35 Jahre „Vorschau und Rückblick“

Lebendig, kritisch, abwechslungsreich

Vor 35 Jahren, erschien im Mai 1990 erstmals das kulturelle Monatsheft „Vorschau und Rückblick“. Herausgeber war die Radebeuler Bürgerinitiative Kultur, eine mehr oder weniger zufällig zusammengewürfelte kulturaffine lose Truppe von Enthusiasten, die nach 26-jähriger Pause die Radebeuler Monatszeitschrift „Vorschau“ wiederbeleben wollte.
Von der vagen Idee, welche im November 1989 auf einer Bürgerversammlung in der Friedenskirche öffentlich geäußert wurde, über die Erteilung der Druck-Lizenz im Februar 1990 bis zum Erscheinen des ersten Heftes im Mai, waren viele Hürden zu nehmen.
Voller Zuversicht, getragen von der Aufbruchstimmung in gesellschaftlicher Umbruchzeit, hatten sich eine Bühnen- und Kostümbildnerin, eine Galeristin, eine Museumsassistentin, ein Kulturcafèbetreiber, ein Museumsleiter, ein Dipl.-Ing. Architekt und ein Schauspieler auf dieses wagemutige Unterfangen eingelassen. Allerdings ohne den Journalisten Dieter Malschewski, der sich bereiterklärte, die Redaktionsleitung zu übernehmen, hätte das alles wohl nicht funktioniert. Er verfügte als einziger über die Erfahrung, wie man eine Zeitschrift gestaltet, hatte er doch schon als junger Redakteur in der früheren „Vorschau“ mitgearbeitet. Die Titelseite entwarf der Radebeuler Maler und Grafiker Günter Schmitz und die Titelbildzeichnungen für den ersten Jahrgang stammten vom Architekten Thilo Hänsel.
Im Vorwort schrieb Ulrike Kunze im Namen des Redaktionskollegiums „Wir wollen die Eigenheiten, Schönheiten und Probleme beschreiben, mit denen unsere Stadt locken und schrecken kann. Und wir wollen sie informieren über das hoffentlich immer reicher werdende Kulturangebot…“.
Auch der damalige Bürgermeister Dr. Volkmar Kunze gratulierte: „Mit diesem Heft liegt die „Nummer 1“ vor, zu der ich namens der Stadtverordnetenversammlung und der Stadtverwaltung herzliche Grüße und Glückwünsche übermitteln möchte und den Wunsch zum Ausdruck bringe, dass ein immerwährendes Erscheinen gesichert wird. Die Stadtverwaltung dankt dem Redaktionskollegium und versichert, stets und ständig unterstützend zu wirken. Zugleich wünschen wir der „Vorschau und Rückblick“ breite interessierte Leserkreise“.
Von der Stadtverwaltung gab es ein großzügiges Startkapital, doch das war schneller aufgebraucht als gedacht und so wuchs Monat um Monat der Schuldenberg. Die Utopie von der neuen Freiheit besaß einen Webfehler, sie wurde ohne die Zwänge der Marktwirtschaft geträumt.
Dass es stabiler Strukturen bedurfte, war allen recht schnell klar und so erfolgte im November 1991 die Gründung des Vereins Radebeuler Monatsheft e.V. „Vorschau & Rückblick“. Zum Vorsitzenden wurde Dietrich Lohse gewählt. Im Jahr 2002 übernahm Ilona Rau diese Funktion, welche sie bis heute innehat. Zum 30-jährigen Jubiläum im Jahr 2020 wurden einmal alle bis dahin für die Vorschau tätigen Akteure in der Mai-Ausgabe auf einer Doppelseite mit Porträtfoto und Funktionsbezeichnungen vorgestellt. Seitdem sind wiederum fünf Jahre vergangen. Auch die „Jugendredaktion“ hat nunmehr die 50 überschritten. Und man fragt sich besorgt, wo bleiben die Vertreter der Generationen Y und Z? Ja, selbst schreibfreudige Neurentner scheinen Mangelware zu sein.
Schon das erste kulturelle Monatsheft beinhaltete eine große Themenvielfalt, darunter Beiträge über Altkötzschenbroda, die Partnerstadt St. Ingbert, Natur- und Landschaftsschutz, die Malerin Gussy Hippold, die Puppentheatersammlung, das Karl-May-Museum, das Bilzbad und auch über die „Radebeuler Kino(un)kultur“. Sogar eine Glosse findet sich im ersten Heft, deren Verfasser ganz Inkognito zunächst mit „W. Z“., später mit „Wozi“ und ab 2018 mit „Motzi“ unterzeichnet. Angekündigt wurden ein Vortrag zur Geschichte Kötzschenbrodas mit anschließender Diskussion über dessen Perspektive sowie das erste Radebeuler Kurzfilmfestival im Café Poltorgeist, dem späteren Café Color. Veröffentlicht wurde auch eine Übersicht aller Radebeuler Kultureinrichtungen, von denen der überwiegende Teil schon lange nicht mehr existiert.

Unzählige Veranstaltungstipps sowie Ausstellungs-, Theater-, Film- und Musikrezensionen folgten. Und immer wieder trugen interessante Leserbeiträge wesentlich zur inhaltlichen Bereicherung des Heftes bei. Regelmäßig und unentgeltlich veröffentlichten u. a. die Stadtarchivarin und Heimatforscherin Liselotte Schließer, die Schriftstellerin Tine Schulze-Gerlach, der Literatur- und Kunstwissenschaftler Prof. Manfred Altner, der Vermessungsingenieur und Autor Thomas Gerlach themenspezifische Einzelbeiträge und Fortsetzungsserien.
Aber auch die Texte des Radebeuler Autorenkreises „Schreibende Senioren“, die Schreibwerkstatt für Schüler oder die Serie „Als die Läden noch Namen von Leuten trugen“ stießen auf große Resonanz.

