Baumpflanzungen in Radebeul

Am 15. November 2025 fand der Pflanztag der Radebeuler Gruppe des Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) statt. In Zusammenarbeit mit dem Sachgebiet Stadtgrün wurden dieses Jahr zwei Obstbäume für den Schillerhort mit tatkräftiger Hilfe von Kindern in die Erde gesetzt. Auch für den Baumschnitt an den bereits vorhandenen Bäumen sorgte ein Mitglied der Naturschutzgruppe. Die Ortsgruppe spendete sechs Apfelbäume für die Streuobstwiese am Löma-Center an der Radebeuler Stadtgrenze und zwei für die Selbstpflückerwiese am Robert-Werner-Platz. Eine bedeutende Pflanzung ist eine Birne im Innenhof des Weingutes Hoflößnitz. Dort befand sich einst eine Gärtnerei und allgemein Lebensraum für viele Menschen. Der markanteste Obstbaum im Grundstück war eine Birne, die vor Jahren durch einen Sturm zerbrach. Denkmalpflegerische Zielstellung ist die Neupflanzung einer Hochstamm Birne, welche nun durch den BUND ihre Erfüllung fand. Auch im nächsten Jahr wird es wieder einen Pflanztag geben.

Sylvia Preißler

Korrespondenz aus einer Nachbargemeinde

Den RB 50 lässt unsere liebe Deutsche Bahn wieder in Radebeul-Ost halten, das sogar mit Ansage: Umstieg zur Schmalspurbahn, Karl-May-Museum. Seit Dresden-Hauptbahnhof flitze ich nach Leipzig; und als ich ein paar Stunden später rücks der ältesten Fernbahnstrecke Deutschlands durch Radebeul streife, habe ich eine innere Zeitreise von sechs Jahrzehnten hinter mir, deren Protagonist aber wäre bereits gut im 7. Jahrzehnt angekommen: aller Liebling, Wendegewinner und noch bis zum 22.02.2026 Gegenstand einer Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig.

UNSER SANDMÄNNCHEN IN LEIPZIG ist die überschrieben. Und ja, da ist er, der Star des Deutschen Fernsehfunks/DFF/DDR-TV, dies in allerlei Modellen, Plastiken, nachgebauten Szenen, Fotos und Videos. Er ist Weltraumpilot, Lokführer, trifft Rapunzel, Werktätige aus Stadt und Land,  Kinder aus der ganzen Welt. Eine Welt im Frieden. Seine Freunde Herr Fuchs, Frau Elster, Onkel Uhu und der Koboldphilosoph Pittiplatsch sind höchstselbst da, andere Schnatterinchens & Co. im Bild. Für Momente werde ich sentimental, sehe mich, bereits im Schlafanzug, als kleiner Junge die Treppe im Radebeuler Haus zu Frau Klippstein hinauflaufen. Die hatte einen Fernseher und ich war für den Abendgruß immer „ihr Gast derweil“.

Puppentrickfilm handgemacht bedeutete, 25 Fotos für eine Sekunde Film. Nach jedem Klick mussten aus Idee, Geduld und Feingefühl allen Puppen neue Bewegung gegeben werden. 20 Sekunden Film an einem Arbeitstag. Die Motivation, die es dafür braucht, mag ich jetzt mal „positiv verrückt“ nennen. Auf jeden Fall schlüge dazu ein gutes Herz. Und sowas überlebt dann eben Verbeugung und DANKE.

Tobias Märksch

Stich ins Wespennest

Ergänzende Korrektur zum Beitrag „Sascha Schneider…“

Im Septemberheft von V&R hat Volker Rönsch es sich zur Aufgabe gemacht, mit Sascha Schneider (vielleicht gerade noch rechtzeitig) einen Künstler und „Visionär“ würdigend in Erinnerung zu rufen. Als Freund und Verehrer Karl Mays war Schneider kurzzeitig auch in Radebeul tätig.

In einem Nebensatz erwähnt der Autor mehr nur der Vollständigkeit wegen, „2024 restaurierte das Karl-May-Museum … mehrere seiner Monumentalgemälde“. Ohne es zu ahnen, geschweige denn, zu wollen, hat er dabei in ein Wespennest gestochen.

So sei mir an dieser Stelle eine kleine ergänzende Korrektur erlaubt: bereits in den Jahren 1994/95 war es der Künstler und Restaurator Enrico Scotta, der auf dringende Bitte hin des damaligen Museumsleiters Rene Wagner neben kleineren Bildern Schneiders Monumentalwerk „Das Gewissen“ (der Chodem)1 und das große Gemälde von der Custer-Schlacht2 in monatelanger Arbeit ehrenamtlich und auf eigene Kosten restaurierte. Er hat also den Gesamtaufwand dem Museum gespendet.

Hat René Wagner dieses Wissen mitgenommen, als er aus dem Amte schied? In seiner Nachfolge wurde jedenfalls eine Tafel angebracht, die den Eindruck erweckt, die Restaurierung sei aus einer anderen namhaften Spende finanziert worden.

In einem (mir vorliegenden) Schreiben hat der zwischenzeitliche Leiter Dr. Wacker Herrn Scotta zugesagt, eine Tafel mit dem genauen Sachzusammenhang anbringen zu wollen. Doch auch Wackers Amtszeit reichte dazu nicht aus.

Es ist hier nicht der Ort für Schuldzuweisungen. Mein Anliegen ist es lediglich, den Sachverhalt darzustellen und dem Künstler Enrico Scotta wenigstens nach dreißig Jahren einmal Dank zu sagen.

Zudem bewegt mich die fröhliche Hoffnung, daß die Bilder, ihr Schöpfer und der Restaurator im bald neugestalteten Museum ins richtige Licht gerückt werden.

Thomas Gerlach

Meine Schulwege in Radebeul

Gelegentlich waren hier kurze Schilderungen von Schülern und Schülerinnen über ihren aktuellen Schulweg zu lesen gewesen, ich kann mich daran erinnern. Aber wenn ich mein Langzeitgedächtnis bemühe, habe auch ich Erinnerungen an meine Schulwege und die Schulen in den 50er und 60er Jahren – wie war das damals?

