kottenleite, welcher 1973 eingeweiht und 2005 wieder abgebrochen wurde. Doch diese Arbeit ist ohnehin eine der wenigen Ausnahmen in Friedrichs Schaffen. Ebenso existieren kaum figürliche Darstellungen. Selbstbildnisse oder Bilder von Frau und Tochter gibt es nur wenige. Auch Radierungen und Linolschnitte sind rar und wohl eher beiläufig entstanden.

Der künstlerische Nachlass umfasst ca. 1.500 Werke, darunter Zeichnungen, Aquarelle, Öl- und Temperabilder. Darüber hinaus geben viele Dokumente wie Zeugnisse, Schriftverkehr, Zeitungsauschnitte und detaillierte biografische Aufzeichnungen Aufschluss über diesen bisher unbekannten Künstler.

Gabriele Gottschalk hat die künstlerische Hinterlassenschaft ihres Vaters bewahrt, geordnet, digitalisiert und nunmehr erstmals in der Öffentlichkeit präsentiert. Die Resonanz zur Vernissage am 10. Mai war überwältigend.

Das Konvolut mit Karl Friedrichs Werken ist sowohl von kunst- als auch stadtgeschichtlicher Bedeutung und harrt seiner weiteren Erschließung. Mit der diesjährigen Gedenkausstellung im Sächsischen Weinbaumuseum Hoflößnitz wurde ein vielversprechender Anfang gemacht.

Karin (Gerhardt) Baum
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Die Ausstellung „Zwischen Elbe und Weinberg – Lößnitzbilder von Karl Friedrich“ wird bis zum 21. Juni 2026 gezeigt. Der reichbebilderte Katalog ist zum Preis von 6 Euro im Weinbaumuseum Hoflößnitz erhältlich.

Editorial

Haben Sie im Juni in Radebeul und Umgebung kulturell schon was Konkretes vor? Nein? Na dann müssen Sie mehrfach wohl schwierige Vorentscheidungen treffen, denn viele Veranstaltungen überlappen sich oder finden parallel statt. Warum eigentlich? Nun, der Juni ist der erste echte Sommermonat – alle möchten etwas erleben, und entsprechend viele haben etwas zu bieten. Danach beginnen naturgemäß die großen Sommerferien, wenn Kulturschaffende wie Kunstliebhaber mit ihren Sprösslingen selbst schon einmal über alle sieben Berge sind. Dann wird es zunächst wieder etwas ruhiger im Kulturkalender. Doch ehe man sich versieht, steht fast schon der Herbst mit seinen ganz eigenen Festen und Höhepunkten vor der Tür – aber soweit sind wir noch lange nicht.

Insbesondere in den Tagen um die Mittsommernacht laden wieder zahlreiche Orte zum Verweilen ein. Naundorf feiert beim Dorffest 150 Jahre Eisenbahnanbindung. Die „WeinbergKulTour“ lädt mit wandernden Musikern zum geselligen Beisammensein in die Weingüter ein, und beim „Fête de la Musique“ wird in Altkötzschenbroda ein bunter Strauß musikalischer Angebote präsentiert, der zudem – wie gewohnt – zum eigenen Musizieren ermuntert.

Besonders gespannt darf man sicher wieder auf das fast schon zur Tradition gewordene Veranstaltungsformat von „Kunst geht in Gärten“ sein. Zahlreiche Bürger öffnen ihre individuell gestalteten Gärten, um Künstlern und den Künsten in Symbiose Raum zu bieten.

Vieles mehr sowie nähere Informationen finden Sie im Heft und im ausführlichen Veranstaltungsteil.

Sascha Graedtke

ZUR TITELBILDSERIE

Aus meinen grafischen Tagebüchern

Ich denke nicht in Linien, sie passieren mir. Und dann sehe ich mich manchmal selbst in diesen Linien. Wenn sie sich winden, kreuzen, sich verlieren – so wie meine Gedanken, wenn ich versuche, Ordnung in mein Inneres zu bringen. Denn nichts läuft geradeaus. Alles tastet sich vor, zögernd, manchmal mutig, manchmal müde. Ein Spiegelbild der Wirklichkeit, aber auch als würden sie Erinnerungen nachzeichnen.
Die dunklen Linien stehen vielleicht für etwas Schweres, das, was bleibt, egal wieviel Zeit vergeht. Hellere Flächen sind vielleicht Atempausen, kurze Momente, in denen ich glaube, es könnte leicht sein. Sie gleiten nur kurz vorbei, wie ein Streifen Licht, den ich fast verpasse. Schraffuren flüstern von Tiefe, von verborgenen Schichten unter der Oberfläche. Alles existiert gleichzeitig, ohne sich gegenseitig aufzuheben.
Ich spüre Bewegung, auch wenn ich stillstehe. Ein inneres Drängen, ein Weitergehen, selbst im Chaos. Diese Grafik ist kein Bild von außen – sie ist ein Zustand. Mein Zustand. Unruhig, überlagert, ehrlich. Und genau darin bin ich ganz bei mir und meine Grafik fühlt sich an wie ein innerer Monolog. Er erzählt nicht was gefühlt wird, sondern wie es sich anfühlt.