Zum 25-jährigen Jubiläum gratulierte Radebeuls Oberbürgermeister Bert Wendsche auf eine sehr warmherzige emotionale Weise: „Wer die „Vorschau und Rückblick“-Hefte gesammelt hat, besitzt einen gut recherchierten Schatz an wissens- und bemerkenswerten Beiträgen über die Stadt Radebeul und deren Umgebung. Das inhaltliche Spektrum ist breit gefächert und behandelt Themen der Stadtgeschichte, Denkmalpflege, Botanik, Kunst und Kultur sowie des Vereinslebens und der Alltagskritik. Vermittelt werden nicht nur Sachinformationen, sondern auch Gefühle wie Geborgenheit und Zugehörigkeit. Und damit leistet diese heimatverbundene Publikation einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur lokalen und regionalen Identifikation.
Ich wünsche dem Redaktionskollegium weiterhin reichlich Inspiration und „flinke Federn“ und freue mich in jedem Monat immer wieder neu auf „Vorschau und Rückblick“.

Doch nicht jeder Beitrag löste bei allen Lesern Freude aus. Offensichtlich neigen einige Redaktionsmitglieder zur widerständig-subtil-ironischen Polemik. Aber gerade das ist es, was unserem Heft die Würze verleiht. Und auf den monatlichen Redaktionssitzungen geht es mitunter etwas turbulenter zu, als im nachfolgenden Idealfall beschrieben wird: Jeweils am 1. Donnerstag im Monat trifft sich das Redaktionskollegium bei Wasser und Wein. Das druckfrische Heft wird mehr oder wenige kritisch ausgewertet, danach schweift der erwartungsfroh fragende Blick des Chefredakteurs Sascha Graedtke in die Runde: Wer schreibt diesmal und worüber? Danach werden die zugesandten Beiträge vorgestellt und eine Auswahl getroffen. Es folgt allgemein Organisatorisches und hin und wieder wird auch mal etwas Persönliches ausgetauscht. Das Kunststück für den leitenden Redakteur und die Layouterin besteht darin, alles Material auf 32 Seiten unterzubringen. Dabei hat die Platzierung der Anzeigen Priorität, bilden sie doch die finanzielle Basis für das Druckerzeugnis.
Obwohl sich das Outfit von „Vorschau & Rückblick“ mehrfach verändert hat, wurde das Schulheftformat und der schwarz/weiß-Druck bis heute ganz bewusst beibehalten.
Erhältlich ist das Monatsheft in Radebeuler Museen, Galerien, Bibliotheken, Buchhandlungen sowie in weiteren Läden und öffentlich zugängigen Einrichtungen. Auf der Website gibt es eine Übersicht. Vorm Kunsthaus Kötzschenbroda befindet sich die 24-Stunden-Kulturkapsel, in der das aktuelle Heft bis Monatsende vorrätig ist. Auslagestellen befinden sich auch in Moritzburg, Coswig, Weinböhla, Cossebaude und Radeburg.
Es lohnt sich durchaus, einmal in den alten Heften zu stöbern – sowohl print als digital. Die kompletten Jahrgänge von der „Vorschau“ und von „Vorschau & Rückblick“ sind im Radebeuler Stadtarchiv hinterlegt und einsehbar. Darüber hinaus hat unsere Online-Redaktion damit begonnen, ältere Beiträge aufzubereiten und ins Netz zu stellen.
Wenngleich die monatlich erscheinende “Vorschau“ nur von 1954 bis 1963, also gerade einmal neun Jahre existierte, wurde sie zu einem begehrten Sammlerobjekt, quasi zu einem Mythos mit Kult-Status. Es ist schon ein wenig paradox, dass die einstige „Vorschau“ aus heutiger Sicht zur „Rückschau“ wurde und deren Nachfolgerin zu „Vorschau und Rückblick“.
Erfreulich wäre es, wenn es uns gelänge, ein stärkeres Interesse für unser kulturelles Monatsheft bei den Neu-Radebeulern und jungen Menschen zu wecken. Die Digitalisierung bietet eine gute Möglichkeit, um den Austausch zwischen Autoren und Lesern zu befördern, was leider noch zu wenig genutzt wird. Eine rege Kommunikation findet hingegen zum Radebeuler Grafikmarkt statt, auf dem die Redaktion mit einem eigenen Stand vertreten ist.
Mit der wechselvollen Entwicklungsgeschichte unsere Monatszeitschrift hatte sich im Jahr 2020 die Abiturientin Hanna Kazmirowski im Rahmen einer schulischen Abschlussarbeit auseinandergesetzt. Ihre umfassende und sehr gewissenhaft recherchierte „Dokumentation über eine Radebeuler Monatszeitschrift im Kontext gesellschaftlicher Umbrüche zwischen 1954 – 1963 und 1989 – 1993“ ist sehr aufschlussreich und empfehlenswert. Die komplexe Publikation steht im Netz und ist online abrufbar.
Übrigens gratulierte neulich eine treue Leserin zum 35-jährigen Jubiläum und meinte lachend „Bewahrt Euch den Blick über die Elbe, die Weinberge und den Tellerrand!“ Na klar, dass versprechen wir doch gern. Allerdings, und das ist der Wermutstropfen, bedarf unser Redaktionskollegium spätestens bis zum 40-jährigen Jubiläum einer dringenden Verjüngungskur.