Oberlößnitzer Schule, seit 1992 Grundschule Oberlößnitz
Foto: D. Lohse


Lang, lang ist es her, dass ich mit dem Ranzen auf dem Rücken durch die Straßen von Radebeul nacheinander zu drei Schulen gelaufen und später auch gefahren bin. Ich wohnte in der Zeit mit meinen Eltern und meinen Brüdern in der Einsteinstraße, nahe bei der Gaststätte „Zu den Linden“ in Radebeul Ost. Im September 1951 wurde ich in die Oberlößnitzer Grundschule, die später, als dann die Plattenbauschule stand, die „kleine Oberlößnitzer“ hieß, aufgenommen. Von Zuhause war es ein kurzer Weg beim Bäcker Bär (heißt heute Heinze) vorbei in die August-Bebel-Straße und da weiter bis zur Marienstraße, da ein Stück die Hausnummern abwärts bis zur Ernst-Thälmann-Straße (heute Hauptstraße) und diese aufwärts. Läden spielten beim Schulweg damals kaum eine Rolle, man hatte ja wenig Taschengeld. Hier hinderte mich dann bald ein hoher, grüner Bretterzaun, der die Russenkaserne weiträumig eingrenzte, die eigentlich aus besetzten Villen bestand, weiter bis zum Augustusweg zu gelangen – hier durften Deutsche nicht rein. Ich musste also auf der Maxim-Gorki-Straße und der Eduard-Bilz-Straße das Sperrgebiet umgehen. Das Sperrgebiet bestand etwa bis Anfang der 60er Jahre. Am Rondell, einem kaputten Springbrunnen, stieß ich dann endlich auf den Augustusweg und ging da noch ein kleines Stück in westlicher Richtung bis zur Bennostraße, wo die Schule steht. Die Wegstrecke von knapp zwei Km verlief in einem Zickzack-Kurs, war aber für einen Erstklässler gut zu bewältigen. Später, als ich ein paar Freunde in der Klasse gefunden hatte, trafen wir uns in der Goethestraße, was zwei Ecken mehr Weg bedeutete. Einige Namen von Schülern fallen mir noch ein: Carola L., Fritz B. und Dieter M.. Die „kleine Oberlößnitzer“ empfand ich als eine gemütliche Schule, sofern meine Erinnerung stimmt. Der Schule stand Herr Schliedermann als Direktor vor – aus meiner Sicht eine geachtete Persönlichkeit! Unsere Klassenlehrerin für etwa 30 Schüler war Frau Senning gewesen, eine ganz junge Lehrerin. An diese Lehrerin konnten wir uns alle gut gewöhnen, sie hatte fast eine mütterliche Ausstrahlung. Verheiratet hieß sie dann Reichert und sie verließ die Schule. Mathe lehrte Herr Ramm, Erd- und Heimatkunde Herr Olschock. Letzterer war eigentlich Pfarrer gewesen, hatte aber eine Umschulung als Neulehrer durchlaufen. Sein Unterricht war locker und unterhaltsam. Wer Lust hatte, konnte nachmittags in seine AG (Arbeitsgemeinschaft) Heimatgeschichte kommen. Die Teilnahme erstreckte sich über mehrere Altersgruppen und Klassenstufen. Da wurde wohl der Grundstock für meine spätere Tätigkeit gelegt. In diesem Rahmen fanden einmal im Jahr Exkursionen statt – mir fallen gerade noch die Ziele Moritzburg, Großsedlitz und Rochsburg ein. Eine tolle Zeit, kann sich vielleicht außer mir noch jemand an die AG erinnern?

In einem sehr strengen Winter, es könnte 1952/ 53 gewesen sein, hatten wir Unterricht in einem Ausweichsquartier auf der Gysaestraße (heute Bergblick) und auch im ehem. Bilz-Sanatorium auf der Eduard-Bilz-Straße. War die Heizung der Schule ausgefallen oder fehlte Heizmaterial? Ich weiß es heute nicht mehr. Bis zum Bergblick zu laufen, bedeutete aber eine Verdopplung meines Schulwegs. Beim Abschied morgens hatte Mutter immer betont: geh stets auf dem Fußweg! Aber gegenüber heute war der Verkehr sehr überschaubar, alle Stunden kam mal ein Auto (vielleicht eines mit „Holzvergaser“), ein Pferdefuhrwerk oder jemand mit Handwagen, das war`s. Dann, es war wohl 1955, kam ein amtlicher Brief an die Eltern, der für mich Folgen hatte. Wegen einer offiziellen Schulbezirks-Neueinteilung mussten ein paar Schüler meiner Klasse ab sofort in die Schillerschule Radebeul, Ernst-Thälmann-Straße (heute Hauptstraße) gehen. Da halfen auch die Proteste der Eltern nichts. Der neue Schulweg war mit etwa 1 km zwar kürzer, aber ich konnte mich schwer an die neuen Gesichter und den „großen, grauen Kasten“ gewöhnen und vermisste die „kleine Oberlößnitzer“ mit der Mehrzahl meiner Freunde. Langsam lernte ich die neuen Schüler und auch die Lehrer kennen und konnte mich dann an die Situation gewöhnen. Wenigstens gehörte ich noch eine Zeit lang der AG Heimatgeschichte bei Herrn Olschock an – tröstlich! Der kürzere Schulweg hatte nur eine Tücke, man musste die zunehmend stärker befahrene Stalinstraße, später Wilhelm-Pieck-Straße (heute Meißner Straße) mit Straßenbahnverkehr queren – Ampeln oder Zebrastreifen gab’s damals ja noch nicht. Wenn ich also über die Meißner Straße gegangen war, kam dann die ruhigere Rathenaustraße, der ich bis zur Wichernstraße folgte, dann nach rechts bis zur Hauptstraße und ich hatte die Schule fast erreicht. Von meinen neuen Schulkameraden habe ich mir noch die Namen Eckehard H., Günter Th. und Regine K. gemerkt, sie waren auch ganz nett. Der Direx hier war Herr Streubel, der stolz darauf war, ein Altkommunist zu sein. Er hat aber für einen normalen Betrieb an der Schule gesorgt, an Probleme erinnere ich mich nicht. Mathe gab hier Herr Teubert, der ein Bein etwas nachzog, wohl eine Kriegsverletzung. Sein Unterricht ist mir gut erinnerlich, weil er ein toller Pädagoge war, einen interessanten Unterricht bot und alle in der Klasse erreichte. Anders war es bei Herrn Walter, bei dem wir wohl Geschichte (?) lernen sollten. Er flocht immer mal wieder Kriegserlebnisse ein und hieß heimlich der „Panzerschreck“. Das Kriegsende lag etwa 13 Jahre zurück, da litten einige Menschen noch unter einem Kriegstrauma. Der Biologielehrer, Herr Richter, hatte für uns eine andere Spezialität: die „Pflanze der Woche“. Das war schon auch eine Wissenserweiterung.

Das bis dahin Gelernte reichte 1959 für den Übergang zur Erweiterten Oberschule, dem heutigen Gymnasium. Das ehemals kirchliche Luisenstift in der Straße der Jugend war seit 1870 eine reine Mädchenschule gewesen, bis in den 30er Jahren in der dann staatlichen Schule auch Jungen aufgenommen wurden. Das altehrwürdige Gebäude flößte den Neulingen der 9. Klassen schon etwas Respekt ein. Aber das Schöne war, dass ich hier ein paar alte Bekannte aus der Oberlößnitzer Schule wieder traf, u.a. Gunter St.. Ja, der Schulweg war mit ca. 3 km etwas länger geworden, aber kein Problem für 14- bis 15- jährige Schüler. Von Frühjahr bis Herbst konnte ich die Strecke immer mit dem Rad fahren – wenn`s schnell gehen musste fuhr man die Wilhelm-Pieck-Straße und dann die Paradiesstraße hoch bis an die Schule in Niederlößnitz. Etwas gemütlicher war die alternative Strecke über August-Bebel-Straße, Maxim-Gorki-Straße, Nizzastraße und noch ein Stück die Paradiesstraße bergauf. Wenn der Winter strenger ausfiel, lohnte sich eine Monatskarte und die Fahrt mit der Straßenbahn (ich glaube, es war damals die Linie 15) und einen halben Kilometer laufen bis zur Schule. Meine Klasse hieß 9 B1, was bedeutete, dass wir kein Latein, sondern Englisch als 2. Fremdsprache hatten. Russisch war die Pflicht-Fremdsprache. Und wir hatten einmal im Monat UTP (= Unterrichtstag in der Produktion). Was für uns hieß, dass wir zur LPG Gohlis über die Elbe fahren durften. Das Spannende dabei war die Überfahrt auf der Fähre an der Gohliser Windmühle, die längst den Betrieb eingestellt hat – schade! Mal war das anstrengend, mal interessant und mal langweilig, aber es musste sein. Nartürlich hatte auch diese Schule einen Direktor, das war die ganze Zeit über Herr Tonn – ein meist gestrenger Herrscher mit gelegentlich menschlichen Zügen. Später hatte ich Deutsch bei ihm. Das Fach Chemie lehrte uns Frau Dr. Reimann – noch „alte Schule“! Wenn eine Klassenarbeit geschrieben wurde, kam es schon mal vor, dass sie auch als ältere Lehrerin ihren Stuhl auf’s Katheter hob, um da sitzend aufzupassen, dass keiner spickt. Auch Fritz Thönen blieb mir als prima Lehrer im Fach Musik in Erinnerung, obwohl ich da nicht so glänzte.