Matthias Kratschmer

Mit Felix Meyer poetisch durch das Jahr

Radebeuler Miniaturen

EinSatz mit NachSatz zum PflegeFall

Ja – nein – ja – nein – ja – nein – ja – millionenfache schlüssige Entscheidungen in Sekundenbruchteilen lenken die Gestalt, die sich über dich beugt, ihre milde angenehm temperierte Hand sanft wie von Kalbsleder auf deine Stirne legt, 1 – 0 – 1 – 0 – 1 – 0 – 1 – in genau berechneten Algorithmen Körpertemperatur mißt, Blutdruck, Herzfrequenz, Nährstand und Flüssigkeitsbedarf (von Durst keine Rede mehr), die Daten leuchten zur gleichen Zeit in der Leidzentrale auf, erscheinen in Tabellen, schwarz – weiß – schwarz – weiß – schwarz – weiß – die keiner liest, weil sie nur Rechtfertigung sind, Absicherung, Vorbeugung, Vermeidung von Streitfällen, millionenfach in Sekundenbruchteilen erstellt, ohne wenn und aber, ohne vielleicht, mal sehen, eventuell, ich weiß nicht, nur ja – nein – ja – nein – ja – nein – ja – glasklar und messerscharf, die Decke zurückschlägt, dich dreht, wäscht, für Entwässerung sorgt (nach der morgendlichen kurzen Vielleichtjadochnochmalhoffung hat sich der Wasserknubbel längst wieder in sich selbst zurückgezogen), spricht, deinem Augenwunsche folgend, ja – nein – ja – nein – ja – mit betörender Frauenstimme oder samtenem männlichen Baß schwarz – weiß – schwarz – weiß – schwarz – weiß – 1 – 0 – 1 – 0 – 1 – 0 – vorprogrammierte Banalsätze voller Vulgärtrost, packt dich sanft, hebt dich in den Stuhl, kontrolliert 1 – 0 – 1 – 0 – 1 – 0 – 1 – die Wäsche, wechselt, was nötig, jeder Griff, jedes Wort, in millionenfach schlüssigen Entscheidungen in Sekundenbruchteilen berechnet und ausgeführt, schwarz – weiß – schwarz – weiß – schwarz – kein grün, kein rot, kein blau, in stupider Monotonie, die Millionen begeistert, Millionen entsetzt und in Schach hält, weil sich die Maschine ja – nein – ja – nie verrechnet, nie irrt, womit sie dich an die Wand drückt, überflüssig macht mit deinen Fehlern, deinen Unentschiedenheiten, deinem unberechenbaren Eigensinn, dich zurückbettet, dir übers Haar streicht soweit noch vorhanden, deine Decke glatt zieht, dir die Nahrungszufuhr regelt und schließlich abstellt, wenn die Leidzentrale die wohlabgewogene ja – nein – ja – nein – in Sekundenbruchteilen schlüssig berechnete Entscheidung trifft, daß es keinen Zweck mehr hat, als hätte es je einen Zweck gegeben, ohne wenn und aber, eine Entscheidung, ohne vielleicht, ohne dawärejanoch, ohne Bedauern, glasklar und messerscharf und am Ende der Kette, wenn das Licht ausgeht, weiß – schwarz – weiß – schwarz – die alte Erde aufatmend und mit neuem Schwung ihre Runden dreht.

Wir müssen wissen, ob wir das wollen.