Karin (Gerhardt) Baum

 

»WEGZEICHEN« – Arbeiten auf Papier von Annerose Schulze in der Hoflößnitz

Foto: F. Andert

Die Radebeuler Künstlerin Annerose Schulze beschäftigt sich seit den 1970er Jahren intensiv mit Genese und Konventionen sprachlicher, mathematischer und musikalischer Zeichen. So entsteht 1995 ihre Werkgruppe de-komm-post. In Collagen arrangiert sie Buchstaben und Zahlen auf papiernen Büttenfonds. Mitunter befinden sich die schwarzen und roten Lettern und Ziffern in freiem Fall, lösen sich vereinzelt aus Kaskaden und Ballungen, driften aus räumlichen Verspannungen schwarzer Balkenstrukturen. Bisweilen rotieren sie strudelnd auf einem Grund handgeschöpfter Papiere aus Zeitungsrissen und Pflanzenfasern. Transparente Seidenpapiere verhüllen die opaken Lettern, die ihrerseits bis zur Unkenntlichkeit im naturgefärbten Pendant verschwinden. Vlies- bzw. Synthetikfasern von Alltagsgegenständen, klebegummierte Ränder eines Briefmarkenbogens und schmale Streifen aus Hochglanzzeitschriften lassen uns Satzfragmente und Stichworte wie »I love Art«, »in der Frauenkirch«, »Kunst« und »leben« entziffern. Schulzes Werkgruppe wird zum Signal dessen, was Sprache zur Kommunikation und einem deutbaren Zeichensystem werden lässt, und wie sie sich ebenso rasch durch Misstrauen und Unvermögen zu einer Quelle allmählichen Kommunikationsverlustes wandelt.

»Adam«, 2010, Foto: A. Schulze

Die Bedrohung aquatischer Ökosysteme steht im Zentrum mehrerer aktueller Werkreihen von Annerose Schulze. Von 2015 bis 2019 arbeitet sie an einer mehrteiligen Installation unter dem Titel »…tropfen und fließen…«. Um dem Wasser als dem Ursprung alles Lebens ein bildkünstlerisches Äquivalent zu geben, entwickelt sie im Medium der Seidengarnstickerei abstrakte Bildzeichen, die archaisch-organische Formen zitieren. Es sind Kreissegmente, Spiralen und Kurvaturen in steil ansteigenden Wellenbergen und Tälern, Schwingungen nicht unähnlich. Die bei Lichteinfall schillernden Garne in Rosé- und Grautönen heben sich von ihrem Stickgrund ab, handgeschöpften nepalesischen Papieren, deren Fasern aus der Rinde des Loktabaumes gewonnen werden. Die installative Präsentation der Serie auf filigranen Konstruktionen geschweißter Stahlstäbe versetzt die horizontal darauf lagernden Blätter bei kleinster Erschütterung in Schwingung, die an eine wellenbewegte Wasseroberfläche denken lässt.
In den Werkfolgen »Das Gedächtnis des Wassers« und »Störungen« widmet sich die Mitbegründerin der Künstlerinnenvereinigung Dresdner Sezession 89 Risiken und Gefährdungen der Meere und urbanen Gewässer wie Atomwaffenversuchen, Folgen von Überfischung, Bauaktivitäten oder den Auswirkungen von endokrinen Substanzen im Abwasser sowie der zunehmenden Erderwärmung. Basis ihrer komplexen Collagen sind geschöpfte Japanpapiere. Diese bearbeitet Annerose Schulze mitunter von beiden Seiten. Großflächig, in abstraktem Duktus aquarelliert sie den Malgrund, lässt die Farbe in Rinnsalen oder kleineren Flächen frei fließen und tritt als Künstlerin bewusst hinter das akzidentielle Wirken der Farbe zurück. Über Collagen in variierenden Papieren setzt sie zarte Stickereien in pastellenem oder intensivem Colorit, die gegenständlichere Formulierungen sichtbar werden lassen.
Die Dekonstruktion von Schriftzeichen findet auch in den 2010 entstandenen Blättern »paradiesische Spuren« und »Adam« ihren Widerhall. Ausgangspunkt bilden auf wenige Fragmente kondensierte Einzelbuchstaben, die die Künstlerin als ornamentale Kürzel mit goldenem Garn in den Grund aus Loktapapier stickt. Beinahe warnend schimmern jene Lettern wie die geisterhafte Schrift, die dem babylonischen Fürsten Belsazar im Alten Testament während eines Festmahls plötzlich an der Wand entgegenleuchtet und sich als Menetekel offenbart. So künden jene Lettern in Annerose Schulzes »Paradiesische Spuren« auch vom universellen Scheitern der Menschheit. Der Apfel vom Baum der Erkenntnis ist bereits zu Boden gefallen und dunkle Blätter zeugen von der Sterblichkeit. Verführer und Verführter sind auf dem Blatt »Adam« in schwebender Konturierung in ein arabeskes Narrativ gefasst. Eva bleibt unsichtbar, die Schuld fällt hier symbolisch der männlich dominierten Zivilisation zu.
In den Arbeiten Annerose Schulzes designieren Zeichen einen eigenen Bedeutungshorizont, sind Wegweisungen einer ethisch-moralischen Aufforderung zur Vita activa. Die Betrachtung ihrer Werke spiegelt nicht allein die Fragilität und Schönheit unseres bedrohten physischen Lebensraums und unserer freiheitlichen, demokratischen Werte. Wir werden zugleich angehalten, die davon ausgehende ästhetische Erfahrung als motivierende Interaktion von lebendigem Geschöpf und Umwelt wahrzunehmen und somit als Teil des eigentlichen Lebensprozesses zu begreifen.
Katharina Arlt


Die Ausstellung »Wegzeichen« mit Collagen und Assemblagen von Annerose Schulze ist noch bis 18. Mai im Bergverwalterhaus der Hoflößnitz in Radebeul, Knohllweg 37, zu sehen, geöffnet Di–So 10–18 Uhr.