1960 wurde ich plötzlich schwer krank und musste an der Schilddrüse operiert werden, was fast ein halbes Jahr Schulausfall bedeutete. Die Folge war, dass ich in die nachfolgende Klasse 10 B1 einstieg und schon wieder neue Schüler kennen lernte. Der Schulweg blieb aber der Gleiche. Ein Bekannter, ein „Schrauber“, hatte ein Dreiertandem gebaut und wir – Christian H., Claus M. und ich – hatten es geborgt, um als Gaudi damit einmal in die Schule zu fahren. Aber das Gaudi kam anders als wir dachten. Auf der Nizzastraße (alles voller Schlaglöcher) fuhren wir rüber auf den Fußweg, der besser war. Die Länge des Rades und der Schwenk von der Straße her bewirkten, dass alle Drei mit der rechten Schulter schmerzhaft einen Holzzaun berührten, der dann umfiel. Am Nachmittag waren wir so zu einer Sonderschicht verpflichtet, bis der Zaun wieder stand. Heute unvorstellbar, weil die Nizzastraße inzwischen in besserem Zustand ist.

Als unsere Klassenlehrerin fungierte Fräulein Schiel, bei der wir Geografie und z.T. Sport hatten. Komisch, damals galt der Begriff „Fräulein“ für’s ganze Leben, wenn man nicht verheiratet war. Wir hatten erfahren, dass sie vor 1945 verlobt gewesen war, der Bräutigam aber aus dem Krieg nicht heim gekommen war, damals leider kein Einzelfall. Wir mochten sie gern und hatten sie auch nach dem Abi immer mal getroffen oder eingeladen. In dieser für mich neuen Klasse hatte ich auch meine Tanzstunden-Dame Renate T. gefunden, man kennt sich heute noch! Unsere 12 B1 erreichte 1964 das Abitur, für viele, auch für mich, die Grundlage für ein Hochschulstudium. Damit wurden die Schulwege gleich viel, viel weiter, was aber hier das Thema meines Artikels sprengen würde.

Dietrich Lohse

PS.: Da ich nicht alle hier erwähnten Schüler fragen konnte, ob deren voller Name genannt werden darf, habe ich jeweils nur ein Kürzel verwendet, auch um eventuellen juristischen Komplikationen aus dem Wege zu gehen.

Weißes Roß – Geschichten aus der Kindheit – (12/12 Schluss)

Der Juli

Dieser Monat war geprägt von Muttels Geburtstag am 28. Juli. Vaterns Geburtstag habe ich nicht so in Erinnerung, er konnte ja von 1939 bis 1948 nicht bei uns sein. Aber Muttels Geburtstag war ein großer Tag. Alle Angestellten feierten die Chefin und wir bastelten und malten, was das Zeug hielt. Bei schönem Wetter wurde die Kaffeetafel im Grasgarten vor der Laube gedeckt, für uns Kinder auch etwas Besonderes. Einmal war auch die Dresdner Oma, begleitet von Tante Rosel mit dabei. Die Dresdner Oma verloren wir aber auch bald.

Im Juli fuhr Tante Emma mit uns für einige Wochen nach Oberbärenburg, ein Kinderparadies, zu dem es mich immer wieder hinzieht. An der Stelle, wo am Waldrand die Bank stand, auf der wir abends gerne saßen, steht jetzt der schöne Aussichtsturm, der einem Göpel aus dem Bergwerk nachempfunden wurde. Bei sehr klarem Wetter überblickt man das Elbtal von Meißen bis in die Sächsisch-Böhmische Schweiz. Als wir einmal auf der Bank saßen, sprach Tante Emma die unvergänglichen Worte: „Alles, alles ist vergänglich, nur der Kuhschwanz, der bleibt länglich.“ Doch hatten wir als Kinder noch keinen Begriff von der Zeit. Jeder Tag war lang, von morgens bis zum Abend. Das ist das Schöne und Einmalige an der Kindheit.

Neben der Pension Elise der beiden lieben Fräulein Spahn, wo wir unser Zimmerchen unterm Dach hatten, wohnte Tante Emma und Omas Schwester, die Tante Liesel, die ich auch sehr lieb hatte. Jeden Morgen musste ich zu ihr hinübergehen zum Haarkämmen. Tante Emma wurde mit meinem Schopf und den langen Zöpfen nicht fertig.

Obwohl Oberbärenburg inmitten seines Waldgürtels recht geschützt liegt, war doch einmal ein sehr heftiger Sturm, der mich auf dem Weg zu Tante Liesel voll erfasste und mich Dürrling ein Stückchen aushob. Zu Tode erschrocken rannte ich zu Tante Liesel, denn in mir lebte die Vorstellung vom fliegenden Robert im Struwwelpeter. Vom Winde davongetragen, wohin auch immer, getrennt von den Meinen ud hauptsächlich von Muttel, etwas Schlimmeres konnte es nicht geben. Aber Gottlob habe ich Oberbärenburg hauptsächlich bei Sonnenschein, der auf den bunten Gebirgswiesen lag, in Erinnerung. Für Wolfgang war die reine Gebirgsluft besonders dienlich, denn er hatte durch unsere dicke Elbluft asthmatische Beschwerden. Am Beginn unseres Aufenthaltes wurden wir gewogen und wir hatten bei der Heimreise immer zugenommen. Der Luftwechsel tat uns Kindern gut. Auch in Oberbärenburg waren wir immer beschäftigt und ließen Tante Emma in Ruhe. Vor allem bauten wir gerne Waldgärten. Material gab es ringsum genug. Fichtenzapfen, Borkenrinde, herrlich grünes Moos, Ästchen aller Art und helle Kieselsteine. Von Menschenhand wurde nichts davon zerstört, wir behoben im nächsten Jahr lediglich die Winterschäden.

Einmal brachte uns Vater mir dem Auto nach Oberbärenburg und wir aßen unterwegs an der Talsperre Malter zu Mittag. Das Mittagessen beeindruckte mich sehr, ich bekam ein kleines Schnitzel mit Spaghetti. Diese Zusammenstellung kannte ich nicht. Zu Hause gab es zu Schnitzel Rotkraut oder Gemüse mit Kartoffeln. Mit Spaghetti schmeckt es mir auch heute noch gut.

Mein Geburtstag fiel auch in den Juli und es waren noch richtige Geburtstage mit allen Nachbarskindern. Wir spielten „Bäumchen, Bäumchen wechsle dich“, denn der Grasgarten stand ja voller Obstbäume. Und dann „Wer will die goldene Brücke bau’n“. Dazu fassten sich gegenüberstehend zwei größere Kinder an den Händen und bildeten die Brücke. Die anderen bildeten eine Reihe und zogen unter Gesang „´wer will die goldene Brücke bau´n, wer hat sie denn zerbrochen…“ und: „der Letzte soll gefangen sein mit Spießen und mit Stangen“ hindurch. Das Kind, das zwischen die zwei Großen geraten war, wurde von ihnen mit den Armen umschlossen und musste sich dann hinten anstellen.

Den Schluss bildete dann Tauziehen, bis die Großen losließen und alles ins Gras purzelte.

Geturnt wurde auch viel, Purzelbäume vor- und rückwärts, Radschlagen und Handstand. Wolfs Hansel wurde sehr bewundert, denn er brachte einen perfekten Kopfstand zuwege.

Auf dem Geburtstagstisch stand der bunte Holzkranz mit den Geburtstagslichtern, jedes Jahr eines mehr, in der Mitte das große Lebenslicht. Tante Rosel erfüllte mir auch immer meine Wünsche. Einmal war es zum Beispiel ein langersehntes silbernes Armbändchen mit Glücksanhängern. Zum anderen Male ging mein Lieblingswunsch – und ich glaube, auch der von Wolfgang – nach einem Gartenzwerg in Erfüllung. Von Gartenzwergen wollte Muttel absolut nichts wissen. Für sie waren die Zwerge schlicht und einfach Kitsch. Tante Rosel hatte sie aber doch herumgekriegt, denn an einem Geburtstag – ich weiß nicht mehr an welchem – brachte sie zu unserem Entzücken drei Gartenzwerge mit. Ich weiß nur noch genau, dass Juttel ihrer auf einer Schnecke mit Haus thronte. Die beiden anderen waren glaube ich mit Spaten und Gießkanne bewaffnet.