Thomas Gerlach

Korrespondenz aus einer Nachbargemeinde

Der Sächsischen Zeitung war das am 27. Februar eine Schlagzeile auf der Titelseite wert und nochmal am 30. März eine Ergänzung auf Seite 24: Fernsehturm für 7,5 Mio. Euro vom Telekommunikationsunternehmen an die Region verkauft, langfristiger Zugang für die Öffentlichkeit gesichert, Aufnahmeverfahren für das UNESCO-Weltkulturerbe gestartet. Spätestens hier ahnen Sie, dass ich nicht aus Wachwitz berichte. 94,5 km Luftlinie nehme ich Sie jetzt einfach mit auf den von Dresden nächstgelegenen Berg 1000 plus und lege noch 12 Meter drauf. Herzlich willkommen auf dem Jeschken/Ješt?d im böhmischen Reichenberg/ Liberec. Hausberg, Landmarke, Solitär, Architekturikone, Aussichtspunkt und Gastro-Highlight. Am 21.10.1973 eröffnet ist das für mich so ein Kindheitspunkt. Die SZ schreibt, er hätte die Form eines parabolisch geschwungenen Kegels. Mein alter Mathelehrer Herr Barthel an der Pesta hätte sofort gesagt, Tobias, das hast du abgeschrieben. Stimmt. Für mich ist der Turm das Bild eines startenden Raumschiffes, drin mögen sich Juri Gagarin und Neil Armstrong die Hand reichen. Sie könnten mit dem Auto bis vor die Tür fahren, ich nehme Sie jetzt im RE 2 von DD Hbf mit und wir steigen in Liberec vorm Bahnhof in die Tram 3, fahren bis zur Endschleife Horní Hanychov (Kartenzahlung in der Tram). Bis zum tragischen Seilbahnunglück vom 31.10.2021 fuhr man nach einem 700-m-Waldspaziergang direkt in den Turm. Jetzt fährt im April und Oktober an Wochenenden und tschechischen Feiertagen, von Mai bis September sogar täglich ein Bus der Linie 79 stündlich weiter bis zum Parkplatz/Parkovišt? Ješt?dka. Alternativen sind die Sesselbahn bis auf 892 m (im Juli und August täglich; ansonsten www.skijested.cz) oder Wanderwege rechts und links herum. Der kürzeste Fußweg nach oben wäre unter der abgestürzten Seilbahntrasse. Tun Sie‘ s nicht. Ich habe es getan. Alle Mühe lohnt sich, der Rundblick! Nach Norden und Osten auf Iser- und Riesengebirge. Richtung Süden beginnt bald das nach dem romantischen Dichter Karel Hynek Macha (1810-1836) benannte Macha Kraj mit markanten Punkten wie dem Rollberg/Ralsko oder der Doppelspitze des Burgberges Bösig/Bezd?z. Im Westen grüßt die Lausitz. Irre. „RESPECT KAREL HUBÁ?EK“ steht als Verbeugung vor dem Architekten auf einem T-Shirt, das man an der Rezeption kaufen kann. Freilich, solch Turm hat viele Väter, einiges an Intrigen, erstaunliche internationale Preise. Bei mir liegen noch Notizzettel herum, aber der Platz in V&R ist begrenzt.
Verraten sei noch, Ende der Neunziger war ich mal für 2 Ü/F mit einer Freundin eingebucht. Wir hatten Himmel, Wolken, Sterne, Wind und Regen für uns in einem Schloss, scheinbar über der Erde. Und 2019 gab es ein Flugchaos auf dem Heimflug von Neapel. Mit mir total übernächtigt drehte der Flieger aus München um die Turmspitze von Osten nach Klotzsche ein. Im sonnenaufgehenden Tagtraum war mir klar: Gleich bist du zu Hause. Jeschken, alter Freund….

Tobias Märksch

Glosse

Trübe Aussichten!

Also mal ehrlich, wer nicht gerade dort arbeitet, der hat in der Regel keine Ahnung, wie so eine Stadtverwaltung tickt, fällt es ja selbst den Insidern mitunter schwer, den Durchblick zu behalten. Erst neulich habe ich mir die Finger wund telefoniert, aber unter einer ausgewiesenen Nummer keine Verbindung bekommen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich selbst auf den Weg zur Behörde zu machen. Ich hatte bei diesem permanenten Homeoffice tatsächlich das Glück, dort jemanden anzutreffen. Angesprochen auf besagte Telefon-Nummer stellte sich heraus, dass es sich um den Anschluss der Besenkammer handelte. Ist aber keinem in der Verwaltung aufgefallen. Nun ja… Ein Spaziergang kann ja auch nichts schaden.

Wie war das eigentlich früher, Kultur gibt es ja nicht erst seit 1990? Vor langer Zeit regelten in Sachsen die sogenannten Amtshauptmannschaften, eine Art allgemeine Verwaltung, alle diesbezüglichen Angelegenheiten und die Polizeibehörden setzten deren Anweisungen durch – damals noch ohne Schießeisen. Wer aus nichtkommerziellen Gründen in die Öffentlichkeit trat, musste zunächst 50 Mark bei der Behörde hinterlegen – nach heutigem Kurs wären das immerhin 390 Euro! Da sollte man schon mal überlegen, ob man nicht doch auch was von den Alten lernen könnte. Die Veranstaltungsschwemme würde dann sicher etwas in den Griff zu bekommen sein. Gegen die Kaisermania freilich müsste man andere Mittel anwenden, kostete doch eine einzige, real erworbene Karte allein schon 119,90 Euro!

Dass später die Kultur dem Kultusministerium untergeschoben wurde, kam ja nicht von ungefähr, war man doch schon lange der Meinung, das Kultur, Kunst und Bildung zusammengehören. Oder etwas genauer formuliert, dass Kultur und Kunst für die Bildung und Erziehung dazu sein hatten. Die Kunst muss ja zu was nutze sein. Andererseits trauten die Behörden den um 1850 vermehrt entstehenden Vereinen anfangs nicht übern Weg. Die Kontrolle wollten sie schon behalten. Mit den damals aufblühenden Volksfesten und Volksunterhaltungen in den Gemeinden war ein profanes Mittel gefunden, die Vereine einzubinden und das enorm gewachsene Freizeitbedürfnis zu befriedigen. Das war jene Zeit, als Gemeinden und kleine Handwerker begannen, die Vereine auch finanziell zu unterstützen.
Hat man den Vereinen später sukzessive Vorteile eingeräumt, gar 1850 in Sachsen ein Vereinsgesetz beschlossen, sicherten andererseits viele Einschränkungen die „obrigkeitliche Kontrolle“.