Lebensfreude – Michael Hofmann zum 80. Geburtstag

„Die Freude ist ein Lebensbedürfnis, eine Lebenskraft und ein Lebenswert.“
Paul Wilhelm von Keppler (katholischer Theologe und Bischof des Bistums Rottenburg im 19. Jh.)

Foto: G. Dabow

In der heutigen Zeit, die uns mit Krieg, mit Flüchtlings- und Umweltkrisen überzieht, mit einem imperatorischen Autokraten im Osten und einem Möchtegernautokraten jenseits des Atlantiks, scheint die Lebensfreude vielen Menschen im Augenblick abhandengekommen zu sein. Dem setzt die Stadtgalerie Radebeul eine Ausstellung entgegen, die zu Ehren des Kunstpreisträgers der Stadt Radebeul 2024 und zum 80. Geburtstag von Michael Hofmann ausgerichtet wurde.
Die Lebensfreude von Michael Hofmann ist in den Räumen in allen Ecken spürbar – die Farbigkeit und das Licht in Gemälden und Holzschnitten versetzen den Besucher in heitere Stimmung. Denn wie bereits Jean Paul feststellte, sind „Die Freude und das Lächeln… der Sommer des Lebens“. Man möchte aufbrechen in die Weinberge der Lößnitz oder an den Gardasee. Denn bei aller Heimatverbundenheit ist der Künstler gern auf Reisen und lässt uns an der Entdeckung, vornehmlich südlicher Landschaften und Städte, teilhaben. Nie geht es ihm um das Spektakuläre. Das ist nicht spannend und bereits tausendfach abgebildet. Sein Thema ist das Alltägliche. Was passiert, wenn ich um diese Ecke gehe, wer oder was erscheint im nächsten Augenblick vor der der weit geöffneten Fenstertür, z.B. wie hier am Gardasee? Der Ausblick verschafft Einblicke. Michael Hofmann lässt uns so an seiner Entdeckerfreude teilhaben und regt die Phantasie des Betrachters an. Die Ausstellung legt bewusst das Augenmerk auf Gemälde, die immer noch nicht so bekannt sind, wie die grandiosen Farbholzschnitte. Im Erdgeschoss ist eine Auswahl von 1985 bis 2025 zu sehen. Sie bestechen nicht nur durch ihre Farbigkeit, sondern erhalten ihren Charakter durch die Reduzierung auf großzügige Flächen. Lebendig werden sie durch schiefe, stürzende Linien, die die Augen des Betrachters auf das Zentrum lenken.

Nicht so sehr im Fokus sind Michaels Arbeiten für die Kunst am Bau, die in der Ausstellung schlaglichtartig behandelt werden. Entwürfe für ausgeführte Arbeiten sind ebenso zu sehen, wie nicht zustande gekommene Werke, wie für das Bischoff Haus in Dresden oder ein Bürocenter eben dort. Beeindruckend ist die Wandgestaltung in der Mensa des ehemaligen Schlachthofes, welche nach der „Wende“, wie so viele baugebundene Arbeiten auf dem Gebiet der DDR entsorgt wurde. Nur s/w- Fotos vermitteln noch einen Eindruck.
Neben der baugebundenen Kunst liegt ein Schwerpunkt selbstverständlich auf den Farbholzschnitten. Michael Hofmann arbeitet zumeist mit der verlorenen Form. Er beginnt mit schwarz (eine selten angewandte Technik) und verwendet bis zu zehn Farben. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Er sucht nach einer Verknappung der Form und immer blitzt der Schalk des Künstlers aus dem Blatt.
Michael Hofmann ist nicht nur ein äußerst begabter Künstler, er ist auch ein guter Freund, ein Mensch, der auf andere Menschen zu geht und dabei seine Lebensfreude mit anderen teilt.
Alexander Lange


Bis zum 4. Mai können die Besucherinnen und Besucher zu den Öffnungszeiten der Stadtgalerie (DI/MI/DO 14-18 Uhr, SO 13–17 Uhr) an seiner Lebhaftigkeit teilhaben.

35 Jahre Vorschau und Rückblick

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Leserinnen und Leser,
mitten zwischen die beiden großen deutschlandweiten 35er Jubiläen – gedenkend der friedlichen Revolution im Herbst 1989 sowie der deutschen Wiedervereinigung am 03.10.1990 – fällt für Radebeul ein weiteres 35-jähriges Jubiläum: Das erstmalige Erscheinen von „Vorschau und Rückblick“, einem Kind der neu gewonnenen Freiheit vor 35 Jahren.
Ein solches Jubiläum des Bestehens einer kleinen Zeitschrift ist in den heutigen Zeiten, da selbst die etablierten Zeitungen und Zeitschriften mit sinkenden Verkaufs- bzw. Abonnentenzahlen zu kämpfen haben und ein großer Teil der Menschen „im Digitalen“ liest, eine tolle Leistung!
Das Heer der Enthusiasten der Autoren und Herausgeber, die das Radebeuler Kultur-, Kunst- und Geschichtsleben redaktionell begleiten und es immer wieder schaffen, monatlich ein anspruchsvolles Heft herauszubringen, hat sich im Lauf der Zeit geändert, dennoch sind sogar einige Gründungsmitglieder noch aktiv.
In den zahlreichen Ablagestellen in unserer Stadt wird am Monatsanfang geschaut, ob die „Vorschau“ schon da ist. Dies zeigt, dass diese Zeitschrift ihren Leserkreis in Radebeul gefunden und bewahrt hat.
Wie hieß es doch in der letzten Glosse: „Jeder kann heutzutage zu allem seinen Senf abgeben, was ja zweifelsfrei von dem so hochgehaltenen Begriff der >Freiheit< gedeckt scheint.“ Möge zum einen die Freiheit in unserer Gesellschaft nicht nur als Begriff hochgehalten werden, sondern vor allem verantwortungsvoll gelebt werden. Und möge die Vorschau immer wieder die Kraft finden, den Verlockungen des „Stammtischgeplappers“ zu widerstehen und stattdessen der „fachlich fundierten Aussage“ Raum zu geben und diese zu verteidigen.
In diesem Sinne sende ich einen herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum. Ich verbinde dies zugleich mit dem Wunsch nach einem stets breiten Fundus an spannenden Themen als Basis für zahlreiche weitere Ausgaben der Radebeuler „Vorschau & Rückblick“.
Ihr Oberbürgermeister Bert Wendsche