So ähnlich spielte sich jeder Juli in meiner Kindheit ab.

Christa Stenzel/ Christian Grün

„Nacht der Chöre“ in 5. Auflage

Als außergewöhnliches Kulturereignis gestaltete sich am 30. Oktober die Nacht der Radebeuler Chöre in der Lutherkirche. Es präsentierten sich der Radebeuler Männerchor „Liederkranz 1844“ e.V. unter Leitung von Cornelia Matthes, der „Lößnitzchor“ unter Eric Weisheit, gleich drei Chöre dirigierte Chorleiter Seidel – die „Chorgemeinschaft Radebeul-Lindenau 1895“, „Sing My Soul“ der Lutherkirchgemeinde Radebeul und – wo gibt es so etwas noch? – den „Kneipenchor Radebeul“. Musikalische Begleiter waren das Orchester des Lößnitzgymnasiums, das speziell zu diesem Anlass zusammengestellt worden war und der Posaunenchor der Lutherkirchgemeinde.

Erste „Gänsehaut – Gefühle“ beim Gesang der Priester aus der „Zauberflöte“, zelebriert von allen Männern der beteiligten Chöre unter einfühlsamer Begleitung des Orchesters vom Lößnitzgymnasium. Festlich, geradezu hymnisch traf der Massenchor der Chorsänger den Nerv der Zuhörerschaft. Was auch das Verdienst des begleitenden Orchesters war.

Moderator Thomas Töpfer stellte die einzelnen Chöre vor, nicht ohne die Werbung zum Mitsingen für jedermann zu vergessen. Der traditionsreiche Männerchor Radebeul unter Leitung von Cornelia Matthes erfreute mit klassischem Männerchorgesang u.a. „Die Nacht“ von Abt und das „Türmerlied“ nach einem Goethe-Text. Mit Beifall quittierte das Publikum den im Quartett vorgetragenen Silcher- Satz „In einem kühlen Grunde“ mit Worten von Joseph von Eichendorf.

Die Liedfolge der „Chorgemeinschaft Radebeul – Lindenau“ zeigte auf, dass auch moderne Arrangements von Schlagerklassikern im Repertoire der Chöre zu finden sind, „Über sieben Brücken musst du gehen“ und „Du hast den Farbfilm vergessen“ waren ein besonderer Farbtupfer im Programm.

Unter Leitung von Robert Seidel konnte auch die Gruppe junger Leute „Sing my Soul“, die ihre Lieder im Gospelstil vortrugen, ihre Freude am Chorgesang nachweisen.

Klangvolles Intermezzo zwischen den Chorauftritten bot der Posaunenchor der Lutherkirche, die Musiker brachten den Kirchenraum zum Beben, auch mit Titeln nicht nur aus der Kirchenmusik.

Der traditionsreiche Lößnitzchor glänzte vor dem großen Finale mit seinen Liedvorträgen u.a. mit Franz Schuberts Komposition „Die Nacht“, Händels „Glücklich befreit“ und im modernen Stil „I will follow him“. Auch der Lößnitzchor pflegt den Gesang in der kleinen Vokalgruppe, FEINklang war dabei mit „Jay of hearts“.

Absoluter Höhepunkt des dreistündigen Konzerts waren erneut zwei Massenchöre, diesmal mit allen 150 Sängerinnen und Sängern und den Solisten Clara Först Sopran, Johannes Mittrach Tenor, und Constantin Haufe Bass. “ Lean on me“ von Bill Withers und „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ aus Joseph Haydns „Schöpfung“ waren für Mitwirkende und Zuhörer ein Erlebnis.

Viel Beifall und Standing Ovations waren der Lohn für alle Mitwirkenden, die sich mit dem Lößnitzlied verabschiedeten. Die Radebeuler Nacht der Chöre erwies sich als ein klingender Edelstein im Kulturkalender der Stadt und darf auf Fortsetzung hoffen.

Jochen Hiebel

Wirklich zum letzten Mal?

Fünf Bauherrenpreise für Radebeul 2025

Bild: M. Mitzschke


Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören, sagte Jens Baumann bei der Vergabe der jüngsten und letzten Radebeuler Bauherrenpreise am 14. November, die, wie seit vielen Jahren üblich, in der Filiale der Sparkasse in Radebeul West stattfand. Baumann ist von Anfang an dabei, als Jury-Mitglied, als Vereinsmitglied, mittlerweile als Vorsitzender des auslobenden Vereins für Denkmalpflege und neues Bauen (in) Radebeul, sowie Jury-Vorsitzender. Der 1997 erstmalig aufgelegte Radebeuler Bauherrenpreis ist damit Geschichte. Ist er das wirklich? So Mancher hat geflüstert, man könnte ihn vielleicht in ein neues Gewand kleiden: Das Bauen nach ökologischen und nachhaltigen Gesichtspunkten, besonders schöne Funktionsbauten oder einen Negativ-Preis vergeben für Gebäulichkeiten, die man nur hinter schnell wachsendem Knöterich (daher sein Beiname „Architektentrost“) verstecken kann. Oder was auch immer. Abgesehen davon: Es gäbe noch das eine oder andere neue Haus, die eine oder andere Villa, die noch ohne Plakette ist, die Villa Kolbe, zum Beispiel. Und in der Jury-Sitzung – aber ich greife vor.

Außenanlagen Bismarckturm
Foto: Archiv VfDuNB


Das Wiedererstehen von Altem und Denkmalwürdigen, das Neue Bauen und eine Garten- und Freiflächengestaltung; die Zahl der aller drei Jahre vergebenen Radebeuler Bauherrenpreise sollte einfach zu errechnen sein. Doch 2025 vergibt die 22-Köpfige Jury in den drei „üblichen“ Kategorien fünf Preise. Gleichberechtigte Jury-Gewinner in der Kategorie Denkmalpflege und Sanierung ist zum einen das Wohnhaus der Familie Gängler auf der Heinrich-Heine-Straße 10 und zum anderen das alte Trafohaus in Radebeul-Ost. Auch beim neuen Bauen gibt es zwei Sieger: Das neue Wohnhaus von Juliane Czychi und Jörg Heße auf der Morgenleite 10 und der „Neubau in altem Gewand“ von Antje Döring und Ralf Pannach auf der Serkowitzer Straße 16. Die neu gestaltete Außenanlage am Bismarckturm ist klarer Gewinner in der Kategorie Garten- und Freiflächengestaltung. Doch nicht nur die Jury, auch das Publikum (144 Stimmzettel habe ich mit-gezählt) begeisterte sich für den Neubau auf der Serkowitzer Straße 16. Auch die Außenanlagen des Bismarckturm gefielen Jury wie Publikum gleichermaßen. Anders beim Turmhaus Kynast. Während es bei der Jury leer ausging (davon später), war das Publikum von der aufwendigen Sanierung des Denkmals begeistert.