Auch wenn sich die Methoden bis heute verfeinert haben, hat sich im Prinzip nichts daran geändert. Ja, die Vereine befördern nicht nur das kulturelle Leben und tragen zur sozialen Integration bei, sie befördern aber auch Statusunterschiede und Abhängigkeiten. Auch die „heutigen Obrigkeiten“ (Finanzamt, Kulturamt, Kämmerei, Parteien…) wollen wie selbstverständlich mitreden, greifen gar in Inhalte ein. Was nicht genehm ist, wird eben nicht gefördert. In Berlin verlangt man neuerdings gar Loyalitätsbekundungen. Häufig geht es bei der Förderung durch Behörden um ganz persönliche Vorlieben, denn sowas wie einen brauchbaren Kulturentwicklungsplan für die Region oder die Gemeinde kann man suchen. Die Aufzählung von Bestehendem und von Absichtserklärungen reicht da eben nicht aus, wenn sie nicht mit Ressourcen untersetzt sind. Wo also bleiben die Maßnahme Pläne und vor allem die jährlichen Einschätzungen des Entwicklungsstandes? Richtig, die Ausgaben für Kultur sind stabil geblieben in Radebeul. Gar ein Inflationsausgleich wurde gewährt. Ob aber künftig jedoch noch eine Entwicklung möglich sein wird, steht eher in den Sternen, wo das Geld auch an anderen Stellen knapp ist. Von einem Stadtmuseum hat man sich bereit 2024 endgültig verabschiedet, dabei hatten wir mal eins! Es wird wohl nur für die Erhaltung des Bestehenden reichen, wenn überhaupt. Könnte es sein, dass hier die Prioritäten falsch gesetzt sind? Diese Frage bewegt sicherlich nicht nur

Euer Motzi

 

Anmerkungen eines Zeitzeugen

Sicherlich werden sich viele von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, noch an Beiträge aus dem Jahr 2025 erinnern, in denen wir den Aufzeichnungen des Serkowitzer Ortschronisten Max Klotzsche über seine Eindrücke vom Kriegsende 1945 in Radebeul Raum gaben. Diese ungeschönten Darstellungen können wir Nachgeborenen nur dankbar und interessiert zur Kenntnis nehmen, um eigene Erfahrungen anreichern können wir sie jedoch nicht. Das können nur diejenigen, die an den Krieg und die Jahre danach eigene Erinnerungen haben, wie etwa unser Leser Ulrich Böhme. Er meldete sich bei uns mit nachstehenden Gedanken, die wir hiermit ungekürzt und mit Dank an ihn abdrucken.
Die Redaktion
Da die Aufzeichnungen von Herrn Klotzsche, zuletzt im Novemberheft 2025, unkommentiert wiedergegeben sind, erlaube ich mir nachstehende Rückäußerung. Zu den Schattenseiten und schlimmen Ereignissen der ersten Nachkriegswochen, die ich ganz ähnlich aus Kleinröhrsdorf kenne, wo ich 1939 geboren bin und acht Jahrzehnte gelebt habe, kam es ursächlich durch deutsche Schuld, die sich mir etwa wie folgt darstellt: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts irrlichterte heroische Kaisertreue. Diese gipfelte 1914 in volksfestähnlicher Kriegsbegeisterung. 1918 dann – kein „Sieg-Frieden“, sondern das fassungslose Scheitern alles bis dahin für „richtig“ Gehaltenen mit den für Sachsens Armee schmerzlichsten Verlusten aller deutschen Bündnisheere. Deshalb wurde die Weimarer Republik besonders in Sachsen von Anbeginn massiv bekämpft. Folgerichtig wird Sachsen in den Jahren danach braunes Vorzeigeland des zu unser aller Glück nicht tausendjährigen Reiches. Bereits bei den Reichstagswahlen 1932 hatte Dresden nach Breslau die meisten NSDAP-Stimmen in Deutschland. Nicht München oder Nürnberg. Dresden wurde eine Hochburg des Nationalsozialismus und ein Zentrum der Rüstungsindustrie. Hier und in Pirna brannten die ersten Bücher in Deutschland, der Führer kürte in Dresden die erste Reichs-Theater-Woche usw. Die Wähler folgten unterwürfig den sozialen Sofortmaßnahmen Hitlers und dessen unheilvollem Populismus. Sie entschieden sich wiederum für aggressiven Nationalismus, eine der Geißeln der Menschheit. Aus Dichtern und Denkern wurden Richter und Henker, willige Vollstrecker von Holocaust und totalem Krieg, bis, ja bis der Krieg neuerlich vernichtend auf seine Verursacher zurückschlug. Dem folgte Schweigen. Keiner wollte etwas gewusst haben. Der Hellerauer Durs Grünbein nennt das klinischen Mutismus. Und das hiesige Katastrophendatum 13. Februar 1945 wird noch ein Menschenalter später mit in hohem Maß unkritischem Selbstmitleid begangen.
Nach langem Überlegen mute ich Ihnen das alles zu, da die folgenreichen ideologischen Formeln „Für Kaiser und Reich, für Volk und Vaterland“ und „Deutschland, Deutschland über alles“ in der Fassung „Deutschland den Deutschen“ eine beängstigende Neuauflage gefunden haben. Dazu kommt, dass bedenkenlos die Giftbrühe der a-sozialen Medien geschlürft wird. Fazit: Die freie, demokratische Gesellschaft bedroht sich aufs Neue, indem sie mit häufig Fakten-entleerter Meinungsbildung Unheil verheißende Wahlentscheidungen trifft.