Editorial 05-2025

Liebe Leserinnen und Leser,

mit dieser Ausgabe von „Vorschau & Rückblick“ halten Sie erneut ein Jubiläumsheft in den Händen!
35 Jahre! – Wer hätte das gedacht? Aus der Anfangseuphorie der Gründungsmitglieder in den Tagen der Wendezeit ist ein beständiger und im Radebeuler Kulturleben kaum wegzudenkender Anker geworden. Zum festlichen Anlass haben wir weder Kosten noch Mühen gescheut und acht Seiten als eine Art Sonderbonus draufgeschlagen.
Auch unsere Geburtstagsstatistik ist bemerkenswert. Einige durchaus erstaunliche statistische Zahlen seien hier genannt: Bisher wurden insgesamt 420 Hefte veröffentlicht. Mit einer monatlichen Auflagenhöhe von ca. 3.000 Exemplaren wurden somit etwa sage und schreibe 1,26 Mill. Hefte verteilt! (Also durchaus ein Blatt mit Millionenauflage!) Dies entspricht mit über 15.000 Seiten und fast 5.000 Beiträgen einer nahezu unüberschaubaren Redaktionsarbeit, die mit blanken Zahlen kaum zu ermessen ist!
Unser besonderer Dank gilt der Lößnitz Druck GmbH, die von erster Stunde an mit der Herstellung aller Ausgaben betraut ist. Zudem ist an dieser Stelle auch Antje Herrmann zu nennen, die extern seit fast drei Jahrzehnten im drucktechnischen (Layout) und ab Herbst 2009 zudem für den kaufmännischen Bereich des Anzeigengeschäftes verantwortlich zeichnet.
Was ist nach all den Jahren zu konstatieren? – Neben dem ständigen Wandel zeigt „Vorschau & Rückblick“ bis heute eine bemerkenswerte Kontinuität.
Helfen Sie uns, dass es so bleibt! Unterstützen Sie den Fortbestand mit einer Spende, einer Mitgliedschaft oder noch besser: Bringen Sie sich aktiv ein und gestalten Sie das inhaltliche Profil dieses kulturellen Monatsheftes mit!
In welcher Funktion auch immer – bleiben Sie uns gewogen!

Im Namen der Redaktion
Sascha Graedtke

 

Mit Michael Wüstefeld poetisch durch das Jahr

ZUR TITELBILDSERIE

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Winzerhäuser

Unter der Adresse Weinbergstraße 28 finden wir „Haus Lorenz“, ein ehemaliges Weingut. Das Haus ist in eine Begrenzungs- und Stützmauer aus Sandstein längs der Weinbergstraße eingefügt, lässt aber noch Platz für einen schmalen Vorgarten mit Weinspalieren. An der westlichen Einfahrt stehen zwei Sandsteinschäfte mit Kugelaufsätzen. Der um 1680 errichtete Bau ist langgestreckt, zweigeschossig und hat ein hohes, ziegelgedecktes Walmdach mit zwei Fledermausgaupen. Ursprünglich war hier Fachwerk in zwei Geschossen vorhanden, nach und nach wurden Zweidrittel des EG massiv ausgeführt. Bis 1998 trug das OG eine dunkle Verbretterung, die für die Instandsetzung durch Familie Hammermüller abgenommen werden musste. Für alle überraschend traten jetzt die historischen Ausmalungen der Gefache zutage. Der planende Architekt Tilo Kempe schlug eine restauratorische Aufarbeitung der Bemalung vor, der der Denkmalschutz zustimmen konnte – heute der Blickpunkt für Wanderer auf der Weinbergstraße. Der westliche Teil des EG war früher Stall und wurde 1998 zu Wohnraum umgebaut. Nach dem Hof schließt sich nördlich ein Weinberg an, der verpachtet ist . Der in Radebeul geläufige Name „Haus Lorenz“ geht auf eine hier von 1891 – 1939 lebende Familie Lorenz zurück, die nach der Reblauskatastrophe eine Gärtnerei betrieb. Die heutigen Eigentümer sind die Ärzte Dr. Ulrike und Dr. Uwe Hammermüller. In Anerkennung ihrer Leistungen erhielt Familie Hammermüller 2010 den Radebeuler Bauherrenpreis.

Dietrich Lohse

Radebeuler Miniaturen

Verrechnet?

(ein Beitrag zum Weltlügentag)

Sätze die die Welt zerstören (oder wenigstens das, was schön ist an ihr).

Ich rechne mich nicht. Du rechnest dich nicht. Er, sie rechnet sich nicht. ES rechnet sich gleich gar nicht.

Da erübrigt sich jedes weitere Wort. Der Verwalter der offiziell leeren Kassen hat das letzte Wort: Es rechnet sich nicht.