Trafo-Haus in Radebeul Ost
Foto: Archiv VfDuNB


„Wer glaubt, dass sich 22 Jury-Mitglieder immer einig sind, der irrt gewaltig“, plauderte Jens Baumann aus dem Nähkästchen. „Wir haben uns zwar nicht gerade gefetzt, aber es gab durchaus widersprechende Meinungen.“ Mancher scheint sich beim Betrachten der Ausstellung aller eingegangenen Bewerbungen gefragt haben, wieso denn das ehemalige Weingut Kynast immer noch ohne Preis ist. Dazu verrät Baumann aus der Jurysitzung: „Tatsächlich lag uns das hervorragend sanierte Turmhaus als Bewerbung vor, doch die Abstimmung ging am Ende anders aus. Familie Muth, begleitet von Architekt Volker Röhricht, arbeitet sich ja schon seit vielen Jahren mit großem Engagement an dem ehemaligen Weingut ab, Herren-, Gärtner-, Tor- und Badehaus, Park und Weinberg, nun noch das Turmhaus. Wenn es einen Preis gäbe, der dieses unglaubliche Engagement würdigt, müsste er Ensemble-Preis heißen. Doch den sieht unsere Satzung nicht vor.“ Eben, möchte man einwerfen. Das wäre doch ein Grund, den Preis noch ein wenig länger leben zu lassen. Vielleicht liest ja diesen Text der eine oder die andere VolksvertrererIn und stellt einen entsprechenden Antrag im Stadtrat.
Zweimal gab es in der Jury eine Pattsituation, sowohl beim neuen Bauern als auch bei Denkmalpflege und Sanierung. Da steht doch auf der Morgenleite 10 ein Neubau mit einer eigenen, sehr modern anmutenden Handschrift sowie zeitgemäßen Materialien. „Die zurückgesetzte Giebelwand, die mit ihrer rötlichen Holzverschalung und den signalroten Tür- und Fensterelementen farblich mit der Dachhaut kontrastiert, erweckt den Eindruck eines dreifach gefalteten Umschlags oder Überzugs, mit dem das Einfamilienhaus eingepackt oder eingewickelt wurde“, heißt es in der Bewerbung, die Dr. Michael Steinbusch, Mitarbeiter der Stadtentwicklung im Rathaus sowie Jury-Mitglied, unterstützt hatte. Die Eigentümer Juliane Czychi und Jörg Heße, freuen sich zudem, dass es ihrem Architekten Thomas Scharrer gelungen ist, trotz aller liebevollen Verspieltheit ein kompaktes Zuhause zu errichten, das für einen kleineren sechsstelligen Euro-Betrag zu haben war.

Villa Heinrich-Heine-Straße 10
Foto: Archiv VfDuNB


Auch neu gebaut, aber ganz anders, haben Antje Döring und Ralf Pannach auf der Serkowitzer Straße 16. Doch gaben sie ihrem Gebäude, das unmittelbar an der Straße steht, ein traditionelles Gewand in Fachwerk-Bauweise und verwendeten Materialien aus dem Vorgängerbau. Das langjährige Jury-Mitglied Dr.-Ing. Grit Heinrich hatte sich für diese Bewerbung (und vier andere) stark gemacht. Sie formuliert ihren Eindruck folgendermaßen: „Obwohl es nagelneu ist, könnte man meinen, es steht schon immer da. Es trumpft nicht auf, sondern passt sich ganz selbstverständlich ein in die umgebende dörfliche Struktur nahe des Serkowitzer Brunnenplatzes.“

Wohnhaus Morgenleite 10
Foto: Archiv VfDuNB


Ein noch gegensätzlicheres Paar machte der Jury im Bereich Denkmalpflege und Sanierung Kopfzerbrechen, weshalb sie sich auch hier zwei Preise vergab: Hier, auf der Heinrich-Heine-Straße 10, sanierte Familie Gängler mit viel Liebe für Details ein für Radebeul sehr typisches villenartiges Wohnanwesen und dort, an der Ecke Meißner-/Einsteinstraße steht dieser alte Funktionsbau von anno 1910, der innen gerade Platz bietet für einen mittelgroßen Schrank. Für Thomas Scharrer, dessen Architekturbüro auch diese beiden Sieger am Reißbrett verantwortete, fällt es schwer, sich in einem Satz zu beiden Denkmal-Projekten zu äußern. „Auf alle Fälle war es angenehm herausfordernd, sich mit diesem denkmalpflegerischen Gegensatzpaar auseinanderzusetzen“, meint er. Am Ende freut er sich, dass sein Büro bei den 2025er Bauherrenpreisen dreimal mit abgeräumt hat.

Wohnhaus Serkowitzer Straße 16
Foto: Archiv VfDuNB


19 Bewerbungen für den Radebeuler Bauherrenpreis 2025, eine mehr als 2022, gingen bis 15. August beim auslobenden Verein sowie bei der Stadt ein, davon zwölf in der Kategorie Denkmalpflege und Sanierung, fünf im Bereich Neues Bauen sowie zwei Vorschläge für die Garten- und Freiflächengestaltung. Die Sieger erhielten jene Plakette, welche der Grafiker Matthias Kratzschmer einst entwarf. Laut dem Wikipedia-Eintrag zum Radebeuler Bauherrenpreis wurde sie seit 1997 mehr als 120 Mal für Bauherrenpreise, Würdigungen und Anerkennungen vergeben. Der seit 2003 vergebene Publikumspreis kommt bislang auf etwa 50 Nennungen.

Zu den Siegern:
Außenanlagen Bismarckturm: Der 1907 errichtete Bismarckturm ist ein Radebeuler Wahrzeichen, das mit dem Einbau der Treppe 2015-2018 und den damit gestiegenen Besucherzahlen große Bedeutung erfuhr. Dem wurde jedoch das Umfeld nicht gerecht, was die Stadt nunmehr ändern ließ. Hangseitig wurden bereits vor wenigen Jahren Natursteinmauern und Sitzgelegenheiten geschaffen. Nun wurde die 14 Meter im Quadrat messende Fläche im Norden angegangen. Besucher freuen sich an einem Granitpflasterweg und einer wassergebundenen Wegedecke mit Einfassungen aus Sandstein, die zum Niedersetzen einladen. In die Sockel sind LED-Bänder integriert, die zum Abend hin Licht-Akzente setzen. Die Einfassung wird am Hauptzugang durchbrochen und ein zweites Mal auf der Westseite für einen behindertengerechten Abgang zu den unteren Aussichtsebenen. Das bestehende Baumviereck wurde an einer Stelle ergänzt und rahmt nunmehr das neue Parterre ein. Zwei bequeme Treppen führen auf die unteren Ebenen. Dort laden neue, an die Hangform angepasste Rundbänke zum Verweilen und Schauen in die umgebenden Weinhänge ein. Bei der Bepflanzung mit heimischen Gehölzen und Büschen hat die Coswiger Landschaftsarchitektin Dorothea Knibbe auch an Insekten und Kleintiere gedacht.

Trafohaus: 1910 aus Stahlbetonteilen auf einem quadratischen Grundriss errichtet, steht das Trafohaus heute unter Denkmalschutz. An der blechverkleideten Turmspitze sind noch die Porzellanisolatoren zu sehen. Das Dach darunter ist ziegelgedeckt, mit kleinen Schleppgauben. Das Häuschen war lange ungenutzt, Werbetafeln und Anschlusskästen verstellten die Sicht.

Im Zuge der Sanierung der Meißner Straße am Lindenstern wurden unter Regie der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) die Gleise geordnet und eine neue Haltstelle errichtet. „Irgendwo“ war die erforderliche Steuertechnik unterzubringen. Die DVB wollten zunächst die Fassade des Gasthauses „Zu den Linden“ mit den üblichen Kisten verunstalten. Dagegen legten die Planer der Stadt ihr Veto ein und brachten stattdessen eine neue Nutzung des alten Trafohauses ins Gespräch. Gesagt, getan. Die Stadt übernahm Planung und Ausführung, die DVB zahlten.

Chefplaner Thomas Scharrer ließ sein Team zunächst eine umfangreiche Bestands-Doku erstellen: Der Stahlbetonfertigteilbau anno 1910, was für eine Sensation für Architektur-Historiker! Es stellte sich heraus, die erste Deckung bestand nicht aus den heutigen Biberschwänzen sondern aus einer nahezu ausgestorbenen Art der „Turmbiber“. Also her mit dem ursprünglichen Material, auch wenn das ungeübte Auge behauptet: „Moment Mal, das sieht doch aus wie Plaste!“ Nein, aus Denkmal-Sicht ist es das einzig „Echte“! Die historischen Beschriftungen, die Stromleitungsführungen und die Isolatoren wurden entrostet, geputzt und gewienert. Innen waren indessen Brechstange und Presslufthammer vonnöten, Wände und Anstrich wurden erneuert, heute die Heimstatt moderner Technik.