Ulrich Böhme

 

 

 

5. MUSIK FESTIVAL RADEBEUL 2026

Große Feierlichkeiten beim Musik Festival Radebeul vom 22.08. bis 05.09.2026. Kommen Sie zahlreich und feiern Sie mit uns die Jubiläums-Edition!

Foto: U. Arens

Lust auf gemütliche Sommerabende mit Stradivari – Klang? Im August und September versammelt der künstlerische Leiter Albrecht Menzel wieder junge internationale Musiker wie den Geiger Sascha Maisky, den Cellisten Leonard Elschenbroich und die Pianistin Danae Dörken, um gemeinsam mit vielen Gästen den 5. Geburtstag des Musik Festival Radebeul zu feiern. Freuen Sie sich auf fünf außergewöhnliche Spielstätten, welche die Kulisse für die Veranstaltungen bieten. Die fünfte Ausgabe des charmanten Festivals wird ein großes Fest der Musik und grenzenlosen Freundschaft. Feiern Sie mit!

Eröffnungskonzert mit dem berühmten Schostakowitsch Quartett Nr. 8
Das Festival eröffnet am Samstag, 22.08.2026 um 16:oo Uhr im Historischen Güterboden mit berührender Musik von Schostakowitsch. Ein Streichquartett des genialen Mediziners und Professors für organische Chemie Alexander Borodin wird zu hören sein sowie eines der legendären Werke von Anton Arensky, welcher unter anderem berühmte Komponisten wie Alexander Scriabin und Sergej Rachmaninov ausbildete. International bekannte Solisten und Stipendiaten der Anne-Sophie Mutter Stiftung bilden an diesem Sommerabend das musikalische Festivalteam und freuen sich darauf mit Leidenschaft und Hingabe für Sie zu spielen.

Zum ersten Mal in Schloß Wackerbarth
Zum ersten Mal ist das Musik Festival Radebeul am Mittwoch, 26.08.2026 um 18:oo Uhr in Wackerbarth zu Gast! Bei einem bunten Abend von Czardas bis Carmen sind bei Tänzen, Fantasien und Capricen die Instrumente Flöte, Harfe und Violine im Zusammenspiel zu erleben. Vor dem Konzert besuchen die jungen Musiker gemeinsam eine Radebeuler Schule, um den Kindern über ihre Leidenschaft Musik zu erzählen. Ein ehrenamtliches Projekt, welches seit Beginn des Festivals besteht – bereits 2000 Kinder konnten so in den ganz direkten Kontakt mit der Musik und den Künstlern kommen und diese Eindrücke mit nach Hause nehmen.

In der Maschinenhalle wird es leidenschaftlich
Sehr beliebt, wie in den vorangegangenen Festival-Editionen, ist die Maschinenhalle des ehemaligen VEB Zerma – Zerkleinerungsmaschinen! Früher Ausbildungsstätte für zahlreiche Generationen an Maschinen öffnet das Industriedenkmal und heute Matthes Technik Center wieder ausschließlich für das Festivalkonzert. Leidenschaftlich wird es am Sonntag, 30.08.2026 um 16:oo Uhr, wenn „Die vier Jahreszeiten von Buenos Aires“, ein Meisterwerk des argentinischen Starkomponisten Astor Piazolla, auf den wertvollen Instrumenten der jungen Geigerin Noa Wildschut, der Pianistin Danae Dörken und dem Cellisten Benedict Kloeckner erklingen. Blues und Tzigane von Ravel und in Schumann’s intim gesanglichen sowie stürmischen Klavierquartett wird Festivalgründer Albrecht Menzel an seinem zweiten Lieblingsinstrument, der Viola zu hören sein.

Ausstellung und Festkonzert in Schloß Hoflößnitz
Die Verbundenheit des Festivals und den Wunsch nach Austausch mit anderen Künsten und Themen dokumentieren viele der vergangenen Veranstaltungen und Gäste. Erstmalig begleitet das Musik Festival Radebeul eine Kunstausstellung des bekannten Malers und Zeichners Christoph Wetzel. Berühmt wurde er durch seine Porträts und die Rekonstruktion der Kuppelgemälde der Dresdner Frauenkirche. Anlässlich seiner Ausstellung, welche während des Festivals eröffnet und bis November zu sehen sein wird, gibt es ein Festkonzert in Schloß Hoflößnitz am 02.09.2026 um 18:oo Uhr. Anne-Sophie Mutters Starcembalist Knut Johannessen interpretiert die originale Fassung der Goldberg-Variationen von Bach am Cembalo. Zusammen mit Albrecht Menzel wird u.a. die berühmte Teufelstriller Sonate von Giuseppe Tartini zu hören sein.