An einem der wenigen schönen Tage eines der letzten Jahre begegnete mir anläßlich eines der mit der Zeit immer unvermeidbarer werdenden „Ehemaligentreffen“ eine Freundin längst verflossener Jahre: Miriam. Wir haben uns sofort wiedererkannt und schnell bemerkt, daß wir doch eine Reihe von Gemeinsamkeiten hatten, die per Postkarte zu pflegen, wir uns nun gegenseitig in die Hand versprachen.

In der Folge erhielt (und schrieb) ich pro Woche vielleicht drei Postkarten heiteren oder auch mal nachdenklichen Inhalts. Mal war es eine besonders originelle Karte („die wird dir gefallen“), mal ein bemerkenswerter Gedanke („wie findest du das?“), der die sofortige Mit-Teilung rechtfertigte. Auf diese Weise verdiente die Post allein an unserem Kartenwechsel im Jahr runde 220 €uro, ohne dabei mehr Aufwand als vorher auch treiben zu müssen.

Da aber gefiel es den zuständigen Stellen, das Porto der offenen Karte an das des geschlossenen Briefes anzugleichen und beide empfindlich zu erhöhen. Daraufhin blieben die Karten aus. Auf einer letzten stand der Satz, „das geht zu weit, ich denk mir etwas anderes aus …“.

Nun, am Ende des Quartals, kam eine größere Sendung (bis 500g 1,80) mit sechsunddreißig wie bisher beschriebenen Karten. Miriam spart auf diese Weise knapp acht €uro im Monat (die dank der Tariferhöhung der Post verloren gehen – und wir sind ja nicht die einzigen, die bis vor kurzem Karten schrieben…). Wer hat sich da verrechnet?

Zunächst haben wir uns ins Fäustchen gelacht, den gierigen Geier ausgetrickst zu haben, aber eigentlich war das direkte Hin und Her, war Aktion und Reaktion doch schöner. Das aber ist das Schlechte am Schönen: Es rechnet sich nicht – wie die Post …

Thomas Gerlach

17. Thematischer Filmclubabend

Das Radebeuler Wanderkino „Film Club Mobil“ zeigt im Monat April den Spielfilm „Le Temps d`aimer“, welcher im puritanischen Frankreich der unmittelbaren Nachkriegszeit spielt. Verstörende Dokumentaraufnahmen aus dem Jahr 1947, die dem Filmdrama vorangestellt wurden, konfrontieren den Betrachter mit den widersprüchlichen Reaktionen der Franzosen. Wenngleich die überwältigende Freude über die Befreiung von den deutschen Besatzern dominiert, schwingen da auch Gefühle wie Hass, Niedertracht, Scham und Verzweiflung mit. Die französisch/belgische Koproduktion kam 2023 in die Kinos und spannt einen weiten Bogen von der Vergangenheit bis in die Gegenwart.

Obwohl der zweite Weltkrieg vor achtzig Jahren endete, stoßen wir noch heute in Radebeul auf Spuren aus dieser Zeit. Ein zweites Mal hat sich die Cineastengruppe als Veranstaltungsort den ehemaligen Luftschutzbunker Oberlößnitz ausgewählt, der gegen Ende des Zweiten Weltkrieges von russischen Kriegsgefangenen in den Weinberg getrieben wurde.

Französische Kriegsgefangene hingegen kamen in Radebeul bereits während des ersten Weltkrieges beim Bau des Wasserturmes (im Volksmund Franzosenturm genannt) zum Einsatz. Während des zweiten Weltkrieges hatte man sie für Rodungsarbeiten und das Aufsetzen von Trockenmauern im Weinbau eingesetzt. Zahlreiche Dokumente, Zeitzeugenberichte und Fotografien befinden sich hierüber im Radebeuler Stadtarchiv.

Zur Belebung des interkulturellen Dialoges zwischen Frankreich und Deutschland leistet das vielfältig vernetzte Institut français einen wesentlichen Beitrag. Die Anregung zur Kooperation mit der in Dresden ansässigen Zweigstelle ging von der französischen Künstlerin Sophie Cau aus, die seit 1997 in Radebeul lebt und freischaffend tätig ist. Sie knüpfte auch den Kontakt zu dem französischen Dokumentarfilmer Julien Deschamps, welcher in den Spielfilm „Le Temps d`aimer“ einführen wird.

Karin Baum und Michael Heuser
Sprecher der Cineastengruppe „Film Club Mobil“ im Radebeuler Kultur e. V.
Vive la France! Es lebe Frankreich!

 

„Le Temps d’aimer“ (Zeit für Liebe)

2023, Spielfilm, Frankreich/Belgien, 125 Minuten, FSK 16
Regie: Katell Quillévéré
Drehbuch: Katell Quillévéré und Gilles Taurand
Musik: Amine Bouhafa
Darsteller: Anaïs Demoustier, Vincent Lacoste, Morgan Bailey, Hélios Karyo, Josse Capet

Filmbeschreibung:
„Le Temps d’aimer“ erzählt die Geschichte von Madeleine, einer französischen Frau, die während des Zweiten Weltkriegs eine kurze Romanze mit einem deutschen Offizier hatte, bevor er an der Front verschwand. Aus dieser flüchtigen Liebe ging ein Sohn hervor, den sie allein und ohne familiäre Unterstützung aufzog, wobei sie ihr Geheimnis und die schreckliche Schande für sich behielt, die sie bei der Befreiung Frankreichs erleiden musste, als sie Opfer öffentlicher Demütigungen wurde, wie viele andere Frauen, die von der Volksjustiz beschuldigt wurden, mit dem Feind „herumgemacht“ zu haben. Der Film beginnt mit schwierigen Archivaufnahmen dieser Ereignisse, die Frankreich nicht zur Ehre gereichen und deren Grausamkeit und symbolische Gewalt lange Zeit unterschätzt wurde. Die Zeiten ändern sich glücklicherweise.