Leider haben sich schnell selbsternannte Künstler (die sprichwörtlichen „Narrenhände“) gefunden, welche die Wände gleich wieder ver(un)zierten. Solches bereits voraus-denkend, hatte man im Rathaus (oder wo auch immer) ein paar Kübel der gelben Farbe für dergleichen Malheure deponiert. Man ahnt es: Diese Nach-Streicherei wird sicher noch häufiger notwendig sein.

Villa Heinrich-Heine-Straße 10: Das 1894 als Witwensitz von F.A. Bernhard Große geplante und gebaute Haus ist eine der am aufwendigsten gestalteten gründerzeitlichen Villen in der Niederlößnitz: Fensterumrahmungen im Renaissancestil, Zierbänder, Eckbossierungen, Drempel aus farbigen Klinkern, Dachdeckung mit Trapezschiefer sowie in „Bogenschnittschablonendeckung“, Regenrinne und Fallrohre aus Titanzink, Ziergeländer am Dachfirst, Fassadenstuck. Manche Stuckelemente waren stark beschädigt oder schon nicht mehr vorhanden. Die Handwerker nahmen von den Resten Silikonformen, um verloren Gegangenes nachzubilden. Zu DDR-Zeiten hatte die Fassade einen Spritzputz bekommen. Dabei störten sich die Putzer an Engelsköpfen über den Fensterbekrönungen und schlugen sie kurzerhand weg. Jetzt sind die Engelsköpfe wieder da. Da sich die Denkmalschutz-Ausweisung auch über den Garten erstreckt, wurde auch dieser nach historischem Vorbild hergestellt, das betraf Brunnenschale, Gartenwege und Beeteinfassungen. Hier haben sich die Eigentümer Dr. Beate und Felix Gängler, unterstützt von Thomas Scharrers Architekturbüro, ein Gesamtkunstwerk geschaffen.

Wohnhaus Morgenleite 10: Eines fällt sofort ins Auge: Die blaugraue Dachhaut, ohne sichtbaren Anschluss über beide Traufseiten heruntergezogen. Am Giebel über dem Eingang steht das Dach gut eineinhalb Meter über, einer riesigen Schirmmütze gleich. Es hat etwas Beschützendes, man denkt unwillkürlich an einen gezeichneten Schirmpilz aus alten Büchern mit Grimms Märchen oder hat vielleicht den Wohnsitz von Bilbo Beutlin („Der Herr der Ringe“) vor Augen. Das Haus könnte tatsächlich aus einem Trickfilm entsprungen sein. Dabei ist diese Bauweise gar nicht so modern: Bei manchen älteren Häusern wurde früher häufiger die Schiefer- oder Schindeldeckung, insbesondere an der Wetterseite, nahezu bis zum Boden herunter gezogen. Diese Verschmelzung von Dach- und Wandgestaltung gibt dem Häuschen fast schon etwas Monolithisches, jedenfalls sehr Eigenes. Deshalb darf aus der Jurysitzung kolportiert werden. „Sieht ja recht nett aus, aber passt es auch zur eher traditionellen Nachbarbebauung“, fragten einzelne kritische Geister. „Es passt“, entschied die Mehrheit und vergab den Preis. Und wieder ein Bauentwurf aus dem Radebeuler Planungsbüro SAI Scharrer Architekten und Ingenieure GmbH.

Serkowitzer Straße 16: Der Vorgängerbau stammt aus dem vor-vorigen Jahrhundert, wie Grit Heinrich recherchierte. 1945 brannte das Obergeschoss ab, erhielt ein Flachdach und wurde als Werkstatt und Lager genutzt. Daraus ein Wohnhaus machen? Schnell war den neuen Besitzern Antje Döring und Ralf Pannach nach dem Kauf 2017 klar, die alte Substanz gibt das nicht her. Aus dem Abriss bargen sie jedoch einige Teile, um sie im Neubau wieder zu verwenden. Nun gehört das Grundstück aber zum Sanierungsgebiet Ost, die Forderung der Stadtplanung war unmissverständlich: Ihr könnt gerne ein Wohnhaus bauen, aber es soll von der Straßenseite aussehen wie ein Wirtschaftsgebäude, keine Fenster, keine Gauben! Das Bauherren-Paar nahm die einengende Herausforderung an. Ihr Glück: In Sayda fanden sie einen Fachwerkspezialisten. Es entstand ein Neubau in Anlehnung an dörfliche Fachwerkbauten bzw. holzverschalte Nebengebäude: Holztor, Holzzaun, Sandsteinsockel; das Material: Französische Douglasie, Lehmziegelwand. Spaziergänger auf der Straße vermuten vielleicht tatsächlich nur eine neue Werkstatt. Doch weit gefehlt! Hofseitig erschließt sich ein zwar dörflich anmutendes, dennoch modernes Wohngebäude mit einer grünen Oase dahinter.

Hingehen, Anschauen. Oder auf eine der nächsten Bauherrenpreis-Wanderungen mit Michael Mitzschke warten. Diese Begehungen sind ja (auch) für ihre Feucht-Fröhlichkeit bekannt.

Burkhard Zscheischler

Erinnerungen an Barbara Plänitz

Am 7. September 2025 verstarb in den frühen Nachmittagsstunden Barbara Plänitz. Sie wurde 72 Jahre alt. Zur Trauerfeier am 24. Oktober bot sich in der Radebeuler Friedenskirche ein ungewöhnliches Bild. Nahezu 300 Menschen waren gekommen, um von der Verstorbenen Abschied zu nehmen. Neben der Familie trauerten auch Freunde, Nachbarn, Kollegen, Tagesmütter, Klassenkameraden, Kommilitonen, Künstler und Kulturschaffende, ja sogar Bürgermeister und Stadträte. Die große Anteilnahme war überwältigend. Und so gestaltete sich die Trauerzeremonie in der Friedenskirche, der Trauerzug, die Grablegung und das anschließende Gedenken in den Räumen der Friedenskirchgemeinde ganz im Sinne der Verstorbenen, die zeitlebens eine offene, zugewandte, kämpferische, energische Persönlichkeit war, aber mitunter auch sehr unnachgiebig sein konnte. Die Pfarrerin Annegret Fischer und Barbaras Nachfolgerin in der Beratungs- und Vermittlungsstelle für Kindertagespflege im Familienzentrum, Britta Schöne, fanden warmherzige Worte. Ihre Enkelkinder hatten die Urne mit heiteren Motiven bemalt und das große Porträtfoto zeigte eine fröhlich lachende Barbara.

Barbara Plänitz und Karl Uwe Baum zur Diskussionsrunde im Bürgertreff auf der Bahnhofstraße, April 2016
Foto: K. (Gerhardt) Baum

Im Nachruf, den der paritätische Wohlfahrtsverband am 2. Oktober veröffentlicht hatte, wurde Barbara Plänitz als eine Pionierin der Kindertagespflege bezeichnet. Und weiter heißt es, dass ihr Vermächtnis daran erinnern möge, „wie wichtig engagiertes kinderorientiertes Denken ist – und wie viel Gutes entstehen kann, wenn Mut, Fachkompetenz und Menschlichkeit Hand in Hand gehen“.

Mir wurde zunehmend bewusst, dass ich viele Facetten von Barbara gar nicht kannte. Trotzdem war es mir ein wichtiges Bedürfnis, mit einem Beitrag in „Vorschau & Rückblick“ an Barbara zu erinnern, was mir aber eben nur aus meiner ganz persönlichen Sicht, so wie ich Barbara wahrgenommen und verstanden habe, möglich ist.