Großes Finale mit Orchester in auserlesenster Kulisse
Am Samstag, 05.09.2026 um 16:oo Uhr öffnet eine weitere Spielstätte exklusiv für das große Finale der 5. Sommerausgabe des Musik Festival Radebeul. Das Quartier 27 – ehemals VEB Hochspannungsarmaturenwerk (HAW) in der Fabrikstr. 27, 01445 Radebeul beherbergt heute auserlesene Oldtimer und Sportwagen und wird zur Kulisse eines großen Orchesterkonzerts mit Werken von Beethoven, Mendelssohn und Rimsky-Korsakov. Schwungvoll übernahm der Dirigent Hermes Hefricht die Leitung des regionalen Orchesters Elbland Philharmonie Sachsen und leitet als neuer Generalmusikdirektor spannende Konzerte. Nun kommt es zur ersten Zusammenarbeit der beiden jungen Radebeuler – Hermes Helfricht mit dem Dirigierstab und Albrecht Menzel mit seiner Stradivari! Seien Sie gespannt auf den Saisonauftakt des Orchesters beim Musik Festival Radebeul und bringen Sie wieder Ihre Freunde, Kinder und Enkelkinder mit!

Bärbel Schön


Karten nur im Vorverkauf per E-Mail unter tickets@musikfestivalradebeul.de oder per Telefon, Whatsapp, Signal +49 174 2836650 www.musikfestivalradebeul.de

Samstag, 22.08.2026 | 16:00
Konzert 1 | HISTORISCHER GÜTERBODEN | Eröffnungskonzert
(Am Alten Güterboden 3, 01445 Radebeul, Parkplätze auf dem Gelände)

Schostakowitsch: Streichquartett Nr. 8 Op. 110, Borodin: Streichquartett Nr. 2 D-Dur, Arensky: Klaviertrio
Nr. 1 Op. 32

Albrecht Menzel, Sascha Maisky (Violine), Hwayoon Lee (Viola), Leonard Elschenbroich (Violoncello), Martina Consonni (Klavier)

Konzert mit Solisten der Anne-Sophie Mutter Stiftung

Mittwoch, 26.08.2026 | 18:00
Konzert 2 | SCHLOSS WACKERBARTH | 47 Saiten

Monti: Csárdás Borne: Bizet Carmen Fantasie Massenet: Meditation Paganini: Caprice Nr. 24, Saint-Saëns: Der Schwan Faurè: Fantasie Bartok: Rumänische Volkstänze Berceuse Op. 16 Dvorak: Sonatine Op. 100 u.a.

Daniela Koch (Flöte), Marcel Cara (Harfe) Albrecht Menzel (Violine & Moderation)

Sonntag, 30.08.2026 | 16:00
Konzert 3 | Vier Jahreszeiten & Tango | MASCHINENHALLE des ehemaligen VEB ZERMA
(Meißner Straße 17, 01445 Radebeul, Straßenbahnhaltestelle Forststraße)

Piazzolla: Vier Jahreszeiten von Buenos Aires Ravel: Tzigane & Blues Schumann: Klavierquartett Op. 47

Noa Wildschut (Violine), Albrecht Menzel (Viola), Benedict Kloeckner (Violoncello), Danae Dörken (Klavier)

Mittwoch, 02.09.2026 | 18:00
Konzert 4 | Schloß Hoflößnitz | Bach und der Teufel

Geminiani: Sonate c-Moll Tartini: Sonate g-Moll “Teufelstriller-Sonate” Bach: Goldberg-Variationen BWV 988

Festkonzert anläßlich der Ausstellung von Christoph Wetzel (in Anwesenheit des Künstlers)

Albrecht Menzel (Violine), Knut Johannessen (Cembalo)

Samstag, 05.09.2026 | 16:00
Konzert 5 | QUARTIER 27 – OLDTIMERHALLE | Großes Finale
(im ehemaligen VEB Hochspannungsarmaturenwerk (HAW) Fabrikstr. 27, 01445 Radebeul, Parkplätze vorhanden (oder Bus 400 bis Ziegeleiweg)

Orchesterkonzert
Beethoven: Egmont-Ouvertüre Mendelssohn: Violinkonzert e-Moll Op. 64
Saint-Saëns: Rondo capriccioso Op. 28 Rimsky-Korsakov: Capriccio espagnol Op. 34

Elbland Philharmonie Sachsen, Albrecht Menzel (Violine), Hermes Helfricht (Dirigent)
Veranstalter:
Musik Festival Radebeul
PF 100207 | 01436 Radebeul
Tickettelefon, Whatsapp und Signal: 0174/2836650
E-Mail: tickets@musikfestivalradebeul.de
www.musikfestivalradebeul.de

 

Wer war Oscar Pletsch, wo wohnte und arbeitete er?