Die Last dieser ungerechten Schande wird Madeleine viele Jahre lang tragen und bezahlen, insbesondere in ihrer sehr komplizierten Beziehung zu ihrem Sohn. Ihre Liebesbegegnung mit François bietet die Gelegenheit, andere Dimensionen der schmerzhaften Geheimnisse anzusprechen, die der Mensch aufgrund der Intoleranz der damaligen Gesellschaften zu verbergen gezwungen war. Das Schicksal dieser leidenschaftlichen Protagonisten wird sich mit der gesamten Vorstellungswelt des Nachkriegslebens in Frankreich vermischen, das von der amerikanischen Populärkultur geprägt ist. Diese optimistischen Sittenwechsel werden jedoch nicht ohne einen kritischen Blick des Films auf die angebliche Sorglosigkeit und Gutmütigkeit der amerikanischen Retter gelassen.

Während dieser zwei Stunden lässt uns „Le Temps d’aimer“, der von Anaïs Demoustier und Vincent Lacoste grandios verkörpert wird, intensive und kontrastreiche emotionale Abenteuer erleben. Er zerlegt auf subtile Weise die Intimität eines Paares und einer Familie und projiziert gleichzeitig, ohne zu täuschen, die Symbole und das Schicksal der Geschichte in diese. Die Regisseurin Katell Quillévéré hat sich von ihrer Familiengeschichte inspirieren lassen und daraus ein tragisches, schönes und bewegendes Romanwerk geschaffen, das zutiefst humanistisch ist.

Julien Deschamps
fairfilms.de

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Am 10. April 2025, um 19 Uhr, im Alten Bunker Oberlößnitz, Hoflößnitzstraße 82, 01445 Radebeul, Reservierungen ab sofort unter 0160-1038663

„Warum der Krug nicht brechen soll…“

Zur Kontroverse mit dem Lügenmuseum

Unzählige Briefe aus Nah und Fern haben ihr Bedauern, ihr Unverständnis, ihre Empörung über die Kündigung des Mietvertrags durch die Stadtverwaltung Radebeul zum Ausdruck gebracht. Einer davon soll hier in Auszügen veröffentlicht werden, da er viele Fakten und Hintergrundinformationen liefert, die der Autor über einen größeren Zeitraum zusammengetragen hat.

Der Brief ist vollständig auf der Homepage des Lügenmuseums unter „Briefe an Oberbürgermeister“ veröffentlicht.

Sehr geehrter Herr Präsident des Sächsischen Städte- und Gemeindetages,
sehr geehrter Oberbürgermeister der Großen Kreisstadt Radebeul,
sehr geehrter Herr Wendsche,

Im Vorjahr wurden Sie 60, und die Sächsische Zeitung titelte: „Zum Geburtstag: Bert Wendsche – Der Sanierer, nicht nur der Finanzen“. Vor dem Hintergrund Ihrer angekündigten Räumungsklage gegen das im Kulturkonzept Radebeuls verankerte Lügenmuseum bekommt das einen merkwürdigen Beigeschmack.

Der Gasthof Serkowitz, den die Stadt 2008 erwarb, um ihn vor unerwünschtem Zugriff zu sichern, ist laut Gutachten heute nichts mehr wert. Alle bisherigen Verkaufsversuche sind gescheitert. „Im Interesse des langfristigen Erhalts des Gebäudes führt daher leider kein Weg an einer Kündigung des Mietverhältnisses vorbei. Der Krug geht solange zum Wasser, bis er bricht“ – so betonten Sie am 23.05.2024.

Die Kündigung ist Ihre ganz persönliche Entscheidung.

Der Stadtrat beschloss den Verkauf des Objekts in der vergangenen Legislatur jedoch ausdrücklich mit dem Primat, dem Lügenmuseum dabei eine Zukunft zu ermöglichen. Das wurde dann mit dem kurz vor der Kommunalwahl beschlossenen Kulturkonzept untermauert. Eine Abwägung zwischen Entsorgung oder Erhalt des Lügenmuseums in der Radebeuler Kulturlandschaft hat es bisher im Stadtrat nicht gegeben.

Auch wenn Sie seit 2022 schon zum vierten Mal oberster Verwaltungsbeamter sind, dürfen Sie nicht eigenmächtig handeln. Sie müssen die Beschlüsse des Stadtrats ernst nehmen – auch die der vorherigen Legislatur. Eigentlich sollte Ihnen das nicht schwerfallen, denn als Vorsitzender des Kulturausschusses haben auch Sie das Kulturkonzept mit beschlossen.

Ja, als Sanierer von Radebeul waren Sie enttäuscht vom Rückzug des potenziellen Gasthofkäufers, der Ihren Vorstellungen entsprochen hätte. Mit Ihrer Kündigung wurde klar: Ihre Priorität ist nicht der Erhalt des Lügenmuseums, sondern der Verkauf des Gasthofs ohne Mietbelastung. „Die Stadt ist sich relativ sicher, dass es hier auch angesichts der Lage in Radebeul in ganz Sachsen Käufer geben wird“ (12.06.2024).

Die AfD im Stadtrat hatte sich beim Verkaufsbeschluss (inkl. Erhalt des Lügenmuseums) 2023 enthalten, „sie hätten gerne dort wieder eine Gaststätte gesehen“. Ja, der Krug geht solange zum Wasser, bis er bricht. Aber er kann auch im Frust vorher zerschlagen werden. Das können Sie doch nicht ernsthaft wollen. Selbst Ihr enttäuschter Käufer würde die Räumung des Lügenmuseums bedauern.

Darum müssen Missverständnisse geklärt werden:
„Das Lügenmuseum als mittlerweile kulturelle Institution“ in der Trägerschaft des gemeinnützigen „Kunst der Lüge e.V.“ wird irrtümlicherweise im Kulturkonzept als private Einrichtung eingeordnet.