Barbara Helene Keller wurde am 23. November 1952 in Dresden-Loschwitz geboren. Sie war das einzige gemeinsame Kind ihrer Eltern, welche in zweiter Ehe miteinander verheiratet waren. 1954 zog die Familie nach Radebeul ins eigene Haus auf der Käthe-Kollwitz-Straße. Zu ihrer zehn Jahre älteren Halbschwester hatte Barbara zeitlebens eine enge Beziehung. Sie besuchte den Evangelischen Kindergarten auf der Wilhelm-Busch-Straße. Eingeschult wurde sie 1959 in die Polytechnische Oberschule „Martin Andersen Nexö“ (heute Grundschule Niederlößnitz). Das Abitur absolvierte Barbara an der Erweiterten Oberschule Radebeul (heute Gymnasium Luisenstift).

Die Mutter hatte als Krankenschwester nur wenig Zeit. Für den Vater, der 25 Jahre älter als ihre Mutter war, bedeutete die Geburt der Tochter noch einmal ein spätes Lebensglück. Von ihm erfuhr sie viel Zuwendung. Als er starb, war das für die damals Dreizehnjährige ein traumatisches Ereignis.

Ihren späteren Ehemann Christian lernte sie auf einem Ausflug der Jungen Gemeinde kennen. Das junge Paar bekam drei Kinder. Gleichzeitig sanierten sie das Haus und Barbara erwarb an der TU Dresden ihr Diplom in der Fachrichtung Informationsverarbeitung. Danach arbeitete sie u.a. im VEB Kombinat Robotron, war zeitweise Hausfrau und später auch als Sprechstundenhilfe in einer Arztpraxis tätig. Der gesellschaftliche Umbruch eröffnete die Möglichkeit zur beruflichen Neuorientierung, eine Chance, die Barbara ergriffen hat. Sie studierte noch einmal und erwarb ihr Diplom als Sozialpädagogin.

Die Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs ging mit einer sozialen Durchmischung einher. Unsere Wege begannen sich verstärkt zu kreuzen, jedoch ohne dass wir voneinander wussten. Zum Bindeglied wurde Kathrin Wallrabe. Sie war gerade nach Radebeul gezogen. In ihr Tagebuch schrieb sie1986: „Ich bin froh, dass wir auch neue Bekannte haben, durch die Galerie und durch die Gemeinde und uns nicht abkapseln.“

Kathrin engagierte sich sowohl im Galerieinteressenkreis als auch in der Familieninitiative. Da die „Kleine Galerie“, welche sich damals in Radebeul-Ost befand, aus allen Nähten platzte, hatten wir uns erfolgreich um ein Grundstück in Altkötzschenbroda bemüht. Auch die Familieninitiative war auf der Suche nach Räumen. Welche Kettenreaktion mein Hinweis auf das freie Nachbargrundstück auslösen sollte, kann man in Kathrin Wallrabes zweiteiligem Beitrag „30 Jahre „Fami“ in Radebeul – eine Chronik“ (Vorschau & Rückblick, 2020/März, April) nachlesen. Aber ein persönlicher Kontakt zu Barbara Plänitz hatte sich daraus noch immer nicht ergeben.

So bezogen schließlich die Familieninitiative (1994) und die Stadtgalerie (1997) die Grundstücke Altkötzschenbroda 20 und 21. Die kleine Pforte zwischen beiden Anwesen symbolisierte Offenheit und Gemeinschaftssinn.

Vorbereitungstreffen zur 22. Radebeuler Kasperiade in der Stadtgalerie, v.l.n.r. Birgit Schaffer, Karl Uwe Baum, Karin Schröder, Barbara Plänitz, Marion Arnold, Juni 2009
Foto: K. (Gerhardt) Baum

Der Bürgermeister von Moritzburg Jörg Hänisch als Gratulant zur Verabschiedungsfeier von Barbara Plänitz im Familienzentrum, Mai 2018
Foto: K. (Gerhardt) Baum

Diese Pforte sollte sieben Jahre später auch eine ganz praktische Bedeutung erlangen, als die damals herrenlose Radebeuler Kasperiade im Jahr 2004 vom Radebeuler Kulturamt übernommen wurde und in dem benachbarten Familienzentrum in Gestalt von Barbara Plänitz einen Partner für das Figurentheaterfest fand. Barbara hatte dann neun Jahre lang eine entscheidende Rolle als Mittlerin zum Familienzentrum und Koordinatorin der ehrenamtlichen Helfer gespielt. Ehemänner, Kinder und Freunde wurden mobilisiert. Auf Barbara konnte man sich in jeder Hinsicht verlassen.
Nun ließe sich noch Vieles aufzählen, was Barbara Plänitz initiierte oder woran sie mitwirkte. Die evangelischen Hauskreise der Kirche boten dafür einen anregenden Nährboden. Daraus erwuchs beispielsweise der Friedenskreis, in welchem sich Barbara widerständig engagierte. Vor allem aber trug sie über viele Jahre wesentlich zur Profilierung des Familienzentrums bei. Als der Schauspieler Herbert Graedtke, der langjährige Vorsitzende des Fördervereins Internationales Wandertheaterfestival, im Jahr 2024 verstarb, stellte sich Barbara ohne Zögern für diese Funktion zur Verfügung.

Sie engagierte sich u.a. in der IG Jazz und in der AG Kötzschenbroda. Barbara war Mitglied im Schillerverein Weimar-Jena e. V.. Gemeinsam organisierten wir das erste Straßenfest auf der Käthe-Kollwitz-Straße. Auch beteiligte sie sich an „Kunst geht in Gärten“. Viele Erinnerungen verbinden sich mit Ausflügen und Museumsbesuchen.

Barbara Plänitz hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und setzte sich für alles ein, wovon sie überzeugt war. Sie besaß den Mut, auch unangenehme Dinge anzusprechen. Dass das Lügenmuseum geschlossen werden soll, dass der Bahnhof in Radebeul-West zur Ruine verkommt und dass intakte Gebäude abgerissen werden, dafür hatte sie keinerlei Verständnis. Bewundert habe ich Barbaras Logistik, wie es ihr gelang, ganz ohne Auto bis in die entlegensten Winkel der Lommatzscher Pflege vorzudringen, um „ihre“ Tagesmütter vor Ort aufzusuchen. Die ganze Familie bewegte sich von A nach B zu Fuß, mit Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie war begeistert vom Samstags-Wochenmarkt und unterstützte den lokalen Einzelhandel. „Was willst Du“, meinte sie, „wir haben doch alles vor der Haustür: Fleischer, Bäcker, Apotheke, Drogerie, Reformhaus, Modegeschäft, Bettenhaus, Schmuckgeschäft, Eisdiele, Schuhgeschäft, Uhrmacher, sogar zwei Buchhandlungen und ein Antiquariat.“

Kulturell war sie vielseitig interessiert, ja man kann sagen, dass sie eine „Kulturgroßverbraucherin“ war. Das Spektrum umfasste Schauspiel, Oper, Ballett, Literatur, Klassik, Jazz, Film und Bildende Kunst. So organisierte sie über viele Jahre die Ausstellungen im Café des Familienzentrums und hatte gar ein Premierenanrecht bei den Landesbühnen Sachsen.

Mit Barbara ist für mich ein Stück Heimat verlorengegangen. Sie gehörte zu den Menschen, die noch lesen, Radio hören und Briefe schreiben, die die Kultur nicht nur konsumieren, sondern auch darüber diskutieren wollen, die man spontan besuchen kann und die immer ein offenes Ohr haben. Oft saßen wir zusammen in der Wohnküche mit der gemütlichen Eckbank und der Tür zum Balkon, wo der wilde Wein im Laufe des Jahres vom zarten Grün bis ins weinrot wechselte, das Haus schützend, wie schmückend umhüllte und im Sommer Schatten spendete. Zu den Ritualen gehörte es, den Apfelmus in Strömen aus der „Flotten Lotte“ quellen zu lassen, selbsterfundene Theaterstücke von und mit der Familie und Freunden aufzuführen, gemeinsam und ausgiebig mit den Enkelkindern allerlei Spiele zu spielen, zur Weihnachtszeit mindestens zehn Sorten Kekse zu backen und die Alpenveilchen im Doppelfenster zu drapieren. Sie liebte es, zu besonderen Anlässen in der „guten Stube“ das „gute Geschirr“ für ein Mehrgänge-Menü aufzutragen, selbstverständlich mit weißer Tischdecke, frischen Blumen und Stoffservietten. Sie freute sich, wenn sie anderen eine Freude machen konnte. Sie ließ sich für Neues begeistern und schmiedete immerfort Pläne. Ideenzettel fanden sich in der Wohnung überall. Das Wegschmeißen fiel ihr schwer und was noch funktionierte, wurde be- und erhalten. Barbara war ein Genussmensch. Sie liebte das Bilz-Wellenbad und die Anlage von Schloss Wackerbarth. Oft war sie dort mit den Enkelkindern und hätte wohl gern noch eine Weile erlebt, wie sie aufwachsen.