Der Künstler Oscar Pletsch, Repro: D. Lohse

Diesem Thema möchte ich mich über einen „Wenn-Satz“ nähern. Wenn ich ein bißchen früher geboren worden wäre, hätte ich Oscar Pletsch, rein theoretisch als Nachbarn kennen lernen können und das oder jenes über die Mauer zwischen den Grundstücken Borstraße 55 und 57 besprechen können, z.B, was gibt`s Neues in der Kunst. Aber „wenn“ ist hypothetisch und ich muss mich den Themen – sein Leben und sein Haus – etwas mühsamer über Recherchen nähern.
Johannes Heinrich Karl Albrecht Oscar Pletsch wurde am 26. März 1830 in Berlin geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater war da Zeichenlehrer und Lithograph, so dass seinem Wunsch, auch mal etwas Künstlerisches zu machen, die Türen offen standen. Pletsch studierte von 1846 bis 1850 an der Dresdner Kunstakademie bei Eduard Bendemann (1811-1889). Er lernte hier auch Ludwig Richter (1803-1884), den bekannten Romantiker kennen und wohnte ab 1855 eine Zeit lang bei ihm, lernte da viel und konnte sich etwas verdienen, indem er ein paar von Richters Entwürfen zu Ende führte. So wird uns klar, dass er bald Richters Stil „drauf hatte“ und Arbeiten von Richter und die seines Schülers kaum noch zu unterscheiden waren. Dadurch verpasste Pletsch aber, dass sich die Kunst im 19. Jh. stets weiter entwickelte, ohne dass das in seinen Arbeiten ablesbar gewesen wäre. Ab 1859 war er eine Zeit lang wieder in Berlin, wo er sich zunächst zeichnerisch an der „Bilderbibel“ unter Schnorr von Carolsfeld (1794-1872) beteiligte und 1860 schließlich sein erstes von ihm illustriertes Buch „Die Kinderstube“ herausgab. Bald war er „gut im Geschäft“ und es folgten die Bücher „Wie’s im Hause geht nach dem Alphabet“ (1861), „Was willst Du werden?“ (1862) und „Gute Freundschaft“ (1863). Ich hatte selbst mal in „Was willst Du werden?“, einem Almanach alter handwerklicher Berufe wie Müller, Hufschmied, Zimmermann, Steinmetz, dagegen Maschinenbauer als neueren Beruf (ein Arbeiter feilt an einem großen Lokomotivrad) mit Freude blättern können. Er war eben ein gelernter Romantiker!
1857 heiratete Pletsch die 1828 in Dresden geborene Amelie Krempel, gest. 1908. Das Paar bekam die beiden Töchter Catharina, gen. Käte, (1858- ca. 1945) und Gertrud, gen. Trude, (1861- 1940). Da Pletsch bis dahin mit an die 50 Buchtiteln gut verdient hatte, konnte er sich 1872 ein Haus in Niederlößnitz kaufen. Hier spielte sich ein Ritual ab: immer pünktlich um zwölf setzte der Meister (von großer, schlanker Gestalt) seinen Hut auf, nahm Stift und Skizzenblock und ging nach Altkötzschenbroda, wo er meist schon in der Vorwerkstraße spielende Kinder traf und so außer seinen eigenen Kindern genug Motive für seine Skizzen fand. Zuhause wurden diese dann in Holzschnitte oder Kupferstiche umgesetzt, mit possierlichem Beiwerk – Katzen, Hunden, Hühnern, Tauben, Spatzen und Weinranken – bereichert und gedruckt. Für Mädchen legte es die Lebensspur Hausmütterchen und Jungen sollten Handwerker werden oder Soldaten. Am Höhepunkt seines Schaffens galt Oscar Pletsch sogar für eine kurze Zeit als bester Kinderbuchautor Deutschlands. So füllten sich weitere neue Bücher oder auch Illustrierte wie „Die Gartenlaube“. Pletschs Bücher erschienen u.a. beim Alphons Dürr Verlag Leipzig und nach seinem Tod dann beim Leipziger Verlag Hegel u. Schade. Oft konnte er zu den Illustrationen auch passende Gedichte im romantischen Stil liefern. Er war und blieb zeitlebens der Kindermaler, bzw. Maler für Kinder. Seine künstlerische Laufbahn wurde 1877 mit der Verleihung eines Professorentitels gekrönt.

Wohnhaus Borstr. 57, Straßenseite, Foto: D. Lohse

Was ich über keine Quelle erfahren konnte war, ob Pletsch in Kötzschenbroda / Niederlößnitz außer als Künstler noch anders in Erscheinung getreten war. War er in einem Verein, hatte er vielleicht ein Amt oder Ehrenamt in der Gemeinde gehabt? Gern hätte ich Pletsch danach gefragt, ob er auch Gemälde, also Öl auf Leinwand, bzw. größerem Format gemacht und ob er auch andere Themen wie Landschaft, Stillleben oder Portraits bestritten habe. Ende der 70er Jahre ließ das öffentliche Interesse an seinen Büchern nach dem Schema „stilles Glück im deutschen Haus“ nach und 1881 weigerte sich sein Verleger sogar eines seiner Bücher aufzulegen. Er konnte offenbar seinen Stil als Richter-Schüler auch nicht mehr ändern und den künstlerischen und politischen Zeitgeist aufnehmen. Hinzu kam in den 80er Jahren, dass er leidend war, auf einen Rollstuhl angewiesen war und die Sehschärfe nachließ. Am 12. Januar 1888 starb Pletsch und wurde auf dem Kötzschenbrodaer Friedhof unter Beteiligung von der Berliner und Dresdner Künstlerschaft beigesetzt. Das Grabmal Pletschs habe ich trotz Nachfrage heute vergebens gesucht, es existiert nicht mehr. Nach Auskunft von Bernd Kretzschmar hatte Pletsch einen großen Findling als Grabstein erhalten auf dem später auch die Namen seiner Frau und seiner Töchter zu lesen waren.