Reinhard Zabka, der „Kopf der Bewusstseinserweiterungsmaschine Lügenmuseum“: „Er wird immer als Einzelkünstler dargestellt, es ist aber ein Kulturzentrum, ein Museum“ (12.06.2024). Das wissen Sie schon auch deswegen, weil Sie die vielen Protestbriefe gegen die Kündigung wirklich lesen. […]

Zu Reinhard Zabkas 75. Geburtstag heute erinnere ich Sie an Ihre abschließenden Worte zur Kunstpreisverleihung 2016 der Großen Kreisstadt Radebeul an ihn:

„Erweisen wir ihm die Ehre, sagen wir Danke für seinen unverwechselbaren Beitrag für die Entwicklung unserer Stadt, unserer Region.“ Davon haben Sie auch persönlich profitiert:

Vor fast genau einem Jahr wurden Sie nach Ihrem schönsten Tag in Ihrer langen Amtszeit als OB gefragt. Sie nannten neben Ihren eigenen Wahlerfolgen den immer sehr bewegenden Moment, wenn Sie den Preisträger bei der Abschlussveranstaltung des Herbst- und Weinfestes zum „Feurigen Finale“ bekanntgeben. Alle Jahre wieder standen Sie vor Tausenden Schaulustigen auf der Elbwiese bei Kötzschenbroda. Im Wettstreit mit Meißen um Besucherzahlen hatte Radebeul auf Kultur gesetzt mit Labyrinthen schon vor der Jahrtausendwende. Vor dieser Kulisse waren Wandertheaterpreisträgeransprachen für Sie effizienter als mancher Wahlkampfauftritt.

Das gewaltige Feurige Finale hat Ihren Aufstieg von Legislatur zu Legislatur begleitet – bis zum Präsidentenposten des Sächsischen Städte- und Gemeindetags. In geheimer Wahl mit einstimmigem Ergebnis – es hat sich gelohnt. Für Sie jedenfalls.

Auf der anderen Seite steht Reinhard Zabka. Seinem Museum wurde 2010 in Kyritz schon einmal fristlos von einem „Retter“ gekündigt. Die Stadt half mit einem Zwischenlager, und er konnte durch die Lande fahren, um unter den verschiedensten Angeboten den optimalen Ort für sein Museum zu finden.

2012 war die Gelegenheit für Sie, Herr Wendsche, den leerstehenden Gasthof anzubieten und mit der Option eines Erbbaupachtvertrags den Kreator des Grande Finale längerfristig an Radebeul zu binden. […]
Mit Ihrer angedrohten Räumungsklage fiel das Basislager für das Labyrinthaufbauteam weg. Die knappe Förderung reichte so nicht mehr für die Realisierung, und keine Probleme konnten sich in Rauch auflösen…

Da fällt mir doch glatt Udo Lindenberg ein, der mit seiner Zigarre auf der Lok vom Sonderzug nach Pankow sitzen soll. In der Unterführung des Bahnhofs von Kötschenbroda. 250.000 € sollte das kosten, finanziert zu 100 % aus dem ehemaligen Parteivermögen der DDR. Hat sich leider auf 470.000 € erhöht – wegen unvorhersehbarem anderem Baugrund…, muss jetzt aus der Stadtkasse kommen. Ja, der Sonderzug 1983 war irgendwie die Fahrkarte zum Friedenskonzert im Palast der Republik. Udos Brief an den „Oberindianer“ im Arbeiter- und Bauernstaat führte zu einem Deal: Er spielt ohne Gage im Palast, und später gibt es eine DDR-Tournee – schriftlich fixiert, aber nicht eingehalten. Und jetzt, Herr Wendsche, sind Sie der „Oberindianer“ in der Stadt der Millionäre und wollen vom Erbbauvertrag mit Zabka nichts mehr wissen. […]

Sie als Verwaltungsbeamter müssen sich an Recht und Ordnung halten – dafür gibt es dann später eine schöne Pension. Zabka als Künstler darf die Gesetze brechen; im Rahmen der Kunstfreiheit ist da so einiges möglich. Was später daraus wird, steht in den Sternen. Die Öffnung des Museums trotz Kündigung als Akt zivilen Ungehorsams unterstreicht die Lebendigkeit der Kultur Radebeuls.

Herr Wendsche, ich bitte Sie darum, Ihre Rolle nicht mit der von Zabka zu verwechseln.

Halten Sie sich an die Abmachung des Erbbauvertrags, agieren Sie nicht ohne Rückendeckung des Stadtrats, der Ihnen ansonsten früher oder später in den Rücken fallen könnte. Es gibt so viele Möglichkeiten, das Lügenmuseum als lebendigen Ort neben Karl May und Lindenberg Gedächtnistunnel zu etablieren. Helfen Sie, die Finanzierung der Übernahme des Gasthofs durch den „Kunst der Lüge e.V.“ oder eine aus ihm erwachsene Stiftung durch eine 100%-Finanzierung aus dem DDR-Parteivermögen zu realisieren!

Neben Ihrer „Neuen Kulturellen Mitte Radebeuls“ darf das Lügenmuseum nicht zerschlagen werden – trotz und vor allem wegen der aktuellen gesellschaftlichen Umbrüche.

Werden Sie wirklich „Der Sanierer, nicht nur der Finanzen“. Nehmen Sie sich Ihren Friedensgürtel der Irokesen von der Wand und gratulieren Sie Reinhard Zabka zum 75. Geburtstag.

Mit freundlichen Grüßen aus dem ehemaligen Heilbad Hohenbüssow

Olaf Spillner

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