Als wir am 1. Dezember 2024 mit den Geburtstagsgästen zur Doppel-Feier von Barbara und Christian Plänitz in geselliger Runde zusammensaßen, ahnte keiner, dass sich nur wenige Tage später, alles schlagartig ändern sollte. Der Diagnose Hirntumor folgten eine Operation und die sechswöchige Chemotherapie. Zwischen Hoffen und Bangen vergingen neun Monate. Solange es Barbara möglich war, zeigte sie aufmerksames Interesse an allem, was um sie herum geschah. Am 14. Januar mailte sie mir „Bin gerade nicht so stark, um zu kämpfen.“ Und ich antwortete „Liebe Barbara, Du kämpfst doch gerade sehr, nur diesmal für Dich und das ist wichtig.“

Barbara wurde von der Familie und Freunden liebevoll umsorgt. Die verbindenden Fäden liefen bei der Tochter Margret und ihrem Mann zusammen. Barbara wurde beschenkt mit Zuwendung, Zärtlichkeit und Zeit. Es wurde vorgelesen und gesungen. Doch die Spaziergänge wurden immer kürzer. Mitbringsel wie Blumen, Kuchen, Früchte und sogar gehäkelte Mützen sollten sie sie ein wenig erfreuen. Alle wollten etwas von dem zurückgeben, was sie von Barbara in so reichem Maße empfangen haben.

Auch der Humor spielte im Alltag von Barbara eine wesentliche Rolle. Ihr herzhaftes Lachen werde ich wohl nie vergessen. Erst neulich entdeckte ich eine Karte von ihr, mit folgender Botschaft:

Insbesondere für Dich, liebe Karin:
„Man kann nur
verstehen im Gefühl,
nur gestalten im Gewühl:
darum sind die großen Geister
im Chaos Meister.“

Gerhart Hauptmann

und herzliche Grüße von Barbara

Karin (Gerhardt) Baum

Gedenken zum 60. Todestag Paul Wilhelms (1886-1965)

Am 15. November 2024 haben Annerose und Gottfried Klitzsch in ihrer Villa in Radebeul-West, Hohe Str. 35, die Ausstellung „ Paul Wilhelm – im Garten seiner Kunst“ eröffnet. Sie vereint 80 Gemälde des Meisters. (V&R berichtete im Heft 12/2024)

Ausstellungsgespräch mit Prof. Dr. Harald Marx, Prof. Ralf Kerbach und Gottfried Klitzsch (v.l.n.r)
Foto: H. Flemming


Viele Kunstinteressierte, nicht nur aus dem Elbtal, waren gekommen, um die Ausstellung zu sehen, die auf Anfrage unverändert besichtigt werden kann und sich mit mehreren Sonderöffnungszeiten fast schon zu einer Dauerausstellung entwickelt hat.

Dies war die Grundlage, um auch des 60. Todestages von Paul Wilhelm am 23. Oktober 2025 in herausgehobener, besonderer und würdiger Weise zu gedenken.

Anknüpfend an die von Werner Schmidt zum zum 30. Todestag Wilhelms am 23. Oktober 1995 in der Johanneskapelle auf dem Radebeuler Johannesfriedhof ausgerichtete Gedenkfeier, sollte auch diesmal eine stille Stunde am Grab Paul Wilhelms gleichsam den geistigen Mittelpunkt des Erinnerns an diesen großen Künstler bilden.

Saxophonist Dietmar Diesner am Grab von Paul Wilhelm
Foto: H. Flemming


Um 14 Uhr versammelte sich dort bei Nieselregen unter Schirmen eine kleine Schar am feierlich geschmückten Grab, um sich dieses „…Vollenders und letzten bedeutenden Führers einer typischen Dresdner Malkultur…” (Fritz Löffler) zu erinnern. Der bekannte Dresdner Jazz-Musiker und Saxophonist Dietmar Diesner spannte mit einer nachdenklichen Performance zum Eingang und Ausgang dieser Stunde den musikalischen Raum für die eigenen Gedanken zu diesem Tag. Worte von Gottfried Klitzsch fassten Wesenszüge und Biografisches zusammen, umrissen die Bedeutung Paul Wilhelms für Kollegen seiner Zeit und für uns heute.

Am Abend fand 18 Uhr eine weitergehende Würdigung Paul Wilhelms in der Ausstellung selbst – inmitten seiner Bilder – in Form eines Ausstellungsgesprächs mit Professor Dr. Harald Marx, langjähriger Direktor der Galerie Alte Meister der Dresdner Kunstsammlungen und Professor Ralf Kerbach, Malerkollege Wilhelms und langjähriger Professor für Malerei und Grafik an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste statt.

Violinistin Johanna Mittag spielte zur Abendveranstaltung
Foto: H. Flemming


Dicht gedrängt füllte eine interessierte Kunstgemeinde die Räume in der AUSSTELLUNG DRESDNER KUNST und es entspann sich, moderiert von Herrn Klitzsch, eine angeregte Diskussion der Professoren Kerbach und Marx zum Wesen der uns in besonderem Maße berührenden Kunst Paul Wilhelms, ihrer Verankerung in der klassischen Kunst des 18. Jahrhunderts und ihrer Wirkung, bei der auch neuere Entwicklungen in der Hochschule, wie auch der Dresdner Museumslandschaft zur Sprache kamen. Der Abend wurde hinreißend von der Violinistin Johanna Mittag musikalisch begleitet und fand mit einer bejubelten Chaconne sein furioses Finale. Ihr sensibel-vortreffliches Spiel bleibt als ein Glanzlicht dieses Abends in Erinnerung. Anschließend war in kleinen Freundesgruppen bei Brot und Wein vor den Bildern Paul Wilhems ausreichend Zeit zum Gespräch, unter anderem auch mit dem Radebeuler Altmeister Peter Graf.

Wie man erleben und an den freudigen Gesichtern ablesen konnte, war es ein erfüllender, von vielen Besuchern begeistert aufgenommener Abend und ein gelungener Abschluss dieses Gedenktages zu Ehren eines großen Wahl-Radebeulers, der, wie sonst vielleicht nur noch Karl Kröner und Theodor Rosenhauer das künstlerische Bild der Lößnitz geprägt und seine Idee von der Schönheit mit derjenigen dieser Landschaft verschmolzen hat.

Sascha Graedtke

Spendenaufruf

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wie häufig am Ende eines Jahres, schaut unser Schatzmeister aufs Konto unseres Vereins, und:

Wenn alle Außenstände noch beglichen werden, können wir unsere Vorgabe, mindestens Druckkosten für eine Ausgabe in petto zu haben, leider nicht erfüllen, es sei denn, Sie unterstützen uns wieder. Jedes Jahr konnten wir auf Ihre finanzielle Hilfe zählen. Es wäre toll, wenn wir auch dieses Jahr damit rechnen könnten. Dann gehen wir in das Jahr 2026 mit der Gewissheit, gegen eventuelle Schwierigkeiten gewappnet zu sein.

Vielen Dank im Voraus!

Im Namen des Vereins
Ilona Rau

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