Sein 1872 erworbenes Haus, in einer der Quellen sogar als Villa bezeichnet, ich fände Landhaus den treffenderen Titel, steht in einem ehemaligen Weinberg, der Mitte des 19. Jh. parzelliert und Stück um Stück bebaut wurde. Das etwa 1000m² große Grundstück liegt zwischen der Meißner Straße und der Borstraße und hat die Adresse Borstr. 57. Es wurde 1865 als das erste Haus in diesem Abschnitt der Borstraße vom Kötzschenbrodaer Baumeister Moritz Große errichtet, er hatte dann fast alle Häuser in dem Bereich erbaut. Vor Pletsch besaß Johann Heinrich Knappe die Parzelle 2046, der sie aber 1872 an Pletsch verkaufen musste. Ab diesem Zeitpunkt bis heute lautet die Parzelle 2688 / Gemarkung Niederlößnitz. Aber schon bald stellte sich heraus, dass das Haus dem Künstler etwas zu klein war, er brauchte vor allem ein Atelier. Warum der Auftrag 1873 zu Planung und Bau der Erweiterung auf der Westseite des Hauses nicht an Große, der zu dem Zeitpunkt noch lebte, erging, erscheint zumindest merkwürdig. Es war ja damals üblich, dass die leistungsstarken Baufirmen ihre Reviere „abgesteckt“ hatten. Den Auftrag erhielten die Gebr. Ziller, die damit in „fremden Gefilden“ bauten – die Baufirmen Große und Ziller konkurrierten normalerweise am Lößnitzer Baumarkt! Der Hintergrund dieses Geschehens soll gewesen sein, dass Moritz Ziller, geb. 1838, mit Pletsch’s älterer Tochter Käte, geb. 1858, verlobt gewesen sei. Es kam aber nicht zu einer Hochzeit.

Zimmermann, Bild aus »Was willst du werden«, Repro: D. Lohse

Besagter Anbau erfolgte zweigeschossig. Im EG befand sich der rote Salon für Empfänge gedacht und im OG lag das Atelier – beide Räume knapp 40m² groß. Es bekam ein großes nach Norden gerichtetes Fenster, was für Ateliers üblich ist. Später nach Pletsch’s Zeit wurde hier ein etwas kleineres Fenster für einen Wohnraum eingebaut. Am alten Gewände kann man heute noch die Größe des ehem. Atelierfensters erkennen. Während ich an dem Artikel schreibe (Mitte März), beginnt im Nachbargrundstück gerade die schöne Magnolie zu blühen, was von der Meißner Straße aus gut zu sehen ist. Sie ist alt, aber nicht so alt, dass Pletsch sie hätte gepflanzt haben könnte. Hoffentlich regnet es nicht so bald, dann wäre die Blütenpracht hin. Wie ich jetzt erfuhr, hatte sie der heutige Eigentümer 1974 gepflanzt, sie ist also nicht älter als 52 Jahre – wie man sich irren kann! Das Haus wurde in den 30er Jahren des 20. Jh. an den Elektromeister Erhard Kretzschmar verkauft, dessen Enkelsohn und seine Familie bewohnen das Haus noch heute. Das Haus Borstraße 57 ist nicht als Kulturdenkmal eingetragen. Die unverheirateten Töchter von Pletsch, Käte und Trude, konnten da weiter bis zu ihrem Tode um 1945 wohnen.
Oscar Pletsch geriet bald nach seinem Tode, abgesehen von einer kleinen Bilderaustellung 1930 zu seinem hundertsten Geburtstag, in Vergessenheit. 1935 wurde eine kurze Straße in Kötzschenbroda nach Oscar Pletsch benannt. Manche Leute, die heute durch die Oscar-Pletsch-Straße (zwischen Güterhofstraße u. Wilhelm-Eichler-Straße) laufen, fragen, wer war eigentlich Oscar Pletsch? Dieser Artikel ist da als kleine Hilfestellung gedacht! Ich danke meinen heutigen Nachbarn Herrn und Frau Kretzschmar für verschiedene Auskünfte und eine Ausleihe, Herrn Dr. Heeres für eine rasche Buchausleihe und dem Friedhofsmeister Groß für seine Mühe, auch wenn das Grab nicht mehr auffindbar war.

Dietrich Lohse


Quellen:

1. Liselotte Schließer, „Der Kindermaler Oskar Pletzsch“, Vorschau & Rückblick 01 / 94
2. Manfred Altner, „Sächs. Lebensbilder / Oscar Pletzsch ein Meister der Buchillustration“,
Reintzsch-Verlag 2001
3. Dietrich Buschbeck, „Oskar Pletsch, meisterlicher Buchillustrator und Weggefährte
Ludwig Richters“, Elbhangkurier 03 / 05
(In der Literatur tauchen verschiedene Schreibweisen des Vor- und Familiennamens auf – ich habe mich an Oscar Pletsch gehalten, entspr. des Straßenschildes.)

 

 

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